{"id":4230,"date":"2016-03-30T16:25:19","date_gmt":"2016-03-30T16:25:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4230"},"modified":"2016-04-01T13:01:21","modified_gmt":"2016-04-01T13:01:21","slug":"housewarming-party","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4230","title":{"rendered":"Housewarming Party"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4230&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4230&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Wohnung ist einfach optimal, Walter von der ersten Sekunde an in sie verliebt. Ja, diese Wohnung will er haben, hier will er die n\u00e4chsten Jahre leben und, wenn es sein soll, auch f\u00fcr immer: Mitten im pochenden Herz der Stadt, also genauer: mitten im pochenden Herz des Bezirks neben der Innenstadt, wo sie noch lauter pocht als mittendrin. Schon vor vielen Jahren haben, vermutlich vom Bauhaus inspirierte, Architekten diese nicht ganz 42,5 Quadratmeter so auf K\u00fcche, WC, Bad, Wohn- und Schlafzimmer verteilt, dass es nicht besser sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Walter ist, freundlich formuliert, etwas \u00fcbergewichtig, schafft es aber ganz hinauf, einige der anderen Interessenten haben die Besichtigung der Wohnung schon im ersten Stock abgebrochen.<br \/>\nJa, Walter unterschreibt, vielleicht auch schon deshalb, weil die M\u00f6blierung ungef\u00e4hr seinen Vorstellungen entspricht und er sich scheut, seine Zeit in M\u00f6belh\u00e4usern und Baum\u00e4rkten zu verlieren. Er unterschreibt mit zitternder Hand, seine Signatur k\u00f6nnte genauso gut von einem x-beliebigen Patienten einer Palliativstation stammen, \u00e4hnelt zumindest der in seinem Reisepass und F\u00fchrerschein keineswegs, Walter ist auch wirklich ersch\u00f6pft. Der Makler nutzt die Gunst der Stunde, die Unterschrift hat er jedenfalls, der Rest der Geschichte interessiert ihn nicht, er macht sich schnell auf die Socken, streicht Walter schon auf dem Weg nach unten v\u00f6llig aus seinen Gedanken.<br \/>\nDer sitzt, noch immer schwitzend vom Aufstieg \u2013 es kann auch wegen der Aufregung bei der f\u00fcr ihn wegweisenden Unterschrift unter diesen Mietvertrag sein \u2013 lange in dem Ohrensessel, der ihm gleich beim Reinkommen aufgefallen ist, weil es das Mobiliar ist, das den meisten Platz in Anspruch nimmt und auch, weil er es keinen Schritt weiter mehr geschafft h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Walter ist nicht besonders gro\u00df, aber sehr schwer, also mehr rund, und er hat seine Unterschrift schnell unter den Vertrag gesetzt, die Wohnung ist also seit wenigen Minuten sein Mieteigentum. Eigentlich wollte er sich noch gerne Bad\/WC ansehen, den Durchlauferhitzer, die Dichtungen der Fenster \u00fcberpr\u00fcfen, den Zustand des Backrohrs und des Stromkastens kontrollieren. Beim Reinkommen hat er schon viele Mitbewerber abgeh\u00e4ngt, nur noch wenige haben sich in seinem zuk\u00fcnftigen Domizil etwas unschl\u00fcssig umgeblickt, Walter war klar, jetzt gleich, ganz schnell, N\u00e4gel mit K\u00f6pfen machen zu m\u00fcssen \u2013 er ist gekommen, um zu bleiben. Die genaue Inspektion hebt er sich im Ohrensessel f\u00fcr sp\u00e4ter auf, es \u00fcberwiegt die Freude \u00fcber dieses Erfolgserlebnis, jetzt ist es ihm auch viel wichtiger, seine Freunde zur Housewarming Party einzuladen, schlie\u00dflich sollen sie den Weg in seine neue Wohnung kennen und immer wieder finden.<\/p>\n<p>Karin ist krank, Max und Petra gesund, aber ihr Kind, die kleine Sandra nicht, Richard, Alina und Hanna haben ihr Handy auf tot gestellt. Er erreicht nur Christian, der ist zwar nicht unbedingt erste Wahl, aber immerhin: Er wird kommen und Freunde mitnehmen und ja, sie werden auch f\u00fcr Speis und Trank sorgen.<br \/>\nMit \u201aseinen\u2018 Freunden hat Christian seine gemeint, nicht die gemeinsamen, die kleine Wohnung ist jedenfalls wirklich perfekt f\u00fcr eine Fete: Zweiunddrei\u00dfig Menschen prosten sich zu, tanzen miteinander, auch wenn es noch keine Musik gibt, scherzen, rauchen, trinken, lachen und sind nach zwei Stunden wieder weg. Walter sitzt noch immer im Ohrensessel, au\u00dfer Christian hat ihn niemand begr\u00fc\u00dft, niemand mit ihm geredet. Walter hat die anderen auch gar nicht gekannt, sie noch nie gesehen.<br \/>\nEr steht auf, und auch das nur, weil der oder die Letzte die T\u00fcr nicht zugemacht hat, irgendwer hat zwischen T\u00fcr und Angel eine rote Handtasche liegen lassen. Walter schleppt sich zur\u00fcck in den Ohrensessel, es ist schon sp\u00e4t, eigentlich sollte er jetzt schlafen, macht es auch gleich.<\/p>\n<p>Der Morgen ist noch nicht erwacht, die Nacht noch nicht ganz eingeschlafen \u2013 Walter ist munter, Walter hat Hunger, findet sich im Ohrensessel und ist gl\u00fccklich, in seinem neuen Reich aufzuwachen.<br \/>\nDie Inspektion von Durchlauferhitzer, Fensterdichtungen und Stromkasten l\u00e4sst er bleiben, stolz verschlie\u00dft er sein neues Domizil, stapft Treppe f\u00fcr Treppe hinunter, was sich leichter anf\u00fchlt als der Weg in der anderen Richtung vor ein paar Stunden, wird sich unten, gleich nebenan beim B\u00e4cker frische Semmeln holen.<\/p>\n<p>Walter schreitet die dreizehn mal zwei Stufen vom dritten in den zweiten Stock, weitere dreizehn mal zwei Stufen vom zweiten in den ersten Stock, dreizehn mal zwei Stufen vom ersten Stock ins Obergescho\u00df, dreizehn mal zwei Stufen vom Obergescho\u00df ins Mezzanin und diesmal elf Stufen vom Mezzanin ins Erdgescho\u00df \u2013 alles in allem sind es hundertf\u00fcnfzehn Stufen, die er wieder erklimmen muss, um sich den bequemen Ohrensessel zu wuchten. Diesen Wermutstropfen der ansonsten perfekten Wohnung hat er aber als Medizin f\u00fcr seinen viel zu schweren K\u00f6rper gerne in Kauf genommen.<br \/>\nNoch bevor er sich in die B\u00e4ckerei gleich nebenan schleppt, die ihren Kunden auch auf zwei Tischen Kaffee und ein komplettes Fr\u00fchst\u00fcck serviert, sieht er sich das Haus an, in dem er jetzt wohnt, kann an den jetzt unn\u00f6tig erleuchteten Fenstern erkennen, wo er jetzt leben wird \u2013 gleichzeitig kann er sich nicht mehr vorstellen, wie er es bei der Erstbesteigung bis da hinauf geschafft hat, Lift gibt es n\u00e4mlich keinen.<\/p>\n<p>Beim Hinaufgehen war er getrieben, ihm scheint, die Herde h\u00e4tte ihn getragen \u2013 und er wollte nicht das letzte Schaf sein. Beim dritten Kipferl und einem n\u00e4chsten Faschingskrapfen kann er sich nicht mehr vorstellen, alleine diesen Aufstieg noch einmal zu \u00fcberleben. Ein Taxi bringt ihn danach zur\u00fcck nach Hause, seine Mutter ist froh, ihn zu sehen, tischt ihm auch gleich ein kr\u00e4ftigendes Mittagessen auf, zum Nachtisch gibt es Erdbeeren mit einer doppelten Portion Schlagobers.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Christoph Stantejsky<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a>\u00a0| Inventarnummer: 16039<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wohnung ist einfach optimal, Walter von der ersten Sekunde an in sie verliebt. 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