{"id":4042,"date":"2016-02-06T15:10:11","date_gmt":"2016-02-06T15:10:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4042"},"modified":"2016-02-20T10:09:36","modified_gmt":"2016-02-20T10:09:36","slug":"mitternacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4042","title":{"rendered":"Mitternacht"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4042&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4042&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es ist Mitternacht und Rauch h\u00e4ngt in der Luft. Es regnet. Ich liebe das rhythmische Klopfen der Regentropfen an den Fensterscheiben. Gott sei Dank hat es erst vor einer halben Stunde begonnen zu regnen. Heute Morgen bin ich von Istanbul nach Wien geflogen, um alte Freunde zu besuchen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich seit zwanzig Jahren nicht mehr hier war. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich es vermisst h\u00e4tte. Ich h\u00e4tte auch keine Zeit dazu gehabt. Nicht mit einer Familie, einem eigenen Buchladen und einem eigenen Caf\u00e9. Als ich Wien im Alter von 28 Jahren verlassen habe, war mir schon klar, dass ich nur noch zu Besuch kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Serdar und ich haben uns bei meinem ersten Besuch in Istanbul kennengelernt. Ich war Sprachsch\u00fclerin und Touristin und Serdar hatte seine Familie besucht, da er damals in Wien studierte und sie nur w\u00e4hrend der Sommermonate sah. Mittlerweile sind wir seit vierundzwanzig Jahren zusammen; meine Mutter hat uns nicht einmal ein halbes Jahr gegeben. Ich wei\u00df nicht, was sie zu meinem jetzigen Leben sagen w\u00fcrde, da ich seit zwanzig Jahren kein Wort mehr mit ihr gewechselt habe. Ich darf nicht sagen, dass sie nichts f\u00fcr mich getan hat, das w\u00e4re gelogen. Aber die Einsicht, dass man f\u00fcr einen Menschen niemals gut? genug sein wird, egal was man macht, schmerzt. Vor allem, wenn einem die eigene Mutter ohne Unterlass zu verstehen gibt, dass man nicht gut genug ist und es wohl auch nie sein wird. Ich hoffe, dass ich meinen Kindern dieses Gef\u00fchl nie gegeben habe.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht weshalb, aber wieder \u00f6sterreichischen Boden zu betreten, hat mich mehr als erwartet aufgew\u00fchlt. Ich sehe die junge Frau, die ich damals war, aus gro\u00dfer Distanz. Den Tag habe ich mit Evelyn, meiner langj\u00e4hrigen und besten Freundin verbracht. Obwohl ich schon so lange nicht mehr hier lebe, ist unsere Freundschaft auch nach so vielen Jahren noch sehr eng und vertraut. Ich habe versucht, meine einstige Heimatstadt mit den Augen der jungen Frau zu sehen, die ich war, als ich weggezogen bin. Doch wir haben uns beide zu sehr ver\u00e4ndert, die Stadt und ich; obwohl manche Gegenden noch genauso sind, wie ich sie in Erinnerung habe. Evelyn ist mir nicht b\u00f6se, dass ich im Motel One am Westbahnhof \u00fcbernachte. Sie und ihr Mann bewohnen zwar eine wundersch\u00f6ne und gro\u00dfe Wohnung, doch mich macht es verr\u00fcckt, in fremden Wohnungen zu \u00fcbernachten. Schon als kleines M\u00e4dchen mochte ich es nicht, bei Freundinnen zu \u00fcbernachten oder mir, wenn sie bei mir \u00fcbernachteten, ein Bett mit ihnen zu teilen. Als ich mit Serdar zusammengekommen bin, hat es sehr lange gedauert, bis ich mich daran gew\u00f6hnt habe, mit ihm in einem Bett zu schlafen. Auch nach so vielen Jahren passiert es noch, dass ich die eine oder andere Nacht in meinem eigenen Zimmer verbringe. Nun ja, jede Beziehung hat ihre Arrangements.<\/p>\n<p>Offiziell verbringe ich den Abend mit einigen alten Freunden. Tats\u00e4chlich aber wollte ich allein sein, um einer alten Geschichte nachzugehen. Ich hatte vor sechsundzwanzig Jahren, noch eine ganze Weile vor Serdar, eine Romanze mit einem t\u00fcrkischen Kurden, dessen Eltern eine Shisha-Bar am Lerchenfelder G\u00fcrtel betrieben, genau gegen\u00fcber von der U6-Station Thaliastra\u00dfe. Caf\u00e9 Derwisch. Und nun hatte es mich interessiert, was daraus geworden war.<\/p>\n<p>Zu meiner \u00dcberraschung hat sich kaum etwas ver\u00e4ndert. T. f\u00fchrt das Lokal weiter. Und offenbar hat er eine affektierte und zu stark geschminkte, schlecht blondierte Frau mit einem zu kurzen Minirock geheiratet. Seinen Sohn kann er nicht verleugnen, er ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. T. wirkt sehr angespannt, offenbar hat er es \u2013 wie ich es \u00fcbrigens schon vermutet habe \u2013 nicht geschafft, eigene Entscheidungen f\u00fcr sein Leben zu treffen. Als ich vor einer halben Stunde gekommen bin, war das Lokal sehr voll. Ich habe zum Gl\u00fcck einen kleinen Nischenplatz f\u00fcr mich und mein Buch gefunden und eine Kanne schwarzen Tee mit Milch bestellt. Abends mein liebstes Getr\u00e4nk. Ich liebe den Geruch von Wasserpfeifentabak. Wenn Serdar und ich nach Bodrum fahren, wo wir ein Ferienhaus haben, rauchen wir oft eine Shisha. Am liebsten habe ich den Trauben- und den Melonentabak. Und obwohl ich erst seit einigen Stunden wieder in Wien bin, vermisse ich die T\u00fcrkei und unseren Lebensstil schon. Aber ich bin ja nur eine Woche hier.<br \/>\nErst jetzt f\u00e4llt mir auf, dass T. mich anstarrt. Wie lange schon? Ob ihm d\u00e4mmert, wer ich bin? Wir waren schon ziemliche Hitzk\u00f6pfe damals. Vermutlich w\u00fcrde ich alles noch einmal so machen; schlie\u00dflich habe ich mich \u00fcber all diese Irrwege selbst gefunden. Ich habe noch immer die silberne Kette mit dem sch\u00fctzenden Auge, die er mir einmal geschenkt hat. Irgendwann werde ich sie meiner Tochter Elif schenken.<\/p>\n<p>T. bringt mir eine zweite Kanne Tee. Ich erwidere seinen Blick. Er stellt die Tasse vor mir ab, sch\u00fcttelt ungl\u00e4ubig den Kopf und setzt sich wieder zu seiner Schwester und seiner Frau an den Tisch. Nicht, dass er aufh\u00f6ren w\u00fcrde zu starren, aber zumindest sind jetzt einige K\u00f6pfe zwischen uns. Da f\u00e4llt es mir nicht so auf. Nun ja, ein besonders entschlossener Mensch war er noch nie.<br \/>\nAls ich wieder auf die Uhr sehe, ist es schon kurz vor vier. Zeit zu zahlen; auf der Eingangst\u00fcr steht, dass das Lokal am Wochenende bis vier ge\u00f6ffnet hat. Nicht einmal das hat sich ge\u00e4ndert. Ich packe meine Sachen und gehe zur Bar, um zu bezahlen. Nur an einem Tisch sitzen noch drei junge M\u00e4nner, die aber schon bezahlt haben. Bald werden sie ausgetrunken haben und gehen.<br \/>\n\u201eDu bist zur\u00fcck\u201c, stellt er sachlich fest. Ich nicke schweigend. \u201eBleibst du?\u201c \u201eWarum sollte ich?\u201c, antworte ich mit einer Gegenfrage, \u201eich ziehe Istanbul vor. Und bis zur Pension muss ich meine beiden L\u00e4den noch f\u00fchren, jetzt nochmal einen anderen Job anzufangen w\u00e4re unlustig.\u201c \u201eHm\u201c, er verzieht die Lippen. Ich lege den abgez\u00e4hlten Rechnungsbetrag auf die Bar und gehe. Vor der T\u00fcr kann ich mir ein lautes Auflachen nicht verkneifen. Es ist interessant, was die Jahre aus einem Menschen machen; ober eben nicht machen. Ich habe am Ende alles so hinbekommen, wie ich es mir immer gew\u00fcnscht habe. Aber wie muss es f\u00fcr ihn sein, immer auf der Stelle zu treten?<br \/>\nGerade als ich die Stra\u00dfe \u00fcberqueren will, sp\u00fcre ich eine Hand auf meiner Schulter. Nat\u00fcrlich ist er mir nachgekommen. Das war nicht anders zu erwarten. Er hat sich kein St\u00fcck ver\u00e4ndert. \u201eWieso tust du das?\u201c, er wirkt noch angespannter als vorhin im Lokal, \u201ewarum? Ich habe dir immer gesagt, dass du der einzige Mensch bist, der alles umwerfen kann. Auch wenn ich gerade dir gegen\u00fcber immer der unf\u00e4higste Idiot war!\u201c \u201eTja\u201c, ich zucke mit den Schultern, \u201enach zwanzig Jahren war es Zeit f\u00fcr einen Besuch. Du hast doch immer gesagt, dass es dir egal ist, ob ich komme oder nicht, weil das Derwisch ja ein \u00f6ffentliches Lokal ist.\u201c Auch wenn es gemein ist, kann ich mir einen gewissen Sarkasmus nicht verkneifen. Ist es gemein zu sagen, dass manche Leute es nicht anders verdient haben? Er gestikuliert, will die Arme heben, h\u00e4lt aber in der Mitte der Bewegung inne. \u201eSei nicht so unfair, du siehst doch selbst, dass dir nichts Besseres nachgefolgt ist.\u201c Ich muss lachen. \u201eUnd? Du hattest genug Chancen, es richtig zu machen!\u201c Mit diesen Worten lasse ich ihn stehen.<\/p>\n<p>Ich gehe zu Fu\u00df zum Westbahnhof; mit der U-Bahn w\u00e4ren es auch nur zwei Stationen. Was der Rezeptionist wohl denkt, als er mich um diese Zeit heimkommen sieht? Dem Namen nach ist er T\u00fcrke, ebenso wie der Barkeeper, der noch Dienst hat. Ich h\u00f6re die beiden schon, als ich die Lobby betrete; sie sind sich sicher, dass um diese Uhrzeit niemand mehr hier ist, der sie h\u00f6ren und verstehen k\u00f6nnte, weshalb sie sich, ohne besonders auf ihre Lautst\u00e4rke zu achten, \u00fcber gewisse weibliche G\u00e4ste unterhalten. Um besser schlafen zu k\u00f6nnen, bitte ich den Barkeeper auf Deutsch um ein Glas warmer Milch; in meinem Kopf sind die Sprachen sehr mit einem Kontext verbunden. Deutsch in Wien, T\u00fcrkisch in meinem Lebensumfeld und Litauisch mit meiner Familie. Und mit allen Sprachen ist ein anderer Teil meiner Identit\u00e4t und Pers\u00f6nlichkeit verbunden. Sprache ist Identit\u00e4t, aber nicht jeder Mehrsprachige f\u00fchlt sich in allen Identit\u00e4ten gleicherma\u00dfen wohl. Eine wird immer vorgezogen.<\/p>\n<p>Die \u00dcberraschung der beiden M\u00e4nner, als ich sie in fehlerfreiem T\u00fcrkisch zurechtweise, nachdem sie sich \u00fcber mich unterhalten haben, ist dementsprechend gro\u00df. Und typischerweise werden sie pl\u00f6tzlich sehr kleinlaut. Diese Erfahrung mache ich im Ausland nicht zum ersten Mal. Und nat\u00fcrlich folgen auf die erste \u00dcberraschung die \u00fcblichen Fragen nach Herkunft, Familie, dem Ehemann (die beiden M\u00e4nner sind konservativer, als es ihr \u00c4u\u00dferes vermuten lassen w\u00fcrde) und der Dauer des Aufenthaltes. Auch auf diese Fragen habe ich meine vorgefertigten Antworten, da ich kein Fan neugieriger Menschen bin. Wenn man mit mehreren sprachlichen Identit\u00e4ten aufw\u00e4chst oder neue im Laufe des Lebens erwirbt, wird man immer mit der Neugierde der Menschen zu dem Hintergrund konfrontiert. Das ist wohl die Natur der meisten Menschen. Und nat\u00fcrlich erz\u00e4hlen sie mir viel \u00fcber sich. Mehr, als ich eigentlich wissen wollte, aber schlafen kann ich ohnehin nicht, weil ich noch aufgew\u00fchlt bin von meinem Besuch in Wien und von allen meinen Erinnerungen.<\/p>\n<p>Einen Tag vor meiner Abreise bin ich noch einmal im Derwisch; diesmal mit Evelyn. Es ist Freitagabend und relativ voll. Ich erz\u00e4hle Evelyn von unserer skurrilen Unterhaltung eine Woche zuvor. Sie hat genauso viel Spa\u00df daran wie ich. Wie fr\u00fcher albern wir herum, trinken ein bisschen \u00fcber den Durst und erinnern uns zur\u00fcck. Sie verspricht mir auch, zur Verlobungsfeier meines j\u00fcngsten Sohnes Celal zu kommen. Irgendwann brechen wir auf, damit ich vor der Abreise noch ein wenig schlafen kann, da es mir nicht m\u00f6glich ist, in Flugzeugen zu schlafen. Ebenso wenig in Z\u00fcgen oder Autos, weil Ger\u00e4usche und Bewegung mich beim Einschlafprozess st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Als ich auf die Uhr sehe, ist es Mitternacht. Vor vielen Jahren haben wir uns auch immer um Mitternacht getroffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Cornelia Hell<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 16023<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Mitternacht und Rauch h\u00e4ngt in der Luft. Es regnet. Ich liebe das rhythmische Klopfen der Regentropfen an den Fensterscheiben. Gott sei Dank hat es erst vor einer halben Stunde begonnen zu regnen. Heute Morgen bin ich von Istanbul nach Wien geflogen, um alte Freunde zu besuchen. 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