{"id":4045,"date":"2016-02-06T15:17:50","date_gmt":"2016-02-06T15:17:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4045"},"modified":"2016-03-05T18:31:27","modified_gmt":"2016-03-05T18:31:27","slug":"xx-7","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4045","title":{"rendered":"Ausschnittsweise"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4045&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4045&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Lara ist Sozialarbeiterin und lebt schon eine ganze Weile alleine. Manchmal vermisst sie das laute und bunte Familienleben, dessen Teil sie nur noch ist, wenn sie gelegentlich ihre Eltern und ihre Geschwister besucht. Zuhause wird noch immer Litauisch gesprochen; sonst verwendet Lara ihre Zweitsprache nie, die sie flie\u00dfend beherrscht. Selbst mit Bekannten aus Litauen spricht sie nur Deutsch, auch wenn sie auf Litauisch angesprochen wird. Ihre \u00e4ltere Schwester Audra und ihr Mann Aidis hingegen sprechen haupts\u00e4chlich Litauisch und haben nur litauische Freunde, w\u00e4hrend Lara in jeder Hinsicht Abstand zu ihrem Geburtsland h\u00e4lt. Auch zur weiteren Verwandtschaft wahrt sie Distanz, sie sieht diese nur bei gr\u00f6\u00dferen Feiern wie Hochzeiten. Auf Diskussionen diesbez\u00fcglich l\u00e4sst sie schon lange nicht mehr ein. Auch von ihrer Bisexualit\u00e4t wei\u00df ihre Familie nichts. Nicht, weil Lara sich daf\u00fcr sch\u00e4mt, sondern weil sie ihr Innerstes sch\u00fctzen will. Ihr haben die Diskussionen nach ihrem Kirchenaustritt schon gereicht.<\/p>\n<p>Lara war schon als Kind ehrgeizig, eigensinnig und unangepasst. W\u00e4hrend andere M\u00e4dchen miteinander und mit ihren Puppen gespielt hatten, hatte sie sich lieber mit B\u00fcchern, dem Familienhund Sam und ihrem besten Freund G\u00f6rkem, dem t\u00fcrkischen Nachbarsjungen, besch\u00e4ftigt. Diese Freundschaft ist die l\u00e4ngste und stabilste in Laras Leben. Sie ist sich ihrer starken Wirkung nach au\u00dfen nicht bewusst, sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, die sie gerne in einer Beziehung \u2013 und noch lieber verheiratet \u2013 sehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Leyla wusste schon als Sch\u00fclerin, dass sie Jugendsozialarbeiterin werden wollte. Vielleicht, weil ihr schon fr\u00fch klar war, dass es engagierte und couragierte Erwachsene braucht, um eine m\u00fcndige und verantwortungsgbewusste n\u00e4chste Generation aufzuziehen. Vielleicht war es auch die couragierte Betreuerin im Jugendzentrum. Seit kurzem lebt sie in ihrer ersten eigenen Wohnung, die voll von B\u00fcchern und Fotos ist. Die meisten Fotos zeigen sie und ihre beste Freundin Sara, die urspr\u00fcnglich aus Kairo stammt. Leyla ist die einzige Frau in ihrer Familie, die kein Kopftuch tr\u00e4gt, und ihr Auszug hat zum endg\u00fcltigen Bruch mit ihrer konservativen Famile gef\u00fchrt. Irgendwann war ihr die permanente Einbindung in das Familienkollektiv, die keinen Raum f\u00fcr pers\u00f6nliche Entfaltung lie\u00df, zu viel geworden. Selten sieht sie einige Familienmitglieder am Brunnenmarkt, wenn sie dort einkauft oder sich mit Sara zum Fr\u00fchst\u00fcck trifft. Schon als kleines M\u00e4dchen hat sie sich nie den Mund verbieten lassen. Wie oft hat ihr Bruder sie mit der flachen Hand auf den Mund geschlagen? Sie erinnert sich noch gut daran, wie oft ihr Vater ihr vorgehalten hat, dass es bei ihrer Sch\u00f6nheit leicht w\u00e4re, einen Ehemann f\u00fcr sie zu finden, w\u00fcrde sie sich mehr auf ihre Pflichten als Frau konzentrieren, anstatt sich ihren Verstand mit B\u00fcchern zu vernebeln. Sie hatte irgendwann gelernt, taktisch zu schweigen, bis sie in der Lage war, f\u00fcr sich selbst zu sorgen.<\/p>\n<p>Auch wenn sie das laute Familienleben jetzt manchmal vermisst, ist sie doch gl\u00fccklich \u00fcber ihre eigene Wohnung. So sehr sie ihre Arbeit im Jugendzentrum liebt, an einem freien Tag ist sie froh, wenn sie es sich mit einem Buch auf der Couch bequem machen oder spazieren gehen kann. Die gleiche Strecke, die Lara immer zum Joggen nimmt.<\/p>\n<p>Lara und Leyla haben sich sicher schon oft gesehen; in der kleinen t\u00fcrkischen B\u00e4ckerei, am Donaukanal oder an der Stra\u00dfenbahnhaltestelle. Und unbewusst haben sie sich sicher schon wahrgenommen. Die gro\u00dfe, blonde Lara, deren blaue Augen immer eine klare Pr\u00e4senz ausstrahlen und deren markantes, aber doch zierliches Gesicht stets einen Hauch von Konzentration aufweist. Und Leyla mit ihren schokoladebraunen Locken, ihren bernsteinbraunen Augen, die sie wohl von ihrer Gro\u00dfmutter geerbt hat, ihrer sanften, wohlgeformten Figur und ihrer geerdeten Ausstrahlung. Aber vielleicht verh\u00e4lt es sich auch nur so, dass man einen richtigen Menschen erst zum richtigen Zeitpunkt wahrnimmt. Und dann kann man nur versuchen, den Dingen ihren Lauf zu lassen. An diesem Tag sind Lara und Leyla schon seit vierzehn Stunden auf den Beinen. Die kleine t\u00fcrkische B\u00e4ckerei an der Ecke hat bis Mitternacht ge\u00f6ffnet; Sp\u00e4tentschlossene wie sie k\u00f6nnen so um 23.30 Uhr noch Milch und Brot f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag besorgen. Lara ist m\u00fcde nach diesem langen Tag und nimmt den Geschmack der Zigarette in ihrer rechten Hand kaum wahr.<\/p>\n<p>Neben ihr, ebenfalls an der Theke, steht Leyla, die lieber Abstand genommen hat von den zwielichtigen Gestalten, die an einem kleinen Tisch Tee trinken. \u201eAuch keine Milch mehr?\u201c, Leyla l\u00e4chelt Lara an und streicht sich sanft eine schokoladenbraune Haarstr\u00e4hne aus dem Gesicht. \u201eNein\u201c, Lara sch\u00fcttelt den Kopf und erwidert das L\u00e4cheln, \u201eaber das ist nicht tragisch, auf mich wartet niemand!\u201c \u201eAuf mich auch nicht! Es ist leichter, wenn einem das eigene Leben ganz alleine geh\u00f6rt.\u201c Lara nickt zustimmend.<\/p>\n<p>Celal, der Besitzer der kleinen B\u00e4ckerei, ist schon seit \u00fcber drei\u00dfig Jahren in Wien. Als Zwanzigj\u00e4hriger hat er Istanbul verlassen, der Liebe wegen, die sich noch immer bew\u00e4hrt. Er kennt die beiden jungen Frauen gut, sie kommen oft \u2013 getrennt voneinander \u2013 zu ihm in die B\u00e4ckerei. Manchmal bleiben sie sogar, um ein Gl\u00e4schen t\u00fcrkischen Tee mit ihm zu trinken und sich zu unterhalten. Lara ist die Tochter eines alten Freundes von ihm, den ebenfalls die Liebe vor vielen Jahren nach Wien gef\u00fchrt hat; allerdings aus Litauen, und der mit seiner Frau in der Wohnung neben Celal und seiner Frau lebt. Leyla ist die Tochter eines Freundes von ihm aus Istanbul. Er wei\u00df auch von dem Bruch innerhalb Leylas Familie; ihr Vater Ahmet fragt oft nach seiner Tochter. Auch jetzt beobachtet er die beiden, wie sie so zusammenstehen und sich unterhalten, als w\u00e4re es eines von vielen, schon vorangegangenen Treffen.<\/p>\n<p>Schon aus Gewohnheit bietet ihnen Celal einen Tee an. Und die kleinen, traditionellen Teegl\u00e4ser scheinen das Bild zu komplettieren. Es ist, als w\u00e4ren sie f\u00fcr die beiden M\u00e4dchen gemacht worden. An diesem Abend verl\u00e4sst Celal seine B\u00e4ckerei erst um halb zwei, eineinhalb Stunden sp\u00e4ter als \u00fcblich. Hier zeigt sich die Festigung einer Liebe, die schon einige Jahrzehnte hinter sich hat. Celal wei\u00df, dass seine Frau, wie jeden Abend, schon schl\u00e4ft, wenn er kommt. Er wei\u00df auch, dass sie ihre Zeit nicht mehr mit Eifersucht verschwenden wird, wenn er die Wohnung betritt und sie fast automatisch aufwacht und aufsteht, um ihm einen Tee zu kochen. Sie werden \u00fcber den Tag sprechen, wie er vergangen ist und wie jede Nacht Arm in Arm einschlafen. Und vielleicht ist gerade das der Segen eines ruhigen, zufriedenen und vor allem \u00fcberschaubaren Lebens. Eben deshalb beneidet er die beiden jungen Frauen auch nicht. Ihre Generation ist eine sehr gehetzte, eine, die besch\u00e4digte Dinge lieber austauscht, als zu versuchen, den Defekt zu beheben. Doch er grollt nicht. Er wei\u00df, dass sich in jeder Zeit das Positive und das Negative die Waage halten.<\/p>\n<p>Es ist sp\u00e4t \u2013 oder fr\u00fch, je nachdem, wie man vier Uhr morgens empfindet \u2013, als die beiden Frauen die Bar neben der nahegelegenen U-Bahnstation verlassen. \u201eWie hei\u00dft du eigentlich?\u201c In all den Stunden ist ausgerechnet diese Frage nicht gefallen. \u201eLeyla\u201c, wieder erscheint ihr sanftes L\u00e4cheln. \u201eIch bin Lara\u201c, ihre Stimme ist rauchig, \u201ewollen wir noch zu mir gehen?\u201c Hand in Hand. Und doch schon viel intimer. Sehr viel intimer. Stunden sp\u00e4ter sind ihre Stimmen schon beinahe br\u00fcchig und k\u00f6nnen dem Gedankenaustausch kaum noch standhalten.<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dft du eigentlich, wie wundersch\u00f6n du bist?\u201c, langsam streicht Lara Leyla eine Haarstr\u00e4hne aus dem Gesicht. Suchend, mit geschlossenen Augen ber\u00fchrt sie die warme Hand, erwidert die Geste, zieht ihr Gegen\u00fcber bestimmt heran. Und es ist der erste Kuss, der alles Weitere entscheidet. Sie verbringen die Nacht zusammen.<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00f6nnen sich Frauen wirklich besser in andere Frauen hineinversetzen, wenn es um sexuelle Bed\u00fcrfnisse geht. Oder vielleicht ist es aber auch nur so, dass zwischen den beiden Frauen die Chemie gerade stimmt. Oft schon haben sich die beiden im Morgengrauen aus fremden Wohnungen geschlichen, um peinliches Schweigen oder \u2013 noch schlimmer \u2013 die Frage nach der Telefonnummer zu vermeiden. Was in diesem Fall anders ist? Es ist keine dieser klassischen Geschichten. Und nichts Pathetisches.<\/p>\n<p>Es ist ein Samstagmorgen, der einen dazu verleitet, einen langen Spaziergang zu machen, obwohl er neblig und verhangen ist. So sitzen sie im Caf\u00e9 Central in der Herrengasse, sprechen \u00fcber ihre Studienzeit, wundern sich, warum sie sich nie begegnet sind, obwohl sie beide oft hier waren. So oft, dass die Kellner beide Frauen noch immer mit dem Vornamen begr\u00fc\u00dfen. Es ist sogar der gleiche Lieblingsplatz in einer kleinen, versteckten Ecke, wo sie f\u00fcr sich sind. Noch immer Hand in Hand spazieren sie von der U1-Station Donauinsel bis zur U6-Station Neue Donau und wieder zur\u00fcck. Vier- oder f\u00fcnfmal, bis sie schlie\u00dflich in die U6 einsteigen und wieder zu Lara fahren. Weil es irgendwie schon wieder sp\u00e4t geworden ist. Jedenfalls sp\u00e4t genug, um sich noch mit einer Tasse hei\u00dfen Tee einen Film anzusehen und auf den Sonntag zu warten.<\/p>\n<p>Schweigend liegen sie nebeneinander, ohne etwas anderes wahrzunehmen. Mit geschlossenen Augen und einander streichelnd. Lara genie\u00dft es, Leylas Hand auf ihrer Brust zu sp\u00fcren. Zu sp\u00fcren, wie die Hand abw\u00e4rts wandert, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Sie zieht Leyla heftig an sich, k\u00fcsst sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Ob es Liebe ist? Das bleibt abzuwarten, es hat doch gerade erst angefangen.<\/em><\/p>\n<p>Celal hat die beiden an diesem Tag vorbeigehen gesehen, Hand in Hand. Ob ihn dieses Bild \u00fcberrascht hat? Nicht sonderlich, \u00fcber die Jahre hat er viel gesehen. Und seine Einstellung war schon immer sehr liberal. Ob ihm die beiden zusammen gefallen haben? Ja, wenn auch aus \u00e4sthetischen Gr\u00fcnden, nicht aufgrund sexueller Phantasien. Solche Bilder reizen ihn nicht mehr in dem Ausma\u00df, wie sie es in seiner Jugend getan haben. Er muss vor allem an Aphrodite denken, \u00fcber die er als Junge sehr viel gelesen hat, weil sie ihm von allen G\u00f6ttinnen die liebste war.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Cornelia Hell<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> | Inventarnummer: 16024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lara ist Sozialarbeiterin und lebt schon eine ganze Weile alleine. Manchmal vermisst sie das laute und bunte Familienleben, dessen Teil sie nur noch ist, wenn sie gelegentlich ihre Eltern und ihre Geschwister besucht. Zuhause wird noch immer Litauisch gesprochen; sonst verwendet Lara ihre Zweitsprache nie, die sie flie\u00dfend beherrscht. 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