{"id":3964,"date":"2016-01-24T17:55:07","date_gmt":"2016-01-24T17:55:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3964"},"modified":"2016-03-23T15:19:07","modified_gmt":"2016-03-23T15:19:07","slug":"madame-malerin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3964","title":{"rendered":"Madame Malerin"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3964&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3964&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Sonntag begann k\u00fchl, aber sonnig, und noch bevor es ganz hell war, hatte Clara bereits ihre Staffelei geschultert, beinahe im Laufschritt auf den H\u00fcgel am Johannesfeld getragen und genau dort aufgebaut, wo sie im Fr\u00fchlingsgras die gestrigen Spuren der Staffelei des unbekannten Malers gefunden hatte. Ihre Wangen waren ger\u00f6tet von der Morgenluft und der hinter ihr liegenden Anstrengung, als sie z\u00fcgig begann, die unter ihr liegende Stadt mit einem Graphitstift auf die Leinwand zu skizzieren. Sie h\u00f6rte allerdings gleich wieder damit auf, da sie noch ein wenig von der Anstrengung zitterte, setzte sich auf einen Stein und atmete erst einmal tief durch. Zu sp\u00e4t bemerkte sie, dass sie nicht mehr allein auf dem H\u00fcgel war.<br \/>\n\u00bbAh, Madame Malerin sind aber schnell m\u00fcde! Das waren doch erst zwei Striche. Ist der Stift zu schwer? Oder war die Nacht zu kurz?\u00ab<\/p>\n<p>Vor ihr stand ein junger, schlanker Mann mit dunklen Haaren und einem Schnurrbart, der sie sp\u00f6ttisch anl\u00e4chelte. Auffallend war vor allem, dass nicht nur sein Mund, sondern auch seine gr\u00fcnen Augen irgendwie l\u00e4chelten, sie leuchteten Clara entgegen, und diese konnte sich gar nicht auf eine passende Antwort konzentrieren. Er trug einen auffallenden breitkrempigen Hut mit Feder, einen wei\u00dfen Hemdkragen, einen breiten G\u00fcrtel, ein Gewehr, ein Schwert, ein Messer, Stiefel, die bis \u00fcbers Knie reichten und seine Staffelei.<\/p>\n<p>Er verbeugte sich kurz und zog den Hut.<br \/>\n\u00bbGestatten, Georg Matth\u00e4us Vischer aus Tirol. Es ist doch erlaubt, dass ich meine Staffelei ebenfalls auf diesem sch\u00f6nen H\u00fcgel aufbaue, Madame Malerin?\u00ab<\/p>\n<p>Clara lachte laut auf, er hatte so einen eigenartigen Akzent, das Tirolerische hatte sie schon einmal auf dem Paulimarkt geh\u00f6rt. Wegen des Lachens w\u00fcrde ihr die geplante gespielte Emp\u00f6rung ohnehin nicht mehr gelingen, also beschloss sie, sich freundlich zu geben.<br \/>\n\u00bbIch bin Clara Hanff. Was macht ein Mann aus Tirol bei uns in Freistadt?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch helfe mit, unser Land zu verteidigen, sieht man das nicht? Die Schweden sind im n\u00f6rdlichen Land unter der Enns, die wiederholte Bedrohung des M\u00fchl\u00ad und Machlandviertels durch in B\u00f6hmen operierende schwedische Heere macht starke Verteidigungsma\u00dfnahmen erforderlich und damit meine Anwesenheit in Freistadt.\u00ab<br \/>\nEr l\u00e4chelte dabei so charmant, dass Clara einfach zur\u00fcckl\u00e4cheln musste. So eine geschraubte Ausdrucksweise und noch dazu auf Tirolerisch hatte sie nie zuvor geh\u00f6rt, vor allem nicht von so einem Burschen. \u00dcberhaupt war ihr noch niemals jemand begegnet, der so von sich eingenommen war und dabei nicht unsympathisch.<br \/>\n\u00bbClara, ein sch\u00f6ner Name, er passt zu euch. Was macht ihr am Sonntag zu so fr\u00fcher Stunde hier heroben? Wart das nicht ihr gestern da unten mit dem anderen M\u00e4dchen?\u00ab<\/p>\n<p>Ohne auf eine Entgegnung zu warten, zog er aus seiner Mappe eine Skizze hervor, die er gestern von ihnen beiden gezeichnet haben musste. Clara h\u00e4tte schw\u00f6ren k\u00f6nnen, dass er sie nicht einmal wahrgenommen hatte, doch da hatte sie sich wohl geirrt. Auf dem Papierbogen waren Martha und sie in der Ferne vom H\u00fcgel aus zu sehen, wie sie auf dem Baumstamm sa\u00dfen und miteinander plauderten, dahinter die Stadt. Die Zeichnung war recht gut gelungen, wenngleich an der Perspektive so manches verrutscht war, aber dieser Georg Matth\u00e4us Vischer hatte zweifellos Talent, und er wusste es.<\/p>\n<p>\u00bbJa, das ist Martha, meine Freundin. Wir hatten ein ernstes Gespr\u00e4ch unter Frauen \u00fcber unsere Zukunft, eure Zeichnung zeigt eher eine belanglose Plauderei unter M\u00e4dchen, trotzdem ist sie sehr gelungen. Ihr seid also im Krieg, um zu zeichnen? Wozu braucht ihr dann die vielen Waffen?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbClara, na na, ihr habt ja keine Ahnung. Hinter jedem Busch k\u00f6nnte ein Schwede auf mich lauern, mir zum Beispiel diese wertvolle Zeichnung entrei\u00dfen, oder ich m\u00fcsste euch verteidigen, was ich nat\u00fcrlich mit all meinen M\u00f6glichkeiten tun w\u00fcrde.\u00ab Wieder dieses charmante L\u00e4cheln, das Clara einfach erwidern musste.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Der halbe Vormittag verging damit, dass Georg Matth\u00e4us Vischer und Clara Hanff sich gegenseitig so einiges \u00fcber sich erz\u00e4hlten und zum vertrauten \u00bbDu\u00ab \u00fcbergingen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333333;\"> Clara erfuhr, dass Georg in Wenns in Tirol geboren war und dass sein Vater Bauer und Verwalter des Getreidespeichers des Zisterzienserstiftes Stams, aber schon seit zehn Jahren verstorben war. Er selbst hatte im Stiftsgymnasium die Schule besucht. Seine Mutter hatte gerade wieder geheiratet, einen Mann, den er noch gar nicht kannte, weil er ja als S\u00f6ldner unterwegs war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">\u00bbDas Stiftsgymnasium war interessant, es gibt dort wundersch\u00f6ne Atlanten und Globen \u2013 du nickst, also wei\u00dft du auch, was das ist. Als ich f\u00fcnfzehn wurde, habe ich mich heimlich aus dem Kloster weggeschlichen und bei den Soldaten gemeldet. Zuerst waren wir im Schwarzwald im Raum Schw\u00e4bische Alb unterwegs, dort habe ich mich einer Reitereinheit angeschlossen. Ich habe sehr viel gelernt in diesen zwei Jahren, mir mathematische und kartografische Grundkenntnisse angeeignet. Ich m\u00f6chte sp\u00e4ter einmal eine Landkarte meiner Reisen zeichnen. Und deshalb fange ich jetzt einmal damit an, Freistadt zu zeichnen und eine seiner h\u00fcbschen Bewohnerinnen. Darf ich dich portr\u00e4tieren?\u00ab<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333333;\"> Clara nickte gottergeben, denn er hatte l\u00e4ngst angefangen \u2013 noch w\u00e4hrend er redete \u2013 sie zu zeichnen. Sie strich sich die Locken aus der Stirn und befragte ihn n\u00e4her zur Technik des Landkartenzeichnens.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Der Tag verging schnell und \u00fcberaus spannend. Clara brachte ihre Zeichnung der Stadt zu Ende und Georg beobachtete und zeichnete. Er fand die junge Frau bemerkenswert, die so gut mit dem Graphitstift umgehen konnte. Die beiden verstanden sich gut und Georg hatte nach kurzer Zeit auch seine Nat\u00fcrlichkeit wiedergefunden. Er merkte, dass sich Clara f\u00fcr ihn interessierte, auch ohne dass er sie auf \u00fcbertriebene Weise beeindrucken musste. Dennoch blieb etwas Neckendes zwischen den beiden bestehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0Auszug aus dem Roman: <a title=\"Vischers Vermessenheit: Salzburg, Pustet 2013\" href=\"http:\/\/www.pustet.at\/Vischers-Vermessenheit_55_p266.html\" target=\"_blank\">Vischers Vermessenheit, Salzburg, Pustet, 2013<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 16014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sonntag begann k\u00fchl, aber sonnig, und noch bevor es ganz hell war, hatte Clara bereits ihre Staffelei geschultert, beinahe im Laufschritt auf den H\u00fcgel am Johannesfeld getragen und genau dort aufgebaut, wo sie im Fr\u00fchlingsgras die gestrigen Spuren der Staffelei des unbekannten Malers gefunden hatte. 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