{"id":4267,"date":"2016-04-12T08:32:13","date_gmt":"2016-04-12T08:32:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4267"},"modified":"2016-04-17T07:50:51","modified_gmt":"2016-04-17T07:50:51","slug":"imres-vormittage","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4267","title":{"rendered":"Imres Vormittage"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4267&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4267&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>In jedem seiner gro\u00dfz\u00fcgigen Wohnr\u00e4ume war \u00fcber der T\u00fcr eine gro\u00dfe Uhr angebracht. Auf rundem Wei\u00df schlichte klare Ziffern in Schwarz, ein nerv\u00f6ser Sekundenzeiger, der pausenlos einem gem\u00e4chlichen Minutenzeiger hinterherjagte, um ihn und den beh\u00e4bigen Stundenanzeiger immer und immer wieder einzuholen.<br \/>\nSeit er vor einem Jahr das Geb\u00e4ude einer ehemaligen Volksschule in einer kleinen Ortschaft erworben hatte, war die Zeit omnipr\u00e4sent f\u00fcr Imre.<br \/>\nDer Schulbetrieb war seit Jahren eingestellt, die Anzahl der Kinder \u00fcber die Jahrzehnte \u00fcberschaubar und das Schulgeb\u00e4ude funktionslos geworden, schlie\u00dflich zur Vermietung angeboten gewesen.<\/p>\n<p>Die Ereignisse hatten sich geradezu \u00fcberschlagen, als der Bankbeamte am Ende seiner beruflichen Laufbahn vor einem Jahr pensioniert worden war. Seine Ehe hatte nach vielen Jahren ein abruptes Ende gefunden, sich seiner indessen geballten Pr\u00e4senz im gemeinsamen Haushalt als nicht gewachsen erwiesen, und seine nunmehrige Exfrau sich au\u00dferh\u00e4uslich amour\u00f6s orientiert, was ihn zum Auszug aus dem gemeinsamen Domizil bewegt hatte.<\/p>\n<p>Als ob das nicht schon genug w\u00e4re, nein, nicht nur das erw\u00e4hnte Ungemach, sondern eben auch die schwarzen Zeiger auf wei\u00dfen Ziffernbl\u00e4ttern brachten eine Neuorientierung mit sich, vor allem, weil deren Position immer noch ein durchdringendes L\u00e4uten der Schulglocke ausl\u00f6ste.<br \/>\nAm ersten Morgen in seinem neuen Heim weckte ihn die Klingel um 7 Uhr 50. Das schrille Ger\u00e4usch lie\u00df ihn mit Herzrasen hochschrecken und tat ihm in den Ohren weh. Er dr\u00fcckte sich den Polster auf den Kopf, drehte sich im Bett wieder um und versuchte, nochmals einzuschlafen, schlie\u00dflich war er im Ruhestand und hatte keine Termine. Doch das unangenehm Grelle klang noch lange nach. Er nahm sich vor, das st\u00f6rende Schellen auf Dauer abzustellen, was ihm aber nicht gelang, obwohl er an diesem Tag einiges an den Einstellungen der Elektrik ausprobierte. Wenn er die Sicherungen ganz herausschraubte, dann blieben die Uhren nat\u00fcrlich stehen, und das behagte ihm auch nicht.<\/p>\n<p>Einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die Konflikte mit seiner Frau war, dass er seit seiner Pensionierung t\u00e4glich bis 9 Uhr geschlafen hatte. <em>Du l\u00e4sst dich gehen<\/em>, hatte sie vorwurfsvoll zu ihm gesagt, als er wieder einmal am helllichten Vormittag im Pyjama in der K\u00fcche sitzend seinen Fr\u00fchst\u00fcckskaffee getrunken hatte.<br \/>\nVermutlich hatte sie recht damit. So pl\u00f6tzlich erstens auf sich allein gestellt, weiters der Arbeitswelt und der Gesellschaft seiner Kollegen entrissen und des bisherigen h\u00e4uslichen Umfelds entw\u00f6hnt, musste Imre nun schauen, wo er blieb.<br \/>\nSo beschloss er bereits am n\u00e4chsten Tag nach dem Fr\u00fchst\u00fcck, zeitgleich mit dem Pausenklingeln um 8 Uhr 50, klar Schiff zu machen, sein Leben wieder in geregelte, anst\u00e4ndige Bahnen zu lenken, m\u00f6glicherweise w\u00fcrde das Geklingel ja so etwas wie ein Reglement in sein Leben bringen, Strukturen schaffen, denen er nur zu folgen brauchte, ohne selbst disziplin\u00e4r gegen seinen inneren Schweinehund vorgehen zu m\u00fcssen. Angewandte P\u00e4dagogik \u2013 nicht verwunderlich an so einem Ort.<\/p>\n<p>Um 7 Uhr 50 schwang er sich also jetzt t\u00e4glich aus dem Bett, die folgenden zehn Minuten verbrachte er im Bad und bereits als die Glocke die erste Schulstunde einl\u00e4utete, war er dabei, sich Fr\u00fchst\u00fcck zu machen und danach k\u00fcmmerte er sich um den Haushalt, der immer noch aus dem Ausr\u00e4umen von Umzugskartons, Teppichausrollen und M\u00f6belr\u00fccken bestand. Er wunderte sich beinahe \u2013 in f\u00fcnfzig Minuten bringt man so einiges weiter.<br \/>\nDas Einl\u00e4uten der Pause nutzte er dann auch dementsprechend, f\u00fcrs Nichtstun n\u00e4mlich: Er legte die Beine hoch und a\u00df einen Apfel. Das Zusammenr\u00e4umen setzte er in der n\u00e4chsten, vom Glockengebimmel ein- und ausgel\u00e4uteten, knappen Stunde unbeirrt fort.<\/p>\n<p>Und \u00fcberraschend z\u00fcgig fand er Gefallen am schrill t\u00f6nenden Alarm. Die Uhr schwang ihre drei schwarzen Taktst\u00f6cke und dirigierte seinen Vormittag. Ein virtueller Regisseur f\u00fcllte seinen Tag mit einem Plan. Er f\u00fchlte sich getaktet und mit Anweisungen versorgt, verstand sein Leben als sinnerf\u00fcllt und dachte nie mehr daran, das Gel\u00e4ut zu demontieren.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Imre konnte die Zeit nicht aus den Augen verlieren. Immer wenn die Schulglocke erklang, beendete sie irgendeine Aktivit\u00e4t oder eine Passivit\u00e4t des einzigen Schulbewohners. Ja, oft schnitt sie jemandem das Wort ab, mit dem er gerade ein Telefonat f\u00fchrte. Der letzte Satz musste dann rasch beendet, ja erstickt werden, was ihm bald als befremdliches Verhalten ausgelegt wurde.<\/p>\n<p><em>Im Theater g\u00e4be es das ja auch<\/em>, rechtfertigte er sich einmal, als seine Tochter ihn mit der Enkelin besuchte und sich \u00e4rgerte, dass das Baby wach geworden war vom schrillen Gel\u00e4ut. Sie sprach von einer <em>fragw\u00fcrdigen p\u00e4dagogischen Gei\u00dfel<\/em>.<\/p>\n<p>Der Postbote an der Schult\u00fcr zuckte beim L\u00e4uten zusammen, und als Imres Blick zu flackern begann, er rasch die Post entgegennahm und sich nerv\u00f6s verabschiedete, fragte er ihn mit einem Zwinkern: <em>Rechnen?<br \/>\nErgometertraining<\/em>, berichtigte dieser hastig mit einer entschuldigenden Geste und eilte in den fr\u00fcher als Turnsaal dienenden Raum, der vom Adrenalin und der Aufgeregtheit der Kinder immer noch auf fast heitere Weise ein klein wenig muffig roch. Die Sprossenw\u00e4nde zu seiner linken und den niedrig montierten Basketballkorb auf der rechten Seite, zog er nun bis zum n\u00e4chsten metallischen Ordnungsruf konzentriert seine einsamen imagin\u00e4ren Runden auf dem Fahrrad, in der unumst\u00f6\u00dflichen Gewissheit, dass Geschwindigkeit das Leben nicht verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p>In der dritten Stunde ab 10 Uhr war immer die Stunde des G\u00e4rtnerns. Imres Marotten hatten sich herumgesprochen und die Nachbarin wusste, dass exakt diese Stunde oft ideal war f\u00fcr einen kleinen geselligen Plausch am Gartenzaun, er lie\u00df sich gerne zum Plaudern hinrei\u00dfen, wohlgemerkt neben der Arbeit, denn g\u00e4nzlich unt\u00e4tiges Schw\u00e4tzen w\u00e4hrend der Stunde war seine Sache nicht.<\/p>\n<p>In den Pausen war es im Gegensatz zu offiziellen Schulen nicht laut und unruhig, sondern diese Auszeit galt wirklich als Rast. Das Milit\u00e4rische hatte er nie gemocht. Den schulischen Rhythmus, die stets gleichm\u00e4\u00dfigen Vorgaben der 50-Minuten-Einheiten, fand er hingegen \u00e4u\u00dferst ad\u00e4quat f\u00fcr sich und seine periodischen Bed\u00fcrfnisse. Die 10-min\u00fctige Unterrichtsunterbrechung bot etwa genug Zeit f\u00fcr Rauch- und Pinkelpause; ja, er rauchte dadurch sogar weniger!<\/p>\n<p>Im Lagerhaus hatte er eines Tages Frieda kennengelernt, er hatte ihr geholfen, einen riesigen Sack Pflanzenerde in ihr Auto zu verfrachten, sie waren ins Plaudern geraten und \u00fcber die Monate war mehr daraus geworden. Sie war in seinem Alter und alleinstehend, und die beiden unterhielten bald regelm\u00e4\u00dfigen Kontakt zueinander, sie war angetan von seinem wohlgeratenen Lebenswandel. Au\u00dferdem gefiel es ihr, in seinem aufmerksam kultivierten Garten dies und jenes einzelne, noch verbliebene Unkr\u00e4utlein auszurupfen oder ebendort irgendetwas anderes N\u00fctzliches zu bewerkstelligen.<br \/>\nImre hatte Stabilit\u00e4t und Orientierung gefunden, sein Haushalt war geordnet, sein Garten bestellt, die Kontoausz\u00fcge sortiert und vor allem: Er hatte wieder eine Partnerin gefunden.<\/p>\n<p>Nicht nur das, auch eine Katze hatte er sich zugelegt, oder war es umgekehrt? Eines Vormittags \u2013 er wollte gerade die Schult\u00fcre schlie\u00dfen, denn es schellte zum Ende der Pause \u2013 da sa\u00df sie einfach auf der Schultreppe und miaute mit der Klingel in unwiderstehlichem Duett. Sie blieb und war willkommen, ganz bestimmt auch, weil sie viel Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Imres \u00fcberambitioniertes Verh\u00e4ltnis zur Akustik der Zeit hatte und stets Contenance beim Klingelton bewahrte. Und bald wusste sie, dass sie ihr Fressen t\u00e4glich am Beginn der Hauswirtschaftsstunde um 8 Uhr bekam. Und auch, dass Zeit f\u00fcr Streicheleinheiten erst der Nachmittag bot, wenn diese merk- und irgendwie unw\u00fcrdigen Alarmierungen ihren Quartiergeber nicht mehr g\u00e4nzlich im Griff hatten.<\/p>\n<p>Die Volksschule war immer um eins zu Ende gewesen, daher war zu diesem Zeitpunkt das L\u00e4uten zum letzten Mal aktiviert. Die Taktung der f\u00fcnf geordneten Stunden von acht bis eins entsprach ihm. Frieda \u2013 inzwischen nannte sie ihn liebevoll ihren <em>Schulmeister<\/em> \u2013 fand sich meist an Nachmittagen ein, sie bevorzugte die gel\u00e4utfreie Zeit und schlug vor, die Festlegung zu \u00e4ndern, in einer Weise, dass das eindringliche Klingeln um ein Uhr Mittag unterbliebe, um in Ruhe gemeinsam kochen und mittagessen zu k\u00f6nnen, doch eine Umprogrammierung der Uhr auf eine andere Stundenanzahl zog Imre nicht in Betracht.<\/p>\n<p>Den Nachmittag n\u00e4mlich, in seinem glockenlosen Laisser-faire-Zustand, konnte er zumeist nicht entspannt genie\u00dfen, der Nachl\u00e4ssigkeit waren T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet, das bereitete ihm Unbehagen, denn Arbeit, Mu\u00dfe oder auch sinnfreies Nichtstun mischten sich so zu einer konturlosen Melange.<br \/>\nEr wunderte sich zwar dar\u00fcber, aber er liebte die schroff signalisierte Stundentaktung, die Gehorsam und Disziplin einmahnte und seine To-dos verwaltete.<br \/>\nEs kam nur ganz selten vor, dass er in unangenehm nerv\u00f6ser Erwartung des L\u00e4utens war. Eigentlich lag in seiner Grundstimmung meist eine freudige Bereitschaft, irgendetwas sofort zu beenden, sei es nun fertiggestellt oder nicht, und was auch immer auf der Stelle neu zu beginnen.<br \/>\nOb er das Pausenklingeln mehr mochte als das Signal zum Stundenstart? Dar\u00fcber konnte er lange sinnieren, vorzugsweise an den freien Nachmittagen, wenn er keine Vorgaben zu befolgen hatte.<\/p>\n<p>Frieda dr\u00e4ngte auf eine schulglockenfreie Ferienregelung, doch er wollte rein gar nichts davon wissen. <em>Du bist so eingefahren in deinem Denken<\/em>, musste er sich von ihr freundlich nachsichtig schelten lassen, dabei war er durchaus bereit zu Flexibilit\u00e4t, wenn sie ihm denn angebracht erschien: Beim Erstellen des Stundenplans f\u00fcr den Sommer wollte Imre etwa die ersten beiden Stunden austauschen, also die Gartenpflegeeinheit zugunsten der Hauswirtschaftsstunde gleich als erste disponieren, das k\u00f6nnte sich bei gro\u00dfer Hitze als praktisch, wenn nicht sogar als unumg\u00e4nglich erweisen.<br \/>\nJeder ringt auf seine eigene Art um Wohlgef\u00fchl.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a>\u00a0| Inventarnummer: 16042<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In jedem seiner gro\u00dfz\u00fcgigen Wohnr\u00e4ume war \u00fcber der T\u00fcr eine gro\u00dfe Uhr angebracht. 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