{"id":4190,"date":"2016-03-13T18:43:08","date_gmt":"2016-03-13T18:43:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4190"},"modified":"2016-03-15T16:26:37","modified_gmt":"2016-03-15T16:26:37","slug":"das-wespennest","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4190","title":{"rendered":"Das Wespennest"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4190&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4190&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ein sonniger Fr\u00fchsommernachmittag hatte sich auf den sanften H\u00fcgeln und gr\u00fcnen Wiesen des kleinen s\u00fcdburgenl\u00e4ndischen Ortes niedergetan. Bienen summten, V\u00f6gel zwitscherten in den Ge\u00e4sten zahlloser Obstb\u00e4ume und Schmetterlinge tanzten \u00fcber bunte Wiesenblumen. Eben durch diese Idylle qu\u00e4lte sich Maurermeister Josef Lagler samt seinen einhundertzwei Kilo m\u00fchsam den steilen Weg zu seinem neuen Einsatzort hinauf. Eine Mauer sollte er aufstellen. Ein M\u00e4uerchen, auf dem Dachboden eines weit \u00fcber die Grenzen des Landes hinaus bekannten Kunstmalers und Bildhauers. Eine Trennwand, kurzum Feuermauer genannt. Der Rauchfangkehrer hatte befundet, hier geh\u00f6re eine Feuermauer hin. Punktum! Kein Kunstst\u00fcck.<\/p>\n<p>Und dennoch hatten es ein paar seiner Kollegen Monate davor nicht geschafft, gerade an diesem Haus eine solche stabil zu errichten. Eine simple Mauer als Anbau an eine bereits bestehende. Unter der \u00c4gide eines umtriebigen Bauingenieurs hatten sie es fertiggebracht, auf die Verzapfung ihres Kunstwerkes zu vergessen. Eine ganz normale Ziegelwand, an eine glatte Mauer anzubauen, geriet somit au\u00dfer Kontrolle, als sich der Kunstmaler voll Vertrauen in ihre Stabilit\u00e4t an sie lehnte, um gleich darauf samt ihr in den anschlie\u00dfenden Garten hinauszust\u00fcrzen. Gott sei Dank hatte er sich dabei nicht verletzt. Die Betonk\u00fcnstler konnten sich was anh\u00f6ren. Der Maler war au\u00dfer sich. Er hatte nicht zuletzt ein Sprichwort zu diesem Vorfall bem\u00fcht: Wie der Herr, so das G\u2019scherr! Denn der Bauingenieur war daf\u00fcr bekannt, dass seine Werke nicht von langer Dauer waren. Er selbst erz\u00e4hlte einmal von einer Br\u00fccke, die er \u00fcber einen Bach gebaut h\u00e4tte. Sie w\u00e4re Jahre sp\u00e4ter eingest\u00fcrzt, f\u00fcgte er damals emotionslos hinzu.<\/p>\n<p>Josef Lagler hatte das bescheidene Anwesen des Kunstmalers unter Keuchen und St\u00f6hnen schwitzend erreicht. Er lie\u00df seinen strapazierten Rucksack mit dem Werkzeug fallen, setzte sich auf die Gartenbank vorm Haus, z\u00fcndete sich eine Zigarette an und \u00f6ffnete eine Flasche eiskalten Bieres, welche ihm der Kunstmaler als Willkommensgru\u00df schon bereitgestellt hatte. Vielleicht tat jener das auch nur aus Angst vor neuerlichen Schwierigkeiten mit Handwerkern und um ihn in richtige Stimmung zu bringen, sein Werk auch ordentlich zu vollenden. Lagler nahm mehrere tiefe Schlucke aus der Flasche und sah sich um. An den Au\u00dfenw\u00e4nden des kleinen Bauernhauses waren zahlreichen Kunstwerke angebracht. Wandmalereien zierten die Mauern auf der einen Seite, Steinplastiken auf der anderen. Ein fetter schwarzer Kater r\u00e4kelte sich faul auf einer von der Sonne erw\u00e4rmten Steinplatte und g\u00e4hnte gelangweilt.<\/p>\n<p>Als vor Jahren einmal ein Burgenlandamerikaner hier zu Besuch war, der all die Bilder ums und im Haus bemerkte, fragte dieser beeindruckt, oh, beautiful! Wer da streichen?, erz\u00e4hlte ihm der Maler. Aber Lagler hatte nicht verstanden, worum es ging.<\/p>\n<p>Der Kunstmaler selber war bei den Ortsbewohnern nicht sonderlich beliebt. Ob es daran lag, dass er ein \u201eZuagraster\u201c, also ein Zuwanderer war, oder an seiner Malerei, man wusste es nicht. Tatsache war, dass er die Dorfbewohner in seinen Bildern als auch in einem dar\u00fcber gedrehten Amateurfilm ziemlich verrissen hatte, und sie ihm das sehr \u00fcbel nahmen, als sie sich Wochen sp\u00e4ter im Regionalfernsehen wiedererkannten. Verglichen Kenner seine Malerei nicht zuletzt mit den skurrilen Werken eines Hieronymus Bosch. Dies aber hatte f\u00fcr den Maler schwerwiegende Folgen gehabt. Die Leute gr\u00fc\u00dften ihn von da an nicht mehr oder wechselten sogar den Gehsteig, wenn er ihnen begegnete. Auf einem seiner \u00fcblichen Spazierg\u00e4nge \u00fcber die nahen Wiesen wurde er sogar einmal von einem J\u00e4ger aus dem Ort mit angehaltener Doppell\u00e4ufiger mit den Worten bedroht, schleich di, oder i blos di aus die Schuach!<\/p>\n<p>Maurermeister Lagler hatte indes seinen Durst gel\u00f6scht. Also wurde es Zeit, an die Arbeit zu gehen. Wo er denn die Mauer aufstellen solle, fragte er. Oben, auf dem Dachboden, antwortete der Maler und wies mit seinem Kopf in die Richtung. Ein Dachboden wie jeder andere. Ein meist nur primitiv isolierter, kaum eingerichteter Raum, in dem allerlei Ger\u00fcmpel gelagert war. \u00dcblicherweise f\u00fchrten Treppen oder Leitern in solche R\u00e4ume. So auch hier. Lagler stieg das schmale Stiegenhaus leise fluchend und laut \u00e4chzend hoch. Die Ziegel waren bereits herangeschafft worden. Mittels eines Autokranes \u00fcber die Dachluke. Wenigstens etwas, st\u00f6hnte Lagler erleichtert. Das Meita, wie man hierzulande den M\u00f6rtel nannte, musste er selbst anr\u00fchren. Bei der Hitze unter dem Dach keine leichte Sache f\u00fcr einen \u00e4lteren \u00fcbergewichtigen Menschen. Krutze, zischte er leise. Aber da war noch was. Denn just an der Stelle, an der er die Mauer errichten sollte, hing ein gigantisches Wespennest vom Dachbalken und versperrte ihm den Weg.<br \/>\nDa ist ein Wespennest, rief der Maler von unten, haben Sie das Nest gesehen? Ja, hat er, er war ja nicht blind. Lagler kratzte sich am Hinterkopf. Zefix, fluchte er. Ein Nylonsackerl!, rief er nach unten. Ein was? I brauch a gro\u00df\u2019 Nylonsackl!, rief Lagler jetzt lauter. Es dauerte. Er hatte mit Akademikern und so \u2013 Kunstg\u2018sindel, wie er es nannte, nicht viel am Hut. Einmal hatte er auch bei einem gearbeitet. Der wusste alles besser. Und einmal hatten sie ihm einen akademischen Restaurator beigestellt, damals, als die Arbeiten in der Kirche anfielen. Den Herrn Magister! Auch so einer, der nur g\u2019scheit reden konnte und nichts weiterbrachte. Oaschloch, kaunst an Putz?, hatte Lagler ihn gleich zu Beginn der Arbeiten gefragt. Wenn er keinen Putz h\u00e4tte k\u00f6nnen, h\u00e4tte man gar nicht anfangen k\u00f6nnen. Und Lagler hatte einen Riecher f\u00fcr sowas. Der konnte tats\u00e4chlich keinen! Den brauchte man aber f\u00fcr die Erneuerung der Fresken, die nur im feuchten Verputz gemacht werden konnten. Also musste er alles allein machen.<\/p>\n<p>Und der hier, dieser K\u00fcnstler &#8211; schien auch ein solcher zu sein, so ein Siebeng\u2019scheiter. Redete nur Unsinn und wirres Zeug und stellte unn\u00f6tige dumme Fragen. Ein Besserer. Konnte nicht einmal ein Nylonsackerl organisieren. Na, immerhin. Wenigstens hatte er kaltes Bier zu Hause. Na endlich! Das Nylonsackerl. Da bitte, sagte der Maler und reichte ihm ein Billasackerl \u00fcber die Bodent\u00fcr. Was wollen Sie denn damit? Lagler schwieg. Ganz langsam und bed\u00e4chtig nahm er die Plastiktasche, richtete sich auf und schritt gemessenen Schrittes hin zum Wespennest. Er trug nur ein kurz\u00e4rmeliges Hemd und eine lange schmutzig-wei\u00dfe Leinenhose, sonst nichts. Keine Handschuhe, nur sein Maurerkapperl, das schief auf seinem hochroten Kopf sa\u00df. Es war ein hei\u00dfer Tag. Die Wespen, sehr gesch\u00e4ftig, schwirrten zornig brummend um ihn herum. Vorerst z\u00fcndete sich der Meister eine neue Zigarette an. Rauch konnte nie schaden bei einem Unternehmen wie diesem.<br \/>\nSie m\u00fcssen sie von ihrem Aufenthaltsort weglocken, rief der K\u00fcnstler von untern hinauf, was? Lenken Sie sie ab. Ich bringe Ihnen etwas Basilikum. Oder noch besser, Zitronen, mit Nelken drin, was? Das m\u00f6gen die nicht. Lagler k\u00fcmmerte sich nicht um das, was der Herr K\u00fcnstler sagte und zog nur bed\u00e4chtig an seiner Zigarette, die an seinem rechten Mundwinkel hing. Zefix, brummte er. Die Wespen umsurrten ihn neugierig. Ich h\u00e4tte so ein Duft\u00f6l, Teebaum\u00f6l, nehmen Sie das. Der Maler lie\u00df nicht locker. Und nach einer Weile: Knoblauch ist auch nicht schlecht, was? Ich schneide Ihnen welchen klein, nicht? Keine Antwort. Nur das Brummen der schwarzgelb Gestreiften. Salmiak!, rief der Maler, wissen Sie? Das ist es! Ich reiche Ihnen einen Lappen mit Salmiak hinauf, was? Oder warten Sie. M\u00f6chten Sie einen Kaffee? Ich stelle Ihnen einen Kaffee rauf, was? Den Geruch m\u00f6gen sie auch nicht, die Wespen. Lagler reagierte nicht. Der Maler faselte etwas wie man m\u00fcsste Kaffeepulver oder Kaffeebohnen irgendwie in einem feuerfesten Gef\u00e4\u00df gl\u00fchend machen oder so \u00e4hnlich, das w\u00fcrde die Wespen schon vertreiben. Alles vergebliche M\u00fche. Lagler tat, was er tun musste.<br \/>\nGanz vorsichtig begann er, den Plastiksack von unten her \u00fcber das Wespennest zu st\u00fclpen. Die Tiere umflogen ihn wie wild. Aber der Ziegelschupfer lie\u00df sich in seiner T\u00e4tigkeit nicht von ihnen beirren. Wir h\u00e4tten mehr Tomaten anbauen sollen, was?, rief der Ma\u00eetre von unten hinauf. Die m\u00f6gen sie auch nicht. Lagler fiel die lange krumme Asche zu Boden. Meine Frau hat irgendwo R\u00e4ucherst\u00e4bchen, brauchen Sie die?, fragte der Maler erneut. Fr\u00fcher haben wir immer Kupferm\u00fcnzen auf den Tisch gelegt, beim Essen, mein\u2019 ich. Das soll auch helfen, was? Lagler h\u00f6rte alles genau, aber er k\u00fcmmerte sich nicht darum. Vielleicht stellen Sie ein Glas Bier neben sich, was? Dann trinken sie und fallen dort rein? Lagler hatte eine Wespe mit Daumen und Zeigefinger unabsichtlich gequetscht und sie hatte ihn sofort gestochen. Zefix, murrte er und kratzte sich. Vielleicht ist ihre wei\u00dfe Hose zu auff\u00e4llig, was?, meinte der Maler nun besorgt. Da werden sie dann aggressiver, was?<br \/>\nLagler k\u00e4mpfte mit der Luft. Der Zigarettenrauch war ihm in die Augen gestiegen. Er kniff ein Auge zu. Aber blasen durfte er nicht, das wusste er, das mochten die Wespen schon gar nicht. Fast hatte er das Nylonsackerl schon um das gesamte Nest geschlungen. Fehlte nur noch der obere Teil. Der da unten ging im auf die Nerven mit seinen dauernden Vorschl\u00e4gen. Da war die K\u00f6nigin, gut zwanzig Millimeter lang. Die kleineren Drohnen und noch kleineren Arbeiterinnen versuchten sie zu sch\u00fctzen, so gut es ging. Um diese Zeit ern\u00e4hrten sie sich von Weidenbl\u00fcten. Und davon gab es genug in der Gegend. Ist alles in Ordnung bei Ihnen, was?, rief der Maler hinauf. Jojo, antwortete Lagler nun doch, wenn auch grantig, um seine Ruhe zu haben. Lagler sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>\nGleich w\u00fcrde er den Plastiksack oben schlie\u00dfen und das Nest mit der Hand vom Balken abnabeln. Die alte K\u00f6nigin w\u00fcrde im Sp\u00e4therbst sterben. Danach l\u00f6st sich ihr Wespenstaat v\u00f6llig auf. Und wenn der Frost kommt, sterben die letzten heimatlosen Wespen auch. Lagler zog an seinem Zigarettenstummel. Alles w\u00fcrde einmal zu Ende gehen. Auch mit ihm. Zefix, murmelte er. Seine Hand wies dort, wo ihn die Wespe erwischt hatte, eine leichte R\u00f6tung auf. Lagler kratze erneut die juckende Stelle. So, jetzt war es so weit. Er schloss den Plastiksack mit der Faust und schickte sich an, die Treppen nach unten zu steigen. Im Nylonsack tobte und toste es bedrohlich. Als er mit seiner gef\u00e4hrlichen Beute unten angekommen war, standen der Maler und seine Frau mit offenem Mund da und kriegten kein Wort heraus. Wou is\u2019 da Wossahaun?, fragte Lagler.<br \/>\n\u00c4h \u2013 der \u2013 dort! Dort an der Wand, wo die Gie\u00dfkanne\u2026, stotterte der K\u00fcnstler. Seine Frau wich vor Entsetzen zur\u00fcck, als Lagler mit dem tosenden Beutel an ihr vor\u00fcberschritt. Er bewegte sich langsam auf die Wasserstelle zu, hob den Sack hinauf und \u00f6ffnete ihn blitzartig gleich unter dem Wasserrohr. Rasch umschloss seine Faust Nylonsack und Wasserhahn. Besonnen und mit einer Gelassenheit, die das K\u00fcnstlerehepaar an den Rand \u00e4u\u00dferster Spannung trieb, drehte er das Wasser auf. Der Beutel f\u00fcllte sich nach und nach. Wurde dick wie ein Ballon. Das Tosen und Brausen im Sack wurde leiser. Schlie\u00dflich verstummte es ganz. Nichts regte sich. Eine Schar Spatzen zwitscherten am Dachfirst. Ein paar versprengte Wespen flogen noch eine Zeit lang um Laglers Kopf, \u00e4nderten aber bald ihre Route und flogen in Richtung Garten davon. Sixtas?, sagte Lagler siegessicher, und f\u00fcgte ein \u201ezefix\u201c an. Den Plastiksack verschn\u00fcrte er mit den beiden Henkeln und meinte, den solle man ruhig hier bis zum Abend so stehen lassen. Erst dann ausleeren. Woraufhin er sich beh\u00e4big in Richtung Bodenstiege umwandte und diese \u00e4chzend zum Dachboden erklomm. Zefix, h\u00f6rte man leise von oben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen \u2026<\/a> | Inventarnummer: 16036<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein sonniger Fr\u00fchsommernachmittag hatte sich auf den sanften H\u00fcgeln und gr\u00fcnen Wiesen des kleinen s\u00fcdburgenl\u00e4ndischen Ortes niedergetan. Bienen summten, V\u00f6gel zwitscherten in den Ge\u00e4sten zahlloser Obstb\u00e4ume und Schmetterlinge tanzten \u00fcber bunte Wiesenblumen. Eben durch diese Idylle qu\u00e4lte sich Maurermeister Josef Lagler samt seinen einhundertzwei Kilo m\u00fchsam den steilen Weg zu seinem neuen Einsatzort hinauf. 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