{"id":3953,"date":"2016-01-23T16:52:33","date_gmt":"2016-01-23T16:52:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3953"},"modified":"2016-06-29T17:09:22","modified_gmt":"2016-06-29T17:09:22","slug":"eine-handvoll-schach","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3953","title":{"rendered":"Eine Handvoll Schach"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3953&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3953&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sch\u00f6n, dich hier zu haben, Alessandro, mein Freund, auf einem deiner \u00e4u\u00dferst seltenen Besuche in Wien, wei\u00df ich doch, dass dir diese Stadt nicht behagt, und dies nicht allein wegen der dir fremden Sprache.<\/p>\n<p>Aber warum Alessandro meine Auszeit auf der Toilette dazu genutzt hatte, ein Schachbrett auf dem Kaffeehaustisch zwischen uns aufzubauen, und jetzt mit aller Sorgfalt die Figuren in Reih und Glied aufstellte, entzog sich meinem Verst\u00e4ndnis, denn als ernstzunehmende Spieler waren wir beide nicht zu gebrauchen, miserabel unser Zugang zu diesem Spiel. Einerseits Alessandro, bekannt daf\u00fcr, in seiner ihm eigenen Hitzigkeit verf\u00fchrerisch erfolglose Angriffe zu f\u00fchren, dem kein Opfer auch angesichts von Hoffnungslosigkeit zu schade war, andererseits ich, Nachl\u00e4ssigkeit mein zweiter Name, mit der mir meine Schl\u00fcsselfiguren meist verlustig gingen, geopfert f\u00fcr einen vermeintlich gr\u00f6\u00dferen \u00dcberblick \u00fcber das Spiel. Und so opferten wir uns f\u00fcr gew\u00f6hnlich vor uns hin, bis zum unvermeidlich unbefriedigenden Remis, in dem sich zwei einsame Bauern aufeinander zu \u00fcber die Linien qu\u00e4lten, bis zum Aufprall ohne Ausweg. Sp\u00e4testens dann w\u00fcrde einer von uns mit dem Gef\u00fchl geteilter Langeweile das Schachbrett zuklappen, und der andere dar\u00fcber froh sein; meist war Alessandro schneller zur Hand, denn so endete es doch immer.<\/p>\n<p>So hat es bisher immer geendet, Alessandro, und so wird es wohl auch immer enden, denn ein Remis gegen dich ist nichts anderes als ein Sieg, und dessen bin ich mir sicher, nicht viel anders ergeht es dir mit mir.<\/p>\n<p>\u201eDiese Bauern habe ich nie verstanden\u201c, begann Alessandro in seinem sonoren Italienisch, angesichts der schwarz aufgef\u00e4delten, zweiten Figurenreihe der Gleichf\u00f6rmigkeit vor ihm, \u201ein ihrer Aufopferungsbereitschaft und als h\u00f6chstes Gl\u00fcck vor Augen, sich vielleicht doch bis zur hintersten gegnerischen Linie durchschummeln zu k\u00f6nnen, naiv wie Aschenputtel sind sie, in der Hoffnung, in den obersten Adelsstand erhoben zu werden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSogar geschlechter\u00fcbergreifend, als K\u00f6niginnen\u201c, erg\u00e4nzte ich mit einem Schmunzeln, aber er war schon mit ganz anderen, viel weitreichenderen Gedankeng\u00e4ngen besch\u00e4ftigt, denn er hatte das Brett gewendet, sodass seine Bauern gegen die eigenen Reihen standen.<\/p>\n<p>\u201eAcht gegen acht, da m\u00fcsste doch etwas zu machen sein, ein \u00fcberraschender Angriff, mit dem sie sich auf das abgehalfterte, altersschwache Adelsgeschlecht in ihrem R\u00fccken st\u00fcrzen. Geben sich ja sonst auch so bauernschlau, diese Bauern, denk nur an ihr fieses <em>en passant<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Die linke Faust hob ich zur Best\u00e4tigung \u2013 Revolution! \u2013, mit mir konnte Alessandro rechnen, mit wehender Fahne war ich bereit, neben ihm unterzugehen, dem Garibaldi des Schachspiels. Und gleichzeitig bereute ich meine stumme, unbedachte Zustimmung, denn nun kam er so richtig in Fahrt, w\u00e4hrend er das Brett in seine Ausgangslage drehte.<\/p>\n<p>\u201eSchau sie dir doch nur einmal an, diese K\u00f6nigin, nur ein Blendwerk ihre Machtf\u00fclle an Bewegungsm\u00f6glichkeiten. Nicht mehr als eine Zugehfrau ist sie, f\u00fcr einen greisen, demenzkranken K\u00f6nig in Pantoffeln, der nur noch lahm von Feld zu Feld zu humpeln vermag.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber die Rochade \u2013\u201c, wagte ich einzuwerfen, aber sein h\u00f6hnischer Blick brachte mich augenblicklich zum Schweigen.<\/p>\n<p>\u201eJa, eine Rochade steht ihm zu, sein einzig gro\u00dfer H\u00fcpfer, und schon ist ihm die Puste ausgegangen. Und was hat er davon? Nichts anderes, als sich auf seinen Turm zu st\u00fctzen, eine Gehhilfe gro\u00df wie ein Fernseher, mit Schlagersendung im Programm. Denn mit einem Turm l\u00e4sst sich keine angeregte Unterhaltung f\u00fchren, diesem tumbtreuen Vasallen, dieser engstirnigen und einspurigen Kampfmaschine, die nicht anderes im Sinn hat, als Bauernopferreihen zu sprengen.\u201c<\/p>\n<p>H\u00f6chste Zeit, Alessandro, deinem Redefluss Einhalt zu gebieten, der wieder einmal zu einer Tirade auszuarten droht, jetzt bin ich an der Reihe, meinen Beitrag zu diesem Diskurs zu leisten.<\/p>\n<p>\u201eIch wiederum kann diese L\u00e4ufer nicht leiden. Die sehen in Diagonalen, lugen um die Ecken, wie Spitzel, die Geheimpolizei unter den Schachfiguren, die einen die eigene Unaufmerksamkeit abstrafen. \u201aKommen S\u2019 mit!\u2018, und schon haben sie einen in einer dunklen Stra\u00dfenecke am Arm gepackt und vom Spielfeld abgef\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<p>Ob ihn meine Ausf\u00fchrung zum Schmunzeln gebracht hatte, wusste ich nicht zu sagen, vielleicht war der Grund daf\u00fcr auch nur, dass die letzte verbliebene Gruppe von Spielfiguren eine mildere Beurteilung von ihm erfuhr. Einen der Springer nahm er vom Feld, um ihn genauer in Augenschein zu nehmen, und geradezu poetisch seine Betrachtung dazu:<\/p>\n<p>\u201eEinzig die R\u00f6ssel bestechen durch ihre Unberechenbarkeit, wenn sie so \u00fcber Bauernhecken springen, abschlie\u00dfend einen Schwenker einmal nach rechts, einmal nach links, als k\u00f6nnten sie es sich nach Gutd\u00fcnken aussuchen, welches Bein ihnen gerade lahmt. Lustig, diese Gesellen, immer den Schalk im Nacken, Hofgaukler in dieser ansonsten so steifen Gesellschaft, f\u00e4llt ihnen doch immer wieder etwas Neues ein.\u201c<\/p>\n<p>Nahezu vers\u00f6hnlich nun sein Gesichtsausdruck, und diese Vers\u00f6hnlichkeit nutzte ich, um all die M\u00f6glichkeiten meines ersten Zugs abzuw\u00e4gen, und besonders perfide kam er mir vor, mein Zug aller Z\u00fcge: e2 \u2013 e4.<\/p>\n<p>\u201eUnd, Alessandro, wie gedenkst du dieses Mal meine immer gleiche Er\u00f6ffnung zu parieren, vielleicht mit einer ungew\u00f6hnlichen Goldberg-Variation?\u201c<\/p>\n<p>Mitleidig, sein L\u00e4cheln, mit dem er meinen intellektuellen Kalauer bedachte, und als er seinen Blick wieder dem Schachspiel zuwandte, war selbst dieses verschwunden.<\/p>\n<p>\u201eIch habe die Schnauze voll\u201c, r\u00e4umte Alessandro mit einem Wisch all die Figuren vom Brett und griff nach der erstbesten Zeitung, die auf dem Nebentisch lag, einem intellektuellen Wiener Wochenblatt ohne viele Bilder.<\/p>\n<p>\u201eRemis?\u201c, fragte ich ihn \u00fcber den Zeitungsrand hinweg.<\/p>\n<p>\u201eRemis, wie gehabt\u201c, best\u00e4tigte er ohne aufzusehen, ganz in einen Artikel versunken, vom dem er kein einziges Wort verstand.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 16012<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sch\u00f6n, dich hier zu haben, Alessandro, mein Freund, auf einem deiner \u00e4u\u00dferst seltenen Besuche in Wien, wei\u00df ich doch, dass dir diese Stadt nicht behagt, und dies nicht allein wegen der dir fremden Sprache. 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