{"id":3996,"date":"2016-02-01T07:05:31","date_gmt":"2016-02-01T07:05:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3996"},"modified":"2016-02-06T18:12:36","modified_gmt":"2016-02-06T18:12:36","slug":"schnee","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3996","title":{"rendered":"Schnee"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3996&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3996&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es schneit. Seit Tagen fallen, mal gr\u00f6\u00dfere, mal kleinere, mal schnell, mal langsam, Schneeflocken vom Himmel herab. Am Anfang bildete sich nicht mehr als eine d\u00fcnne, wei\u00dfe Schicht am Boden, die in den kurzen Pausen des Schneefalls innerhalb weniger Minuten wieder verschwunden war. Nasse Stra\u00dfen, wie nach leichtem Regen, waren das Einzige, was zur\u00fcckblieb. Das ist allerdings schon eine Weile her. Mittlerweile schmilzt der Schnee nicht mehr. Stellenweise liegt er sogar einen Meter hoch. Das ist ungew\u00f6hnlich. Jahrelang gab es nicht mehr einen derart starken Wintereinbruch. Zumindest nicht in dem kleinen Dorf im Nordosten Nieder\u00f6sterreichs. Nat\u00fcrlich ist die Gemeinde auf diese Schneemassen nicht vorbereitet, was zur Folge hat, dass die Stra\u00dfen nicht ordentlich ger\u00e4umt werden k\u00f6nnen, was wiederum die Einwohner in ihrer Mobilit\u00e4t sehr einschr\u00e4nkt. Vor allem sind jene Menschen betroffen, die in h\u00f6her gelegenen Teilen des Dorfes leben, da ein Auto hier noch weniger zu gebrauchen ist, falls man es denn \u00fcberhaupt schafft, es freizuschaufeln.<\/p>\n<p>Wie auch immer. In diesem Dorf, auf eben einem dieser h\u00f6heren Pl\u00e4tze, wohnt eine kleine Familie. Sie waren mal zu f\u00fcnft, also Mutter, Vater und ihre Kinder, aber jetzt sind es nur noch drei Personen, deren Lebensmittelpunkt hier verankert ist. Die beiden T\u00f6chter und der Sohn sind nach und nach ausgezogen, vor vier Jahren wurde dann die letzte Kiste aus dem Haus ins Auto gehievt. Jetzt sind nur noch die Eltern \u00fcbrig. Plus der Vater der Mutter, der nicht mehr alleine leben kann. Alfred ist 86, klein und st\u00e4mmig gebaut und leidet an zunehmender Demenz. Seit seine Frau vor drei Jahren verstorben ist, geht es immer schneller bergab. Deshalb hat seine Tochter ihn kurz nach dem Tod seiner Gattin zu sich geholt, in den kleinen Ort nahe der tschechischen Grenze. Er f\u00fchlt sich wohl. Er muss sich um nichts k\u00fcmmern, kann einen sorgenfreien Lebensabend bei seiner Familie verbringen. So gut es geht, versucht er niemanden zu st\u00f6ren, hilft, wo er kann, und bem\u00fcht sich in eigentlich allen Dingen, die er tut. Trotzdem ist es nicht immer einfach, zum Beispiel ist die M\u00fclltrennung immer wieder ein gro\u00dfes Problem, genauso wie die R\u00fccksicht auf die zahlreichen Haustiere. Nicht nur einmal sind die zwei Hunde aus dem Tor gelaufen, weil Alfred es offen gelassen hat, oder ist eines der Meerschweinchen verloren gegangen und wurde von einer der f\u00fcnf Katzen als Spielmaus verwendet. Auch sind die Gespr\u00e4chsthemen nichts f\u00fcr jedermann, schon gar nicht w\u00e4hrend des Mittagessens. Zu h\u00f6ren, wie gut oder schlecht sein Stuhlgang im Moment l\u00e4uft, w\u00e4hrend man eine extra gro\u00dfe Portion Gulasch essen m\u00f6chte, ist nicht gerade ein Genuss. Zusehen zu m\u00fcssen, wie er sein Essen hineinschlingt und ihm die H\u00e4lfte wieder aus dem Mund herausf\u00e4llt, ist allerdings auch nicht besser.<\/p>\n<p>Jedenfalls ist der Hausherr mit seiner Frau f\u00fcr die n\u00e4chsten drei Wochen auf Reisen. Indien. Schon der sechseinhalbst\u00fcndige Hinflug war eine Katastrophe. Der Snack, der serviert wurde, hat nicht geschmeckt, die Stewardess war unfreundlich, die Toilette schmutzig und der Inder neben ihnen hat sich permanent im Schritt gekratzt (eine Eigenheit der Kultur, die f\u00fcr Au\u00dfenstehende zu Beginn f\u00fcr Befremden sorgt). W\u00e4hrend also Vater und Mutter den Subkontinent erkunden und da Alfred das Haus alleine nicht bewirtschaften kann, muss noch jemand auf den alten Mann und den Rest aufpassen. Das Los traf Marie, die mittlere Tochter. Die beiden Geschwister haben leider zu viel mit dem Studium oder der Arbeit zu tun. Marie nimmt das Studium und die Arbeit ein bisschen lockerer, schaut nur vorbei, wenn es unbedingt sein muss. Die Eltern wissen das nat\u00fcrlich nicht, sie denken Marie pendelt jetzt vier Mal in der Woche und ist auf dem besten Weg, \u00c4rztin zu werden. Dass sie schon vor zwei Jahren das Medizinstudium abgebrochen hat, um Germanistik zu studieren, wissen sie nicht. Es scheint sie auch nicht besonders zu interessieren. Dennoch wollte sie ihren Eltern einen Gefallen tun, packte das Notwendigste in ihre Reisetasche, setzte sich ins Auto, das sie sich von ihrem Bruder ausgeliehen hatte und fuhr aufs Land.<br \/>\nNach f\u00fcnfzigmin\u00fctiger Fahrt war Marie nur noch wenige Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Von der Landstra\u00dfe aus konnte man schon die \u00fcppige Kirche sehen, die \u00fcber dem Dorf auf dem Kirchberg thront, als wollte sie die kleine Gemeinde zu jeder Zeit daran erinnern, dass Gott zusieht.<\/p>\n<p>Kurz abgelenkt von dem Anblick der Kirche bemerkte Marie nicht, dass von den Feldern neben der Stra\u00dfe ein Sprung Rehe, es waren ungef\u00e4hr vier oder f\u00fcnf, gerade dabei war, ihren Weg zu kreuzen. Es war fast zu sp\u00e4t, als sie die Tiere endlich sah. Sie bremste scharf ab, nicht zu stark, um einen Schleudervorgang zu vermeiden, denn man wusste ja nie, wie das Auto bei solchen Temperaturen, es hatte schlie\u00dflich elf Grad unter null, reagieren w\u00fcrde. Nacheinander hopste das Wild \u00fcber die Stra\u00dfe. Eines der Rehe blieb stehen und blickte in Richtung der Lenkerin. Nur noch wenige Meter bis zum Aufprall. Marie schloss die Augen. Sie erwartete den dumpfen Knall. Nichts geschah. Als sie die Lider wieder aufschlug, war das Reh verschwunden. Im Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Sie drehte den Kopf nach links und da war es. Lebendig. Frisch-fr\u00f6hlich lief es zu seiner Gruppe, die sich im Windschutzg\u00fcrtel am Ende des Feldes versammelt hatte. Gl\u00fccklich dar\u00fcber, dass dem Tier und dem Auto nichts passiert war, trat sie aufs Gas und erreichte bald die Ortseinfahrt.<\/p>\n<p>Die Strecke von der Hauptstra\u00dfe zum Wohnhaus war schwieriger als gedacht, die Seitenstra\u00dfen waren vollkommen vereist, vor allem der Weg den kleinen Berg hinauf gestaltete sich \u00e4u\u00dferst riskant. Marie ist es allerdings gewohnt, hierher zu fahren, schlie\u00dflich verbrachte sie achtzehn Jahre ihres Lebens an diesem Ort und kennt die Verh\u00e4ltnisse zu dieser Jahreszeit. Mit mehr oder weniger gewagten Man\u00f6vern bugsierte sie den Wagen ans Ende der Stra\u00dfe, wo ihr ehemaliges Zuhause aufragte wie eine Burg.<\/p>\n<p>Als Marie ankam, waren ihre Eltern schon weg. Drei Wochen allein mit einem demenzkranken Mann. Nicht gerade die ultimative Auszeit von Arbeit und Studium, aber immerhin w\u00fcrde sie ein bisschen an ihrem Roman schreiben k\u00f6nnen. Sie parkte das Auto mitten auf der Garageneinfahrt, da jetzt sowieso niemand hinein- oder hinausfahren w\u00fcrde, und steigt aus. Der kalte Wind nahm ihr fast den Atem, ihre Augen begannen zu tr\u00e4nen. Schnell holte sie das Gep\u00e4ck aus dem Kofferraum, gleichzeitig kramte sie in ihrer Jackentasche nach dem Hausschl\u00fcssel. Nachdem sie den Wagen abgeschlossen und das auch noch einmal kontrolliert hatte, machte sie sich durch den Vorgarten auf zum Eingang, wobei sie sich ein bisschen \u00e4rgerte, da die T\u00fcr im Gartenzaun offen war. Wahrscheinlich hatte ihr Gro\u00dfvater vergessen, sie wieder zu schlie\u00dfen, als er nach den M\u00fclltonnen sehen wollte. F\u00fcr Marie war das unbegreiflich, warum musste er auch hinausgehen? Wozu muss er immer Dinge kontrollieren, die keine Kontrolle brauchten? Bestimmt war auch das Tor in den gro\u00dfen Garten offen und die Hunde l\u00e4ngst \u00fcber alle Berge. Das w\u00e4re typisch. Marie packte den Schl\u00fcssel zur\u00fcck in ihre Jacke und machte sich auf, um von der anderen Seite in das Haus zu gelangen, da sie durch diesen kleinen Umweg sehen konnte, ob wenigstens diese T\u00fcr verschlossen war. Sie war nicht offen. Also kein Grund zur Sorge, nichts passiert. Insgeheim h\u00e4tte sich Marie das Gegenteil gew\u00fcnscht, nur um sich noch mehr \u00fcber ihn aufregen zu k\u00f6nnen. Z\u00e4hneknirschend umrundete sie also den kleinen Palast, der f\u00fcr ihre Eltern mittlerweile viel zu gro\u00df war. Nach wenigen Metern kam ihr schon die Hundestaffel, alle mit wedelndem Schwanz, entgegen. Eine kurze Begr\u00fc\u00dfung musste nat\u00fcrlich sein, danach ging es weiter zur hinteren T\u00fcr, die in die K\u00fcche f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Alfred begr\u00fc\u00dfte sie als w\u00e4re sie erst heute Morgen aus dem Haus gegangen, obwohl sie sich seit zwei Monaten nicht mehr gesehen hatten. Seelenruhig bl\u00e4tterte er in seiner Tageszeitung von gestern, vermutlich nicht zum ersten Mal, und nickte Marie kurz zu, dann wollte er noch wissen, ob sie denn etwas zu Essen mitgebracht h\u00e4tte. Das war alles.<\/p>\n<p>Das ist jetzt zwei Wochen her. Heute ist ein grauer Dienstagnachmittag. Wenn man aus dem Fenster sieht, kann man beobachten, wie die Schneeflocken langsam zu Boden rieseln. Dicke Flocken, die es beinahe unm\u00f6glich machen, irgendetwas anderes als eine einzige wei\u00dfe Wand wahrzunehmen. Marie und Alfred sitzen im Esszimmer. Vor Marie steht ein Laptop, vor Alfred liegt eine Tageszeitung. Seit zwei Stunden sitzen sie sich gegen\u00fcber und sind beide in ihre eigene Arbeit vertieft. Weitere zehn Minuten sp\u00e4ter ist Alfred mit der letzten Seite des letzten Artikels fertig. Er lehnt sich zur\u00fcck. Ein Blick auf seine Armbanduhr, auf sein aufklappbares Pensionistentelefon, dann aus dem Fenster. Nichts davon kann ihn l\u00e4nger als vier Sekunden unterhalten. Er sieht seine Enkelin an, deren Augen starr auf den Bildschirm vor ihr gerichtet sind.<\/p>\n<p>\u201eSchlimm, das mit dem Schnee\u201c, Alfred spricht den ersten Gedanken aus, der ihm in den Sinn kommt.<br \/>\n\u201eHmmm\u201c, Marie hat ihm nicht zugeh\u00f6rt.<br \/>\n\u201eWas schreibst du? Zum Studieren was?\u201c<br \/>\nMarie antwortet nicht. Alfred hakt nach: \u201eSchreibst sicher was f\u00fcr den Doktor.\u201c<br \/>\n\u201eHmmm?\u201c, Marie sieht auf.<br \/>\n\u201eWas du schreibst?\u201c, wiederholt er.<br \/>\n\u201eWas f\u00fcr mich.\u201c<br \/>\n\u201eNichts f\u00fcrs Studieren?\u201c<br \/>\n\u201eNein, Opa, ich bin ja schon fertig\u201c, Fragen \u00fcber das Studium beantwortet Marie immer ein bisschen sarkastisch. Sie mag es nicht, von Familie, Verwandten und Bekannten in die Schublade der \u201eperfekten Studentin\u201c gepackt zu werden, so wie ihre Geschwister.<br \/>\n\u201eAchso, jaja\u201c, Alfred tut so, als w\u00fcrde er wissen, wovon sie spricht. M\u00fcde schl\u00e4gt er seine Zeitung zu und betrachtet die Titelseite. Ist das Blatt von heute oder von gestern? Er ist sich nicht sicher. Ein weiteres Mal \u00f6ffnet er es und beginnt zu lesen. Marie kann es kaum fassen.<\/p>\n<p>Sie widmet sich wieder ihrem Romanversuch. Erst h\u00e4tte es nur eine Kurzgeschichte werden sollen, drei, vielleicht vier Seiten, ist aber mittlerweile auf das Drei\u00dfigfache herangewachsen. Jeden Tag zwei. Mehr nicht. Thomas Glavinic macht das auch so, wenn er ein Buch schreibt. Nicht zu viel, sonst verliert man die Lust. Jetzt hat Marie den Faden verloren. Das Gespr\u00e4ch mit Alfred und die Gedanken an Thomas Glavinic haben sie aus dem Konzept gebracht. Sie liest den letzten Absatz. Gar nicht so schlecht. Aber wie geht es weiter? Sie atmet tief ein, h\u00e4lt kurz die Luft an und st\u00f6\u00dft sie wieder heraus. Ein Espresso. Das wird helfen.<\/p>\n<p>\u201eMagst du auch einen Kaffee?\u201c, fragt sie, als sie vor der Nespresso-Maschine steht, die sie ihrem Vater vor ein paar Jahren zum Geburtstag geschenkt hat.<br \/>\n\u201eAber ja\u201c, gleichg\u00fcltig bl\u00e4ttert Alfred weiter. Sieht sich vermutlich das arme M\u00e4dchen auf Seite sechs an, kommt es Marie in den Sinn. Johannistrieb nennt man das. Also das Bed\u00fcrfnis \u00e4lterer M\u00e4nner oder Frauen nach sexuellen Beziehungen oder besser gesagt, das blo\u00dfe Reden davon. So hat ihr das zumindest ihr Vater erkl\u00e4rt. Genauso ist es auch bei Alfred. Seit Jahren gibt es f\u00fcr ihn kein anderes Thema, alles erinnert ihn an das Eine. Sogar Marie und ihre \u00e4ltere Schwester. S\u00e4tze wie \u201eWenn ich dich seh, k\u00f6nnt\u2018 mir was einfallen\u201c, sind noch von der harmlosen Variante. Nat\u00fcrlich meint er nicht wirklich, was er sagt, oder vielleicht schon, aber er wei\u00df eben nicht mehr so genau, was er von sich gibt und wie schmal der Grat zwischen Humor und Perversion in diesem Fall ist.<\/p>\n<p>Marie serviert den Kaffee. F\u00fcr Alfred mit Milch und S\u00fc\u00dfstoff, f\u00fcr sich selbst kurz und schwarz. Sie widmet sich wieder dem unvollendeten Satz. Immer noch wei\u00df sie nicht, wie es weitergehen soll. Ohne aufzusehen nimmt sie einen Schluck von ihrem Espresso. Sie verzieht das Gesicht. Zu bitter. Wie sie es am liebsten hat.<\/p>\n<p>\u201eHast einen Freund?\u201c, fragt Alfred, wie aus dem Nichts.<br \/>\n\u201eBitte?\u201c Sie hat ihn schon verstanden, ihr ist aber nicht klar, warum er das schon wieder wissen m\u00f6chte. Erst gestern hat er sie nach ihrem Liebesleben gefragt.<br \/>\n\u201eNa, einen Mann? Einen Liebhaber?\u201c, er spezifiziert seine Formulierung, falls Marie ihn wirklich nicht verstanden hat, \u201eOder hast du keine Zeit f\u00fcr sowas?\u201c<br \/>\n\u201eNein, Opa, ich hab keinen\u201c, genervt h\u00e4mmert sie auf ihre Tastatur ein, ohne wirklich Worte zu produzieren, nur um Alfreds Fragerei aus dem Weg zu gehen. Leider versteht er einen solchen Wink nicht und spricht ungeniert weiter: \u201eDu musst dir schon Zeit nehmen f\u00fcr die Liebe, sonst verkommst!\u201c<br \/>\n\u201eDas seh ich nicht so.\u201c<\/p>\n<p>Alfred zuckt mit den Schultern, nimmt einen letzten Schluck von seinem gro\u00dfen Braunen, steht auf und geht ins Wohnzimmer, wahrscheinlich um ein bisschen fernzusehen. Marie ist erleichtert. Trotzdem muss sie ihm schnell folgen, denn Alfred kann den Fernseher nicht alleine einschalten, das hei\u00dft, er w\u00fcrde sich in seinen Sessel setzen, die Beine hochlegen und in den ausgeschalteten Apparat starren, auch ein paar Stunden, wenn es sein muss. Als Marie das zum ersten Mal sah, fand sie das unglaublich traurig. Als sie ihn fragte, warum er denn nicht Bescheid gebe, es w\u00e4re schlie\u00dflich kein Problem f\u00fcr sie, den Fernseher anzumachen, meinte er blo\u00df: \u201eAch, ich wollte dich nicht bel\u00e4stigen.\u201c Der Gedanke, dass dieser alte Mann einfach ins Leere blickt, nur um sie nicht zu st\u00f6ren, zerriss ihr beinahe das Herz. Marie nimmt dieses kleine Ereignis als den Beweis f\u00fcr die Gutm\u00fctigkeit ihres Gro\u00dfvaters. Es hilft ihr ein bisschen, \u00fcber die zahlreichen \u00c4rgernisse hinwegzusehen, mit denen sie tagt\u00e4glich konfrontiert wird. Er tut sein Bestes, daf\u00fcr sollte man ihn nicht bestrafen.<\/p>\n<p>Ohne ein Wort tut sie ihm den Gefallen, schaltet den Fernseher ein und stellt sogar Alfreds Lieblingssender ein: ORF 2. Alfred nickt ihr dankend zu. Nachdem Marie wieder im Esszimmer verschwunden ist, schlie\u00dft er die Augen. Eine Weile h\u00f6rt er noch, wie Wolfram Pirchner irgendeinen Sportler interviewt \u2013 Alfred kennt ihn nicht \u2013 bevor er endg\u00fcltig in einen tiefen Schlaf versinkt. Die meiste Zeit, die er vor dem Fernseher zubringt, schl\u00e4ft er. Sein einziges Interesse gilt den Nachrichten oder alten Filmen, die allerdings nur an Sonntagen und Feiertagen laufen. Er w\u00fcrde Marie gerne sagen, dass er nur ins Wohnzimmer geht, um ein kleines Nickerchen einzulegen, also eigentlich seine Ruhe haben m\u00f6chte, aber er bef\u00fcrchtet, sie k\u00f6nnte es falsch verstehen und w\u00fctend oder gar traurig werden. Sie will ihm doch nur helfen. Alfred wei\u00df das zu sch\u00e4tzen, daher wird er wohl weiterhin den L\u00e4rm ertragen.<\/p>\n<p>Marie steht im Esszimmer und sieht aus dem Fenster. Sie denkt an ihren Exfreund. Warum hatten sie sich nochmal getrennt? Es wurde ihm zu ernst. Nach sechs Monaten hat er sie verlassen. Einfach so. Sie wollten Freunde bleiben, aber es funktionierte nicht lange. Seit f\u00fcnf Wochen haben sie sich nicht mehr gesehen, voneinander geh\u00f6rt oder gelesen. Am Anfang war es f\u00fcr Marie schwer, ihm nicht zu schreiben oder ihn anzurufen. Aber mit jedem Tag wurde es leichter. Heute w\u00fcrde sie sich gerne bei ihm melden, nur um zu fragen, wie es ihm denn geht, was er so tut, warum er nichts von sich h\u00f6ren l\u00e4sst. Letzteres m\u00f6chte sie nicht wissen. Vielleicht hat er eine andere. Das w\u00e4re unertr\u00e4glich f\u00fcr sie. Was ist, wenn er eine Neue hat? \u201ePlease don&#8217;t be in love with someone else\u201c, eine Zeile aus einem Song, allerdings wei\u00df sie nicht aus welchem. Gro\u00dfe Worte, die sie selbst gerne gesagt h\u00e4tte, aber es eben nicht getan hat. Bevor die Gedanken zu tief gehen, wankt Marie in die K\u00fcche und macht sich noch einen Espresso. Sie versucht, nicht zu weinen, es gelingt nicht ganz, ein paar Tr\u00e4nen laufen doch herab. Um sich wieder zu beruhigen, setzt sie sich zur\u00fcck an den Tisch und macht da weiter, wo sie vor wenigen Minuten aufgeh\u00f6rt hat. Die Tasse Kaffee stellt sie neben die, die sie vorhin schon gemacht hat.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die beiden ihren Nachmittagsbesch\u00e4ftigungen nachgehen, wird das Schneetreiben immer heftiger. Irgendwo, weit hinten im Garten, rollt sich der Husky der Familie auf dem zugefrorenen Teich zusammen und l\u00e4sst sich von den gr\u00f6\u00dfer werdenden Flocken einschneien. Die Schnauze tief im buschigen Schweif vergraben, genie\u00dft die zehn Jahre alte H\u00fcndin die K\u00e4lte. Langsam erscheint auch der Mond am Himmel. Erst nur schemenhaft, man kann ihn nur erahnen, aber mit jeder verstreichenden Minute wird er deutlicher. Es ist Vollmond. Innerhalb von f\u00fcnfundzwanzig Minuten ist es stockdunkel geworden. Auf dem Teich sieht man nur noch eine beinah ebene Fl\u00e4che, mit einer kleinen Erhebung in der Mitte. Pl\u00f6tzlich bewegt sich das wei\u00dfe Etwas, steht auf, streckt sich ausgiebig, sch\u00fcttelt den Schnee ab und l\u00e4uft schnellen Schrittes zum Haus. Zur\u00fcck bleibt nur ein aufgew\u00fchlter Haufen gefrorenes Wasser. Auch dieser wird bald verschwunden sein.<\/p>\n<p>Marie hat das Schreiben f\u00fcr heute aufgegeben. Auf Youtube hat sie eine ziemlich gute Aufnahme von Johnny Cash Live at Folsom Prison gefunden. Sie wollte sich schon l\u00e4ngst die Platte kaufen, allerdings hat sie noch keinen Plattenspieler, beides muss warten, bis sie wieder mehr Geld auf dem Konto hat. Nummer vierzehn dieses Auftritts von Cash ist ein Duett mit June Carter: \u201eJackson\u201c. Zu dieser Zeit waren sie noch gar nicht verheiratet. Marie schmunzelt. Sie findet die Geschichte von Johnny und June sehr romantisch. Sie gemeinsam singen zu h\u00f6ren, macht die junge Frau immer wieder gl\u00fccklich. Ihr Exfreund hat nie verstanden, warum sie die Liebesgeschichte zweier Menschen, die sie nicht kennt und die mittlerweile seit \u00fcber zehn Jahren tot sind, so fasziniert. Es gibt eben nicht f\u00fcr alles eine Erkl\u00e4rung, war Maries Standpunkt. Sie h\u00e4tte wahrscheinlich selbst gern eine solche Geschichte. So einen Mann. So ein Leben.<\/p>\n<p>Im Zimmer nebenan schl\u00e4ft Alfred immer noch. Sein Kinn ruht auf seiner Brust, auf seinem Scho\u00df hat es sich eine der Hauskatzen gem\u00fctlich gemacht. Er tr\u00e4umt von seiner Frau. Es gibt keinen Traum ohne sie. Diesmal sitzen sie gemeinsam in ihrem alten Haus im Wohnzimmer und sehen fern. Sie l\u00f6st nebenbei ein Kreuzwortr\u00e4tsel, er beobachtet sie dabei. Er spricht mit ihr, aber sie ignoriert ihn, versucht sich weiter an dem R\u00e4tsel. Alfred steht auf und schreit sie an. Keine Reaktion. Nach einer Weile blickt sie auf, sieht ihm direkt in die Augen. Alfred dreht sich um und geht aus dem Zimmer in den Garten. Einen Moment bleibt er in der Sonne, es ist warm. Ein Knall. Alfred wacht auf. Im Fernsehen l\u00e4uft ein Bericht \u00fcber eine Jagd. Der rote Kater auf ihm zwinkert ihm zu, auch er ist durch den Schuss erschrocken. Alfred streicht ihm \u00fcber den Kopf. M\u00fcde rollt sich das Tier wieder zusammen. Durch das Fenster sieht der alte Mann die Schneemassen. Jemand sollte die Terrasse freir\u00e4umen, f\u00e4llt ihm ein. Vielleicht kann er das morgen machen. Oder Marie. Von hinten kommt gerade der Husky gelaufen. Alfred fragt sich, was der Hund wohl alleine am anderen Ende des Gartens getan hat. W\u00e4hrend er dar\u00fcber nachdenkt, fallen ihm langsam die Augen zu.<\/p>\n<p>Marie h\u00f6rt immer noch Musik. Im Moment ist es \u201eKnocked Up\u201c von Kings of Leon, eines ihrer Lieblingslieder. Es war sogar im Repertoire ihrer Band, die sich vor f\u00fcnf Jahren aufgel\u00f6st hat. Was der Rest der Gruppe jetzt macht? Schon vor einer Weile hat sie den Kontakt zu ihnen verloren. Zwei von ihnen haben eine neue Band, aber ob es die noch gibt? Ein Blick auf die Uhr verr\u00e4t Marie, dass es schon l\u00e4ngst Zeit f\u00fcr das Abendessen ist. Ihr Gro\u00dfvater ist bestimmt schon hungrig. Schnell geht sie in die K\u00fcche und macht ihm einen Schinken-K\u00e4se-Toast. F\u00fcr sich selbst schneidet sie ein bisschen Obst in das Naturjoghurt, das sie im K\u00fchlschrank gefunden hat.<\/p>\n<p>Wieder sitzen sich der alte Mann und die junge Frau gegen\u00fcber. Schweigend essen sie, was Marie zubereitet hat. \u201eSchmeckt\u2018s dir?\u201c, fragt sie, als Alfred fast fertig ist. Er nickt. Ohne aufzublicken isst er weiter. Zwischendurch nimmt er einen Schluck von seinem wei\u00dfen Spritzer. Marie schmunzelt, seine Tischmanieren sind wirklich mehr als d\u00fcrftig. In ein paar Tagen ist es endlich vorbei. Sie sieht aus dem Fenster. Es dauert einen Moment, bis sie merkt, dass es aufgeh\u00f6rt hat zu schneien.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Anna Bartl<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a>\u00a0| Inventarnummer: 16018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es schneit. Seit Tagen fallen, mal gr\u00f6\u00dfere, mal kleinere, mal schnell, mal langsam, Schneeflocken vom Himmel herab. Am Anfang bildete sich nicht mehr als eine d\u00fcnne, wei\u00dfe Schicht am Boden, die in den kurzen Pausen des Schneefalls innerhalb weniger Minuten wieder verschwunden war. Nasse Stra\u00dfen, wie nach leichtem Regen, waren das Einzige, was zur\u00fcckblieb. 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