{"id":4033,"date":"2016-02-04T11:17:26","date_gmt":"2016-02-04T11:17:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4033"},"modified":"2016-02-04T12:43:38","modified_gmt":"2016-02-04T12:43:38","slug":"skarabaeus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4033","title":{"rendered":"Skarab\u00e4us"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4033&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4033&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ein Skarab\u00e4us nach dem anderen l\u00e4uft \u00fcber meinen Bauch. Ich sp\u00fcre sie an meinen Beinen hochlaufen; versuche, ruhig zu atmen und nicht zu schreien. Ein Skarab\u00e4us steht f\u00fcr ein langes und fruchtbares Leben, hat deine Mutter immer gesagt. Die Luft riecht nach Regen; es w\u00e4re eine Erleichterung nach der Hitze der vergangenen Wochen, g\u00e4be es jetzt ein heftiges Gewitter. Ich rieche Flieder, Rosen und Zitrusfr\u00fcchte sowie einen Hauch Lavendel. Es ist der Garten deiner Eltern, ich stehe im Arkadenhof. In seiner Mitte wachsen Lavendel, Flieder und ein Zitronenbaum. Die Auffahrt wird von Wildrosen umz\u00e4unt. Ein leichter Wind bringt eine frische Meeresbrise mit sich.<br \/>\nF\u00fcr gew\u00f6hnlich setze ich mich zum Brunnen und lasse mir von deiner Gro\u00dfmutter aus dem Kaffeesatz lesen. Sie sagt mir immer ein langes Leben voraus; auf meine Frage, ob es auch ein gl\u00fcckliches wird, l\u00e4chelt sie nur wissend. Die Enden des schwarzen Schals, den sie sich locker \u00fcber die Haare gelegt hat, wehen sanft im Wind. Trotz ihrer neunzig Jahre ist ihr Gesicht noch immer sch\u00f6n und ausdrucksstark. Der Blick ihrer noch immer tiefschwarzen Augen bestechend klar; manchmal ist es unm\u00f6glich, dem Blick dieser Augen standzuhalten. Langsam legt sich jetzt der Geruch von gebratenem Fisch \u00fcber den Garten.<br \/>\nIch glaube, deine Mutter bereitet den Fisch zu, den dein Vater gefangen hat. Ich habe sie immer um ihre Kochk\u00fcnste beneidet. Und um ihre Sch\u00f6nheit, obwohl du immer gesagt hast, ich st\u00fcnde ihr um nichts nach. Trotz dreier geborener Kinder war sie schlank wie ein junges M\u00e4dchen und ihre Haut erinnert an Nougat. Das h\u00fcftlange, pechschwarze Haar hatte sie meist im Nacken verknotet und ihre bernsteinfarbenen Augen strahlten Lebenslust und Energie aus. Und immer hatte sie ein t\u00fcrkisfarbenes Skarab\u00e4usamulett um den Hals; ein Erbst\u00fcck ihrer Ururgro\u00dfmutter. Kurz vor ihrem Tod hat sie es mir geschenkt.<br \/>\nIch gehe durch den gro\u00dfen Garten; mein Lieblingsplatz ist unter einer alten Zeder, wo ich im warmen Gras sitzend lese und tr\u00e4ume. Dein Vater hat mir einmal erkl\u00e4rt, dass es sich bei dieser Zeder um eine Libanonzeder handelt; nun, die Botanik hat noch nie zu meinen Spezialgebieten geh\u00f6rt, weshalb ich leider seine Ausf\u00fchrungen zu den einzelnen Pflanzen im Garten schon wieder vergessen habe. W\u00e4hrend ich durch den Garten gehe, h\u00f6re ich V\u00f6gel zwitschern, das Meer rauschen und sehe Schmetterlinge fliegen. Ich bleibe stehen, schlie\u00dfe meine Augen und bin ganz bei mir. Erst als ich meine Augen wieder \u00f6ffne, realisiere ich, dass ich am Ende der Auffahrt stehe und vor mir nur das weite Meer sehe, das mit dem Horizont zu verschmelzen scheint. Vom Hafen sind M\u00f6wen zu h\u00f6ren und das Rauschen des Wassers.<\/p>\n<p>Es ist ein Traum; ein Traum gegen das Vergessen. Nur langsam realisiere ich, wo ich bin. Leise, um meinen Mann nicht zu wecken, gehe ich hinaus auf den Balkon unseres Hotelzimmers. Nach jahrelangen Individualreisen machen wir nun zum ersten Mal einen Pauschalurlaub in einem Club in Bodrum. Ins Haus deiner Eltern kann ich nicht fahren; die Erinnerung w\u00fcrde mich umbringen. Obwohl ich wei\u00df, dass ich deinem Bruder Ali immer ein willkommener Gast bin; auch mit meinem neuen Mann. Ich habe auf September bestanden, weil es schon die Nachsaison ist. Ich bin es im Alltag gewohnt, von vielen Menschen umringt zu sein. Ich habe es doch noch geschafft, eine gro\u00dfe Familie zu gr\u00fcnden, aber von Zeit zu Zeit bin ich froh, wenn ich nur Stille um mich habe.<\/p>\n<p>Ich tr\u00e4ume oft vom orientalischen Garten deiner Eltern; der Traum ist nie bedeutungslos. Tr\u00e4gt deine Gro\u00dfmutter einen wei\u00dfen Schal, ist etwas Gutes zu erwarten, der schwarze Schal hingegen steht f\u00fcr schlechte Neuigkeiten. Und an deinem Todestag sehe ich immer deine Mutter; nur du l\u00e4sst dich nie blicken. Heute Nacht aber war mein Traum menschenleer und ich frage mich, ob du mich nun endg\u00fcltig verl\u00e4sst. Auch wenn du seit zwanzig Jahren tot bist, fehlst du mir noch oft. Ist es denn fair, den einen Menschen schon mit Ende zwanzig zu verlieren? Du bist als Schatten immer bei mir. Du warst bei mir, als ich geheiratet habe, als ich meine Kinder geboren habe, einfach in jedem Moment meines Lebens. Und auch wenn ich dich in meinen Tr\u00e4umen nie sehe, sp\u00fcre ich doch deine Gegenwart. Doch heute hast du mich einfach im Stich gelassen. Du hast mir nur scheinbar endlos viele Skarab\u00e4en geschickt, denn genau wie deine Mutter hast du an ihre gl\u00fcckbringende Wirkung geglaubt.<\/p>\n<p>\u201eIst es wieder dieser Traum?\u201c Herbert \u2013 mein Mann \u2013 umarmt mich von hinten. Ich drehe mich nur um und lehne meinen Kopf an seine Brust. \u201eJa.\u201c Auch wenn er nichts sagt, wei\u00df ich, dass er tief verletzt ist und sich einmal mehr w\u00fcnscht, dass du nicht mehr gegenw\u00e4rtig w\u00e4rst. Auch \u00fcber uns bist du immer wie ein Schatten gelegen. Manchmal dr\u00fcckend pr\u00e4sent und manchmal scheinbar unauffindbar. Und ich kann ihn verstehen. Er kennt die Details unserer Geschichte und wei\u00df, wie sehr dein Tod mich gebrochen hat. F\u00fcr ihn ist es so, als w\u00fcrde ich dich nicht loslassen wollen. Und es tut mir so unendlich leid, dass ich es ihm nicht begreiflich machen kann, dass es mir selbst nicht ganz klar ist, warum du mich noch immer so verfolgst. Es tut mir weh zu wissen, dass Herbert sich manchmal von mir nicht geliebt f\u00fchlt.<\/p>\n<p>2004 bin ich mit achtzehn Jahren nach Wien gekommen und ins Studentenheim gezogen. Du hast im Zimmer gegen\u00fcber gewohnt und es hat nicht einmal zwei Stunden gedauert, bis wir uns ineinander verliebt hatten. <em>\u015eeftalem<\/em> hast du mich genannt, <em>mein Pfirisch<\/em>. Weil ich Pfirsiche liebe und <em>\u015feftale<\/em> mein liebstes Wort auf T\u00fcrkisch ist. Noch immer erinnere ich mich daran, was f\u00fcr ein lebensfroher und begeisterungsf\u00e4higer Mensch du warst. Und ehrgeizig; alles musstest du zu einem Ende bringen. So hast du es geschafft, vier Sprachen flie\u00dfend zu sprechen, dein Studium in Bestzeit abzuschlie\u00dfen und dich neben allem auch noch sozial zu engagieren.<br \/>\nAm meisten aber habe ich deine Aufmerksamkeit geliebt. Jeden Samstag bist du in aller Fr\u00fche zum Brunnenmarkt gegangen, um mir frisches Obst und einen Strau\u00df Blumen zu besorgen; \u201eDamit du dich geliebt f\u00fchlst\u201c, hast du immer gesagt.<br \/>\nNie hast du mich abends unbegleitet nach Hause gehen lassen, weil du nicht wolltest, dass ich nach Einbruch der Dunkelheit alleine drau\u00dfen bin; du wusstest, dass ich es nicht mochte. Aber sicherlich auch, um deine zeitweilige Eifersucht zu beruhigen. Ich wei\u00df, dass dich der Gedanke, es k\u00f6nnte zum Bruch zwischen uns kommen, wahnsinnig gemacht hat.<\/p>\n<p>Am liebsten aber erinnere ich mich an unseren ersten gemeinsamen Urlaub. Du hast so lange gespart, bis du mich f\u00fcr eine Woche nach Grado einladen konntest, weil ich dir einmal erz\u00e4hlt hatte, dass ich als Kind oft mit meiner Familie dort gewesen war und mich danach sehnte, wieder einmal dorthin zu fahren. Du hast sogar das Appartementhotel ausfindig gemacht, in dem ich fr\u00fcher mit meinen Eltern \u00fcbernachtet hatte. Die <em>Villa Giulia<\/em>, ziemlich im Stadtzentrum, nahe am Hafen. Den Schmetterling aus Muranoglas habe ich heute noch; du hast ihn mir am letzten Tag auf meinen leeren Fr\u00fchst\u00fccksteller gelegt, weil ich ihn am Vorabend so lange im Schaufenster betrachtet hatte. \u201eWeil mein Gl\u00fcck dein L\u00e4cheln ist\u201c, hast du gesagt und meine Hand gek\u00fcsst, \u201ekomm, lass uns zum Strand gehen, bevor wir fahren, mein Engel. Jetzt ist es noch ruhig und beinahe menschenleer, so wie du es liebst!\u201c Du hattest mich schnell durchschaut und wusstest, dass mir trotz meines kommunikativen Wesens die Stille am liebsten war.<\/p>\n<p>Manchmal sehe ich mich in meinem Traum unter dem Zitronenbaum im Garten deiner Eltern sitzen, lesend; an deinem Platz aber liegt nur die Zeitung, die du immer gelesen hast. Immer wieder frage ich mich, warum ich dich nie sehe; ich vergesse, wie du aussahst. Dann kann ich nur die alten Fotos zu Hilfe nehmen. Minze und Zitronenmelisse hat deine Mutter in ihrem Kr\u00e4utergarten angebaut und die frischen Bl\u00e4tter f\u00fcr Tee verwendet. Manchmal sehe ich uns, sie und mich, im Traum in den fr\u00fchen Morgenstunden im Garten sitzen und frischen Tee trinken. Es war der einzige Tee, der eine belebendere Wirkung auf mich hatte als der t\u00fcrkische Kaffee, den ich sonst immer trinke.<\/p>\n<p>Vor allem deine Mutter hat mich damals so herzlich aufgenommen, als ich deine Familie kennengelernt habe. Besonders fasziniert war sie von meinen langen dunkelblonden Haaren und den dunkelgr\u00fcnen Augen. Allerdings hat sie mir immer vorgehalten, zu blass zu sein und immer daf\u00fcr gesorgt, dass ich mich viel in der Sonne aufhalte, um eine gesunde Br\u00e4une zu bekommen. Ihr \u00fcberraschender Tod aufgrund einer Hirnblutung hat dich sehr mitgenommen. Auch wenn es f\u00fcr Au\u00dfenstehende so gewirkt hat, als w\u00e4rst du gefasst gewesen, hast du H\u00f6llenqualen gelitten. Du warst stundenlang im Boxverein, um dich abzureagieren; einmal habe ich dich ein ganzes Wochenende lang nicht gesehen. Es hat fast ein Jahr gedauert, bis du wieder ganz bei dir warst. Ich kann es verstehen. Sie war einer der ungew\u00f6hnlichsten Menschen, die ich kennengelernt habe. Du hast mir oft gesagt, dass ich f\u00fcr dich die einzige Frau bin, die sich mit ihr messen kann. F\u00fcr mich war das das gr\u00f6\u00dfte Kompliment von dir.<\/p>\n<p>2004 bis 2014, das waren unsere zehn Jahre. Bald nachdem du mich deinen Eltern vorgestellt hast, sind wir zusammengezogen. Unsere erste kleine Wohnung \u2013 wir waren damals gerade mit der Uni fertig \u2013 war in der Liechtensteinstra\u00dfe im neunten Bezirk. Sehr praktisch gelegen eigentlich; sehr nahe an zwei U-Bahn-Linien und zwei Stra\u00dfenbahnlinien. Sie war gerade gro\u00df genug f\u00fcr uns beide; WC, Bad, K\u00fcche und ein kleines Wohnzimmer, das uns auch als Schlafzimmer diente. Aber es hat f\u00fcr den Anfang gereicht. Als wir dann begonnen haben, besser zu verdienen, haben wir uns mit der Unterst\u00fctzung deiner Eltern eine wundersch\u00f6ne Altbaueigentumswohnung gekauft, die gro\u00df genug war f\u00fcr uns und die Familie, die wir eines Tages gr\u00fcnden wollten. Beim ersten Besuch deiner Eltern in unserem neuen Heim hast du mich endlich gefragt, ob ich dich heiraten will. Wen denn sonst, wenn nicht dich?<\/p>\n<p>Und dann kam dieser eine Abend, einige Wochen nach unserer Hochzeit. Du warst auf Gesch\u00e4ftsreise gewesen und wolltest mit dem Taxi vom Flughafen nach Hause fahren; wie immer wolltest du nicht, dass ich dich abhole, weil dein Flieger erst sp\u00e4t gelandet war und dir der Gedanke nicht behagt hat, dass ich so sp\u00e4t alleine durch die Stadt fahre. Als es l\u00e4utete, dachte ich noch, du h\u00e4ttest vielleicht deinen Schl\u00fcssel vergessen. Und dann standen zwei Polizeibeamte vor mir. Dein Taxi w\u00e4re in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen; du seist noch an der Unfallstelle verstorben.<br \/>\nMehr wei\u00df ich nicht mehr; ich erinnere mich nur noch daran, im Krankenhaus aufgewacht zu sein. Mein Bruder Paul sa\u00df an meinem Bett, zusammen mit Herbert, seinem besten Freund, den ich ebenfalls seit Kindheitstagen kannte. An diesem Abend wollte ich dir sagen, dass du Vater werden w\u00fcrdest; aber das Kind habe ich in dieser Nacht verloren. Es war, als h\u00e4tte ich dich somit zweimal verloren. Ein schier unertr\u00e4glicher Gedanke. Monatelang hatte ich jeden Morgen das Gef\u00fchl, dass du neben mir liegst und jedes Mal wieder war es ein Schock, dass deine Seite des Bettes leer war.<br \/>\nBald danach bin ich ausgezogen. Zu Paul, der im Haus meiner Eltern lebte. Da er selbst gerade alleine lebte, war er froh, mich bei sich zu haben, weil das Haus ihm immer so unertr\u00e4glich still und leer vorkam. Irgendwann haben Herbert und ich zusammengefunden; er war nach deinem Tod ein ruhender Pol. Er hat mich oft im Arm gehalten, wenn ich stundenlang geweint habe und nur wortlos mein Haar gestreichelt. Es hat gedauert, aber eines Tages habe ich gewusst, dass seine best\u00e4ndige Liebe genau das war, was ich f\u00fcr einen Neuanfang brauchte. Dein Vater und dein Bruder haben mir ihren Segen gegeben und waren sogar bei unserer Hochzeit. Sie sind auch nach noch so vielen Jahren Teil meiner Familie und das wird sich nie \u00e4ndern. F\u00fcr sie wohl auch nicht, glaube ich.<\/p>\n<p>Herbert bringt mir ein Glas Wasser. Ich leere es und gehe ins Meer schwimmen; vielleicht hilft es gegen die Unruhe. Als ich zur\u00fcckkomme, finde ich das Skarab\u00e4usamulett nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Cornelia Hell<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a>| Inventarnummer: 16022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Skarab\u00e4us nach dem anderen l\u00e4uft \u00fcber meinen Bauch. Ich sp\u00fcre sie an meinen Beinen hochlaufen; versuche, ruhig zu atmen und nicht zu schreien. Ein Skarab\u00e4us steht f\u00fcr ein langes und fruchtbares Leben, hat deine Mutter immer gesagt. 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