{"id":4125,"date":"2016-02-21T09:00:18","date_gmt":"2016-02-21T09:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4125"},"modified":"2016-03-20T09:17:30","modified_gmt":"2016-03-20T09:17:30","slug":"das-haus-in-dem-ich-wohnte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4125","title":{"rendered":"Das Haus, in dem ich wohnte"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4125&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4125&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>2016. Drei Jahre ist es nun schon her, dass ich zuletzt hier war. Nicht, dass mir Familie nichts bedeutet. Ich stehe meiner nur nicht besonders nahe. Anlass meines letzten Besuches im August 2013 war die Hochzeit meiner j\u00fcngsten Cousine Audra, ein Jahr nachdem unsere \u00e4lteste Cousine Lara geheiratet hatte. Jetzt stehe ich selbst kurz davor, in den Hafen der Ehe einzulaufen (wie klischeehaft sich das doch anh\u00f6rt), Karriere zu machen und vielleicht sogar Kinder zu bekommen. Nicht, dass die Idee an sich schlecht ist, aber ausgerechnet der traurige Anlass, dass mein geliebter Gro\u00dfvater gestorben ist, gibt mir die Gelegenheit, noch einmal \u00fcber die letzten Jahre und meine Zukunft nachzudenken. Dar\u00fcber, ob ich das alles eigentlich wirklich will.<\/p>\n<p>Der Blick \u00fcber das Feld vor dem Haus meiner Gro\u00dfeltern scheint unendlich weit zu sein. Und die einzigen Ger\u00e4usche, die ich wahrnehme, sind das Zwitschern von V\u00f6geln, die seit Jahrzehnten ihr Nest in der Dachrinne haben, gelegentlich vorbeifahrende Autos, das Bellen der Hunde aus den nachbarlichen G\u00e4rten und das Rauschen der \u00c4ste der im Garten stehenden B\u00e4ume, wenn der Wind von Zeit zu Zeit st\u00e4rker weht. Bei den V\u00f6geln k\u00f6nnte es sich um Nachtschwalben handeln. Ganz sicher bin ich aber nicht. St\u00f6rche, Spatzen und Amseln geh\u00f6ren zu den wenigen V\u00f6geln, die ich mit Sicherheit erkenne; jedenfalls, wenn ich sie sehe. Ich frage mich, ob die Nachbarn noch immer den struppigen, sandfarbenen und kniehohen Mischlingshund haben, den ich vor einigen Jahren gesehen habe. Am Land ist es ja nicht un\u00fcblich, dass die unterschiedlichsten Hunde miteinander Nachkommen produzieren. Wie schon sehr oft in meiner Kindheit stehe ich am Schlafzimmerfenster meiner Gro\u00dfeltern und lasse die Aussicht auf mich wirken. Es wird wohl bald regnen. Und niemand wird mich hier st\u00f6ren, denn nur ich habe die Schl\u00fcssel zum Haus meines Gro\u00dfvaters, die ich kurz nach meiner Ankunft ausgeh\u00e4ndigt bekommen habe. Ich sollte bald den Brief lesen, den er mir geschrieben hat, ein paar Tage, bevor er von uns gegangen ist. Aber solange ich den Brief nicht \u00f6ffne, ist es noch nicht ganz real, dass mein Senelis, mein Gro\u00dfv\u00e4terchen, gestorben ist.<\/p>\n<p>Ich bin also wieder im Haus meiner Kindheit. Meine Gro\u00dfeltern haben in einem Backsteinhaus an der Hauptstra\u00dfe gelebt. Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite liegt eine weite Wiese. Schon damals habe ich mich immer gefragt, wohin der Feldweg auf der gegen\u00fcberliegenden Wiese f\u00fchrt. Aber als Kind habe ich mich nie getraut zu fragen, geschweige denn, den Weg zur G\u00e4nze entlangzulaufen. Unz\u00e4hlige Sommer habe ich hier verbracht. Tytuv\u0117nai ist ein kleines Dorf in Litauen. \u00dcberschaubar, wie kleine D\u00f6rfer eben so sind. Abgesehen vom Friedhof. Diesen Ort habe ich immer schon gemieden; schon nach dem Tod meiner Gro\u00dfmutter. Ebenso wie in Kirchen habe ich auch auf Friedh\u00f6fen immer ein beklemmendes Gef\u00fchl in der Brust. Deshalb habe ich auch der Beerdigung meines Gro\u00dfvaters heute Mittag nicht beigewohnt. Ich werde erst morgen hingehen, wenn wieder etwas Ruhe eingekehrt ist. Noch weniger als leere Friedh\u00f6fe mag ich Friedh\u00f6fe, die voll trauernder Lebender sind. Ich bevorzuge die einsame Art zu trauern. Das habe ich schon als Kind so gemacht: Ich habe mich zur\u00fcckgezogen, bis ich f\u00fcr mich wieder Klarheit geschaffen hatte. Das Haus ist so still, jetzt, wo meine Gro\u00dfeltern beide nicht mehr sind. So sehr h\u00e4tte ich mir gew\u00fcnscht, gerade jetzt noch einmal mit meinem Gro\u00dfvater sprechen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Tytuv\u0117nai ist ein Ort f\u00fcr sich. Irgendwie war mir dieses Dorf schon immer unheimlich, von Jahr zu Jahr mehr. Und dennoch ist es meine Heimat; der Ort, nach welchem ich Heimweh habe; auch von Jahr zu Jahr mehr. Die Hauptstra\u00dfe, an der das Haus meiner Gro\u00dfeltern steht, f\u00fchrt durch das Dorfzentrum. Ringsherum gibt es nicht viel. Egal in welche Richtung man f\u00e4hrt, es dauert lange, bis man zum n\u00e4chsten Dorf, geschweige denn zur n\u00e4chsten Stadt kommt. Viel zu sehen gibt es also nicht: St\u00f6rche, Wiesen und eine der sch\u00f6nsten Kirchen Europas, die fr\u00fcher Teil eines Bernhardiner-Klosters war. Noch dazu sind die Leute besonders abergl\u00e4ubisch: Meine Mutter erinnert mich heute noch immer daran, dass man in der Nacht vom 1. auf den 2. November nicht ausgehen soll, da dies die Nacht der Toten sei. Einmal soll angeblich eine Frau unter mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden umgekommen sein, nachdem sie kurz nach dem Tod ihres Mannes in eben jener Nacht unterwegs war. Und das ist nur eine der Geschichten, an die sich meine Mutter erinnert. Meine Tanten w\u00fcrden noch mehr Geschichten kennen, sagt sie immer. Einmal hat mir meine Mutter auch von einem M\u00e4dchenm\u00f6rder erz\u00e4hlt, der, wie sich herausgestellt hat, der Hausmeister der \u00f6rtlichen Schule gewesen war. Sie hat mir erz\u00e4hlt, dass er sie eines Abends, als sie mit Freundinnen verabredet war, auf einen Tee eingeladen hat. Und was h\u00e4tte sie sich damals dabei denken sollen? Und wer w\u00e4re ich geworden, w\u00e4re meiner Mutter damals etwas passiert? Nicht auszudenken.<\/p>\n<p>In Tytuv\u0117nai gibt es zwei Seen: Bridvai\u0161is und Gilius. Der See Gilius von einem Wald umgeben. Und dieser Wald h\u00f6rt genau an der Friedhofsmauer auf. Jedes Mal, wenn ich mit meinen Cousinen und meinem Cousin nach den sommerlichen Tanzabenden zum Haus meines Onkels durch den Wald gegangen bin, habe ich Todes\u00e4ngste ausgestanden. Es war immer so dunkel, dass man die Hand nicht vor Augen sehen konnte. St\u00e4ndig war das Knacken des Unterholzes zu h\u00f6ren. Besonders schlimm war das letzte St\u00fcck des Weges entlang der Friedhofsmauer. Ich hatte stets das Gef\u00fchl, jeden Augenblick m\u00fcsse ein Axtm\u00f6rder auftauchen. Oder ein lebender Toter, der noch eine Rechnung mit der Welt offen hatte.<\/p>\n<p>Irgendwie habe ich erwartet, dass sich etwas ge\u00e4ndert hat, seit ich vor drei Jahren zuletzt hier war. Aber offenbar haben die Uhrzeiger hier vergessen, dass sie dazu bestimmt sind, sich weiterzudrehen. Nicht einmal der Groll meiner Verwandten hat sich gelegt. Sie nehmen es mir noch immer \u00fcbel, dass ich nie zur\u00fcckgekehrt bin. Nicht einmal zu Hochzeiten, bis auf zwei. Auf dem Dachboden meines Gro\u00dfvaters habe ich schon als Teenager alte Briefe meiner Gro\u00dfeltern gefunden. Aus ihnen geht hervor, dass mein Gro\u00dfvater wegen meiner Gro\u00dfmutter eine andere Frau verlassen hat \u2013 am Tag der Hochzeit. Diese pikante Geschichte haben sie uns vorenthalten, glaube ich. Ob meine Verwandten davon gewusst haben? Ich habe jedenfalls nie jemanden darauf angesprochen. Auch habe ich meinem Gro\u00dfvater nie gesagt, dass ich von der Existenz dieser Briefe wusste. Ich wei\u00df aber nach der Lekt\u00fcre dieser Briefe besser als alle anderen aus meiner Familie, dass sich meine Gro\u00dfeltern sehr geliebt haben. Sie haben es jeden Tag gelebt und auch ihre Vorgeschichte zeigt es. Aus den Briefen geht auch hervor, dass die Eltern meiner Gro\u00dfmutter gegen die Beziehung waren, weshalb die beiden sich eines Nachts still und heimlich abgesetzt haben. Der \u00e4lteste Bruder meiner Mutter ist unehelich auf die Welt gekommen, da meine Gro\u00dfeltern lange nicht an eine Heirat gedacht haben. Beide hatten einige Jahre in einem gro\u00dfen Hotel gearbeitet, ehe sie nach Tytuv\u0117nai gezogen waren, um eine eigene Fr\u00fchst\u00fcckspension zu er\u00f6ffnen. Ich glaube, meine Gro\u00dfmutter hat sehr darunter gelitten, dass die Dinge gelaufen sind, wie sie nun einmal gelaufen sind, auch wenn sie ihren Mann, ihre Kinder und Enkelkinder \u00fcber alles geliebt hat. Sicherlich wollte sie auch nur das Beste f\u00fcr uns, ihre Wut auf das Leben hat sie jedoch nie verbergen k\u00f6nnen. Und besonders die auf mich nicht. Alle Enkelkinder hat sie heiraten sehen, nur mich nicht. Dabei hat sie eine Heirat immer als das allerwichtigste Ereignis im Leben eines Menschen erachtet; warum auch immer sie das so gesehen hat. Leon, mein Verlobter, spricht schon seit einem Jahr davon, dass wir endlich einen Hochzeitstermin festlegen sollen, wo wir doch schon lange verlobt sind. Eigentlich sollte ich doch gl\u00fccklich sein, dass es ihm mit der Hochzeit nicht schnell genug gehen kann. Ich war doch auch einmal eines dieser M\u00e4dchen, die von einer romantischen M\u00e4rchenhochzeit getr\u00e4umt haben. Und jetzt finde ich mehr Gr\u00fcnde gegen als f\u00fcr eine Ehe. Ich meine, wozu noch heiraten? Vieles kann man heutzutage ohnehin schon mit Vollmachten und Verf\u00fcgungen regeln. Und ob der gemeinsame Nachname wirklich die sicherste Basis f\u00fcr eine Beziehung ist?<\/p>\n<p>Leon und ich sind schon seit beinahe neun Jahren zusammen. Und obwohl man uns von au\u00dfen betrachtet als gl\u00fcckliches Paar bezeichnen w\u00fcrde, habe ich schon seit einer Weile meine Zweifel an dieser Beziehung. Um genau zu sein, seit unserer Verlobung vor einem Jahr. Vielleicht, weil der Gedanke an die Ehe f\u00fcr mich etwas Zwanghaftes, Fesselndes und Einengendes hat. Oft frage ich mich, ob manche Paare ohne Trauschein nicht besser aufgehoben w\u00e4ren. Mein Gro\u00dfvater hat Leon sehr gemocht und einer Hochzeit schon lange seinen Segen gegeben. Und nie h\u00e4tte ich ihm sagen k\u00f6nnen, dass ich an der Ehe zweifle. An der Ehe im Allgemeinen und an der mit Leon im Besonderen. Ja, Leon ist ein toller Schwiegersohn, meine Eltern verg\u00f6ttern ihn; wie \u00fcbrigens meine ganze Familie. Er l\u00e4sst sich nicht einmal den Frust \u00fcber mein Hinausz\u00f6gern der Eheschlie\u00dfung anmerken. Er ist einfach da und tut alles f\u00fcr mich, akzeptiert alles. Solange ich bei ihm bin. Das scheint sein gr\u00f6\u00dftes Gl\u00fcck zu sein. Und was ist mein gr\u00f6\u00dftes Gl\u00fcck?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Cornelia Hell<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 16031<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2016. Drei Jahre ist es nun schon her, dass ich zuletzt hier war. Nicht, dass mir Familie nichts bedeutet. Ich stehe meiner nur nicht besonders nahe. 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