{"id":3962,"date":"2016-01-24T17:51:15","date_gmt":"2016-01-24T17:51:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3962"},"modified":"2016-01-28T12:28:14","modified_gmt":"2016-01-28T12:28:14","slug":"aus-der-vogelperspektive","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3962","title":{"rendered":"Aus der Vogelperspektive"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3962&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3962&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Keiner der M\u00f6nche, auch nicht Bruder Thomas, hatte bemerkt, dass Georg Matth\u00e4us Vischer nach dem Komplet, dem letzten der sieben t\u00e4glichen Stundengebete, den Schl\u00fcssel an sich genommen hatte.<\/p>\n<p>Was der neunj\u00e4hrige Tiroler Bub zu tun beabsichtigte, war streng verboten. Es ging auf Mitternacht zu \u2013 alle anderen schliefen bereits\u00a0\u2013 als er sich in die Bibliothek schlich und die Kerze anz\u00fcndete, die er hinter einen mit Wasser gef\u00fcllten Becher gestellt hatte. Von \u00fcberall her drangen Ger\u00e4usche, besonders der Holzboden knarrte bei jedem seiner Schritte. Und als der Bub eine Lade des gro\u00dfen Schrankes \u00f6ffnete und ihr einen Gegenstand entnahm, der in weiches Leder eingeschlagen war, ging auch das nur unter lautem \u00c4chzen des Holzes vonstatten.<\/p>\n<p>Die Kerze warf ihr Licht auf die blassen Linien, Georg packte das Vergr\u00f6\u00dferungsglas aus und hielt es vor den Globus. Seine H\u00e4nde zitterten vor Aufregung. Jetzt, in besserem Licht, w\u00fcrde er es bestimmt sehen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Sein Blick fiel zuerst auf Arabien, dort \u2013 so hatte er im Unterricht erfahren \u2013 war der Lesestein erfunden worden. Er war aus Beryll, einem Kristall, der die Sehleistung des menschlichen Auges erweitern konnte. Der Lesestein des Klosters bestand aus Bergkristall und stellte ein wichtiges optisches Instrument f\u00fcr den Klosterbibliothekar dar, das er insbesondere bei der Abschrift von B\u00fcchern verwendete. Georg mochte es, Bruder Thomas bei dieser T\u00e4tigkeit \u00fcber die Schulter zu schauen, leider wurde es ihm nicht oft gestattet. Normalerweise wurde der Lesestein mit der planen Seite direkt auf ein Blatt Papier aufgelegt, jetzt musste Georg ihn st\u00e4ndig mit der Hand im richtigen Winkel \u00fcber die runde Oberfl\u00e4che des Globus balancieren und gleichzeitig auf die Kerze aufpassen.<br \/>\nBruder Thomas hatte ihn davor gewarnt, eine Kerze in der Bibliothek anzuz\u00fcnden. Wie leicht konnte ein Feuer ausbrechen und die wertvollen B\u00fccher vernichten. 1593 hatte ein Brand gro\u00dfe Teile des Stifts zerst\u00f6rt, die \u00e4lteren Br\u00fcder konnten sich noch gut erinnern und hatten ihm davon erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Das Licht der Umgebung wurde aufgrund der Wirkung der Linse im Objekt gesammelt. Am besten eignete sich eine diffuse Beleuchtung, also war eine allgemeine Helligkeit der Umgebung besser als eine auf den Lesestein gerichtete, punktf\u00f6rmige Lichtquelle. Die Helligkeit des Objektes war somit gr\u00f6\u00dfer als die der Umgebung.<br \/>\nGeorg schreckte hoch, schon wieder hatte er ein Ger\u00e4usch geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Er konzentrierte sich eine Minute auf seine Umgebung, die allerdings still blieb, um sich danach wieder der Betrachtung des Globus zuzuwenden, er g\u00e4hnte und es fr\u00f6stelte ihn. Seit dem Tod seines Vaters vor einem Jahr war er im Stiftsgymnasium nicht mehr wirklich gerne gesehen. Sein Vater war Kastenamtmann f\u00fcr das Zisterzienserstift hier in Stams und damit der f\u00fcr die Verwaltung des Getreidespeichers zust\u00e4ndige Beamte gewesen. Mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit durfte Georg als sein Sohn die stiftseigene Schule besuchen und wohnte seither im Internat, wo er jede M\u00f6glichkeit nutzte, seinem Interesse f\u00fcr geografische Fragen nachzugehen. Die Bibliothek besa\u00df mehrere Atlanten und Globen, die ihm die Welt auf wunderbare Weise n\u00e4herbrachten.<\/p>\n<p>Seine Mutter hatte zwar versucht, das Amt des Vaters selbst weiterzuf\u00fchren, konnte aber nicht die Zufriedenheit des Abtes erlangen. So nahmen die Dinge ihren Lauf, das Kastenamt wurde jemand anderem \u00fcbertragen, die Mutter sollte f\u00fcr Georgs Aufenthalt im Klosterinternat pl\u00f6tzlich Kostgeld zahlen und blieb es gezwungenerma\u00dfen schuldig. Obwohl erst neun Jahre alt, wusste der Bub doch, dass seine Tage im Gymnasium gez\u00e4hlt waren.<\/p>\n<p>Georg seufzte und besah sich die skizzierten Landmassen auf dem Globus. Er hielt mit der einen Hand den Kupferreifen umklammert, der die Kugel aus Lindenholz von Pol zu Pol umfasste. Der massive Holzsockel verlieh dem Instrument stabilisierendes Gewicht. Das aufkaschierte Pergament war hell und die Landesgrenzen waren mit gelber Farbe eingezeichnet, das Wasser blau gef\u00e4rbt. Kreuz und quer verliefen in regelm\u00e4\u00dfiger Entfernung voneinander schwarze d\u00fcnne Linien. \u00dcberhaupt \u2013 die Welt war aus der Sicht eines Vogels gezeichnet, obwohl ja wohl kein Mensch fliegen konnte! Wie war das m\u00f6glich? Aber die Berge waren so skizziert, wie sie von unten aussahen, von oben sollten sie sich also anders ausnehmen.<\/p>\n<p>Georg sch\u00fcttelte den Kopf. Dann war da noch das Problem der Darstellung der runden Erde, wieso konnte man dann ebene Pl\u00e4ne machen? Ohnehin war ihm diese Vorstellung nicht geheuer, es war nichts von der Erdrundung zu sehen, selbst vom Kirchturm aus nicht.<\/p>\n<p>Georg hob den Kopf, sein Nacken war verspannt. Er beendete seine Forschungen und l\u00f6schte pflichtbewusst die Kerze, bevor er die Bibliothek verlie\u00df, retournierte den Schl\u00fcssel und schlich in den Schlafsaal. Er w\u00fcrde irgendwann einmal eine Karte zeichnen, wo die Berge aus der Vogelsicht zu sehen w\u00e4ren, ja, so etwas fehlte!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0Auszug aus dem Roman: <a title=\"Vischers Vermessenheit: Salzburg, Pustet 2013\" href=\"http:\/\/www.pustet.at\/Vischers-Vermessenheit_55_p266.html\" target=\"_blank\">Vischers Vermessenheit, Salzburg, Pustet, 2013<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 16013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keiner der M\u00f6nche, auch nicht Bruder Thomas, hatte bemerkt, dass Georg Matth\u00e4us Vischer nach dem Komplet, dem letzten der sieben t\u00e4glichen Stundengebete, den Schl\u00fcssel an sich genommen hatte. Was der neunj\u00e4hrige Tiroler Bub zu tun beabsichtigte, war streng verboten. 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