{"id":4214,"date":"2016-03-25T17:21:44","date_gmt":"2016-03-25T17:21:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4214"},"modified":"2016-03-28T13:24:46","modified_gmt":"2016-03-28T13:24:46","slug":"on-the-road-again","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4214","title":{"rendered":"On the Road Again"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4214&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4214&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Einen Spaziergang machen. Zum Nachdenken, zum Runterkommen, zum Erholen, und um alles von sich abzusch\u00fctteln, was so an einem unangenehm haften geblieben war die letzten Tage. Alles loswerden, was einen so vereinnahmt. Die kleinen Hist\u00f6rchen, Skandale, die Familiengeschichten, Songtexte und und und. Wenn das so leicht w\u00e4re! Landschaft. Konzentrieren auf die Landschaft. Dort ein Baum, ein Strauch, ein Vogel am Himmel. Ein Vogel? Ein Flugzeug. Dahingehen auf einer Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Wieder auf der Stra\u00dfe<br \/>\nKann es gar nicht erwarten, wieder auf die Stra\u00dfe zu kommen<br \/>\nDas Leben, das ich liebe, besteht daraus, irre Sachen mit meinen Freunden zu machen\u2026<\/p>\n<p>Seine Schritte \u00fcber die nahen parallel zum See liegenden h\u00fcgeligen Weing\u00e4rten lenken. Auf einem &#8211; G\u00fcterweg, immerhin asphaltiert, mitten im Gr\u00fcnland, wie \u00fcberall hier. Beinah eine Stra\u00dfe. Das Wetter war gar nicht so mild wie anfangs erwartet. Ein ziemlich kalter Wind fegte von Westen her \u00fcber die blattlosen Weinst\u00f6cke. Wo er auf Widerstand traf, pfiff er sein Lied unaufh\u00f6rlich an den d\u00fcnnen Dr\u00e4hten der Weinst\u00f6cke. \u00dcber den Himmel zogen, aufgef\u00e4delt wie Perlen an einer Kette, Flugzeuge im Dreiminutenabstand ziemlich tief ihre Anflugsrunden auf den nahen Flughafen. Kinder h\u00e4tten vielleicht gewinkt oder ein Taschentuch geschwenkt, das die Passagiere h\u00e4tten sehen sollen. Erwachsene unterlassen solchen Unsinn. Die Welt der Erwachsenen ist zumeist eine n\u00fcchterne. Es findet sich oftmals kein Platz f\u00fcr Tr\u00e4ume und Fantastereien darin. Weit hinten am Horizont war der bew\u00f6lkte Himmel etwas aufgebrochen und lie\u00df den einen oder anderen Sonnenstrahl auf das schwache Gr\u00fcn darunter herniederblitzen. Tief Luft holen und nach oben blicken. An manchen Stellen klarte es etwas auf. Nachdenken. Ein Gef\u00fchl, als st\u00fcnde man barfu\u00df auf dem R\u00fccken zweier Pferde im Galopp, die unaufh\u00f6rlich weiterlaufen, w\u00e4hrend man die Z\u00fcgel zwar in der Hand h\u00e4lt, es aber M\u00fche macht, die beiden Tiere beisammen zu halten, da sie jederzeit nach links oder rechts ausbrechen k\u00f6nnten. Und alles ist so unaufhaltsam &#8211; wie die Zeit, die nicht zu stoppen ist, die einem nicht sagt, wohin denn die eigene Reise geht. Einmal anhalten k\u00f6nnen. Verschnaufen k\u00f6nnen. \u00dcberlegen, ob der richtige Kurs vorliegt. Korrekturen anbringen.<\/p>\n<p>Wieder ein Airbus \u00fcber dem Kopf. Der Wind trug Fetzen eines Liedes vom Ortsfriedhof an die Ohren heran. Blasmusikkapelle. <em>Ich hatt\u00b4 einen Kameraden<\/em>! Der junge Mann, den sie begruben, war erst zweiundf\u00fcnf-zig, wie zu erfahren war, und sie spielten ein Soldatenlied! Zweitau-sendundsechzehn! Nicht etwa <em>Yesterday<\/em> oder wenigstens <em>Time To Say Goodbye<\/em>. Weiter auf der Stra\u00dfe, die den Weg bedeutet.<br \/>\nDa kletterte irgendein Junge aus der Fantasie der Erinnerungen, der einmal in Los Angeles ein Kleinflugzeug entf\u00fchrt hatte und mit diesem \u00fcber Death Valley geflogen war. Die Polizei suchte ihn wegen Mordes an einem Cop.<\/p>\n<p>Sich in Fantasien er- und eine Stra\u00dfe entlanggehen. Sich in die Lage eines solchen Jungen versetzen. So eine Piper selbst starten und \u00fcber die Rollbahn fegen. Abheben. \u00dcber den Wolken sein. Sonne putzen. Wieder blo\u00df ein Lied. Oder doch Wirklichkeit? Seine Blicke dem Kreisen eines Bussards \u00fcber dem Acker folgen lassen. Die Welt von oben betrachten. Die Sorgen unten lassen, auf der Erde. Alles Irdische der Erde \u00fcberlassen. Eine Liebesgeschichte tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Daria, ein junges M\u00e4dchen, fuhr im Wagen ihres Freundes in Richtung Denville, oder Glenville. Oder war\u00b4s Merryville? Egal. Irgendwo in Phoenix, irgendwo in der W\u00fcste. Ein fantastischer Ort zum Meditieren, telefonierte sie ihrem Chef, der sie lieber in seinem Privatflugzeug mitgenommen h\u00e4tte, als sie alleine durch die W\u00fcste fahren zu lassen. Was sie denn dort mache? Meditieren, antwortete sie. Was sie damit meinte, fragte ihr Vorgesetzter. \u00dcber Dinge nachdenken, sagte sie, kurz angebunden, und h\u00e4ngte auf. In irgendeiner Bar in einem W\u00fcstenkaff. W\u00e4hrend die Sonne gnadenlos herunterbrennt, ger\u00e4t die Geschichte in die Gegenwart. An der Bar h\u00e4ngt ein von Wind und Sonne gegerbter alter Mann herum, der sein Bier trinkt und in einem fort Zigaretten raucht. Wissen Sie, wo Merryville ist? Er sch\u00fcttelt wortlos seinen Kopf. Aus der Musikbox ert\u00f6nt Tennessee Waltz<em>. I was dancin&#8216; with my darlin&#8216; to the Tennessee Waltz. When an old friend I happened to see. I introduced her to my loved one. And while they were dancin,&#8216; my friend stole my sweetheart from me.<\/em> Daria setzt ihre Fahrt mit dem grauen alten Zw\u00f6lfzylinder fort.<\/p>\n<p>Ich kann es kaum erwarten, wieder auf die Stra\u00dfe zu kommen.<br \/>\nWieder auf der Stra\u00dfe\u2026<br \/>\nOrte besuchen, an denen ich noch nie gewesen bin.<br \/>\nDinge sehen, die ich danach vielleicht nie mehr wieder sehe.<br \/>\nIch kann es gar nicht erwarten, wieder auf die Stra\u00dfe zu kommen.<\/p>\n<p>Daria f\u00e4hrt in dem alten Buick \u00fcber eine endlose Landstra\u00dfe. Vom Autoradio ist Hillbilly-Musik zu h\u00f6ren. Da pl\u00f6tzlich &#8211; das Flugzeug des Jungen \u00fcber ihr! Daria steigt aufs Gas. Was will der Verr\u00fcckte denn? Er wendet und kommt im Tiefflug direkt auf sie zu. Daria duckt sich hinter dem Volant und sch\u00fcttelt ungl\u00e4ubig den Kopf. Der hat sie doch nicht alle! Der Junge zieht die Maschine abermals hoch, fliegt einen weiten Bogen und rast aufs Neue frontal auf sie zu. Daria flucht leise. Nun kippt er das kleine Seitenfenster des Flugzeugs auf und wirft ein T-Shirt \u00fcber Daria ab. Dann beobachtet er, wie sie hinl\u00e4uft und es aufhebt, es mit beiden H\u00e4nden an ihren K\u00f6rper anlegt und zu ihm herauflacht. Der Junge landet das kleine Flugzeug sicher auf dem Highway. Er steigt aus, sie sehen sich in die Augen. Ob sie ihn mitnehmen k\u00f6nne, in die n\u00e4chste Siedlung. In zwanzig Meilen Entfernung w\u00e4re die n\u00e4chste. Er braucht Benzin. Seine braunen Augen spiegeln sich in ihren blauen.<\/p>\n<p>Wieder auf der Stra\u00dfe<br \/>\nWie Landstreicher streunen wir den Highway hinunter.<br \/>\nWir sind die besten Freunde, sagen wir, und toll, dass die Welt sich in unseren Wegen kreuzt.<br \/>\nUnd unser Weg ist wieder die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Da w\u00e4re ein Polizist erschossen worden. Daria h\u00e4tte es im Radio geh\u00f6rt. Der Junge sieht zu Boden. Und dass die Pflanzen hier im ewigen Sand nicht eingehen. Ein Wunder auch, bei der Hitze. Rauchst du?, fragt Daria. Nein, ich geh\u00f6re einer Gruppe an, die auf Wirklichkeitstour ist. Das hei\u00dft, sie k\u00f6nnen sich nichts vorstellen, lacht Daria und dreht einen Joint. Der Junge erz\u00e4hlt ihr \u00fcber sein gescheitertes Uni-Leben und von den Studentenunruhen und er f\u00fcgt an, ja, da sei ein Polizist erschossen worden.<\/p>\n<p>Aber schon laufen sie schreiend und singend eine Ger\u00f6llhalde hinunter und legen sich in den hei\u00dfen Sand eines ausgetrockneten Flussbettes, wo sie im Schatten gemeinsam den Joint rauchen. Man muss sich entscheiden, auf welcher Seite man steht, sagt Daria und man k\u00f6nnte alles anders machen, wenn man nur wollte. Der Junge sieht sie ungl\u00e4ubig an. Es ist friedlich hier. Es ist alles tot hier, entgegnet der Junge. Tun wir so, als w\u00e4ren deine Gedanken Pflanzen, muntert sie ihn auf. Wie sehen deine aus?, fragt sie neugierig. Wie Unkraut? Oder G\u00e4nsebl\u00fcmchen? Sie lachen. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn man eine gl\u00fcckliche Kindheit pflanzen k\u00f6nnte. Und liebevolle Eltern, sagt er. Dann beginnen sie, im Niemandsland um die Wette zu schreien.<\/p>\n<p>Als sie die Steinrinne wieder emporgeklettert sind, steigen sie in den alten Buick und fahren weiter. Unterwegs halten sie an einer herunter-gekommenen H\u00fctte. Ein alter Mann mit wei\u00dfen Bartstoppeln hilft ihnen, das Flugzeug, das der Junge geklaut hat, bunt zu bemalen. Niemand versteht, wie die Piper pl\u00f6tzlich hierhergebracht worden war. Ich werde es zur\u00fcckbringen, sagt der Junge. Du kannst es nicht einfach zur\u00fcckbringen, versucht Daria ihm das Wagnis auszureden. Aber der Junge l\u00e4sst sich nicht beirren. Er k\u00fcsst Daria auf den Mund und steigt ins Flugzeug. W\u00e4hrend es abhebt, winkt sie. Ihr Winken ist das eines Kindes. Danach setzt sie ihre Fahrt fort. Der Radiosender meldet, dass ein junger Mann auf dem Rollfeld in L.A. erschossen worden sei, als er ein gestohlenes Flugzeug gelandet habe.<\/p>\n<p>Kann es gar nicht erwarten, wieder auf die Stra\u00dfe zu kommen<br \/>\nDas Leben, das ich liebe, besteht daraus, so Sachen mit meinen Freunden zu machen und so\u2026<\/p>\n<p>Daria folgt der Aufforderung ihres Chefs, sich bei ihm mitten in der W\u00fcste in einer Luxusvilla einzufinden, in der eine wichtige Konferenz stattfindet. Aber Daria empfindet nur Leere und Einsamkeit. Es interessiert sie nicht, was hier gesprochen und verhandelt wird. Sie kann unbemerkt in ihr Auto zur\u00fcckkehren. Sie setzt sich hinein und starrt auf das Geb\u00e4ude. Ihre Gedanken sprengen ihr Bewusstsein. Ihre Gedanken sprengen dieses Geb\u00e4ude. Heftige Explosionen ersch\u00fcttern die karge Gegend. Sessel, Lampen, Tische, B\u00fccher, Tassen, Teller Schr\u00e4nke, Einrichtungsgegenst\u00e4nde, zahllose Tr\u00fcmmer fliegen in Zeitlupe vor ihren Augen in die Luft, schweben eine Zeit lang im Raum und sinken lautlos zu Boden. Musik von Pink Floyd begleitet den irren Tr\u00fcmmertanz. Als es still wird um sie, ist ihr, als h\u00f6rte sie eine Stimme in ihr:<\/p>\n<p><em>I was dancin&#8216; with my darlin&#8216; to the Tennessee Waltz<br \/>\nWhen an old friend I happened to see<br \/>\nI introduced her to my loved one<br \/>\nAnd while they were dancin&#8216;<br \/>\nMy friend stole my sweetheart from me.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 16038<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen Spaziergang machen. 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