{"id":4137,"date":"2016-02-27T18:31:38","date_gmt":"2016-02-27T18:31:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4137"},"modified":"2016-03-05T18:28:08","modified_gmt":"2016-03-05T18:28:08","slug":"das-ende-des-vogelsangs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4137","title":{"rendered":"Das Ende des Vogelsangs"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4137&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4137&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>In sechzehn Stollen und einem Abgesang<\/em><\/p>\n<p>1 Da war immer schon viel Verst\u00e4ndnis und Freude am Vogelsang. Da wurde das Verlangen nach mehr nicht nur in wissbegierigen Ornithologen geweckt. Da zogen Wesensz\u00fcge und Eigengesetze und der musikalische Aussagewert Neugierige schon durch Jahrhunderte in ihren Bann.<\/p>\n<p>2 Nun waren singende V\u00f6gel schon immer ein beliebtes Unterhaltungsmittel. Nun wurde Vogelgesang schon immer als wohlt\u00f6nend und angenehm empfunden. Nun ging man oft davon aus, dass V\u00f6gel aus Lebensfreude oder zur Erbauung der Umwelt singen.<\/p>\n<p>3 Zumal werden singende V\u00f6gel weltweit in mehr oder weniger ausgepr\u00e4gten Freir\u00e4umen gehalten. Zumal singen manche Arten besonders in Isolation sehr stark. Zumal singen sie oft bis zur v\u00f6lligen Ersch\u00f6pfung. Zumal ist der Vogelgesang eine verhaltensbiologisch bemerkenswerte Leistung. Zumal singen V\u00f6gel so, wie sie durch die verschiedensten Umst\u00e4nde beeinflusst werden.<\/p>\n<p>4 Bekanntlich ist der Gesang vieler Singv\u00f6gel oftmals nicht blo\u00df lyrisch. Bekanntlich ist er meist sogar prosaisch. Bekanntlich verf\u00fcgen Lyriker oder Prosaisten meist \u00fcber mehr als einen Strophentyp. Bekanntlich ist der Gesang der Singv\u00f6gel im Vergleich zu anderen Vogelarten nicht angeboren. Bekanntlich muss diese Kunst, wie jedes Hand- oder Mundwerk, erlernt werden. Bekanntlich gibt es auch versierte Autodidakten unter diesen Tierarten.<\/p>\n<p>5 Derweil ist Vogelsang keine Ausschm\u00fcckung von etwas, das man auch einfacher oder deutlicher sagen k\u00f6nnte. Derweil ist Vogelsang vielmehr ein Akt, der sich selbst als solcher wahrnimmt und reflektiert. Derweil zeigt sich Vogelsang in seiner Eigent\u00fcmlichkeit. Derweil ist Vogelsang Vermittler von Welt und Leben. Derweil ist Vogelsang spezifische Ausdrucksform und sich seiner selbst bewusst. Derweil ist Vogelsang nicht kommunikativer Zierrat! Derweil ist Vogelsang nicht Teil von etwas! Derweil ist Vogelsang tiefster Ausdruck der Seele.<\/p>\n<p>6 Aber \u00fcber den Gipfeln ist keine Ruh. Aber \u00fcber den Gipfeln kann nie Ruh sein. Aber immer schon lag \u00fcber den Gipfeln die Unruh. Aber zu allen Zeiten herrschte immer irgendwann Unruh. Aber warum sollte es in einer neuen Zeit anders sein.<\/p>\n<p>7 Ganz pl\u00f6tzlich schien die Vogelwelt erstarrt! Ganz pl\u00f6tzlich l\u00e4hmte Best\u00fcrzung die Singenden. Ganz pl\u00f6tzlich lag Betroffenheit in trock\u2018nen Kehlen. Ganz pl\u00f6tzlich spie Entsetzen fassungslos sein l\u00e4hmendes Gift in den Dunst des Sp\u00e4therbsts.<\/p>\n<p>8 Bewusst wurden schuldlose Leben in den Tod gerissen. Bewusst wurde der Kosmos f\u00fcr Sekunden von Verblendeten vereinnahmt. Bewusst erlaubte eine finstere Macht, ungesch\u00fctzte Verwundbarkeit feig f\u00fcr m\u00f6rderisches Spiel zu nutzen.<\/p>\n<p>9 Dann pl\u00f6tzlich ergriff eine Ohnmacht die H\u00f6renden. Dann herrschte die Angst vor koordiniert geistesgest\u00f6rtem Wahn. Dann hockte man gel\u00e4hmt von den gr\u00e4ulichen Taten Umnachteter zitternd im Ge\u00e4st. Dann trat Stille ein, als sich der Pulverdampf verzogen hatte.<\/p>\n<p>10 Danach wuchs stumm im Schatten der ruchlosen Tat tonlos und dornig eine Hecke aus Starre. Danach verstummten die V\u00f6gel zur G\u00e4nze. Danach schwieg die Natur als Folge der Schauder. Danach ward Grauen und Widerwillen unter den S\u00e4ngern.<\/p>\n<p>11 Das war das Ende zweckorientierten Gesangs. Das war das Ende belebenden Beitrags Gefiederter. Das war das Ende der Wahrnehmungen ihrer Natur. Das war das Ende der sch\u00f6nen Poesie. Das war der Abschied ihrer provokanten Eleganz.<\/p>\n<p>12 Damit einher begann die Vertreibung des Vogelgesangs. Damit einher ward Vogelsang nie mehr Ruhekissen der Liebesnacht. Damit einher ging das Ende von Idealen ihrer Ziele und Methoden. Damit einher geriet Stummheit zum stillen Protest.<\/p>\n<p>13 Zeitgleich begann ein R\u00fcckzug der V\u00f6gel in sich selbst. Zeitgleich verkrochen sie sich in ihren Nestern. Zeitgleich verdunkelten sie ihre Nistpl\u00e4tze. Zeitgleich lebten sie innerlich und \u00e4u\u00dferlich nur Nacht. Zeitgleich erstarrt, gew\u00e4hrten sie niemandem Zutritt zu ihrer Behausung.<\/p>\n<p>14 Letztlich zogen sie die Fl\u00fcgel hoch. Letztlich sahen sie blo\u00df zu Boden. Letztlich verdeckten sie mit ihren Federn die unruhigen Augen. Letztlich verharrten sie mit verschr\u00e4nkten Beinen bewegungslos. Letztlich vermieden sie jegliches Ger\u00e4usch. Letztlich gebaren ihre Kehlen kein Kr\u00e4chzen und kein Kr\u00e4hen. Letztlich erstarrten sie in ihrem Gef\u00e4ngnis des Schweigens. Letztlich erschien dieses Schweigen als Trotz.<\/p>\n<p>15 Am Anfang vom Ende blieb kein anderer Ausweg. Am Anfang vom Ende nur stille Beobachtung. Am Anfang vom Ende blieb allein sch\u00f6ne Erinnerung. Am Anfang vom Ende ward phonische Leistung f\u00fcr immer verweigert. Am Anfang vom Ende gab es kein Weinen, kein Husten, kein Lachen.<\/p>\n<p>16 So waren weder Atemger\u00e4usch noch Laute des Schmerzes. So waren weder Blickkontakt noch Ber\u00fchrung. So waren nur Schweigen und Stille. So wollten Fl\u00fcgel und Beine ohnehin nur schwach zappeln und schwanken. So blockierten Blockaden das Singen, das Tr\u00e4llern und Fiepen.<\/p>\n<p>Ein Abgesang<\/p>\n<p>Das Gesch\u00e4ft mit dem Vogelsang war zur Talfahrt verkommen. Nicht deswegen, weil die Gier der Verleger neuer Partituren grenzenlos war. Nicht wegen der Provinzialit\u00e4t der H\u00e4ndler, dass Vogelsang nicht mehr unter die Leute gelangte. Nicht deswegen, dass \u00fcberall gespart werden musste. Nicht deswegen, dass Vogelsangsendungen abgesetzt wurden. Nicht deswegen, dass Vogelsangh\u00e4user geschlossen wurden. Nicht deswegen, dass Vogelsangmagazine, die das Ende des Vogelsangs ank\u00fcndigten, nicht mehr gedruckt wurden. Nicht deswegen, allein wegen der Verunsicherung des Vogelliedmarktes. Nicht deswegen, dass einige wenige mit Sangesm\u00fcll renommierten. Nicht deswegen, weil selbst der vernichtende Cocktail aus Vogelsangwettbewerbskampf und schrumpfendem Markt der Branche nichts h\u00e4tte anhaben k\u00f6nnen. Nicht deswegen, weil weder die sich minimierende Liste j\u00e4mmerlicher Vors\u00e4nger noch die R\u00fcckl\u00e4ufigkeit der Ums\u00e4tze bis zum Nullpunkt oder die Aush\u00f6hlung durch die Preisbindung dem Vogelsang den Garaus h\u00e4tten machen k\u00f6nnen. Nicht deswegen, auch wenn man Parallelausgaben verboten h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Sondern vielmehr lag die Ursache darin, dass aus Protest gegen das Unrecht immer weniger Partituren gekauft wurden. Sondern vielmehr lag es einzig und allein daran, dass aus Schmerz \u00fcber die ruchlose Tat \u00fcberhaupt nicht mehr gesungen wurde. Sondern vielmehr lag es daran, dass Vogelsang als Unterhaltung oder Sprachrohr einer bestimmten Geisteshaltung seit dem Tage der Katastrophe seinen Stellenwert verloren hatte. Sondern vielmehr hatte die aktuelle Krise die Konsumenten in Katastrophenstimmung versetzt. Sondern vielmehr verlangten sie nunmehr das Seichte, das Unterhaltsame, das Ablenkende. Sondern vielmehr hatte Vogelsang f\u00fcr den Einzelnen und f\u00fcr die Gemeinschaft das Verbindende geleistet. Sondern vielmehr ist sein Wert durch die ruchlose Tat zur Bedeutung eines Gutenachtliedes verkommen. Sondern vielmehr bedeutet der Verlust der Sangeslust jedoch nicht den Verlust seiner geistigen F\u00e4higkeiten. Sondern vielmehr erlaubte das Entsetzen \u00fcber das Geschehen nur seine Wiederaufnahme nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> | Inventarnummer: 16033<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In sechzehn Stollen und einem Abgesang 1 Da war immer schon viel Verst\u00e4ndnis und Freude am Vogelsang. Da wurde das Verlangen nach mehr nicht nur in wissbegierigen Ornithologen geweckt. Da zogen Wesensz\u00fcge und Eigengesetze und der musikalische Aussagewert Neugierige schon durch Jahrhunderte in ihren Bann. 2 Nun waren singende V\u00f6gel schon immer ein beliebtes Unterhaltungsmittel. 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