{"id":4100,"date":"2016-02-14T17:01:02","date_gmt":"2016-02-14T17:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4100"},"modified":"2016-08-19T18:33:03","modified_gmt":"2016-08-19T18:33:03","slug":"das-pack","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4100","title":{"rendered":"Das Pack"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4100&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4100&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Kurt konnte nur am Sonntag schreiben. Die anderen sechs Tage der Woche arbeitete er im Herrenmoden-Gesch\u00e4ft seines verstorbenen Onkels. Allzu ernst nahm er sein Schreiben nicht; es war im Grunde nicht mehr als eine Besch\u00e4ftigungstherapie, die ihm der Arzt wegen seiner angeschlagenen Nerven empfohlen hatte. Er litt an Schlafst\u00f6rungen, weigerte sich aber, Medikamente zu nehmen. Das Schreiben lag ihm noch am ehesten, im Gegensatz zu Zeichnen, Porzellanmalerei, Origami oder Ikebana, was der Doktor auch noch vorgeschlagen hatte. Immerhin hatte Kurt bis zum Antritt der Onkel-Erbschaft in einem Sachverlag f\u00fcr Ornithologie gearbeitet, wenn auch nur als Buchhalter.<\/p>\n<p>Der Sonntag Mitte Juli war ein hei\u00dfer Tag. Kurt sa\u00df im Unterhemd an seinem Schreibtisch, die Fenster waren geschlossen, die Jalousien halb heruntergelassen. Vor ihm lagen mehrere Schulhefte, die zwanzig Bleistifte parallel ausgerichtet, Radiergummis in verschiedenen Gr\u00f6\u00dfen und Farben, Spitzer, B\u00fcroklammern, Klebstoff und ein Sto\u00df mit einzelnen A4- Bl\u00e4ttern, haargenau gestapelt an der rechten, oberen Ecke des Tisches. Er hatte immer schon die Gewohnheit gehabt, auch im Verlag, alles vorzuschreiben. Erst wenn er zufrieden war, \u00fcbertrug er das Geschriebene in ein Heft. Die verworfenen Zettel verbrannte er sofort im Waschbecken der K\u00fcche, damit er es sich nicht anders \u00fcberlegte und zu t\u00fcfteln anfing. Dieses an Sonntagen wiederkehrende Vorgehen beruhigte ihn und gab ihm eine gewisse Sicherheit, dass er mit seiner Schreibtherapie Fortschritte machte. Es war seine Form der Kontingenz, mit der Welt in Verbindung zu stehen. Zwei Vogel-Geschichten hatte ihm sein alter Verlag schon abgenommen.<\/p>\n<p>Er war nun etwa drei\u00dfig Minuten an seinem Tisch vor den leeren Bl\u00e4ttern gesessen, konzentriert und gerade lange genug, um die Ahnung einer Idee f\u00fcr einen Ansatz zu finden, den er heute bearbeiten wollte: \u201eDie Zugv\u00f6gel am Schwarzenbach vor dem Aufbruch\u201c, da h\u00f6rte er die M\u00e4nner kommen, vier oder f\u00fcnf. Es war fr\u00fcher Nachmittag. Unter lautem Reden und Lachen bogen sie von der Schwarzenbachstra\u00dfe mit dem Katzenkopflaster auf den kleinen, asphaltierten Platz der Reihenhaussiedlung ein. Wie das klang, mussten zwei von ihnen genagelte Schuhe anhaben.<\/p>\n<p>Hei B\u00f6rni, heute bist du dran.<br \/>\nLos, Walter, immer drauf.<br \/>\nNein, ich will heute nicht ins Tor, soll doch der Karli.<br \/>\nOida, kannst dich gleich wieder schleichen, wenn du nicht, du A\u2026.<br \/>\nOk, geh ich halt ins Tor.<br \/>\nMaarioo, hier r\u00fcber, mach schon, du oida Beidl!<\/p>\n<p>Wumm, plopp, wumm, plopp &#8211; schon krachten die Sch\u00fcsse in unregelm\u00e4\u00dfigem Stakkato an des metallene Garagentor, das die M\u00e4nner als Goal benutzen. Der ganze Platz hallte wider, die in einem Halbrund stehenden, zweigescho\u00dfigen H\u00e4user warfen die Ger\u00e4usche einander zu und vervielf\u00e4ltigten den L\u00e4rm zu Dauerexplosionen. Tore schie\u00dfen, das machten sie die ersten drei\u00dfig Minuten immer als Aufw\u00e4rm\u00fcbung. Vergeblich hoffte Kurt, dass es nachlassen w\u00fcrde. Er kaute hinten an seinem Faber&amp;Faber-Bleistift Nr. 5, extra hart, und nahm sich zusammen, nicht aufzustehen und beim Fenster hinauszuschauen. Das Gebr\u00fcll ging weiter, aber er musste das Treiben auf dem Vorplatz nicht mit eigenen Augen sehen, er h\u00f6rte alles und h\u00e4tte ihr Spiel so gut kommentieren k\u00f6nnen wie der legend\u00e4re blinde Sportreporter Stanley Howell von den Chicago Dodgers.<\/p>\n<p>Die Schlacht tobte keine zwanzig Meter von seinen Fenstern entfernt. Sie schrien, gr\u00f6lten, beschimpften und beleidigten einander auf das Unfl\u00e4tigste, wie es echte Sportsfreunde nie gemacht h\u00e4tten. Aber das war nur Kurts Vermutung, da er seit dem Zwang in der Schule nie freiwillig Sport betrieben hatte.<\/p>\n<p>Wumm, wumm, plopp, plopp, die Treffer knallten ans Garagentor, das auch noch dumpf nachhallte wie eine schlecht gestimmte Glocke. Sie lachten und gr\u00f6lten und feuerten einander an. Sie sprangen herum wie Ziegenb\u00f6cke ohne Ziel und Spielregeln, sie achteten absichtlich nicht aufeinander, sie tobten mit angezogenen Knien und ruderten mit den Armen in der Luft. Kurt hatte den Eindruck, dass sie gar nicht zusammenspielen wollten, sondern nur Krach schlagen, andere Leute \u00e4rgern und Spa\u00df daran haben.<\/p>\n<p>Er meinte, trotz der geschlossenen Fenster, die Schallwellen in seinem Zimmer zu sp\u00fcren, wenn das Metalltor unter den Balltreffern in Schwingung kam. Aber er hatte ja angeschlagene Nerven, sagte sein Arzt, und sollte sie mit dem Schreiben beruhigen.<\/p>\n<p>\u201eVerdammt, diese bl\u00f6den Blumen st\u00f6ren m\u00e4chtig. Ich hab keinen guten Blick aufs Goal. Rei\u00df sie aus.\u201c Kurt fuhr zusammen, als h\u00e4tten die Worte ihm gegolten. Erst vor wenigen Wochen hatte er links und rechts von der Garage einige Reihen mit Stiefm\u00fctterchen, Lobelien und Hortensien gepflanzt. Eigentlich nur verpflanzt. Denn eines Sonntags an seinem Schreibtisch am Fenster war ihm aufgefallen, dass sie im Schatten der Garage, zwischen den Colonia-K\u00fcbeln nicht die geringste Chance zum \u00dcberleben hatten. Da kam kein Sonnenstrahl hin, zu keiner Zeit des Tages. Der Hausmeister war ein Faulpelz und S\u00e4ufer, der nur im Schwarzenbachst\u00fcberl herumhing und sich um nichts k\u00fcmmerte. Au\u00dferdem hoffte Kurt, dass durch die h\u00f6heren Hortensien das fleckige Rosttor bald nicht mehr zu sehen sein w\u00fcrde. Pflanzen, das war eigentlich gar nicht sein Gebiet, wenn \u00fcberhaupt Natur, dann waren es bei ihm die V\u00f6gel. Sie sind unter allen Tieren die unschuldigsten, harmlosesten, die, die keinen Schaden anrichteten, fand er. Auch ihr Fliegen und Fl\u00f6ten gefiel ihm, und am Steyrer Schwarzenbach gab es viele Arten. Aber seit er diesen Schritt gemacht hatte, waren die mickrigen Bl\u00fcmchen und B\u00fcsche die Seinen, er pflegte sie und schaute von seinem Fenster mit Wohlgefallen auf sie hin\u00fcber, wie sie sich an der sonnigen Vorderseite der Garage zu erholen begannen.<\/p>\n<p>Torwart B\u00f6rni, der mit den zu langen Sporthosen und dem zu gro\u00dfem Bauch dar\u00fcber, war im Blumenbeet gestolpert, hatte ein Tor abgekriegt und viele Hohnworte von seinen Kumpels geerntet. Er bekam einen Wutanfall, begann in den Pflanzen zu w\u00fchlen und nach ihnen zu treten; er riss die kaum angewachsenen Blumen aus der Erde und schleuderte sie nach allen Seiten.<\/p>\n<p>\u201eVerdammte Schei\u00dfblumen, bl\u00f6de.\u201c<br \/>\n\u201eGib a Ruh, B\u00f6rni, reg dich nicht auf, wir machen Pause, ich hol uns was zum Trinken.\u201c<\/p>\n<p>Kurt riss sich, ohne an seinen Vorsatz zu denken, von seinen wei\u00dfen Bl\u00e4ttern los, machte das Fenster auf und rief mit unge\u00fcbter, br\u00fcchiger Stimme hinunter:<br \/>\n\u201eHe, Sie da, lassen Sie meine Blumen in Ruhe!\u201c<br \/>\nViel zu leise, viel zu h\u00f6flich, Kurt wusste sofort, dass ihn diese Barbaren \u00fcberrennen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>\u201eGeh Oida, was willst du? Geh\u00f6rt der Platz vielleicht dir? Bist du der Hausmeister oder der G\u00e4rtner?\u201c<br \/>\nDie anderen Spieler bogen sich von Lachen, johlten, schlugen sich auf die Schenkel oder einander auf den R\u00fccken und kickten die Blumenst\u00f6cke \u00fcber das Spielfeld. Wenn sie ihnen zwischen die F\u00fc\u00dfe kamen, trampelten sie darauf herum wie kleine Kinder im Schlamm.<\/p>\n<p>\u201eSoll ich dir vielleicht ein Fenster einschlagen, du A\u2026magst du das, ja?\u201c<br \/>\nMit dieser lustigen Idee erntete er wieder beif\u00e4lliges Gejohle.<br \/>\nDer gro\u00dfe B\u00f6rni mit dem fetten, mit Sommersprossen gesprenkelten, schwei\u00dfgebadeten K\u00f6rper lachte grob und warf ein Stiefm\u00fctterchen in die Richtung seines Fensters.<\/p>\n<p>Die \u00c4u\u00dferung war ihm gegen jede Gewohnheit entfahren, weil er so zur\u00fcckgezogen lebte und sich nie um anderer Leute Sachen k\u00fcmmerte. Zus\u00e4tzlich zum Herrenmoden-Gesch\u00e4ft im Zentrum der Kleinstadt Steyr hatte Kurt auch noch diese zweigeschossige Haush\u00e4lfte in der Genossenschaftssiedlung am Schwarzenbach geerbt. Er lebte darin allein im Oberstock, das Erdgescho\u00df hatte er bei der Gemeinde zur Vermietung an Fl\u00fcchtlinge angemeldet.<\/p>\n<p>Eigentlich sollten sie schon da sein, sie waren ihm f\u00fcr Anfang des Monats angek\u00fcndigt worden, ein Mann von der Gemeinde und eine Sozialarbeiterin hatten die Zimmer besichtigt und waren zufrieden. Auch der Hobbykeller, den sie ben\u00fctzen durften, hatte ihr Gefallen gefunden. F\u00fcnf junge Burschen aus Eritrea und Somalia sollten hier wohnen, minderj\u00e4hrige unbegleitete Fl\u00fcchtlinge, muF hie\u00df das auf der Gemeinde. Kurt wusste nicht, warum sich ihre Ankunft verz\u00f6gerte. Er wusste auch nicht so genau, ob er sich auf sie freute. Aber weil er sein Gesch\u00e4ft bald verkaufen und sich ganz zur\u00fcckziehen wollte, hatte er sich nach etwas Neuem umgesehen. Ob das gutgehen w\u00fcrde? Wichtiger war ihm, dass bei ihm, je \u00e4lter er wurde, das Bed\u00fcrfnis wuchs, seinem Vater und Rudi etwas von ihren ungelebten Jahren zur\u00fcckzugeben. Als k\u00f6nnten sie dann weniger tot sein. Seine Mutter hatte zwar \u00fcberlebt, konnte aber diese Austreibung nie verwinden. Kurt war sich bewusst, dass das ein Teil seiner Todesfresser-Religion war, die er f\u00fcr sich erfunden hatte und allen anderen Religionen mit ihren Paradiesen, Seelenwanderungen und J\u00fcngsten Tagen vorzog.<\/p>\n<p>Kurt hatte sein Testament \u2013 und er hatte kein unbetr\u00e4chtliches Verm\u00f6gen \u2013 so ge\u00e4ndert und beim Notar Dr. M. hinterlegt, dass alles eine Stiftung bekommen soll, die unbegleitete Fl\u00fcchtlinge, junge Steyrer Arbeitslose, oder drogenabh\u00e4ngige Schulabbrecher f\u00f6rdern w\u00fcrde. Da hatte er der Gemeinde ein sch\u00f6nes Kuckucksei ins Nest gelegt. Kurt kicherte vergn\u00fcgt in sich hinein, wenn er an die betretenen Gesichter der Stadtr\u00e4te bei der Testamentser\u00f6ffnung dachte, ein Mordsspa\u00df ist das.<\/p>\n<p>Er selbst hatte zu viel Gl\u00fcck gehabt, meinte er, nach diesem schrecklichen Anfang, nach dem Anfang mit Schrecken, und deswegen hat er sich immer geduckt, damit ihn das Leben in Ruhe lie\u00df. Er wollte dem Leben keine Gelegenheit geben, sich an ihm zu r\u00e4chen f\u00fcr sein \u00dcberleben. Dass er als Dreij\u00e4hriger ganz oben auf den Koffern und Binkeln in dem kleinen Leiterwagen sa\u00df, an das erinnerte er sich, wie ein K\u00f6nig zog er durch die Landschaften der M\u00e4rchenb\u00fccher. Seine Mutter ging vor ihm und zog den Wagen mit der Hand, auf ihrem gebeugten R\u00fccken trug sie noch einen Rucksack, viele andere Leute waren da, lange Reihen ohne Ende, das sah er noch ganz genau. Er fand das lustig, schrie h\u00fc-hott und fuchtelte mit einem Weidenzweig herum. Die Mutter sang immer Hopphopphopp, Pferdchen lauf gallopp, und: Hoch auf dem gelben Waahaagen, sitz ich beim Schwager vorn, schlaf, Kurti, schlaf, was das abgebrannte Pommerland mit dem Vater zu tun hatte, hatte er nicht verstanden. Weiter, immer weiter: Aus grauer St\u00e4dte Mauauern, zieh\u2018n wir durch Wald und Feld. Gleich sind wir da, wir machen einen Ausflug zum Onkel, Vater ist auch bald wieder bei uns. Dass sie dabei weinte, konnte er nicht sehen. Mehr eigene Bilder hatte er nicht, die anderen kamen wahrscheinlich von den Erz\u00e4hlungen der Mutter und des Onkels, vom Todesmarsch aus Br\u00fcnn nach Steyr. Angeblich hatte er einen kleinen Bruder, den Rudi, der die Austreibung aus dem Sudetenland nicht \u00fcberlebt hatte. Der Vater-Soldat die Ostfront auch nicht. Als das nach dem Krieg feststand, hatte ihn Onkel Heinrich, der reich gewordene Bruder der Mutter, adoptiert. Er bekam von ihm und seiner Frau, der Tante Vroni, auch den sch\u00f6nen deutschen Namen Nemetz.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner da drau\u00dfen waren zwischen drei\u00dfig und vierzig, zwei waren wirklich sehr gro\u00df und sehr dick, der rote B\u00f6rni und der dunkle Walter, der jetzt, die Arme voller Bierdosen, von der Tankstelle zur\u00fcckkam. Alle hatten da und dort T\u00e4towierungen, aber Walters K\u00f6rper hatte keinen Fleck ohne Bilder oder Schriften. Sogar die Glatze war bedeckt von Girlanden mit Stacheldraht, Totenk\u00f6pfen und runenartigen altdeutschen Buchstaben.<\/p>\n<p>Dieses Pack, der L\u00e4rm am Sonntag und nun gegen die Blumen. Seine? Ja, es waren schon seine geworden, irgendwie. Wahrscheinlich wussten sie, dass er sie gepflanzt hatte. Kurt schloss das Fenster, lie\u00df die Jalousien ganz herunter und ging in die K\u00fcche, um sich das Gesicht kalt abzuwaschen. Dann setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch am Fenster, mit schwachen Knien und rasendem Herzen und streckte die H\u00e4nde auf den Knien aus, sie zitterten. Der Bleistift rollte kraftlos aus den Fingern und fiel zu Boden. Er hob ihn nicht auf, es war sehr hei\u00df im Zimmer. Wenn ich ein Gewehr h\u00e4tte, w\u00fcrde ich jetzt schie\u00dfen, zog es Kurt durch den Kopf, obwohl er noch nie ein Gewehr in H\u00e4nden gehalten hatte.<\/p>\n<p>Jetzt h\u00f6rte er, wie im Nachbarhaus ein Fenster ge\u00f6ffnet wurde. Kurt spannte den R\u00fccken, das ist gut, Herr Leitner \u00f6ffnete sein Fenster, er w\u00fcrde auf seiner Seite sein.<br \/>\n\u201eHallo, Sie da, wissen Sie nicht, dass man hier nicht Ballspielen darf? In der Einfahrt ist ein Verbotsschild, da steht es drauf. Hier leben arbeitende Menschen, die Menschen wollen schlafen! Ich hol die Polizei, gehen Sie weg.\u201c<br \/>\nHerr Leitner war Nachtportier in der Lokomotiv-Fabrik und wollte am Sonntag ausschlafen.<br \/>\n\u201eNa und, dann schlaf halt, marsch, ins Bett, Opa, und hol ruhig die Polizei!\u201c<\/p>\n<p>Sie kreischten und heulten und hatten einen Mordsspa\u00df miteinander. Walter zielte mit seiner Bierdose auf Leitners Fenster, Kurt sp\u00fcrte, wie sie knapp an ihm vorbeiflog, einen Augenblick in der Luft h\u00e4ngenblieb und dann an der Mauer abprallte. Walter nahm sich eine neue Dose und spuckte zwischen seine gespreizten Beine auf den Boden. Der rote B\u00f6rni rief etwas Obsz\u00f6nes, wackelte mit dem Becken und griff sich zwischen die fetten Beine. Herr Leitner sch\u00fcttelte den Kopf, als wollte er sagen: Na so was, und das bei uns. Das gibt\u2019s nicht. Dann schloss er laut krachend die beiden Fl\u00fcgel seines Fensters zusammen und zog die Vorh\u00e4nge vor die Fenster.<\/p>\n<p>Kurt wusste, dass es keinen Sinn hatte, die Polizei zu rufen. Er war schon auf dem Posten gewesen und hatte von der Bel\u00e4stigung an den Sonntagnachmittagen berichtet. Der Beamte l\u00e4chelte nur s\u00fcffisant und meinte: \u201eNaja, wenn die Leute Sport betreiben wollen, soll man sie nicht aufhalten. Ist doch gesund, oder?\u201c Die anderen Beschwerden hatte er dem Polizisten gar nicht mehr vorgetragen, auch nicht, dass die Genossenschaft eine Verbotstafel aufgestellt hatte. Er wusste, dass der zur selben Sorte Unmensch geh\u00f6rte wie die Ballspieler, nur dass er eine Uniform trug.<br \/>\nDas Geschrei der f\u00fcnf da unten nahm an Lautst\u00e4rke zu, das Bier befeuerte offenbar ihre Stimmung. Sie sa\u00dfen im Blumenbeet vor der Garage, die Beine weit ausgestreckt und prosteten sich mit den Dosen zu, legten den Kopf weit in den Nacken und tranken in vollen Z\u00fcgen.<\/p>\n<p>Kurt hielt es nicht mehr aus in seinem Zimmer, das Schreiben konnte er f\u00fcr heute vergessen. Die Bilder von den Zugv\u00f6geln, die sich auf den Telegrafendr\u00e4hten zum Abflug sammelten, waren zerronnen wie \u00d6l in einer Wasserlacke. Er zog sich ein Hemd an, schlich auf den Korridor und durch das Treppenhaus zur Hintert\u00fcre hinaus.<br \/>\nDort lag ein alter Kaiserziegel, den er zum Offenhalten ben\u00fctzte, wenn er den M\u00fcll hinaustrug. Normalerweise schob er ihn nur mit dem Fu\u00df hin und her, jetzt nahm er ihn auf und wog ihn in der Hand, vier, f\u00fcnf Kilo wird der schon haben. Ohne ein Ger\u00e4usch zu machen, gelangte er unbemerkt durch den kleinen Hinterhof, vorbei an der metallenen W\u00e4schespinne an die R\u00fcckseite der Garage. Vorsichtig kletterte er \u00fcber die Mistk\u00fcbel auf das nach hinten abgeflachte Dach, legte sich auf den Bauch und atmete einige Male tief durch, um sich zu beruhigen. Dann schob er sich vorsichtig an den Rand des Garagendaches, ger\u00e4uschlos und millimeterweise, bis er kippte. Er h\u00f6rte einen dumpfen, ordin\u00e4ren Aufprall und einen h\u00e4sslichen Fluch.<\/p>\n<p>\u201eVerdammt, was war das? Das war sicher der Kerl da oben.\u201c<br \/>\nDas war B\u00f6rnis Stimme, die jaulte wie ein getretener Hund.<br \/>\n\u201eEinen Arzt her\u201c, schrie Walter und riss sein Handy aus der Hosentasche.<br \/>\nAuch Karli begann wie wild zu telefonieren, Mario und der f\u00fcnfte Kerl k\u00fcmmerten sich um die Wunde. Sie wickelten dem verletzten B\u00f6rni ein T-Shirt um den Kopf, halfen ihm auf die Beine und schleppten ihn fluchend und F\u00e4uste sch\u00fcttelnd \u00fcber den Platz auf die Schwarzenbachstra\u00dfe. Der letzte nahm noch einen Stein vom Stra\u00dfenrand und schleuderte ihn auf Kurts Haus. Er krachte gegen die geschlossene Jalousie und fiel polternd zu Boden.<\/p>\n<p>Mit pochendem Herzen lag er ganz flach auf dem Garagendach und lauschte in die Stille. Gleich w\u00fcrden sie kommen, nichts da, sie kehrten nicht zur\u00fcck. Aus der anderen Haush\u00e4lfte sah er sp\u00e4ter die alte Frau Huber herauskommen, die am Abend immer ihren Hund ausf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Als sie verschwunden war, kroch Kurt vom Dach und schlich zur\u00fcck in seine Wohnung. Minutenlang sa\u00df er reglos am K\u00fcchentisch, h\u00f6rte dem Pochen des Blutes in seinen Ohren zu, bis sich seine Nerven soweit beruhigt hatten, dass er aufstehen und zum Waschbecken gehen konnte. Er spritze sich Wasser ins Gesicht, goss sich dreimal Wasser ins Glas und trank es in kleinen Schlucken. Langsam beruhigte sich auch sein Atem. Er horchte in das Treppenhaus hinaus und zum Telefon hin\u00fcber. Jetzt wird die Polizei kommen, dachte er, in f\u00fcnf Minuten sind sie da, in zehn. Nichts kam. Es war lange Zeit vollkommen still, bis er die alte Frau Huber zu Herrn Leitner vor der Haust\u00fcr sagen h\u00f6rte: \u201eNa, heute haben Sie die Banditen aber sch\u00f6n verjagt.\u201c Der verschlafene Leitner brummte etwas Unverst\u00e4ndliches, und Frau Huber meinte noch, dass es am n\u00e4chsten Sonntag sicher regnen w\u00fcrde. Ihr alter Spaniel kl\u00e4ffte ein paar Mal zu Herrn Leitner hinauf, der im offenen Fenster lehnte.<br \/>\nImmer noch h\u00f6rte Kurt den dumpfen, h\u00e4sslichen Aufprall des Ziegels und malte sich aus, wie er B\u00f6rnis Sch\u00e4deldach eingeschlagen und sein Gehirn zerquetscht hatte.<br \/>\nNoch einmal vergingen zehn Minuten, 20, 30, das Pack kam nicht zur\u00fcck, keine Polizei war zu sehen, und auch das Telefon klingelte nicht.<\/p>\n<p>Die Furcht kroch in ihm hoch. Ob sie unten auf ihn warteten? Sicher war B\u00f6rni schon im Spital, schwerverletzt, oder war er gar schon gestorben? Man bringt doch keinen Menschen um, nur weil er am Sonntag unter dem Fenster Fu\u00dfball spielt, auch wenn einem danach zumute w\u00e4re. Kurt hielt wieder den Kopf unter das kalte Wasser und wollte sich Kaffee machen, stellte aber fest, dass er gestern vergessen hatte, welchen einzukaufen, weder Kaffee noch Milch waren im Haus. Kurt nahm eine kalte Dusche, zog sich frische Sachen an und wartete bis zum Einbruch der Dunkelheit, dann schlich er \u00fcber Umwege zur Tankstelle und besorgte Milch und Kaffee. Auf dem R\u00fcckweg begegnete er der Frau Leitner, die ein paar Stunden in der Fabrikskantine putzte.<br \/>\n\u201cGr\u00e4sslich war das heute wieder. Mein Mann muss einmal aufbleiben und sich das anh\u00f6ren, er soll die Polizei holen, damit der Wirbel ein Ende hat. Der Hausmeister ist auch nie da, wenn man ihn br\u00e4uchte. Aber wir m\u00fcssen ihn bezahlen, und zu Weihnachten kriegt er auch noch Mordstrinkgelder.\u201c<br \/>\n\u201eJa, Sie haben Recht\u201c, antwortete Kurt einsilbig; sie verabschiedeten sich vor dem Haus, und ein jeder ging in seine H\u00e4lfte.<\/p>\n<p>Als er sich mit dem frischen Kaffee ins Zimmer setzen wollte, sah er, dass alle Fenster eingeschlagen waren, der Teppich mit Glasscherben \u00fcbers\u00e4t war und von den f\u00fcnf Steinen einer in seinem Bett lag. Dieser war mit einem St\u00fcck Papier umwickelt, auf dem Kurt lesen konnte: Kein NEGERPACK in unserem Viertel! DU BIST DER N\u00c4CHSTE! WIR KRIEGEN DICH!<\/p>\n<p>Die Jalousien hingen zerfetzt in den leeren Fensterh\u00f6hlen. Kurt holte Besen und Schaufel und machte sich ans Aufr\u00e4umen. Dann schaltete er das Licht aus, setzte sich im Unterhemd an den Tisch und schaute im Finstern aus dem Fenster. Deutlich konnte er die f\u00fcnf Gestalten sehen, die unter der Laterne auf der Schwarzenbachstra\u00dfe an der Einfahrt zum Parkplatz standen und zu seinem Haus her\u00fcbersahen.<br \/>\nWas wollten sie noch? Glas zum Zerschlagen gab es keines mehr. Feuer legen? Brandbomben werfen? Ihren Kumpan r\u00e4chen?<br \/>\nKurt war schwindelig, und er setzte sich auf das Bett: ratlos, verwirrt und pl\u00f6tzlich sehr, sehr m\u00fcde. Sie waren zu f\u00fcnft da drau\u00dfen, das hie\u00df, dass der rote B\u00f6rni nicht tot war.<br \/>\nLangsam stiegen Freude und Erleichterung in ihm hoch, breiteten sich bis in den Kopf aus und f\u00fcllten seine Augen mit Tr\u00e4nen. Morgen wollte er die Blumen wieder einpflanzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 16030<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurt konnte nur am Sonntag schreiben. Die anderen sechs Tage der Woche arbeitete er im Herrenmoden-Gesch\u00e4ft seines verstorbenen Onkels. Allzu ernst nahm er sein Schreiben nicht; es war im Grunde nicht mehr als eine Besch\u00e4ftigungstherapie, die ihm der Arzt wegen seiner angeschlagenen Nerven empfohlen hatte. Er litt an Schlafst\u00f6rungen, weigerte sich aber, Medikamente zu nehmen. 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