{"id":3979,"date":"2016-01-28T17:43:18","date_gmt":"2016-01-28T17:43:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3979"},"modified":"2016-02-10T20:47:26","modified_gmt":"2016-02-10T20:47:26","slug":"ghost","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3979","title":{"rendered":"Ghost"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3979&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3979&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>(inspired by Eastmountainsouth&#8217;s Song)<\/em><\/p>\n<p>Klack. Klack. Klack.<br \/>\n02.04.2004. Das Datum war leicht zerkratzt, aber so, wie der Ring vor ihr auf dem Tisch lag, konnte man es noch immer gut lesen.<br \/>\nKlack. Klack.<br \/>\nImmer wieder griff sie mit Daumen und Zeigefinger nach dem Ring, hob ihn hoch und lie\u00df ihn aus geringer H\u00f6he auf den Tisch fallen.<br \/>\nKlack.<br \/>\nSie rutschte ein St\u00fcck mit dem Stuhl zur\u00fcck und legte ihr Kinn auf die Tischplatte, ohne den Blick vom Ring zu wenden. Ihr Atem war ruhig. 02.04.2004. Davor und dahinter das Unendlichkeitszeichen, eine liegende Acht. Sie presste die Lippen zusammen.<br \/>\nHeute war ihr zehnter Hochzeitstag. Auch Rosenhochzeit genannt. Rosen &#8211; ihre Lieblingsblumen. Auch bei ihrer Hochzeit waren die Kirche und die R\u00e4umlichkeiten, in denen anschlie\u00dfend gefeiert wurde, mit dem intensiven Duft von Black-Magic-Rosen erf\u00fcllt gewesen.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen kurzen Augenblick schweifte ihr Blick nach links auf das Sideboard, auf dem ihr Hochzeitsfoto stand. Sie, inmitten eines bl\u00fchenden Rosengartens, und er, sie z\u00e4rtlich von hinten umarmend. Beide lachten gl\u00fccklich in die Kamera. Ja, gl\u00fccklich war das richtige Wort.<br \/>\nMit einem leisen Seufzer suchten ihre Augen wieder den Ring auf dem Tisch. Das Unendlichkeitszeichen. F\u00fcr immer. Davon waren sie damals \u00fcberzeugt gewesen. Aber jetzt, zehn Jahre sp\u00e4ter, sa\u00df sie alleine hier am Tisch. Er war nicht mehr hier.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Jahre waren sie verheiratet gewesen. Waren gerade in ein kleines Reihenh\u00e4uschen gezogen und bereiteten sich darauf vor, ihre Familienplanung in die Praxis umzusetzen, als im Herbst 2009 eine Reihe von gesundheitlichen R\u00fcckschl\u00e4gen ihrem Mann schwer zu schaffen machte.<br \/>\nNach mehreren Wochen, in denen sein Krankheitsbild zwischen grippalen Infekten, Bronchitis und einer Lungenentz\u00fcndung wechselte, konnte sie ihn \u00fcberreden, eine zweite Meinung einzuholen. Das Ergebnis erfuhren sie an einem Freitag, den 13. Er hatte Lungenkrebs. Er, der nie geraucht und immer gesund gelebt hatte. Die Heilungschancen lagen bei 50%.<br \/>\nDer wolkenlose Himmel dieser gl\u00fccklichen Beziehung tr\u00fcbte sich ein. Und wurde t\u00e4glich dunkler. Die erste Chemotherapie schlug nicht an. Die zweite brachte f\u00fcr einige Zeit wieder Hoffnung, doch der Krebs war st\u00e4rker. Sukzessive war aus dem sportlichen, charmanten jungen Mann ein abgemagertes H\u00e4ufchen Mensch geworden, das am Schluss in dem gro\u00dfen Krankenbett so verloren aussah wie ein kleines Kind.<br \/>\nEs tat weh, ihn so zu sehen. Diese Verwandlung mitansehen zu m\u00fcssen, und nichts dagegen tun zu k\u00f6nnen. Sie versuchte stark zu sein, stark f\u00fcr sie beide. Er brauchte sie, wie er sie noch nie zuvor gebraucht hatte. Ihre N\u00e4he, ihren Zuspruch, ihre Hoffnung, ihre Liebe. Sie gab ihm alles, was sie konnte, um es f\u00fcr ihn leichter zu machen.<br \/>\nWenn sie aus dem Krankenhaus ging, fand sie nicht oft den Weg in ihr eigenes Zuhause. Es waren ihre Eltern, ihre Geschwister oder ihre beste Freundin, bei denen sie Zuflucht suchte. Sie, die sie jede Minute, die sie bei ihm war, damit verbrachte, ihm Mut zuzusprechen und Hoffnung zu geben, brauchte auch jemanden, der dies f\u00fcr sie tat. Dieser R\u00fcckhalt in ihrem Familien- und Freundeskreis war ihr Lebenselixier geworden, ohne das sie diese Zeit nicht \u00fcberstanden h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 2011 hatte der Krebs dann gesiegt. Ihr Mann wurde immer schw\u00e4cher, die ganze Familie hatte ihn im Laufe eines Wochenendes im Krankenhaus besucht. Als h\u00e4tten alle gewusst, dass es das letzte Mal sein w\u00fcrde, dass sie ihn sahen. Es waren emotionale Szenen, die sich im Krankenzimmer abspielten und die ihn mitnahmen.<br \/>\nSie kannte ihn, sie wusste es. Es waren seine Augen, die ihn verrieten. Auch wenn der K\u00f6rper, in dem er steckte, nicht mehr zu ihm zu geh\u00f6ren schien, waren es seine Augen, die bis zum Schluss gl\u00e4nzten und so voller Liebe waren. Liebe zum Leben, zur Familie, zu ihr, seiner Frau. Doch als seine Mutter vor ihm hemmungslos in Tr\u00e4nen ausbrach und etwas davon stammelte, dass es nicht rechtens sein kann, wenn ein Kind vor seinen Eltern stirbt &#8211; war es sein flehender Blick, der erkennen lie\u00df, dass er es nicht mehr ertragen konnte. Sanft, aber bestimmt umarmte sie ihre Schwiegermutter und schob sie zusammen mit ihrem Schwiegervater aus dem Zimmer.<\/p>\n<p>An diesem Wochenende war sie von sich selbst \u00fcberrascht, wie ruhig und gefasst sie die Besuche \u00fcber sie beide ergehen hatte lassen. Sie war immer mit im Zimmer geblieben, genau f\u00fcr solche F\u00e4lle wie jenen mit seiner Mutter. Sie war diejenige gewesen, die stark geblieben war. Als sie wieder den Raum betrat, hatte sich ihr Mann gerade schwerf\u00e4llig die Tr\u00e4nen aus dem Gesicht gewischt. Sie hatte ihn z\u00e4rtlich angel\u00e4chelt und sich mit einem Kuss auf die Stirn verabschiedet.<br \/>\nZwei Tage sp\u00e4ter war es so weit. Ihr Mann schien auf sie gewartet zu haben. Als sie sich leise zu ihm gesetzt hatte und seine Hand nahm, hatte er die Augen ge\u00f6ffnet und sie angel\u00e4chelt. An seine letzten Worte w\u00fcrde sie sich bis zu ihrem eigenen Tod erinnern. \u201eLebe dein Leben, S\u00fc\u00dfe. Aber vergiss mich nicht. Ich liebe dich.\u201c Dann schlief er f\u00fcr immer ein. 500 Tage nach der Diagnose. Er war 31 Jahre alt geworden. Die Beerdigung war kurz vor ihrem siebenten Hochzeitstag. Das Schicksal h\u00e4tte das verflixte siebente Jahr nicht schlimmer enden lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Witwe mit 31 Jahren. Allein in einem Reihenhaus, das f\u00fcr eine vierk\u00f6pfige Familie ausgelegt war. Die administrativen Angelegenheiten nach dem Tod ihres Mannes hatten ihr die M\u00f6glichkeit gegeben, ihre Trauer in Arbeit umzulegen. Die Schulden f\u00fcr das gemeinsame Haus konnte sie mit der Lebensversicherung ihres Mannes ausbezahlen. Sie verdiente gut, die laufenden Kosten konnte sie auch alleine aufbringen. Also musste sie nicht ausziehen.<br \/>\nAndere w\u00e4ren ausgezogen, um ein neues Leben zu beginnen. Aber so war sie nicht gestrickt. Sie verstand die Erinnerungen, die dieses Haus beherbergte, nicht als Last. Es war sch\u00f6n, in ein Zimmer zu gehen oder ein Bild anzusehen und sich an ihn zu erinnern. Sie wollte &#8211; nein, sie musste &#8211; sich an ihn erinnern.<br \/>\nEs gab Tage, an denen er so pr\u00e4sent war, als w\u00fcrde er im Nebenzimmer sitzen und fernsehen. Mit der Zeit ertappte sie sich dabei, wie sie panikartig das n\u00e4chste Foto von ihm im Haus suchte, weil sie nicht mehr wusste, wie er ausgesehen hatte. Oder sich Videos ihrer Urlaube oder der Hochzeit ansah.<br \/>\nBis auf drei Shirts, die sie zum Schlafen verwendete, hatte sie sich von seiner Kleidung bereits ein paar Wochen nach seinem Tod getrennt. Seinen Telefontarif hatte sie aber erst nach einem Jahr gek\u00fcndigt, damit sie sich seine Stimme auf der Mailbox immer wieder anh\u00f6ren konnte. Bis heute &#8211; drei Jahre danach &#8211; stand die letzte Flasche seines Aftershaves im Badezimmerschr\u00e4nkchen, der Inhalt so gut wie verraucht. Trotzdem passierte es ab und an noch, dass sie in schlaflosen N\u00e4chten aufstand und an der Flasche roch, um sich an seinen Geruch zu erinnern.<\/p>\n<p>So intensiv sie w\u00e4hrend seiner Zeit im Krankenhaus die N\u00e4he ihrer Familie suchte, so abgekapselt lebte sie in den Wochen danach in ihrem gemeinsamen H\u00e4uschen. Sie weinte viel. So viel, dass es jeden Tag eine Herausforderung war, ihre geschwollenen Augen hinter Tonnen von Make-up und einer gro\u00dfen Sonnenbrille zu verstecken, wenn sie ins B\u00fcro ging.<br \/>\nSie vergrub sich in Arbeit, Hausputz und Spazierg\u00e4nge. Wollte mit niemandem sprechen, der ihr sein Beileid bekunden wollte. F\u00fchrte Zwiegespr\u00e4che an seinem Grab, das sie t\u00e4glich besuchte. Ihre Familie und Freunde akzeptierten das und taten, was sie brauchte. Sie lie\u00dfen sie in Ruhe und waren zur Stelle, als sie so weit war, \u00fcber das Geschehene und ihr Gef\u00fchlsleben zu sprechen.<br \/>\nBald wurde ihr klar, dass sie auf Dauer nicht so weitermachen konnte. Sie vernachl\u00e4ssigte sich selbst und lebte in der Vergangenheit. So konnte sie nicht die n\u00e4chsten f\u00fcnfzig oder sechzig Jahre ihres Lebens verbringen. Also nahm sie langsam wieder Kontakt zu ihrer Familie auf, die auch in dieser Zeit ihr Fels in der Brandung war.<\/p>\n<p>All die Monologe, die sie in der Zeit davor an seinem Grab gef\u00fchrt hatte, f\u00fchrte sie jetzt noch einmal in Gegenwart ihrer Mutter oder ihrer Freundin. Und sie merkte, dass es ihr guttat, dar\u00fcber zu sprechen. Dass es normal war, zu weinen, wenn sie an ihn dachte. Dass das Gef\u00fchl in ihr, diese allgegenw\u00e4rtige Trauer, ein Teil von ihr war, den sie akzeptieren musste.<br \/>\nSie strich vorsichtig mit der Spitze ihres Zeigefingers \u00fcber den Rand des Rings.<br \/>\nF\u00fcr heute hatte sie sich etwas vorgenommen. Es war der richtige Tag f\u00fcr sie, ein neues Kapitel in ihrem Leben aufzuschlagen. Die Seiten der letzten 34 Jahre ihres Lebens waren festgeschrieben, nicht mehr \u00e4nderbar. Sie durfte es nicht zulassen, dass sie den Rest ihres Lebens immer nur zur\u00fcckblickte. Sie musste auch wieder nach vorne sehen, in ihre neue, eigene Zukunft. Sich f\u00fcr neue Beziehungen \u00f6ffnen. Vielleicht sogar noch einmal jemanden finden, mit dem sie zusammen sein wollte.<br \/>\nIhre Vergangenheit war ein Teil von ihr, hatte sie gepr\u00e4gt, sie zu dem Menschen gemacht, der sie heute war. Aber es war Zeit, neue Wege einzuschlagen. Sie war jung und hatte ihr Leben noch vor sich. Sie musste wieder anfangen zu leben. So wie er es auch von ihr verlangt hatte.<\/p>\n<p>Ruckartig stand sie auf und steckte sich den Ring wieder an den daf\u00fcr vorgesehenen Finger. Automatisch fuhr ihr Daumen an die Innenseite des Ringfingers und spielte mit dem Ring. Im Vergleich zu ihrer Hochzeit hatte sie gut f\u00fcnfzehn Kilo an Gewicht verloren. Der Ring sa\u00df recht locker und sie musste sich immer wieder vergewissern, dass er noch da war.<br \/>\nAuch ihr Mann hatte den Ehering getragen, bis er ihm im wahrsten Sinne des Wortes vom Finger fiel. Sie hatte seinen Ring seitdem als Anh\u00e4nger auf einer langen Silberkette um den Hals h\u00e4ngen. Sie schnappte ihre Schl\u00fcssel, zog Schuhe und eine d\u00fcnne Jacke an und machte sich auf den Weg.<br \/>\nDer Friedhof war nicht weit weg, etwa zwanzig Gehminuten. Diese Wegzeit war pr\u00e4destiniert daf\u00fcr, die Gedanken schweifen zu lassen. Die Zeit war die letzten drei Jahre jedes Mal wie im Flug vergangen, wenn sie diesen Weg gegangen war. So auch heute. Da stand sie nun, vor dem Grabstein ihres Mannes, der viel zu fr\u00fch diese Erde verlassen hatte m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Als sie auf die Grabinschrift blickte, verkrampfte sich ihr Magen und es bildete sich ein Klo\u00df in ihrem Hals. Seinen Namen zu lesen und zu wissen, was sie f\u00fcr sich entschieden hatte, lie\u00df in ihr wieder das Gef\u00fchl hochkommen, ihn zu betr\u00fcgen. Zu vergessen. Das Versprechen nicht mehr zu halten, das sie ihm am Sterbebett gegeben hatte.<br \/>\nIhr Kopf wusste, dass es kein Betrug war. Ihr Herz wollte es noch immer nicht wahrhaben. Stumm liefen Tr\u00e4nen \u00fcber ihre Wangen. Sie hatte es bereits zwei Mal versucht. Letztes Jahr zu seinem Geburtstag Ende August, und dann noch einmal zu Weihnachten. Sie hatte es nicht geschafft. Aber heute musste sie es hinbekommen.<br \/>\n<em>Liebe ist das Einzige, das bleibt, wenn wir gehen<\/em>. Z\u00e4rtlich zog sie die Konturen der einzelnen Zeichen dieses Satzes, der auf dem Grabstein stand, nach. Es stimmte. Die Liebe war noch immer da. Bei ihr, ihren Familien, ihren Freunden. Solange die Liebe und die Erinnerung zu ihm da war, war er nicht vergessen.<\/p>\n<p>Sie r\u00e4usperte sich und wischte sich die Tr\u00e4nen aus dem Gesicht. Dann blickte sie auf ihre rechte Hand. Es war so weit. Zaghaft zog sie den Ehering von ihrem Ringfinger und hielt ihn ein paar Zentimeter \u00fcber den Grabstein. Ihre Hand zitterte. F\u00fcr einen Moment hielt sie inne und erinnerte sich wieder an ihren verstorbenen Mann.<br \/>\nSie schloss die Augen und dachte an ihr Kennenlernen, Urlaube, Z\u00e4rtlichkeiten, K\u00fcsse. Es war keine Trauer mehr, die sie \u00fcberkam. Es war Wehmut. Erinnerungen an Erlebnisse, die ihr niemand nehmen konnte. Mit einer Person, die sie immer lieben und nie vergessen w\u00fcrde. Sie lie\u00df den Ring mit einem leichten L\u00e4cheln fallen und ging.<br \/>\nKlack.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Petra Hechenberger<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 16016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(inspired by Eastmountainsouth&#8217;s Song) Klack. Klack. Klack. 02.04.2004. Das Datum war leicht zerkratzt, aber so, wie der Ring vor ihr auf dem Tisch lag, konnte man es noch immer gut lesen. Klack. Klack. 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