{"id":3968,"date":"2016-01-26T12:40:52","date_gmt":"2016-01-26T12:40:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3968"},"modified":"2016-01-28T12:24:55","modified_gmt":"2016-01-28T12:24:55","slug":"dunkles-land","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3968","title":{"rendered":"Dunkles Land"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3968&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3968&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Mathis &#8211; schon sein Name verhie\u00df die wohl konservativste Sexfantasie aller Frauen: ein hei\u00dfer, franz\u00f6sischer Sommerflirt.<br \/>\nAuf einer Interrailreise mit Freundinnen traf ich ihn und hatte mich vom ersten Moment an unsterblich in seine gro\u00dfen, dunklen Augen verliebt. Er war mit seinen Kumpels gerade Richtung Italien unterwegs, und wir hatten eine Rundreise in Frankreich geplant. Er war aufregend, sch\u00f6n und der erste Mann, bei dem ich mich selbst auch so gef\u00fchlt hatte.<br \/>\nWir teilten uns Schlafsack und Fr\u00fchst\u00fcck, beschlossen schlie\u00dflich wagemutig, unsere Freunde per Zug weiterziehen zu lassen und zu zweit noch einige Wochen am Meer zu verbringen.<br \/>\nDie klischeehafte Vorstellung eines franz\u00f6sischen Sommerflirts versetzte mich in einen Gl\u00fccksrausch, der nur dadurch gesteigert wurde, dass die Realit\u00e4t genau jener Vorstellung entsprach. Die Wochen vergingen im Liebesrausch und waren voller klebrig-s\u00fc\u00dfer Erinnerungen.<\/p>\n<p>Nach einer emotionalen Trennung, bei der ich von dem Moment an, als Mathis mich zum Flughafen Marseille brachte, nur Rotz und Wasser geheult hatte, begann der Alltag meines Studiums im nebeligen Wien.<br \/>\nIch sehnte mich so sehr nach der W\u00e4rme, der Sonne und seinen Ber\u00fchrungen, dass ich mich in einer Art Trancezustand befand, aus der ich nur f\u00fcr die t\u00e4glichen Skypeanrufe von Mathis, die oft bis tief in die Nacht dauerten, erwachte.<br \/>\nDie Trance hielt an und \u00fcberdeckte f\u00fcr lange Zeit alles, was um mich herum und in der Welt geschah. Fast hungernd nach Liebe wartete ich sehns\u00fcchtig auf Mathis, der mich Mitte Oktober f\u00fcr einige Tage in Wien besuchte. So verliebt wie ich war, merkte ich trotzdem, dass sich etwas ver\u00e4ndert hatte. Die zwanglosen Plaudereien und die tiefgr\u00fcndigen Gespr\u00e4che hatten schleichend einen bitteren Beigeschmack bekommen, denn trotz unserer jugendlich naiven Offenheit vermieden wir ein Thema, bei dem wir uns beide wohl zu unsicher waren, wie der andere dar\u00fcber dachte.<br \/>\nAls Mathis zur\u00fcckflog, fand ich mich wieder in der Rolle der ungl\u00fccklich Leidenden, die ich \u00fcber die Wochen perfektioniert hatte. Meine Mitbewohnerin Marie reagierte auf mein Leiden jedoch nicht mehr wie am Anfang des Herbstes mitf\u00fchlend liebevoll sondern abweisend und kurz angebunden. Ihre kaltschn\u00e4uzigen Reaktionen brachten mich zum Gr\u00fcbeln. Vielleicht lag es daran, dass sie keinen Freund hatte. Ich beschloss, dieser Version meinen Glauben zu schenken und Maries schlechte Meinung bez\u00fcglich Mathis auf ihre Eifersucht zur\u00fcckzuf\u00fchren. So erw\u00e4hnte ich Mathis kaum mehr in ihrer Gegenwart.<br \/>\nWie sehr ich mich t\u00e4uschte, erfuhr ich erst Wochen sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Nun kam f\u00fcr mich die Zeit der Ereignisse, die bereits unaufhaltsam \u00fcber Europa hereinbrachen, f\u00fcr die mein verkl\u00e4rter Verstand allerdings kein Interesse aufbringen konnte.<br \/>\nMarie war schon vor einiger Zeit sehr aktiv geworden, sie hatte beim Roten Kreuz als freiwillige Mitarbeiterin bei der Koordination und der Verpflegung von Fl\u00fcchtlingen mitgeholfen. Ich begriff das Ausma\u00df dieser humanit\u00e4ren Katastrophe erst, als sie Freunde zu uns eingeladen hatte, die davon berichteten, dass sie im Sommer bereits gestrandete Fl\u00fcchtlingsboote auf Lesbos gesichtet hatten und nun gerade aus Slowenien zur\u00fcckkamen, wo sie gewesen waren, um Hilfsorganisationen zu unterst\u00fctzen.<br \/>\nAlle schienen in Bewegung, alle schienen zu wissen, dass sie etwas tun sollten und sie taten es, ohne dabei ihre moralische \u00dcberlegenheit zur Schau zu tragen. Es war ein bereits begonnener Prozess, und obwohl dessen Ende kaum absehbar war, hatten sich alle mit Enthusiasmus und nie vermuteter Energie daran beteiligt. Ich kam mir vor wie der letzte Idiot und der gr\u00f6\u00dfte Egoist.<br \/>\nSchlie\u00dflich fand auch ich, dem Schicksal einer vom Leben gelangweilten und zugleich verw\u00f6hnten G\u00f6re entkommend, eine Aufgabe, die mich vollends ausf\u00fcllte und zugleich auch von Mathis ablenkte. Ich half eine Zeit lang am Wochenende in Nickelsdorf mit und gab, als es mein Studium nicht mehr erlaubte, Deutschnachhilfestunden f\u00fcr minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Meine hitzigen Gef\u00fchle f\u00fcr Mathis nahmen stetig ab, und das Skypen war nun l\u00e4ngst nicht mehr das Wichtigste in meinem Leben. Im Gegenteil: H\u00e4ufig hielten wir uns beide kurz angebunden und riefen uns vielleicht jeden zweiten, dritten Tag an.<br \/>\nAls die Terroranschl\u00e4ge Paris ersch\u00fctterten, rief ich Mathis sofort an, er war schockiert, doch er war in Sicherheit. Hilflos und zugleich wortkarg wehrte er jedes meiner Angebote ab, ihn zu besuchen.<br \/>\nEs sei zu gef\u00e4hrlich, es sei momentan einfach das Chaos. Es sei dunkel im Land geworden.<\/p>\n<p>Letztendlich kam der Dezember und mit ihm erstmals eine Ersch\u00f6pfung in den Augen meiner Freunde. Marie hatte kaum Zeit gefunden, neben ihren Job in der Bibliothek und ihrer Freiwilligenarbeit f\u00fcr ihr Studium zu lernen und auch ich hatte einen Zustand der Ersch\u00f6pfung erreicht.<br \/>\nAls ich Mathis wieder einmal am Abend h\u00f6rte, war ich gereizt und pr\u00e4sentierte mich nicht, wie sonst, von meiner besten Seite.<br \/>\nVon meinem erwachten Interesse am Geschehen der Welt lenkte ich unser Gespr\u00e4ch weg von den \u00fcblichen Belanglosigkeiten hin zu einem brisanteren Thema: Frankreich und die Regionalwahlen.<br \/>\nIm Hintergrund der Terroranschl\u00e4ge verstand ich die allgemeine Unruhe und das Misstrauen, allerdings fand ich es keine Rechtfertigung f\u00fcr die Wahl einer rechtskonservativen Partei.<br \/>\nZum ersten Mal stritten wir uns heftig, diskutierten laut, wovor wir beide so lange die Augen verschlossen hatten: unsere unterschiedlichen politischen Ansichten.<br \/>\nIhm war die Front National zu \u201eweich\u201c, er forderte ein Frankreich, das nur f\u00fcr Franzosen war und nun sp\u00fcrte ich auch seine Verachtung gegen\u00fcber meinem erwachten Mitgef\u00fchl und meiner freiwilligen Arbeit.<br \/>\n<em>\u201eEuch wird das alles einmal \u00fcber den Kopf wachsen, ihr werdet noch sehen, was euch eure schei\u00df liberale Einstellung gebracht hat!\u201c<\/em><br \/>\nSeine Worte hallen mir noch immer nach, und ich wei\u00df noch immer nicht, wo sich Europa hin entwickeln wird. Aber ich wei\u00df, dass die Sehnsucht nach Mathis, meiner gro\u00dfen Sommerliebe, nicht mehr andauern wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nene Stark<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer:\u00a0 16015<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mathis &#8211; schon sein Name verhie\u00df die wohl konservativste Sexfantasie aller Frauen: ein hei\u00dfer, franz\u00f6sischer Sommerflirt. Auf einer Interrailreise mit Freundinnen traf ich ihn und hatte mich vom ersten Moment an unsterblich in seine gro\u00dfen, dunklen Augen verliebt. Er war mit seinen Kumpels gerade Richtung Italien unterwegs, und wir hatten eine Rundreise in Frankreich geplant. 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