{"id":4070,"date":"2016-02-09T16:24:56","date_gmt":"2016-02-09T16:24:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4070"},"modified":"2016-02-11T08:06:30","modified_gmt":"2016-02-11T08:06:30","slug":"liebe-und-glamour","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4070","title":{"rendered":"Liebe und Glamour"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4070&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4070&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Als Ditta das Haus betrat, wusste sie sofort, dass ihr Mann aus der Firma zur\u00fcck war. Im Vorhaus standen seine Schuhe exakt parallel auf der Matte, der beige Staubmantel und der gr\u00fcne Schirm hingen in der Garderobe, die d\u00fcnne schweinslederne Aktentasche und der Schl\u00fcsselbund lagen auf dem Board unterhalb des Spiegels. Alles sah aus wie immer, wenn sie aus dem Golfclub, der Sauna oder von der Bridge-Runde zur\u00fcckkam. Nur sie war eine andere geworden, ganz pl\u00f6tzlich, heute Nachmittag.<br \/>\nSchon an der offenen T\u00fcre rief sie ins Haus hinein:<br \/>\n\u201eIch bin wieder da, Darling! Was machst du, Heinzi?\u201c<\/p>\n<p>Dieselbe Frage wie jeden Tag, obwohl sie wusste, dass er im Wohnzimmer, das er \u201eOffice\u201c nannte, in seinem Ohrensessel sa\u00df, in der New York Times B\u00f6rsenberichte studierte und Kreuzwort- und Sudoku-R\u00e4tsel l\u00f6ste. Dazu g\u00f6nnte er sich die einzige Zigarre des Tages, die sie ihm erlaubte, w\u00e4hrend er darauf wartete, dass sie das Abendessen servierte.<br \/>\nDitta war aufgeregt, sie atmete schwer, sp\u00fcrte auf den Wangen rote Flecken aufziehen und zitterte so, dass sie gegen ihre Gewohnheit mit Schuhen, Jacke und Tasche ins Zimmer st\u00fcrzte. Ihr Mann schaute kurz auf, zuckte mit den Schultern und brummte:<br \/>\n\u201eNanana, wo brennt`s denn? Was gibt es zu essen?\u201c<\/p>\n<p>Auch diese Frage kam jeden Tag und war so \u00fcberfl\u00fcssig wie ihre, weil er sich jeden Abend einen Wurst- und K\u00e4seaufschnitt mit Beilagen und ein reichhaltiges Brot- und Geb\u00e4ckk\u00f6rbchen w\u00fcnschte. Obwohl er Kn\u00e4ckebrot verachtete und es noch nie angefasst hatte, musste es immer dabei liegen. Es k\u00f6nnte ja jemand vorbeikommen, der Kn\u00e4ckebrot sch\u00e4tzte. Es war aber noch nie ein Schwede bei ihnen vorbeigekommen. Bei ihnen kam schon lange niemand mehr einfach so vorbei.<br \/>\n\u201eGleich, ich komme!\u201c<br \/>\n\u201eStell dir vor, was mir heute passiert ist.\u201c<br \/>\n\u201eKann das nicht sp\u00e4ter sein? Ich habe Hunger und bin m\u00fcde.\u201c<\/p>\n<p>Dass Heinz Hofferer hungrig war, konnte sie nicht ausschlie\u00dfen, denn er machte sich nie selbst etwas zu essen. Dass er heute m\u00fcde war von einem langen Arbeitstag, war \u00fcbertrieben, denn er hatte schon vor drei Jahren einen t\u00fcchtigen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer in seiner Firma eingestellt. Hofferer ging nur noch ins B\u00fcro, weil ihm zu Hause langweilig war. Er hatte als Gesch\u00e4ftsmann \u00fcber viele Jahre \u00e4u\u00dferst erfolgreich eine Firma aufgebaut, die Gl\u00fcckskarten und Rubbellose herstellte, also eine Grafikanstalt und eine Spezial-Druckerei betrieb. Zum Verkauf konnte er sich noch immer nicht entschlie\u00dfen, die Firma war ihm ans Herz gewachsen wie ein Kind, sie <em>war<\/em> sein Kind, das verkauft man doch nicht einfach.<\/p>\n<p>Ihre Tochter Miriam wohnte mit Mann und Enkelkindern in der westlichsten Hauptstadt B., und der Garten interessierte ihn nur so weit, als er jeden Abend Runden durch das weitl\u00e4ufige Gel\u00e4nde unternahm, vom Naturteich im Obstgarten ganz hinten zum k\u00fcnstlich angelegten japanischen vor der Terrasse, immer hin und her. Beim Naturteich stand er auf dem Badesteg und starrte auf die Fr\u00f6sche im Wasser und die Libellen im Schilf, beim Japaner fixierte er von der geschwungenen Br\u00fccke aus die Goldfische, so gedankenlos und tr\u00e4ge wie sie selbst. K\u00fcrzlich hatte er einen Roboter angeschafft, der das Gras m\u00e4ht, ihr neues Familienmitglied, den sie Butler James nannten. Wenn Heinz sich in der Hollywoodschaukel niederlie\u00df, die an einem zentralen Ort aufgestellt war, von dem man fast den ganzen Garten \u00fcberblicken konnte, sah er James dabei zu, wie er Runde um Runde drehte, an ein Hindernis stie\u00df und danach seine Richtung \u00e4nderte.<br \/>\nJe nachdem, wie die Uhr gestellt war, steuerte James sich selbst zu einem kleinen Schuppen Mit einem runden Tor \u00e4hnlich wie bei einer Hundeh\u00fctte, parkte sich ein und schaltete sich ab.<br \/>\nHeinz`s Blicke waren dabei gespannt aufmerksam, leicht belustigt und fast liebevoll. Er betrachtete ihn wie ein Tierliebhaber einen spielenden Hund oder ein weidendes Schaf. Oder Kinder.<\/p>\n<p>Ditta war ihr ganzes Leben eine passionierte G\u00e4rtnerin gewesen, das sah man ihrem Garten auch an \u2013 sie hatte als Auszeichnung eine ovale Plakette bekommen \u201eTraditioneller Naturgarten\u201c, die vorne an der Stra\u00dfe \u00fcber dem Gartenzaun prangte und auf die sie stolz war wie andere auf den Nobelpreis. Allerdings hatte sie sich seit einiger Zeit einen Helfer genommen, den kr\u00e4ftigen, jungen Asylwerber aus Afghanistan Mahmoud, einen sogenannten umF (unbegleiteten minderj\u00e4hrigen Fl\u00fcchtling), weil ihre Bandscheiben die meisten Arbeiten nicht mehr zulie\u00dfen. Nicht schlimm, nur \u201ealtersgem\u00e4\u00df abgenutzt\u201c, hatte der Orthop\u00e4de gesagt. An Alis Seite verbrachte sie mehr Zeit als mit ihrem Mann. Ali lernte gerade die ersten deutschen Worte im Kurs der Kirchengemeinde, aber beim G\u00e4rtnern war die gesprochene Sprache ohnehin nicht das Wichtigste. Wegen des R\u00fcckens hatte sie auch ihr geliebtes Tennis ganz aufgegeben und beim Golf reduziert, sie machte nicht mehr alle L\u00f6cher und sa\u00df immer h\u00e4ufiger mit Freunden beim Bridge in der Club-Lounge.<br \/>\nDitta holte aus der K\u00fcche Heinz\u2019s \u201eVorspeise\u201c, wie sie sein abendliches Glas Bourbon mit Eisw\u00fcrfeln nannte, zog einen einfachen Stuhl an den Ohrensessel ihres Mann heran und sprudelte nur so \u00fcber.<\/p>\n<p>\u201eHeinzi-Schatzi, h\u00f6r zu, heute im Golfclub, wir waren gerade mit dem letzten Rubber fertig, sagt Henriette, die Neue in der Runde, dass sie die ber\u00fchmte Schriftstellerin Arabell Inenda kennt. Du wei\u00dft ja, wie sehr ich sie liebe und verehre. Stell dir vor, das neueste Buch ist gerade herau\u00dfen und schon wieder ein Bestseller, ein world bestseller. Das k\u00f6nnte dich auch interessieren, es soll ein Politkrimi sein. Jetzt kommt sie zu einer Lesung nach Wien, und Henriette w\u00fcrde sie zu sich einladen, ein kleine, private Runde, und ich dabei! Ein internationaler Star kommt zu ihr ins Haus, sie hat mich pers\u00f6nlich eingeladen: `Ditta, mein Kleines, komm doch n\u00e4chsten Donnerstag zum Tee, Arabell wird vorbeischauen.<br \/>\nVorbeischauen, stell dir vor, ein Star schaut vorbei, einfach so! Henriette ist so cool. Kleines, sagte sie, ich wei\u00df, wie du sie liebst, ihre B\u00fccher, und du kennst sie am besten von uns allen.<br \/>\nDa kannst neben ihr sitzen und sie selbst befragen, alles, was du willst, sie ist ein Superstar, aber auch nur ein Mensch.\u201c<\/p>\n<p>Bei diesem Gedanken erstarrte Ditta, es war f\u00fcr sie unvorstellbar, ihren K\u00f6rper neben dem ihren zu sp\u00fcren oder gar Fragen an sie zu stellen und ihr dabei in das Gesicht zu sehen. Was sollte sie sagen, wie sie ansprechen, sehr geehrte Frau Inenda\u2026 liebe Arabell&#8230; ich, \u2026 sie sagt zu mir, liebe Ditta, mein Liebes, \u2026 ich sage, h\u00f6re Henriette, \u201esei nicht so sch\u00fcchtern, mein Kleines\u2026.\u201c<br \/>\n\u201eArabell &#8211; wer?\u201c<br \/>\n\u201eHeinz, also wirklich, das ist nicht fair, du bist gemein, sie ist doch ein Star!\u201c<br \/>\nDitta wollte so streng klingen, wie sie nur sein konnte, kein Darling, kein Heinzi oder Schatzi.<\/p>\n<p>Sie hatte das neue Buch \u00fcber Liebe und Schatten nat\u00fcrlich schon bestellt. Seit dem ersten Roman vom Spukschloss hat sie jede Zeile von ihr gelesen, Artikel und Bilder gesammelt, in Alben eingeklebt wie Teenager das mit Fu\u00dfball- oder Popstars machen. Ditta genierte sich nicht daf\u00fcr, auch wenn Heinz sie daf\u00fcr verspottete. Sie verteidigte ihr Reich. Sie schreibt so sch\u00f6n, einfach und romantisch, sie trifft alle meine Gef\u00fchle und Gedanken, als w\u00fcrde sie mich pers\u00f6nlich kennen, man kann alles sofort verstehen, sich die Menschen und Situationen vorstellen, ohne lang nachdenken zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Heinz brummt und sagt, ohne von seinem Sudoku aufzuschauen:<br \/>\n\u201eDiese Kitschziege, die kann doch gar nicht schreiben, sie hat ihren Ruhm nur durch den Namen ihres Vaters.\u201c<br \/>\n\u201eNein, Heinz, das ist ungerecht, sie hat sich ihren Ruhm selbst erschrieben. Jedes Buch wird ein Bestseller, in der ganzen Welt.\u201c<br \/>\n\u201eJa, die stecken doch alle unter einer Decke, alle schreiben voneinander ab, ich kenne diese Gesch\u00e4ftemacher.\u201c<br \/>\n\u201eDas siehst du nicht richtig, wie bist du denn drauf! Sie ist eine wunderbare Frau, ich war einmal bei einer Lesung von ihr in Wien, wei\u00dft du noch, bei der Thalia, so herzlich, so charmant, ganz ohne Arroganz, sie schaut nicht auf ihre Leser herab und erhebt sich nicht \u00fcber sie. Ich nehme ihr jedes Wort ab und \u2026.\u201c<br \/>\n\u201eAch, du Armutschkerl, dir kann man jeden Schmus andrehen. Dabei sieht sie aus wie ein aufgetakeltes Hutschpferd mit einem Kilo Schminke und tausend Narben im Gesicht, eine alte Schabracke wie das Biest aus Dynasty, wie hie\u00df die noch?\u201c<br \/>\n\u201eJoan Collins, als w\u00fcrde dir Sophia Loren nicht einfallen.\u201c<br \/>\n\u201eDu bist zu nah ans Wasser gebaut.\u201c Das sagte er immer, wenn sie sich f\u00fcr etwas begeisterte.<br \/>\nEr konnte mit ihrem Gef\u00fchls\u00fcberschwang nichts anfangen, und sie hatte sich schon oft dar\u00fcber gekr\u00e4nkt. Heinz war ein guter Mensch, aber ins Herz konnte er ihr nicht schauen.<\/p>\n<p>Aber so ist er halt, der Heinz, sie entschuldigte ihn immer, ein Gesch\u00e4ftsmann mit einem k\u00fchlen Kopf, sonst w\u00e4re er nicht so erfolgreich gewesen.<br \/>\n\u201eAlso gut, Heinz, wenn du so bist. Das ist nicht sehr nett, jemandem die Freude zu verderben.<br \/>\nAber lassen wir das, ich will nicht streiten.\u201c<br \/>\nIm Stillen dachte sie: Er ist hundsgemein, mein Heinz.<br \/>\nNach solch einer Szene fl\u00fcchtete sie meistens zu ihrer Tochter und den Enkeln nach B. Dort war es auch nicht das reinste Honiglecken, weil ihre Tochter sich genervt f\u00fchlte, wenn sie ihr mit den alten, grindigen Eheproblemen die Ohren volljammerte.<br \/>\n\u201eHi Mom, der Oberjammergau ist wieder da\u201c, sagte Miriam mit einem L\u00e4cheln, aber etwas despektierlich, deutete eine Umarmung an und hauchte K\u00fcsse auf die welken Mutter-Wangen.<\/p>\n<p>Sie lie\u00df sie ein, zusammen mit ihrer rot-gelben Hermes-Reisetasche ins bio-\u00f6kologische Holzhaus in der typischen Vorarlberger Bauweise. Ihr Mann hatte einen europ\u00e4ischen Preis, viel gute Presse und neue Auftr\u00e4ge bekommen. Immer nahm Ditta Heinz vor der Tochter in Schutz, \u201eer ist dein Vater, er ist, wie er ist, du musst ihn halt so akzeptieren, er kann nicht aus seiner Haut heraus. Er hat uns erhalten, uns ein gutes Leben garantiert und dir viele M\u00f6glichkeiten geschaffen&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eUnd wie viele hat er mir verbaut?\u201c unterbrach sie die Mutter scharf. Ein Wort ergab das andere, sie wurden w\u00fctend, steigerten das Gefecht bis zu den Tr\u00e4nen, fielen einander dann unter Liebesschw\u00fcren in die Arme und r\u00fcsteten wieder ab. Aber in den Seelen erreichen konnten sie einander nicht mehr, auch wenn ihre H\u00e4nde noch lange verflochten auf dem K\u00fcchentisch lagen.<\/p>\n<p>Mit einem Knall ging die Haust\u00fcr auf, Lacher zerplatzten und herein polterten die neunj\u00e4hrigen Zwillinge Viktoria -Vicky und Valentin \u2013 Voiti, mit ihrem Vater Vitus-Veit.<br \/>\nSchultaschen, Jacken, Schuhe, Kulturbeutel und Skateboards flogen mit gro\u00dfem Get\u00f6se durch das ger\u00e4umige Vorhaus und durch das h\u00f6lzerne Treppenhaus nach unten. Manches blieb an dem geschwungenen Gel\u00e4nder h\u00e4ngen.<br \/>\nOmama, du bist da, great, Grandma is here, sie gingen schlie\u00dflich schon in eine Englisch-Klasse und Miriam \u00fcbte ihr New Yorker Englisch st\u00e4ndig mit ihrem alemannischen Ehemann.<\/p>\n<p>Vicky und Voiti flogen ihr in die Arme, K\u00fcsse auf die Wangen und in die Haare, aber boshaft, wie Kinder in diesem Alter nun einmal sind, schalteten sie sofort auf ihren Reim um:<br \/>\nOberjammergau, Obermammagau, Jammergauoma, Grauejammeroma.<br \/>\nDabei tanzten sie um sie und die hohe K\u00fcchentheke mit den hohen Tresen herum.<br \/>\nWer hatte ihnen das beigebracht?<br \/>\nSollte sie jetzt die Geschenke herausholen? Vielleicht sp\u00e4ter, sie musste Miriam fragen.<br \/>\nVeit trudelte herein, k\u00fcsste sie fl\u00fcchtig auf die Wangen, hi, Schwiemu, wie geht\u2019s? Dann holte er eine Packung Orangensaft aus dem dreiteiligen, verchromten K\u00fchlschrank, trank sie halb leer und verdr\u00fcckte sich wie immer, wenn sie da war, schnell in sein Arbeitszimmer, der preisgekr\u00f6nte Architekt, oder er hatte pl\u00f6tzlich noch einen Termin ausw\u00e4rts. Er schlug das Sakko \u00fcber die Schulter und Tsch\u00fcss, Schatz, tsch\u00fcss Ditta, wir sehen uns, Bussels, B\u00fcsseli, Kinder! Die Zwillinge verschwanden in ihren Zimmern, sp\u00e4ter a\u00dfen sie zu Abend eine Pizza, und Miriam verscheuchte die Kinder bald ins Badezimmer und in die Betten.<\/p>\n<p>Mutter und Tochter machten gemeinsam die K\u00fcche sauber. Sie ist eine gute Mutter, meine Miriam. Aber warum kamen keine eigenen Kinder? Sie verstand es nicht, wagte aber nicht zu fragen. Vitus hatte ganz in der N\u00e4he seine Eltern, hingebungsvolle Gro\u00dfeltern, die die Enkel verg\u00f6tterten und umgekehrt, eine Traum-Oma und einen Bilderbuch-Gro\u00dfvater, mit denen sie und Heinz nicht konkurrieren konnten, es erst gar nicht versuchten, Miriam und ihr Mann hatten auch nie etwas Derartiges eingefordert. Das war`s, die Familie.<br \/>\nDitta \u00fcbernachtete im G\u00e4stezimmer, schlief wenig und unruhig und fuhr nach einem fl\u00fcchtigen Fr\u00fchst\u00fcck wieder nach Hause. W\u00e4hrend ihr BMW mit ruhigen 160 km\/h summte, gelang es ihr, die Familie in eine abgelegene Ged\u00e4chtnisecke zu verschieben und zu ihrer Lieblingsbesch\u00e4ftigung zu kommen: in vision\u00e4ren Bildern \u00fcber den kommenden Donnerstag zu schwelgen. W\u00fcrde Arabell sie mit ihrem Vornamen anreden oder Frau Hofferer sagen, Kleines oder Herzchen, so wie Henriette? Heinz hatte sie in ihren jungen Jahren immer das Dittale genannt, mein Dittale, weil sie ihm einmal verraten hatte, dass ihr Vater eigentlich einen Dieter haben wollte, so wurde sie zu Ditta. Dem Vater hat sie noch knapp vor seinem Tod vergeben.<\/p>\n<p>Sie wusste es, auch Heinz hatte sie mit der Geburt einer Tochter entt\u00e4uscht. Sein Plan, wenn schon ein Kind, das er eigentlich nicht wollte, oder nicht so wollte wie sie, dann sollte es ein Sohn sein, und wenn der sechs oder sieben war, w\u00fcrde er Interesse an ihm gewinnen und mit ihm zum Football gehen, sie w\u00fcrden einen Lieblingsclub haben, alle Spieler aufz\u00e4hlen k\u00f6nnen, alle Tore und ihre Vorbereitung kennen, ihre Bilder sammeln, die Kappen und Schals tragen, eine gemeinsame Leidenschaft haben, die nur ihnen geh\u00f6rte und wo niemand eindringen konnte. Dass Miriam nach ihrem Kunststudium einen jungen Witwer mit zwei Kindern geheiratet hatte und in die entfernteste Stadt des Landes gezogen war, nahm er ihr pers\u00f6nlich \u00fcbel und entwickelte kein Interesse und Talent als Gro\u00dfvater.<\/p>\n<p>Ditta hatte ihren Fehler zu sp\u00e4t erkannt, sie durfte vor ihrem Mann den Namen Henriette Schrodt nicht aussprechen, er konnte sie nicht ausstehen, Edelschrott nannte er sie, eine Schreckschraube, eine \u00fcberkandidelte Alte, die sich immer noch wie ein Hippie-M\u00e4dchen anzog, echte Blumen ins Haar steckte, an den Ohren Plastikgeh\u00e4nge in grellen Zuckerlfarben baumeln hatte, st\u00e4ndig rauchte und Gipsmodelle von nackten Frauen produzierte, alle waren sie Lilith. Sie wusste alles und kannte alle Leute. Genau diese Henriette war auch der Grund, warum er kaum mehr in den Golf-Club ging. Dabei war er vor vielen Jahren einer seiner Gr\u00fcnder und F\u00f6rderer gewesen.<\/p>\n<p>Ditta bedauerte das sehr und lag ihm damit in den Ohren. Es war ein st\u00e4ndiges gereiztes Thema zwischen ihnen. Dabei zeigte sie sich gerne mit ihm, sie liebte es, seine Begleiterin zu sein. Am Anfang war er sogar stolz, wenn andere M\u00e4nner sie anschauten und bewunderten.<br \/>\nEr war nicht eifers\u00fcchtig, im Gegenteil, es geilte ihn auf, wenn sie von anderen begehrt wurde. Sie hatten nie dar\u00fcber geredet, es war nur eine andere Form, in der er sagte:<br \/>\nIch bin deins, du bist meins. Sie hatten sich in einem Flugzeug nach New York kennengelernt, klassisch, er Gesch\u00e4ftsmann, sie Flugbegleiterin. Er hatte sie gezwungen, ihren Job aufzugeben, soll ich dich etwa nur im Flugzeug sehen, eine Frau geh\u00f6rt ins Haus und an die Seite ihres Mannes. Der Mann macht Karriere und die Frau das Heim. Und als das Kind kam, war ihre Arbeit nicht einmal mehr ein Gedanke. Die ersten zehn Jahre ihrer Ehe hatten sie am Nordrand von New York gelebt, Heinz hatte seine Firma in Downtown, und sie war eine richtige amerikanische Vorstadtfrau. Dann, mit dem Ende des Ostblocks, zogen sie nach P., und Heinz baute seine Firma in den neuen L\u00e4ndern aus. Alle wollten ihren Anteil am Gl\u00fcck, das ihnen der Sozialismus versagt hatte. Rubbellose und alle Arten von Gl\u00fcckskarten boomten, und Heinz wurde reich.<\/p>\n<p>\u201eKomm mit in den Club, ignoriere sie einfach, sie tut dir doch nichts, sie ist ganz harmlos und will nur ihren Spa\u00df haben wie alle anderen auch. Au\u00dferdem sind noch viele andere Leute da, der Max, die Roswitha, die Karoline erz\u00e4hlt so interessante Sachen aus Afrika, den Stefan, ihren Sohn, den magst du doch. Der ist so ein lieber, kluger Mensch und dazu noch ein guter Arzt\u2026.\u201c<br \/>\n\u201eEs gibt keinen guten Arzt, es gibt nur mehr oder weniger gro\u00dfe Zyniker, sie erfreuen sich daran, dass es ihren Opfern noch schlechter geht als ihnen selbst.\u201c Ja, Opfer, sagte er. Alle Patienten sind Opfer der \u00c4rzte. Sie hatte ihm durch ihre Unachtsamkeit die Gelegenheit gegeben, dazusitzen und so pikiert und eitel, so ver\u00e4chtlich und triumphierend dreinzuschauen wie ein Portr\u00e4tfoto von Sigmund Freud pers\u00f6nlich.<br \/>\n\u201eHeinz, fr\u00fcher warst du nicht so. Wir wollen uns nicht \u00fcber Worte streiten.\u201c<br \/>\n\u201eFr\u00fcher ist fr\u00fcher. Basta, aus, vorbei. Und merk dir endlich, ich streite nie.\u201c<br \/>\nDas stimmte, er \u00e4u\u00dferte immer nur fest und frei heraus seine Meinung.<br \/>\n\u201eHeinz, wirklich, das ist nicht fair von dir, einfach nicht fair, dass du mir so die Freude verdirbst, nicht das kleinste Gl\u00fcck willst du mir g\u00f6nnen.\u201c<br \/>\n\u201eIch g\u00f6nn dir alles, aber lass mich in Ruhe damit. Und \u00fcberhaupt, die Welt ist nicht fair.\u201c<\/p>\n<p>Ditta schmollte und zog sich in die K\u00fcche zur\u00fcck. Sie konnte sich kaum auf das Beladen des Servierwagens mit dem Abendessen konzentrieren, weil sie in Gedanken schon beim Tee mit Henriette und dem Star war. Sie st\u00fctzte sich auf den Abwaschtisch und schaute durch das gro\u00dfe K\u00fcchenfenster in den Garten hinaus. Hinten an der Ligusterhecke h\u00fcpfte eine Amsel, ein M\u00e4nnchen, dachte Ditta, mit dem dunkelgelben Schnabel, und das Weibchen st\u00f6berte im Komposthaufen. So ein Einklang, dachte sie, die haben etwas gemeinsam. Sie w\u00fcrde morgen mit Mahmoud nachschauen, ob sie das Nest im Liguster oder im Flieder gebaut hatten.<\/p>\n<p>Im Speisezimmer deckte Ditta den viel zu gro\u00dfen, ovalen Tisch: Aufschnitt auf Holzbrettern, verschiedene Wurstsorten, Schinken, Speck, Kalbsleberpastete, ein reiches K\u00e4sesortiment, Gurkerl, Pfefferoni mild und scharf, Braten- und Grammelschmalz, Weintrauben, N\u00fcsse, Oliven, Radieschen, frische und getrocknete Tomaten \u2013 eine Auswahl wie in einem Heurigenbuffet \u2013 darauf bestand Heinz, er hielt das f\u00fcr Heimatverbundenheit, sogar in New York hatte er auf dieser Rustikalit\u00e4t bestanden. Sie sa\u00dfen einander schweigend gegen\u00fcber, Ditta brachte kaum einen Bissen hinunter und gab nur vor, etwas zu essen. Daf\u00fcr nahm sie umso \u00f6fter ihr Wasserglas zur Hand und knetete mit den Fingern die Schmolle der Semmel zu Kugeln. Das Geb\u00e4ckk\u00f6rbchen wurde auf dem Tisch hin- und her geschoben, manchmal auch die Senftuben und das Mayonnaiseglas, das Kn\u00e4ckebrot blieb unber\u00fchrt, Blicke huschten knapp unter den Augen vorbei, Heinz r\u00e4usperte sich mehrmals und r\u00fcckte seinen K\u00f6rper im Sessel zurecht, fand aber kein Wort mehr. Heinz a\u00df wie immer viel und mit provokantem Appetit. Ob er ihr das zu Flei\u00df tat? Zum richtigen Zeitpunkt holte Ditta aus der K\u00fcche eine zweite Flasche Bier f\u00fcr ihn, \u00f6ffnete sie und stellte sie neben das Glas, eingie\u00dfen wollte er immer selbst, denn das k\u00f6nnen Frauen nicht.<\/p>\n<p>Eigentlich war auch beim Abendessen alles so wie immer, den Wortwechsel mit ihrem Mann hatte sie schon vergessen und gab sich ihren s\u00fc\u00dfen Tr\u00e4umereien hin. Henriette hatte ihr die Er\u00f6ffnungsszene eines Films geliefert, den sie in Gedanken ablaufen lassen oder stoppen konnte, sooft sie Lust dazu hatte. Sie w\u00fcrde neben Arabell sitzen, mit ihr reden, ihr sagen, was sie noch nie jemandem sagen hatte k\u00f6nnen und sonst auch noch alles M\u00f6gliche fragen, so vieles hatte sich angesammelt in den Jahren der Anbetung\u2026 Das Br\u00f6tchen nehmen, die Serviette, die Teetasse dazwischen balancieren und etwas fragen, etwas Pers\u00f6nliches, nein, das w\u00fcrde nicht gut gehen, sie w\u00fcrde an der Frage ersticken oder an dem Br\u00f6tchen oder den<\/p>\n<p>Tee \u00fcber Arabells Knie gie\u00dfen, oder alle Damen w\u00fcrden sie schon beim ersten Wort auslachen, sie w\u00fcrde err\u00f6ten, die Fassung verlieren und zu weinen beginnen \u2026 Sie war nicht mehr ganz da, vielleicht war es besser so, oh Gott, was soll ich anziehen? Komm zu dir, beruhige dich, der Tee ist erst n\u00e4chste Woche. Ich muss Henriette noch einmal sagen, wie dankbar ich ihr bin, dass sie mich zu sich einl\u00e4dt, wenn Arabell vorbeikommt. Hoffentlich \u00fcberlebe ich bis zum Donnerstag, Todesursache Gl\u00fcck. Heinz verzog sich auf die Fernsehcouch, w\u00e4hrend Ditta den Tisch abr\u00e4umte und die K\u00fcche saubermachte.<br \/>\n\u201eSo, ich geh jetzt schlafen, ist schon sp\u00e4t, gute Nacht, Schatz.\u201c<br \/>\nSie ging hinter ihm vorbei, beugte sich in seine Richtung und deutete einen Kuss auf seine Glatze an. Sie wollte sich ihre Donnerstags-Phantasien f\u00fcr sp\u00e4ter aufbewahren, wenn sie allein war.<br \/>\nHeinz faltete die Zeitung lose zusammen und warf sie auf den Beistelltisch.<br \/>\n\u201eDir auch gute Nacht, ich schaue noch die Nachrichten an.\u201c<\/p>\n<p>Heinz war depressiv, dessen war sich Ditta sicher, zumindest deprimiert, nein keine richtige Depression, das nicht. Aber sie wagte es nicht, das Gespr\u00e4ch darauf zu bringen, Heinz w\u00fcrde sie fressen, sollte sie das aussprechen und eine Methode dagegen vorschlagen. Alles, was mit Psych- begann, war ihm zuwider, er hielt das f\u00fcr dummen Hokuspokus und ein Ausredespiel f\u00fcr Loser. Ich warne dich, leg mich nicht auf die Couch. Er wollte kein heimt\u00fcckisches, psychiatrisches Kauderwelsch in seinem Haus, obwohl ihn verschiedene Leute gedr\u00e4ngt hatten, sich \u201eprofessionelle Hilfe\u201c zu holen.<br \/>\nWenn er schon nicht mehr zum Golf gehen wollte, dann doch zum Tennis, seine Bandscheiben gaben ihm noch Ruhe, obwohl er f\u00fcnf Jahre \u00e4lter war als sie. Oder angeln.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher war er ein leidenschaftlicher Fliegenfischer gewesen, er hatte sogar seine Gesch\u00e4ftsfreunde aus aller Welt zum Fischen eingeladen. Welche sch\u00f6nen Erlebnisse hatten sie gehabt, herrliche Forellen aus der Schwarza, Salza, Triesting, Piesting, Krems und Traisen. Die Lagerfeuer am Ufer oder auf einer Flussinsel, diese wunderbaren Abende, die Sonnenunterg\u00e4nge und dann die Sterne, manchmal sah man bei klarem Himmel den ganzen Bogen der Milchstra\u00dfe. Wie weggewischt, als h\u00e4tte es das alles nie gegeben. Er sitzt in einem tiefen, dunklen Loch und l\u00e4sst sich nicht rauslocken. Stefan, Karolines Sohn, meint, das k\u00f6nne nur er selbst, also Selbsteinsicht und Selbstheilung. Der Arbeitsalltag eines Firmenchefs fand unter st\u00e4ndiger Hochspannung statt, auf der \u00dcberholspur, die Jagd von einem Termin zum anderen, immer im Bewusstsein seiner eigenen Bedeutung &#8211; und dann pl\u00f6tzlich eine Vollbremsung, Stillstand und Sturz ins Bodenlose. Als Chef war die Fallh\u00f6he besonders gro\u00df. Und Geld \u00fcber eine bestimmte Menge hinaus machte auch nicht gl\u00fccklicher und zufriedener.<\/p>\n<p>Allein das Wort Hobby machte ihn w\u00fctend. Das ist etwas was f\u00fcr Kinder und Schwachk\u00f6pfe.<br \/>\nDeswegen traute sie sich nicht, ihm den Kulturclub von P. anzuraten, wo die Leute Karten spielten oder Schach, Mikado oder Puzzle legten, manche hatten sich f\u00fcrs Stricken, Sticken, Aquarellieren oder Porzellanmalen entschieden, wieder andere f\u00fcr die japanischen K\u00fcnste des Ikebana und Origami. Flugzeugmodellbau, Laubs\u00e4gearbeiten, eine Schreib- und eine Filmgruppe wurden noch angeboten, sogar Lesungen und Konzerte. Das Bridge vermiesten ihm die alten Weiber, Dittas Freundinnen. Ditta hatte noch an Bienenzucht und Honigproduktion gedacht, an Goldfische oder Koi, an Bingo, Bowling oder Poker.<br \/>\nSogar einen Hund w\u00fcrde sie akzeptieren, was er aber emp\u00f6rt zur\u00fcckwies; ein Hund ist keine Lebensaufgabe f\u00fcr einen Mann, sagte Heinz. Ja, das war die Antwort auf sein Leiden, die Lebensaufgabe. Die Seele ist ein Schloss mit vielen R\u00e4umen, die von Heinz waren leer. Ditta hatte tiefes Mitleid, kam aber nicht mehr an ihn heran.<br \/>\n\u201eDann musst du dir ein Laster suchen, Fressen, Saufen, Koksen, Huren\u201c, das war ihre Schlussfolgerung. Da musste sogar Heinz grinsen:<br \/>\n\u201eNa wart nur, wenn ich einmal Blut geleckt habe&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Als endlich der n\u00e4chste Donnerstag kam, sp\u00fcrte sie beim Aufwachen, dass Heinz schon das Haus verlassen hatte. Ihr war nicht ganz wohl dabei, weil das praktisch nie vorkam, aber sie hatte jetzt andere Sorgen und verga\u00df ihren Mann. Sie widmete ihre ganze Aufmerksamkeit der Auswahl ihrer Garderobe. Wie sollte sie ihr gegen\u00fcbertreten? Sicher, ein Tee bei Henriette war kein Staatsbesuch, wie Pr\u00e4sidenten und ihre Gattinnen aus dem Flugzeug heraustreten, den Hut halten, winken, l\u00e4cheln, K\u00fcsschen werfen, die Gangway herunterschreiten, H\u00e4nde sch\u00fctteln, k\u00fcssen, umarmen und Blumenstr\u00e4u\u00dfe entgegennehmen. Aber das war sie ja nicht, sie sollte nur ein wenig neben Arabell Inenda sitzen und mit ihr plaudern. Nein, sie w\u00fcrde nichts sagen und nichts fragen, nur zuh\u00f6ren und anbeten. Denn wer war sie schon, ein Niemand.<\/p>\n<p>Recht schnell stand f\u00fcr sie fest, dass sie ihr Kleid aus gelbem Cr\u00eape de Chine mit den schwarzen Krausen an Hals und \u00c4rmeln anziehen w\u00fcrde. Daf\u00fcr bekam sie immer Komplimente, es machte sie so jugendlich, vielleicht sogar m\u00e4dchenhaft. Aber sowohl Arabell als auch Henriette waren \u00e4lter als sie, da durfte sie auch aussehen wie ihr Kleines.<br \/>\nDazu ihre schwarzen Lackpumps mit den kleinen Abs\u00e4tzen und eine zierliche Clutch von Dior. Ditta drehte sich vor ihrem Spiegel hin und her und war zufrieden mit ihrem Bild. Fast hatte sie schon vergessen, dass sie sich in ihren Tr\u00e4umen so blamiert hatte.<\/p>\n<p>Kurz vor f\u00fcnf Uhr machte sich Ditta in fast trunkener Verwirrung auf den Weg zu Henriettes Haus. Sie und Heinz wohnten etwas abseits zwischen dem Fluss und der Lindenallee mit den gepflegten Villen der Wiener Sommerfrischler. Sie kannte den Weg so gut, dass sie ihn blind h\u00e4tte gehen k\u00f6nnen. Ein St\u00fcck den Fluss entlang \u00fcber die Br\u00fccke, durch die Lindenalle mit dem pl\u00e4tschernden Springbrunnen, vorbei am Gemeindeamt, dem Supermarkt zum Hauptplatz von P., der eigentlich nur eine mit Rosen bepflanzte Verkehrsinsel auf einer Kreuzung von drei Stra\u00dfen war, an der einen Seite der Traditions-Gasthof Markwart mit einem sch\u00f6nen Garten, auf der gegen\u00fcberliegenden ein geschlossener Drogeriemarkt und an der kurzen dritten ein verstaubtes Haushaltswarengesch\u00e4ft. Henriettes Haus war ein unscheinbarer Mehrparteienbau, darin waren untergebracht: der Versicherungsmakler Travner, der fr\u00fcher Travnicek hie\u00df, der Rauchfangkehrermeister Brandeis, im Ort Brandeins genannt, zwei Arztpraxen, gegen deren Kunden Henriette einen Kleinkrieg f\u00fchrte, weil sie ihren Privatparkplatz ben\u00fctzten.<br \/>\nAlles war gleichzeitig da und glitt wie in einer 3-D-Animation an ihr vorbei. Oder war es umgekehrt? Die st\u00e4ndig wachsende Erwartung dr\u00fcckten ihr auf Herz und Atmung. Der Eingang, eine Glast\u00fcre, daneben in einem trostlosen Holzk\u00fcbel eine fast immer ausgetrocknete Kaktuspflanze, drinnen ein viel zu enges Treppenhaus mit braun gesprenkeltem Kunststein. Aber dann, wenn sich bei ihr oben im zweiten Stock die T\u00fcre \u00f6ffnete, da zeigten sich Henriettes Klasse, ihr Stil und ihre Pers\u00f6nlichkeit.<br \/>\nWei\u00df in Wei\u00df der Boden mit k\u00fchlen Kacheln und die W\u00e4nde, beige die Seidenvorh\u00e4nge, wei\u00dfe Orchideen und kleine Vogelskulpturen auf den Fensterbrettern. Auf einem Treppenabsatz in einer Nische stand eine sp\u00e4tbarocke Schnitzfigur, mein Paulchen, sagte Henriette und streichelte ihm immer z\u00e4rtlich \u00fcber den Kopf, obwohl er f\u00fcr Ditta eher wie ein Florian aussah. Aber bei den Heiligen war sie nicht firm. \u201eIn K\u00e4rnten, wo ich herkomme, da gibt es 44 Kirchen mit dem Paul.\u201c<br \/>\nSo \u00fcberzeugend, man verga\u00df sofort ihre klimpernden Plastikohrgeh\u00e4nge, ihre schillernden Wallekleider im Hippie-Look, die l\u00e4cherliche Blume \u00fcber der linken Schl\u00e4fe im ausgebleichten L\u00f6ckchenhaar, die qualmende, an der Unterlippe klebende Zigarette, vielleicht sogar die untalentiert geschaffenen Liliths. Aber dar\u00fcber wollte sich Ditta kein Urteil erlauben, von darstellender Kunst verstand sie nichts.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4utete, und das philippinische Hausm\u00e4dchen, meine kleine Maid Lily, nannte sie Henriette, \u00f6ffnete die T\u00fcr so schnell, als w\u00e4re sie direkt an der Klingel gestanden. Henriette liebte das Bunte und Grelle an sich selbst, aber die Wohnung hielt sie in Wei\u00df, mit einigen geschickt angebrachten Farbtupfern wie Bilder, Blumen und Kissen. Ansonsten wei\u00dfe Bodenfliesen, durchgehend einheitlich durch den ganzen Raum, eine riesige wei\u00dfe Ledergarnitur mit wei\u00dfen Korbst\u00fchlen, lange, flie\u00dfende cremefarbene Seidenvorh\u00e4nge in verchromten Haltern vor den Fenstern und im Hallendurchgang, gegen\u00fcber eine Glaswand zu einer Terrasse, die auch wei\u00df ausgelegt und mit einer stattlichen Anzahl von Blument\u00f6pfen best\u00fcckt war, wei\u00dfe Rosen, wei\u00dfer Oleander und wei\u00dfe Kletterpflanzen.<br \/>\nHenriettes Wohnzimmer war weit und gro\u00df wie ein Fu\u00dfballfeld, oben allerdings von einigen Spitzwinkeln und Schr\u00e4gen des Daches in der H\u00f6he eingeschr\u00e4nkt. Daf\u00fcr waren in der Decke viereckige Bullaugen eingelassen, die einem das Gef\u00fchl gaben, auf einem Schiff zu sein. Ditta atmete auf, sie war zum Gl\u00fcck nicht die Erste, soweit sie sah, waren da schon Karoline, ihr Fels in der Brandung, Stefan, deren Sohn, und seine schwedische Model-Frau Linda. Die halbw\u00fcchsigen, wohlerzogenen, der Literatur aufgeschlossenen Kinder Jan-Philip und Bridget-Marie hatten mitkommen d\u00fcrfen, um den Star zu treffen, da war auch Roswitha, ihre Partnerin aus dem Bridge-Club, und Marion, eine pensionierte Diplomatin aus der OSZE, deren lauter Mann Tim, ein riesenhafter, rotgesichtiger, immer besoffener Finne, der in der ganzen ehemaligen Sowjetunion mit Medizin-Ger\u00e4ten handelte und sp\u00e4ter als \u00f6sterreichischer Ehrenkonsul in St. Petersburg seine dunklen Gesch\u00e4fte machte, dann noch der m\u00e4chtige Max, Heinz`s fr\u00fcherer engster Freund, der Papierfabriksbesitzer.<br \/>\nHeinz, er fehlte er ihr jetzt so sehr, als sei sie einseitig nackt. Aber ihr Kleid kam an, alle lobten es als jugendlich, na, eben wie du bist, schaut sie an, wie drei\u00dfig und kein Jahr mehr! Henriette k\u00fcsste sie auf beide Wangen und war offensichtlich schon in Fahrt. Ditta, mein Kleines, hello, sagte die Gastgeberin bedeutungsvoll mit tiefer Stimme. Ditta nahm sich ein Glas Orangensaft vom Tablett der Maid, weil sie absolut nichts vertrug und daher nie Alkohol trank. Immer noch die Flugbegleiterin mit ihrer Disziplin.<\/p>\n<p>Henriette beherrschte die Szene wie eine K\u00f6nigin, sie unterhielt die G\u00e4ste mit am\u00fcsanten Geschichten aus alten Zeiten und mit neuen Pl\u00e4nen. Sie wollte eine Ausstellung in der Schlosskirche machen, ausschlie\u00dflich mit ihren nackten Liliths. Noch war der Stadtpfarrer dagegen, zu wenig religi\u00f6se Konnotation, fanden er und der Kirchenrat, aber die Unterst\u00fctzung des Kulturvereins hatte sie schon, zumindest der Obmann Thomas war f\u00fcr sie, selbst ein K\u00fcnstler und Kunsterzieher im Gymnasium. Neuerdings bet\u00e4tigte er sich auch als Truthahnz\u00fcchter. Sein Hobby war aber umstritten, weil seine Truth\u00e4hne inzwischen lauter waren als die ber\u00fchmten Glocken, die zu jeder vollen Stunde vom Berg auf den Ort herunter schallten.<\/p>\n<p>Thomas sa\u00df an Henriettes Seite auf der wei\u00dfen Lederbank, auf die andere wies sie jetzt Ditta mit einer bestimmten Geste.<br \/>\n\u201eHierher, komm zu mir, mein Liebes\u201c, und klopfte mit der Hand auf den Sitz, dass Ringe und Armreifen klimperten.<br \/>\n\u201eOh Gott, Henriette, bin ich aufgeregt\u201c, sagte Ditta und wischte sich heimlich hinter dem Glas mit der Serviette die Schwei\u00dfperlchen von der Oberlippe.<br \/>\n\u201eMach dir nichts draus, ich bin auch v\u00f6llig fertig, habe fast nichts geschlafen, eine Figur wollte und wollte einfach nicht kommen, es war wie verhext.\u201c<br \/>\n\u201eProbierst du etwas Neues?\u201c<br \/>\nThomas neigte sein junges, h\u00fcbsches Gesicht vertraulich Henriette zu.<br \/>\n\u201eWissen Sie, die Skulpturen, die haben etwas von\u2026.\u201c Er suchte nach einem m\u00f6glichst originellen Wort. Sie brauchten einander, mussten zusammenhalten, die K\u00fcnstler in so einem kleinen Ort.<\/p>\n<p>Wo war SIE denn nur? Wer w\u00fcrde als Erstes die Nerven verlieren und fragen, warum Arabell noch immer nicht da war? Henriette, die Gastgeberin, oder Max, der ungeduldige Unternehmer, Thomas, der K\u00fcnstler, ein Kind oder die immer vorlaute Roswitha? Karoline sicher nicht, und Ditta selbst noch weniger als die Maid.<br \/>\nSie gl\u00e4ttete ihren Rock und sah von den auf der Clutch gefalteten H\u00e4nden auf ihre Lackschuhe hinunter. In den leise rauschenden Small-Talk platzte Henriette.<br \/>\n\u201eMein Gott, die Arme, was sie alles erlebt hat. Und jetzt die Scheidung, nach 27 Jahren, alles hat er ihr genommen, dieses Schwein..\u201c<br \/>\nHenriette sog an der Zigarette und wedelte mit ihrem chinesischen F\u00e4cher den Rauch durch den Raum.<br \/>\n\u201eIch verstehe es nicht, wo sie bleibt, sie wollte als Erste kommen, hat sie am Telefon gesagt.<\/p>\n<p>Vielleicht gibt es Probleme im Verlag oder mit ihrem Agenten. Ihr habt ja keine Vorstellung, welche Sorgen so ein Star hat. Da geht nicht alles glatt, immer muss sie k\u00e4mpfen, noch immer, obwohl sie schon lange weltber\u00fchmt ist. Alle wollen etwas von ihr, alle wollen sich in ihrem Licht sonnen und sie bestehlen. Sie verschenkt ihr Geld mit beiden H\u00e4nden. Die M\u00e4nner, die \u00c4rmste, ihre M\u00e4nner, nur Schweine um sie herum.<br \/>\nSie nehmen sie aus und bringen das Geld dann durch mit ihren H\u00fcrchen. Und sie merkt es nicht. Nicht einmal ich kann ihr in dieser Sache Vernunft beibringen. Mein Gott, was muss die gute Bella alles aushalten.\u201c<br \/>\nHenriette durfte sie so abk\u00fcrzen, Bella oder Ara, meine Bella, Bellissima.<br \/>\nNiemand in der Runde verstand sie genau, und die G\u00e4ste schauten einander fragend an.<\/p>\n<p>Henriette sch\u00fcttelte ungef\u00e4hr f\u00fcnfmal ihren Lockenkopf, zog die Mundwinkel herunter und die Augenbrauen hoch, strich ihre weiten indischen \u00c4rmel zur\u00fcck und z\u00fcndete sich eine neue Zigarette an. Alle G\u00e4ste richteten sich auf sie aus, in Erwartung der L\u00f6sung des R\u00e4tsels.<br \/>\nNeinneinnein, das kann nicht sein. Ditta hielt sich mit einer Hand an der Clutch auf ihrem Scho\u00df fest, mit der anderen an ihrem Saftglas. Sie war verwirrt, musste sich sammeln und gr\u00fcbelte: Die gro\u00dfartige Arabell Inenda soll Probleme, Sorgen haben wie wir, wie ich, eine gew\u00f6hnliche Sterbliche, ein Niemand. Haushypothek, Rechnungen, Ehemann, Schwiegereltern, Kinder, Enkel, Nachbarn mit Kampfhunden, Schnellstra\u00dfen vor dem Haus, Fluglinien \u00fcber dem Kopf und Luftverschmutzung durch die Papierfabrik? Nein, das konnte nicht ihre Welt sein. Sie hatte Henriette wahrscheinlich nicht richtig verstanden. Ein gro\u00dfer Star, diese in aller Welt verehrte Schriftstellerin, die alle ihre Leser verzauberte, einfach nur durch das, was sie schrieb, welch wunderbaren Helden sie schuf und welche Welten sie er\u00f6ffnete. Selbst schreiben. Nein. Sie hatte nichts zu sagen. Was gab es da schon? Heinz, das Haus, der Garten, Golf, Bridge, Miriam, Butler James, Mahmoud, Fr\u00f6sche, Libellen und Goldfische. Ich und\u2026.\u2026, das passte gar nicht. Schnell scheuchte sie den Gedanken weg.<\/p>\n<p>Als es l\u00e4utete, ging Lily ins Vorzimmer, und Henriette bewegte sich leichtf\u00fc\u00dfig durch den Salon. Im Vorbeigehen griff sie Ditta unter das Kinn und hauchte ihr ins Ohr:<br \/>\n\u201eKleines, bitte, sag`s nicht der Bella.\u201c<br \/>\nSie war verwirrt, was sollte sie Arabell nicht sagen? Wie konnte sie denken, sie w\u00fcrde die eben vernommenen Vertraulichkeiten weitererz\u00e4hlen? Aber es blieb keine Zeit mehr zum Gr\u00fcbeln. Arabell Inenda stand im Bogen des Durchgangs, und zwischen den Seidenstores sah sie aus, als w\u00fcrde sie eine B\u00fchne betreten und auf den Auftrittsapplaus warten. Sie knickte die H\u00fcfte leicht ein und stellte gleichzeitig ein Bein vor das andere, dabei hob sie eine Hand zu einem leichten Winken, w\u00e4hrend die andere in die H\u00fcfte gest\u00fctzt war. Einfach g\u00f6ttlich, Ditta schmolz dahin. Genau das war es, wof\u00fcr sie lebte.<\/p>\n<p>Arabell tr\u00e4gt ein veilchenblaues Dior-Kost\u00fcm mit einem zu kurzen Rock, der die spitzen Kniescheiben etwas zu sehr betonte, fand Ditta, aber sie hatte wirklich sch\u00f6ne Beine, lang und schmal wie die einer T\u00e4nzerin, sie steckten in hochhackigen rosafarbenen Lackpumps, die von einer gro\u00dfen, gleichfarbigen Seidenrose am Jackettaufschlag gematcht wurden. Den \u00fcber die linke Schulter baumelnden Silberzobel fand die gr\u00f6\u00dfte Anbeterin tr\u00e8s chic, aber angesichts des hei\u00dfen Wetters an einem hellen Nachmittag im Juni etwas unzeitgem\u00e4\u00df.<br \/>\nObwohl, sie wollte den Star keineswegs kritisieren und ihn sich madig machen. Sie trug ihre dicken, kastanienbraunen Locken hoch aufgesteckt, die von einigen rosaroten Klipsen so unterst\u00fctzt wurden, dass sie sich zu einem Kr\u00f6nchen t\u00fcrmten wie zu einem zweiten Kopf. Das machte sie gr\u00f6\u00dfer, j\u00fcnger und streckte ihren Hals. Aber im Juni-Licht sah sie doch etwas f\u00fclliger aus, als Ditta sie von ihren Fotos kannte. Als sie sich vom Torbogen und den Stores l\u00f6ste und sich auf die Sitzgruppe zubewegte, kam es Ditta vor, als w\u00fcrde sie nicht gehen, sondern schweben. Schweben, sicher, nicht schwanken. Henriette bot ihr den thronartigen indischen Schnitzstuhl an, auf dem sie sich einigerma\u00dfen grazi\u00f6s niederlie\u00df, Beine und Kost\u00fcm ordnete und mit der Zigarette fuchtelte.<\/p>\n<p>Ihr sch\u00f6n geschnittenes Gesicht wurde belebt von den gro\u00dfen, dunklen Augen, die wie Kohlest\u00fcckchen in einem Teig steckten. Aber darunter hingen faltige Hauts\u00e4cke wie kleine H\u00e4ngematten, die sich auch am Hals fortsetzten. Diese waren nat\u00fcrlich auf den ihr bekannten Fotos nicht zu sehen und auch nicht, dass das Wei\u00dfe um ihre Iris von kleinen, roten \u00c4derchen durchzogen war.<br \/>\n`Wahrscheinlich strengt sie das Schreiben so an, sie muss Tag und Nacht an ihrem Schreibtisch sitzen. Und wenn nicht, dann ist sie in der ganzen Welt auf Lesereisen und Buchpr\u00e4sentationen unterwegs, Autogramme und Interviews geben.` Sie macht alles f\u00fcr ihre Fans, ihre Leserinnen, ihre Anbeterinnen. Sie opfert sich auf. Auch f\u00fcr mich. Vor lauter Dankbarkeit und Mitgef\u00fchl sp\u00fcrte Ditta einen Stich im Herzen.<\/p>\n<p>Arabell war wie Henriette eine starke Raucherin, nur zelebrierte sie diese Gewohnheit noch theatralischer, indem sie aus einer elfenbeinernen Spitze rauchte. Diese hielt sie ganz hinten mit in wei\u00dfen Handschuhen steckenden Fingern. Aber wenn sie nicht irrte, meinte Ditta, in den Falten des br\u00fcchigen Satins unregelm\u00e4\u00dfige Flecken und abgelagerte Staubstreifen zu entdecken, vielleicht waren es auch Br\u00f6sel oder Br\u00f6ckchen von etwas vor langer Zeit Genossenem. Nein, sie sah sicher nicht richtig, b\u00f6se Ditta, sch\u00e4m dich, du bist eine Verr\u00e4terin. Wie konnte sie nur so etwas denken. Sie kr\u00fcmmte ihren R\u00fccken, damit niemand ihr Herz klopfen sah. Sie starrte in ihr Glas, wo sich die schmelzenden Eisw\u00fcrfel im Orangensaft in tr\u00fcben Schlieren kringelten.<\/p>\n<p>\u201eLiebling\u201c, rief Henriette.<br \/>\n\u201eEngel\u201c, fl\u00f6tete Arabell, \u201emein S\u00fc\u00dfes\u201c.<br \/>\nMein Gott, diese Stimme, das war die Stimme, an der sie sie endg\u00fcltig erkannte. Ja, das war sie, die echte, leibhaftige Arabell Inenda. Ditta sp\u00fcrte, dass sie in den Boden versank. Dieser tiefe Samt, dieses sanfte Gl\u00fchen, in irgendeinem Artikel hatte jemand einmal \u201ePurpur-Samt\u201c geschrieben.<br \/>\n\u201eEngelchen, was gibt es zu trinken, was trinken die Leute?\u201c<br \/>\n\u201eAlles gibt es, Tee, Kaffee, Saft, Wasser\u2026.\u201c<br \/>\n\u201ePfft, Wasser, bist du mein Feind, willst du mich vernichten?\u201c<br \/>\nHenriette warf sich herum, fuchtelte mit ihrem F\u00e4cher wie mit einem Generalstab und deutete auf ihre Gesellschaft.<br \/>\n\u201eBella-Darling, du wei\u00dft, ich passe auf dich auf, immer, du hast heute Abend noch eine Lesung.\u201c<br \/>\n\u201eMusst nicht aufpassen, ich bin schon ein gro\u00dfes M\u00e4dchen.\u201c<br \/>\nDer Purpur-Samt kicherte und rutschte leicht ab in ein spitzes, ungeputztes Blech.<br \/>\n\u201eEngelchen, du hast doch deinen k\u00f6stlichen Wodka.\u201c<br \/>\n\u201eDarling, ich sag nicht nein, zu dir nie, aber denk an die Lesung, an deinen neuen Bestseller.\u201c<br \/>\nTrotzdem rief sie nach Lily und dem Wodka.<br \/>\n\u201eLily-Sch\u00e4tzchen, keinen Fingerhut, die Flasche!\u201c<\/p>\n<p>Ditta bem\u00fchte sich, an etwas anderes zu denken, als sie eben geh\u00f6rt und gesehen hatte.<br \/>\nAber es nutzte nichts.<br \/>\n\u201eEngel, Henry, wer ist denn das? Was hast du denn da Niedliches bei dir?\u201c<br \/>\n\u201eIst das mein Kleines, das du mir versprochen hast?\u201c<br \/>\n\u201eWas f\u00fcr ein s\u00fc\u00dfes, kluges Gesicht, und das gelbe Kleidchen, ein wunder-wundersch\u00f6nes St\u00fcck, schaut mal, sehen alle, was ich sehe?\u201c<br \/>\nLily n\u00e4herte sich mit einem f\u00fcnfeckigen Tablett, auf dem ein tiefes Glas, eine Wasserkaraffe, eine kaum angebrochene Wodka-Flasche und ein Eisk\u00fcbel mit Zange standen. Lily stellte alles am Beitisch ab und machte sich daran, ihr einzuschenken.<br \/>\n\u201eSch\u00e4tzchen, lass das, das bleibt hier bei mir, nicht wahr.\u201c<\/p>\n<p>Arabell schlug den Zobel um ihren Hals herum, befreite sich von ihrer Zigarette und schenkte sich selbst bis zum Rand ein.<br \/>\nDitta war nicht mehr ganz sie selbst, als sie im Pelz einige Bewegungen zu sehen glaubte, die nicht von der Tr\u00e4gerin selbst ausgingen.<br \/>\n\u201eWollt ihr etwas h\u00f6ren aus meinem letzten Roman, schon wieder ein Bestseller, diese Idioten fressen doch alles, diese \u2026. Aber was haben wir denn da? Henry, wen hast du mir denn da angeschleppt, so ein Sweetheart, dieses s\u00fc\u00dfe Gesichtchen, s\u00fc\u00df, s\u00fc\u00df, s\u00fc\u00df, ein Herzchen, ein Herzgesicht. Was machen Sie noch mal?\u201c<\/p>\n<p>Arabell klopfte ihr mit der Zigarettenspitze auf die Schulter, als sei sie ein Aschenbecher, den sie \u00fcbrigens nie benutzte, sondern selbstverst\u00e4ndlich auf Henriettes wei\u00dfe Marmorkacheln aschte. Die kleine Lily huschte unbemerkt um sie herum und wischte den Boden auf.<br \/>\n\u201eAch, Sie schreiben auch? Wie sch\u00f6n, eine Kollegin, eine Herzensfreundin, was schreiben Sie?\u201c<br \/>\n\u201eIch, \u00e4hm, ich schreibe nie\u2026. Nichts, ich lese\u2026. Ich lese Ihre B\u00fccher, manchmal auch andere, aber Ihre sind mir die liebsten, ich\u2026. weil\u2026. mein Mann\u2026.\u201c<br \/>\nDitta wusste nicht, was sie davon halten sollte, es hatte etwas Unbefriedigendes, das sie nicht so richtig in den Blick bekam.<br \/>\n\u201eWie s\u00fc\u00df, hallo Leute, Henriette hat mir heute\u2026..\u201c<br \/>\nArabell griff wieder zur Flasche, goss das Glas randvoll und z\u00fcndete sich die n\u00e4chste Zigarette an, ein tiefer Zug von da und dort. Alle wurden Zeugen, wie der Wodka in ihrem Blut und ihrem Gehirn seine wunderbare Arbeit verrichtete.<\/p>\n<p>\u201eHenry, mein Engelchen, was wolltest du mir sagen, Jugend, ja Jugend, wir waren auch einmal\u2026.. Sie hat einen Mann, ist das nicht entz\u00fcckend, und sie liebt ihn auch noch, sagt sie, einen einzigen Mann, ihren Mann. Synopsis oder ein Skript zuschicken, an meinen Verlag, ich bin wahnsinnig interessiert, ich nehme neue Ideen auf, Sie wissen, ich bin immer in Verbindung, Verbindung mit, mit\u2026.., ja, mit wem, Henry, sag mir\u2018s.\u201c<br \/>\nIhre Augen schienen aus den H\u00e4ngematten herausspringen zu wollen, die Kohlest\u00fccke zerbr\u00f6selten im Gesichtsteig, das Haarkr\u00f6nchen neigte sich bedenklich zur Seite, die Seidenblume wurde welk, und aus dem Zobel begannen kleine Tierchen \u00fcber Hals und Gesicht zu krabbeln.<\/p>\n<p>Ditta sah es mit ihren eigenen Augen, wollte das nicht sehen und err\u00f6tete so stark, dass ihr ganzer K\u00f6rper schmerzte.<br \/>\nSie nahm all ihren Mut zusammen, griff nach ihrer Clutch und stand mit steifen Beinen auf:<br \/>\n\u201eVielen Dank, ich muss jetzt wirklich\u2026..Henriette, Frau Inenda, entschuldigen Sie mich, ich muss jetzt wirklich, mein Mann, die Katze, der Garten, ich habe noch&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eSchschreibenSie, Goethe hat auch, war \u2026. Sie sind eine Heilige\u201c, rief Arabell ihr nach, \u201esie hat einen Mann, einen, und liebt ihn auch noch, sagt sie, so eine s\u00fc\u00dfe Idiotin, und mich auch, nochmal Idiotiiin.\u201c<br \/>\nDabei lachte sie schrill auf, lie\u00df sich in ihren Sessel zur\u00fcckfallen und fing unmittelbar zu schnarchen an.<br \/>\nHenriette fl\u00fcsterte Ditta ins Ohr: \u201eDu verstehst ja, Kleines, dass sie sich vor ihrem Abend noch ausruhen muss.\u201c<\/p>\n<p>Lily begleitete sie an die T\u00fcr. Obwohl die Maid von Henriette zur ultimativen Zur\u00fcckhaltung erzogen worden war, meinte Ditta ein mitleidiges L\u00e4cheln zu entdecken, oder war es Schadenfreude?<br \/>\nWie sie durch das steile Treppenhaus hinunter auf die Stra\u00dfe kam, erinnert sie nicht mehr. Drau\u00dfen war es noch nicht ganz dunkel, eine schw\u00fcle, wattige D\u00e4mmerung. Ditta schleppte sich \u00fcber den Hauptplatz vor Henriettes Haus, durch die alte Lindenallee, vorbei am Rosengarten des Klosters bis zur Schwarza. Es war die Jahreszeit, die sie sonst \u00fcber alles liebte, wenn sich die D\u00fcfte der Linden mit Flieder und Rosen mischten. Jetzt war ihr die s\u00fc\u00dfe Luft unangenehm und sogar peinlich. Ihr w\u00e4re ein Geruch von Jauche lieber gewesen.<br \/>\nEinige Zeit stand sie auf der Br\u00fccke ans Gel\u00e4nder gelehnt, aber das Wasser war zu seicht, als dass es sich ausgezahlt h\u00e4tte. Menschen haben manchmal Gedanken, die sie besser nicht h\u00e4tten. Manches, was man tat im Leben, war bereuenswert, anderes nicht.<br \/>\nAus allen G\u00e4rten drangen die Amsel-Fl\u00f6ten, die Nacht war so klar, dass sich der Bogen der Milchstra\u00dfe deutlich abzeichnete. Sie dachte an vieles, an die Sterne, an Heinz, James, Mahmoud, die Fr\u00f6sche, Libellen, Goldfische und an das Amsel-P\u00e4rchen und an alles andere, nur nicht an Arabell. Immer glaubt man, man k\u00f6nnte sich mit einer Art Schild dagegen sch\u00fctzen, aber die Erinnerung kommt nie von vorne auf dich zu, sondern seitlich um die Ecke. Mit einem Schwung warf sie die Clutch \u00fcber die Br\u00fccke. Nur ein schwaches Klatschen kam vom Wasser. Sie zog ihre Lieblingsschuhe aus und schleuderte sie in die ausgetrocknete Schwarza, zweimal ein h\u00f6hnisches Klacken auf den Kieseln ohne Echo, nur noch Schotter, Edelschrott.<br \/>\n\u201eWider-hallende Leere\u201c, diese zwei W\u00f6rter drehten sich unter ihrer harten Sch\u00e4deldecke, immer und immer wieder, bis sie zu Hause ankam.<\/p>\n<p>Sie schloss die T\u00fcre auf und rief mit gebrochener Stimme, fast nicht mehr als ein Kr\u00e4chzen, ins Haus hinein:<br \/>\n\u201eBist du da, Darl, ich bin\u2018s.\u201c<br \/>\nEr sa\u00df wie immer im Office, aber nicht in seinem Ohrensessel und nicht von B\u00f6rsenberichten und Sudokus umgeben, sondern am Schreibtisch. Den hatte er seit seiner Pensionierung vor drei Jahren nicht mehr aufgesucht. Jetzt war er \u00fcberh\u00e4uft mit Bauanleitungen f\u00fcr Laubs\u00e4gearbeiten, Pl\u00e4nen f\u00fcr H\u00e4user, Kirchen, Pfarrhaus, Schulen, Gesch\u00e4fte, B\u00e4ckerei, Fleischerei, Brauerei, Sportplatz, Brunnen, Feuerwehrhaus und allem, was ein Dorf ausmacht. Zu seinen F\u00fc\u00dfen sah sie ein Laubs\u00e4geset und einige Packungen mit Brettern. Sein Mund stand halboffen, die Zunge lag leicht vorgestreckt im linken Mundwinkel, die Lesebrille sa\u00df ihm auf der Nasenspitze, sein Gesicht gl\u00fchte, die Zigarre qualmte ungeraucht neben ihm im Aschenbecher, am Beitisch ein Tablett mit dem Abendessen: Aufschnitt am Holzbrett, das Brotk\u00f6rbchen, eine unge\u00f6ffnete Bierflasche und die Vorspeise, in der die Eisw\u00fcrfel l\u00e4ngst zerschmolzen waren.<\/p>\n<p>Ditta blieb wie angewurzelt in der T\u00fcre stehen.<br \/>\n\u201eUm Gottes Willen, Heinz, was soll das werden?\u201c<br \/>\n\u201eSiehst du\u2018s nicht, ich baue dem James ein Dorf. Und bei dir, wie war`s?\u201c<br \/>\n\u201eSehr interessant, wirklich, alle waren da, nur du hast gefehlt. Und sie hat auch vorbeigeschaut.\u201c<br \/>\n\u201eWer hat vorbeigeschaut?\u201c<br \/>\n\u201eNa, wer schon, Heinz, wirklich, du bist unm\u00f6glich.\u201c<br \/>\nAm liebsten h\u00e4tte sie mit den F\u00fc\u00dfen aufgestampft und ihren Tr\u00e4nen freien Lauf gelassen.<br \/>\n\u201eAch, die alte Schabracke meinst du. Wor\u00fcber habt ihr geredet?\u201c<br \/>\nMit letzter Beherrschung hauchte sie:<br \/>\n\u201e\u00dcber\u2026. Goethe.\u201c<br \/>\n\u201eDu \u2013 und &#8211; Goethe?\u201c<\/p>\n<p>Er hackte die W\u00f6rter scharf auseinander, zog das U und das \u00d6 so in die L\u00e4nge und in die H\u00f6he, dass das dreifache Fragezeichen fast sichtbar in der Luft stand. Er nahm die Brille ab, leckte sich mit der Zunge \u00fcber die Lippen und schaute sie mit so jungen, frisch-funkelnden Augen an, seit langem zum ersten Mal direkt in die Augen, ein Blinken und Blitzen, wie sie es schon lange nicht mehr bei ihm bemerkt und schon vergessen hatte, dass es das bei ihnen einmal gegeben hatte. Eine Mischung aus Mitleid, z\u00e4rtlicher Neckerei und Liebesbereitschaft. Sogar sein schwerer K\u00f6rper schien ihr f\u00fcr einen Augenblick leichter, hatte irgendeinen jungen Schwung, eine neue Streckung. Wenn James Dean nicht so fr\u00fch gestorben w\u00e4re, h\u00e4tte er vielleicht ausgesehen wie Heinz jetzt. Ditta hatte mit der Geduld der Liebenden gelernt, auf solche Augenblicke zu warten, und wenn sie kamen, sie auch zu genie\u00dfen. Wenn er sie l\u00e4nger angesehen h\u00e4tte, w\u00fcrde er festgestellt haben, dass ihr zittriges L\u00e4cheln jetzt aussah wie ein verlorenes Blatt. Es sollte vermutlich m\u00e4dchenhaft und entwaffnend aussehen, doch es h\u00e4tte die Aufmerksamkeit nur auf die schlaffe Leere ihres Gesichts gelenkt, ein erschauernder Clown.<\/p>\n<p>\u201eJa, Goethe, sie hat mit mir \u00fcber Goethe geredet.\u201c<br \/>\n\u201eWirklich? Na, dann gute Nacht. Ich bleib, hab noch zu tun.\u201c<br \/>\n\u201eDas sehe ich, dir auch gute Nacht.\u201c<\/p>\n<p>Epilog: W\u00e4hrend sich Ditta in ihrem Zimmer auszog, im Finstern wohlweislich, damit sie nicht in Gefahr geriet, sich im Spiegel zu sehen, h\u00f6rte sie vom Garten herauf einen lauten Knall. Als sie den Vorhang vom Fenster wegzog, sah sie James` rauchende Tr\u00fcmmer \u00fcber den Rasen verstreut liegen. Wahrscheinlich hatte er sich heute nicht selbst abgeschaltet, und der Akku war viele Stunden lang hei\u00df gelaufen, bis er explodierte. Die Gebrauchsanweisung hatte vor diesem, als unwahrscheinlich eingestuften Fall gewarnt. Durch die Rauchwolken hindurch sah Ditta Heinz am Rande des japanischen Teiches stehen, gebeugt und den Kopf tief auf die Brust gesenkt &#8211; der Inbegriff eines gebrochenen Mannes.<br \/>\nSie bef\u00fcrchtete das Schlimmste: Ob er sich wohl je an James II. gew\u00f6hnen w\u00fcrde?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 16027<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Ditta das Haus betrat, wusste sie sofort, dass ihr Mann aus der Firma zur\u00fcck war. 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