{"id":4257,"date":"2016-04-10T14:11:30","date_gmt":"2016-04-10T14:11:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4257"},"modified":"2016-04-11T11:35:53","modified_gmt":"2016-04-11T11:35:53","slug":"kapuzinergruft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4257","title":{"rendered":"Kapuzinergruft"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4257&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4257&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Paul sank tiefer, immer tiefer in die Polsterung seines Lehnstuhles. Es bereitete ihm gro\u00dfe M\u00fche, die Augen offen zu halten. Die letzte Zigarette hatte zarte Rauchschwaden hinterlassen, die sich feig in Richtung sichtundurchl\u00e4ssiger Gardine, zum halb ge\u00f6ffneten Fenster hin davonmachten, um sich von dort in tr\u00e4gen blauen Windungen den Weg nach drau\u00dfen zu suchen, wo sie hoffen konnten, Anschluss an die sonntags eingetroffene Weststr\u00f6mung zu finden.<\/p>\n<p>Er las den letzten Absatz der Zeitung immer und immer wieder. Vielleicht machte ihn gerade das so m\u00fcde. Niemand k\u00f6nne verhindern, dass sich T\u00e4ter mit Sprengstoff unter die Menge mischen! Keiner k\u00f6nne eine Messerattacke verhindern! Was f\u00fcr Zeiten! So was hatte es immerhin zu Kaisers Zeiten auch schon gegeben, beruhigte er sich. Sch\u00f6ne Beruhigung! Was f\u00fcr eine Welt, dachte Paul. Die offene Zeitung glitt sanft seine Beine entlang zu Boden.<br \/>\nAls wandelte er wie im Traum seinen gewohnten Weg, die Josefsgasse hinunter, vorbei an dem Haus, wo Oskar Werner gewohnt hatte, an den er sich noch erinnerte, als w\u00e4re es gestern und auch an das Gasthaus an der Ecke zur Josefst\u00e4dterstra\u00dfe, in dem jener gerne verkehrte, jetzt Restaurant zur \u201eFrommen Helene\u201c. Von dort aus \u00fcberquerte er die Auerspergstra\u00dfe, davor der ber\u00fcchtigte und vor hundert Jahren beliebteste Duellplatz der jungen Herren aus gutem Hause. Duelle gab es hier heutzutage keine mehr, zumindest nicht mit Degen, aber daf\u00fcr andere, solche mit Autos.<\/p>\n<p>Warum sollte ausgerechnet diese Stadt vielleicht jetzt auch noch Zielscheibe des Terrorismus werden? Pauls Stirne zeigte deutlich Falten. Erst viel sp\u00e4ter war hier die legend\u00e4re Vergn\u00fcgungsmeile entstanden, eine zwei Kilometer lange Demarkationslinie zwischen Neubau und Josefstadt bildend, zwischen Musik und revolution\u00e4rem Geiste. Doch heute \u2013 heute donnerte der Verkehr an den ehrw\u00fcrdigen Palais vorbei und f\u00e4rbte ihre ehemals blendend wei\u00dfen Kalksteinfassaden grauschwarz. Das vielger\u00fchmte Walzerviertel, in dem einst Strau\u00df und Lanner gewohnt hatten, war mittlerweile alles andere als romantisch, aber \u2013 was sollte es, heute war trotzdem ein besonderer Tag, n\u00e4mlich der Tag des hundertsechsundachtzigsten Geburtstags des Allerh\u00f6chsten, der heute gefeiert wurde, posthum quasi, wenn auch nur in kleinem Kreis, und bei weitem nicht so pomp\u00f6s wie damals.<\/p>\n<p>Vom Burggarten her waren Trommeln und Blechmusik zu h\u00f6ren, sie kamen n\u00e4her und n\u00e4her, hin in Richtung Kapuzinerkirche am Neuen Markt. Paul schob sich unauff\u00e4llig unter die Menge, die sich, bunt gemischt, aus Alt und Jung, mit Dirndl und Lederhose oder im T-Shirt, milit\u00e4rbem\u00fctzt, mit und ohne Regimentsfahne durch die widerspenstige, immer wieder zufallen wollende Kirchent\u00fcr dr\u00e4ngte. Es gab noch freie Pl\u00e4tze. Paul setzte sich in eine Bank nahe dem rechten Seitenaltar. Neben ihm eine \u00e4ltere Dame mit wei\u00dfen Handschuhen und Gehstock.<\/p>\n<p>Niemand k\u00f6nne verhindern, dass sich T\u00e4ter mit Sprengstoff unter die Menge mischen! Der Satz lie\u00df ihn nicht los. Wer w\u00fcrde solche Menschen wie diese Frau hier und diese Menschen hier wegen ihres Glaubens zu Opfern machen wollen?, dachte Paul. F\u00fcr wen w\u00fcrden solche Sinnlosigkeiten Sinn machen? Was stand wirklich hinter diesem Wahnsinn, der nun schon seit Jahren beinahe weltweit tobte? Paul sah sich um. Das Altarbild zeigte Jesus Christus, auf einer Wolke schwebend, mit der Linken ein m\u00e4chtiges Holzkreuz umklammernd. Nie zuvor hatte ihn der Anblick dieses Bildes so sehr ber\u00fchrt wie eben. Die Schar der Begeisterten w\u00fcrde auch immer kleiner, raunte ein Besucher hinter ihm. Vor zwanzig Jahren h\u00e4tte man hier keinen Platz mehr gekriegt um diese Zeit, meinte ein anderer.<br \/>\nPaul schaltete sein Handy ab und schob es in die Rocktasche. Die meisten der Anwesenden waren nicht besonders festlich gekleidet, und unter die Uniformierten und <em>Trachtenbejoppten<\/em> hatten sich zahlreiche neugierige Touristen gemischt, mit offenen Blusen, verschwitzt, mit allerlei Souvenirzeug beladen. Drau\u00dfen &#8211; ein warmer Augusttag, wo sich Radfahrer auf Radwegen tummelten, drinnen &#8211; angenehme K\u00fchle und leises Gefl\u00fcster. Autol\u00e4rm drang herein. Rechts von Paul, am Boden, eine von unten her beleuchtete \u00d6ffnung, in Stein eingelassen, die Gruft des Marco d\u00b4Aviano. Eine Dame links von ihm bl\u00e4tterte laut raschelnd im schwarz-gelb gehaltenen Festprogramm.<br \/>\nPaul rutschte unruhig auf der harten Holzbank hin und her und suchte nach einer bequemen Sitzposition, was ihm nicht so ganz gelingen wollte. Hinter ihm zischelte man sich alte Geschichten l\u00e4ngst vergangener Tage zu, wohl um sich einzustimmen auf die Zeitreise f\u00fcr diese allj\u00e4hrliche Feier. Und ob man schon geh\u00f6rt h\u00e4tte, es w\u00e4re wieder wo eine Bombe hochgegangen. Naja, im Ausland, sagte einer.<br \/>\nNicht nur anderswo, auch bei uns w\u00e4re so ein Anschlag m\u00f6glich, dachte Paul. Schrecklich der Gedanke! Er war neulich im Wiener Musikverein. Ein herrliches Konzert, aber schon in der Eingangshalle \u00fcberlegte er, da befinden sich Hunderte Menschen v\u00f6llig unkontrolliert in einem \u00f6ffentlichen Geb\u00e4ude. Wenn sich da ein paar Typen mit Sprengstoffg\u00fcrteln daruntermischten, konnte F\u00fcrchterliches geschehen, und er hatte sich besorgt umgesehen. Ausschau halten, dachte er, nach Personen, die so aussehen wie\u2026<\/p>\n<p>Ein kahlk\u00f6pfiger Pater in brauner Kutte entz\u00fcndete bed\u00e4chtig die m\u00e4chtigen Kerzen am Hauptaltar. Dann str\u00f6mten ordenbeladene, mit Umh\u00e4ngen ausgestattete, trotz allem Prunk sehr b\u00fcrgerlich aussehende W\u00fcrdentr\u00e4ger den Mittelgang entlang, hin zu den vordersten Reihen, um dort ihre Pl\u00e4tze einzunehmen. Mitglieder des Malteserordens wohl, durchfuhr es Paul. Das is\u00b4 ja der Pr\u00e4sident!, raunte jemand hinter ihm, do schau her! Was denn f\u00fcr ein Pr\u00e4sident, \u00fcberlegte Paul fieberhaft und verrenkte sich beinahe den Hals. Zw\u00f6lf rosarote Gladiolen zierten den Altarraum, in einer \u00fcberdimensionalen Bodenvase steckend, links und rechts davon stand Gr\u00fcnes, in lehmgebrannten T\u00f6pfen. Ein Milit\u00e4rbem\u00fctzter sank st\u00f6hnend auf die Sitzbank nieder, in der Paul sa\u00df, dass alles bebte.<br \/>\nDas Alter, dachte Paul. Wie w\u00fcrde er es erleben? Die Wei\u00dfbem\u00e4ntelten der ersten Reihen tuschelten untereinander und steckten die K\u00f6pfe zusammen. In schwarzem T\u00fcll erschien eine offensichtliche Nachfahrin des Allerh\u00f6chsten, w\u00fcrdigen Schrittes, ganz nach vorne stelzend, sich ihrer Schirmfrauenschaft dieser Feier wohl bewusst und von allen begafft, setzte sie sich in die erste Reihe. Hinter ihr, Uniformierte eines Traditionsregimentes, mit Fahne, vorneweg tragend, ein dicker Hauptfeldwebel mit gezogenem S\u00e4bel, linke Hand abgewinkelt, Klinge auf seiner linken Schulter ruhend, Tschako schief am Kopfe sitzend, Gesicht hochrot.<\/p>\n<p>Er selbst w\u00e4re zwar ein liberaler Mensch, dachte Paul, aber sollte man nicht jetzt \u00fcberall Metalldetektoren aufstellen? Oder w\u00fcrde man die Leute damit blo\u00df verunsichern? Noch mehr verunsichern als sie ohnehin schon waren? Dann k\u00e4men die mit den S\u00e4beln hier erst gar nicht herein, musste Paul schmunzeln. Man muss sich bewusst werden, welch gro\u00dfartige Freiheiten man eigentlich hatte und dass man bislang relativ sicher gelebt hatte. Aber diese neuen Zeiten brachten einen v\u00f6llig durcheinander.<\/p>\n<p>Die Uniformierten verteilten sich im Kirchenschiff, sozusagen einzeln abfallend, jeder irgendwo, drei von ihnen etwas enger beisammen als der Rest. Der mit der blanken Klinge schritt bed\u00e4chtig den Mittelgang entlang und musterte mit pr\u00fcfendem Blick die Seinen und die \u00dcbrigen. Ein S\u00e4bel gegen Handgranaten oder Dynamit, dachte Paul. Was tun wohl die geheimen Nachrichtendienste vorausblickend, \u00fcberlegte er? Ob die alle wirklich effizient zusammenarbeiten w\u00fcrden? So betrachtet w\u00e4re neun\/elf mit hoher Wahrscheinlichkeit vielleicht zu verhindern gewesen, hatte einmal einer gemeint, die Geheimdienste hatten doch alle Informationen beisammen? Man h\u00e4tte sie nur richtig zusammensetzen m\u00fcssen.<br \/>\nIrgendwo fiel eine M\u00fcnze zu Boden. Es gab ein klirrendes Echo. Vielleicht hatte man das gro\u00dfe Ganze nicht gesehen, damals? Abgesehen davon h\u00e4tte man denken m\u00fcssen, wer heute dein Freund ist, kann schon morgen dein Feind sein. Ist doch l\u00e4cherlich! Misstrauen w\u00e4re ein essenzieller Faktor. Und wenn schon, was k\u00f6nnte man selbst tun?<br \/>\nPaul zermarterte sich das Gehirn. Menschenansammlungen meiden, durchfuhr es ihn. Er betrachtete nochmals die S\u00e4bel, die da in die Luft ragten. Ein Ungleichgewicht. Und die Tr\u00e4ger dieser archaischen Waffen wankten. Besonders gl\u00fccklich sah keiner von ihnen drein. Ein alter Major, schief, mit Hohlkreuz, hielt die ihm anvertraute Fahnenstange mit beiden H\u00e4nden fest umklammert. Seine Backenknochen mahlten hin und her. Die schmalen Lippen eng zusammengepresst, das graue Schnauzb\u00e4rtchen hochgezogen, dann wieder gesenkt, hochgezogen, gesenkt. Was ging wohl in dem jetzt vor? Hatte er sich mental ins vorige Jahrhundert gebeamt? Oder war im bewusst, in welcher Zeit er eben lebte? Seine Augen lagen in faltenreiche Tr\u00e4nens\u00e4cke gebettet und gl\u00e4nzten etwas rot. Er stand Paul am n\u00e4chsten von allen Milit\u00e4rs. Die \u00dcbrigen schienen gleichfalls einen \u00e4u\u00dferst m\u00fcden Eindruck zu vermitteln, ja, einen beinahe hoffnungslosen, in ihren schlotternden Gew\u00e4ndern, und so krumm, wie sie alle dastanden.<\/p>\n<p>Da pl\u00f6tzlich setzte die Orgel zu spielen ein, und die Leute begannen schleppend dazu zu singen, obwohl der Organist bem\u00fcht war, etwas Tempo in die ganze Sache zu bringen. Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich dr\u00fccken? Zwei Kapuzinerpater waren da vorne, der eine etwa Mitte f\u00fcnfzig, mit langem, grauem Rauschebart, er las die Messe, der andere, wahrscheinlich siebzig oder \u00e4lter, mit k\u00fcrzerem Bartwuchs, ministrierte ihm. Paul g\u00e4hnte. Er nahm erst wieder Anteil am Geschehen, als er die b\u00f6hmakelnden Worte des Predigers vernahm, was dazwischen geschehen war, fehlte ihm pl\u00f6tzlich in seiner Wahrnehmung.<\/p>\n<p>\u2026 und am zweiten Dezember achtzehnhundertundachtundvierzig wird er Kaiser von Esterreich gleichsam von Gottes Gnaden. Seine Arbeit war gepr\u00e4gt von gro\u00dfem Reformwerk und die Frichte seiner Arbeit hielten die Monarchie in ihrer Vielfalt zusammen, wodurch er zum Symbol der Esterreichisch-Ungarischen Monarchie geworden war. In fortgeschrittenem Alter zog er sich immer mehr und mehr aus den Amtsgesch\u00e4ften z\u00fcrick und wurde mehr und mehr zur Integrationsfigur dieser velkerverbindenden Konstellation. Er fiehlte sich als Soldat und Beamter, nicht zuletzt auch als toleranter, frommer &#8211; der Pater machte eine l\u00e4ngere Pause &#8211; Katholik. So fiehrte ihn sein Weg vom Monarchen zum konstitutionellen Herrscher, der stets seine Pflicht als oberstes Ziel angesehen hatte.<br \/>\nWelche Botschaften aber, liebe Gleibige, soll uns sein Geburtstag ibermitteln? Er, der die Ideale der Monarchie bewusst gelebt hatte, ja, n\u00e4mlich Pflichtbewusstsein, Unbestechlichkeit, Sparsamkeit, Ehrlichkeit, Ordnungssinn, religiese Toleranz, Achtung gegen den Feind und gerechte Justiz. All diese Werte werden damals wie heite genauso von uns allen gefordert, wie Ehrehrbietung gegen die Gesetze, Vorgesetzte und Angeherige. Franz Josef hatte stets versucht, seine Ideale in die Praxis umzusetzen.<br \/>\nDer Mensch, liebe Gleibige, ist unvollkommen, auch ein Kaiser, und der Mensch bewegt sich st\u00e4ndig in dem Spannungsfeld zwischen Besem und Gutem, darum braucht er Gottes Kraft, als Basis fir sein Lebenswerk. Und in der heitigen Zeit umso mehr. Drum, seien wir wachsam, liebe Gleibige! Das beginnt schon im Baumarkt. Wenn ein Kunde von einer Chemikalie, etwa einem Lesungsmittel, so viel kauft wie iblicherweise zehn andere Kunden zusammen, dann muss man sich als aufmerksamer Verkeifer zumindest die Frage stellen dirfen, wofir braucht der das eigentlich? Wenn wir wollen, dass es bei uns auf Bahnhefen und in Konzerts\u00e4len oder in Kirchen keine rigorosen Eingangskontrollen gibt, dann missen wir die Augen viel offener halten, liebe Gleibige, als bisher!<br \/>\nDaher wird von uns verlangt, dass jeder seine Pflicht tut. Eiropa ist heite zu einem mehr oder weniger friedlichen Vielvelkerstaat zusammengewachsen wie damals die Monarchie. Aber, wie wir alle wissen, wir beheimaten heite auch Menschen mit einem extremistischen Weltbild und wir beobachten Zellen gewisser Briderschaften, die uns nix Gutes tun wollen. Iberall suchen diese verst\u00e4rkt nach deitschsprachigen K\u00e4mpfern, sogar in unserem Esterreich, auf dass diese ausgebildet werden, um dann in Deitschland oder sogar bei uns in Esterreich operieren zu kennen. Wir alle missen befirchten, dass es friher oder sp\u00e4ter auch in Esterreich zu solch einem Anschlage wird kommen kennen. Was der allm\u00e4chtige Gott verhindern mege!<\/p>\n<p>Paul war der Kopf nach vorn gekippt, als er j\u00e4h erwachte. Was hatte der Pater da gesagt? Er hatte nicht ganz verstanden. Paul rieb sich die Augen und sah unauff\u00e4llig um sich. Er musste wohl eingenickt sein. Der Pater hinterm Altartisch schickte sich bereits an, seine Predigt mit den Worten zu beenden: Das bedeitet, dass unsere Pflichten heite genauso aufrecht sind wie damals und wir uns umsehen und vorsehen missen, damit wir auf dem rechten Wege bleiben! Amen. Vergelt\u00b4s Gott, murmelte die Menge. Die Himmel r\u00fchmen &#8230; klang es an Pauls Ohr und er kramte nach seiner Brieftasche. Der Klingelbeutel wurde herumgereicht. Mit einem Male war auch die Kommunion vorbei, zu der sich alle, h\u00f6chst umst\u00e4ndlich, in ungeordneter Schlangenlinie angestellt und vorgedr\u00e4ngt hatten. Paul war gleichfalls aufgestanden, denn er konnte kaum noch sitzen vor R\u00fcckenschmerzen, hielt aber tapfer durch bis zum Schluss. Zum Segen hatte man sich erhoben und wartete die pr\u00e4ludierende Paraphrase des Organisten ab, nachdem dieser gerade noch an einer wenig ans Ziel f\u00fchrenden, gef\u00e4hrlichen Modulation das Haydn\u00b4schen Themas vorbeigeschrammt war, um danach, gemeinsam mit der Menge, in die Melodie des Liedes \u201eGott erhalte, Gott besch\u00fctze unsern Kaiser, unser Land! M\u00e4chtig durch des Glaubens St\u00fctze f\u00fchr\u00b4 Er uns mit weiser Hand! Lasst uns Seiner V\u00e4ter Krone schirmen wider jeden Feind: Innig bleibt mit Habsburgs Throne \u00d6sterreichs Geschick vereint\u201c, einzustimmen.<\/p>\n<p>Paul kratzte sich hinterm Ohr, er sah auf seinen Taschenkalender. Es war schon zweitausendsechzehn, aber ganz sicher war er sich nicht. Ein Blick auf den alten Major machte ihn unsicher. Ein Degen blitzte im Licht der Kronleuchter kurz auf. Die Menge sang mehr oder weniger intoniert. Er selbst wagte anfangs nicht mitzusingen, dann jedoch \u00f6ffnete er seine Lippen, er wollte singen, aber kein Laut kam \u00fcber seine Lippen &#8211; er selbst meinte, dass er s\u00e4nge, konnte sich aber nicht h\u00f6ren, und pl\u00f6tzlich schreckte er j\u00e4h hoch &#8211; in seinem Lehnsessel, im ersten Moment unf\u00e4hig zu lokalisieren, wo er \u00fcberhaupt war. Unbewusst f\u00fchrte er seine rechte Hand zum schmerzenden R\u00fccken, um sich durch Reiben ein wenig Linderung zu verschaffen, was v\u00f6llig wirkungslos blieb. Er g\u00e4hnte lange und stand schlie\u00dflich widerwillig auf, um sich Kaffee zu kochen.<br \/>\nW\u00e4hrenddessen steckte er sich eine Zigarette an und \u00fcberlegte angestrengt, wo war er denn nun eigentlich stehen geblieben? Ach ja, da war doch gleich \u2013 ah ja, es war ja nur ein Traum, ein Traum, ja. Wenn auch nicht alles. Manches daran war ja Wirklichkeit, dachte er, als er die Zeitung vom Boden aufhob, verdammte Wirklichkeit! Paul warf einen Blick aus dem Fenster. Der Sommer ging langsam seinem Ende zu, er sp\u00fcrte es, und &#8211; irgendetwas erinnerte ihn daran, dass man seine Pflicht zu erf\u00fcllen \u2013 h\u00e4tte \u2013 seine \u2013 Pflicht erf\u00fcllen &#8230;. wie damals &#8230;. aber welche Pflicht?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> | Inventarnummer: 16041<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul sank tiefer, immer tiefer in die Polsterung seines Lehnstuhles. Es bereitete ihm gro\u00dfe M\u00fche, die Augen offen zu halten. 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