{"id":3925,"date":"2016-01-10T19:26:13","date_gmt":"2016-01-10T19:26:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3925"},"modified":"2022-02-03T12:54:13","modified_gmt":"2022-02-03T12:54:13","slug":"zwischen-welten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3925","title":{"rendered":"Zwischen Welten"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3925&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3925&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u201eNochmal, Petra nochmal!\u201c Der Ruf des Ausbildners und Verantwortlichen schallte durch den hohen Raum, brach sich an den schmucklosen W\u00e4nden, lie\u00df alle anderen auf sie starren. Man sah es ihnen an: Sie waren froh, dass nicht der eigene Name gefallen war, wie ein Urteil, hart, harsch, fordernd, keine Widerrede duldend.<br \/>\nSie setzte sich mit gesenktem Kopf in Bewegung Richtung Absaugung, kam dort an, ein Knopf wurde gedr\u00fcckt, die Maschine startete sofort. Sie sp\u00fcrte den kraftvollen Sog, unmittelbar auf der Haut, auf den Muskeln, in allen Gliedern, bis ins Innerste hinein, alles kr\u00fcmmte sich in ihr zusammen, und dann war es wieder vorbei. Zweimal die ganze Prozedur, die sie hasste, wie sie fast alles hier hasste.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte sie nicht den Kapuzenpulli anziehen sollen zum Arbeiten, wurde sie denn nie schlauer? Da verfingen sich zwangsl\u00e4ufig Sp\u00e4ne und Staub, und solches war Grund genug, sie nochmals zu s\u00e4ubern, auch wenn beim ersten Mal nichts mehr sichtbar gewesen war.<br \/>\nOder sie mochten sie einfach nicht, gut, sie mochten keinen hier, aber es gab welche, die sie noch ein klein wenig weniger mochten als andere, und sie geh\u00f6rte sicherlich zu dieser Gruppe.<br \/>\nSie war verlegen, fuhr sich mit beiden H\u00e4nden \u00fcber ihren Kopf, als sie von der Maschine abtrat, strich sich \u00fcber die kurzgeschnittenen Haare, es erschien wie ein fl\u00fcchtiges Streicheln. Wer sonst sollte es tun?<br \/>\nDas Gef\u00fchl war nicht neu f\u00fcr sie, sie war einsam hier, wie alle anderen auch. Immer wieder wurden sie angehalten, Beziehungen zueinander zu unterlassen, sie k\u00f6nnten ja doch jederzeit getrennt werden, in anderen Ausbildungslagern landen, und Abschiede geh\u00f6rten zum Alltag. Und schlie\u00dflich mussten sie sich ja auf die neuen Aufgaben konzentrieren, es sollte ja etwas werden aus ihnen allen. Wertvolle Mitglieder der Gesellschaft, so h\u00f6rten sie es jeden Tag, morgens und abends. Sie war gespannt, wann es endlich so weit war. Wertvoll f\u00fchlen wollte sie sich tats\u00e4chlich, das w\u00e4re einmal ein neues Gef\u00fchl f\u00fcr sie gewesen.<\/p>\n<p>Irgendwann, nach Wochen, Monaten war dann auch ihre Frist abgelaufen, und sie war diejenige, die es zu verabschieden galt. Es ging kurz und formlos vonstatten: Ihre Habseligkeiten waren l\u00e4ngst gepackt, ein Zubringerdienst (in dem Fall, um sie wegzubringen) informiert, das Tor \u00f6ffnete sich f\u00fcr sie und damit eine T\u00fcr in das n\u00e4chste Leben. Eines, das sie leben wollte, um jeden Preis.<br \/>\nMit ihrer Ausbildung und dem Zeugnis, das sie im Lager erhalten hatte, hatte sie tats\u00e4chlich gute Chancen auf einen beschissenen Job. Die Werkstatt sah der Ausbildungsst\u00e4tte sehr \u00e4hnlich, ein paar Bilder hingen hier an den W\u00e4nden, und die Chefs trugen eine andere Art Uniform, Anzug mit Krawatte n\u00e4mlich, doch \u201efreies\u201c Arbeiten hatte sie sich anders vorgestellt.<br \/>\nIrgendwie war nach wie vor alles mit L\u00e4rm verbunden, eine Qual f\u00fcr sie, die die Stille sehr liebte.<br \/>\nDem Wecker im Heim folgten die Sirene zu Arbeitsbeginn, das Rattern der Maschinen, das Br\u00fcllen der Vorarbeiter und der Krach beim Einsortieren der bearbeiteten G\u00fcter. Dann die Riesenstapler, die die Gegenst\u00e4nde wegbrachten, das Fluchen der Fahrer, die Mittagssirene. So ging es fort bis zum Abend, dann die Schlusssirene. Wo war sie da nur hingeraten? Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft war sie nun. \u201eGegl\u00fcckte Resozialisierung\u201c stand auf dem ersten Monatsbericht, der an ihre Ausbildungsst\u00e4tte erging, das war die Bestnote, das H\u00f6chste, was man erreichen konnte in ihrer Ausgangslage. Der Job war ihr somit gesichert.<\/p>\n<p>Das Haupthaar wuchs wieder, sie musste drau\u00dfen keine M\u00fctze mehr tragen, die sie bisher immer bei sich gehabt hatte, um sich nicht zu verk\u00fchlen. Sie konnte ihre Haarspitzen schon im Gesicht sp\u00fcren. Sie begann, alles leichter zu nehmen, je routinierter sie die Arbeit erledigen konnte. Im Geiste war sie weit weg, sehr weit weg von allem.<br \/>\nDieses System funktionierte bestens, rein k\u00f6rperliche Anwesenheit bei v\u00f6lliger gedanklicher Freiheit. Sie perfektionierte das Ganze, bereiste Steppen, W\u00fcsten, Dschungel und Bergt\u00e4ler, unterhielt sich mit Wanderern, die sie auf ihren Reisen traf; erstaunlicherweise waren einige aus ihrer Ausbildungsgruppe dabei, und sie vermeinte alle zumindest vom Sehen zu kennen. Diejenigen, die ihr am cleversten erschienen waren, benutzten offensichtlich dieselben Pfade wie sie, die Ziele mussten sich bei ihnen allen also zumindest \u00e4hneln.<br \/>\nDie Ausbildung mit ihren ausgekl\u00fcgelten Methoden hatte anscheinend bei ihnen eine gemeinsame Nebenwirkung, derer sich die Verantwortlichen nicht bewusst waren. Und ihre Sch\u00fctzlinge w\u00fcrden sich h\u00fcten, etwas davon zu verraten.<\/p>\n<p>Viele waren auf dem Weg, mit der Zeit wurden es noch mehr, und die Gespr\u00e4che waren erfrischend, \u00fcberraschend, die Geister frei und die Neugierde aufeinander gro\u00df. Die Sirenen, die den Arbeitstag unterteilten, sollten sich noch als sehr n\u00fctzlich erweisen, denn nur deren anhaltender, durchdringender Ton konnte sie von einer Reise zur\u00fcckholen, und das auch immer m\u00fchevoller.<br \/>\nDass sie so vertieft in ihre Arbeit erschien und die Pausensignale kaum wahrnahm, wurde ihr als besonderer Eifer ausgelegt und ihre Einsatzbereitschaft lobend erw\u00e4hnt.<br \/>\nSo kam es dazu, dass sie zu der neuen Stanzmaschine abgestellt wurde, wo sie keinen direkten Vorgesetzten neben sich hatte, sondern relativ unbehelligt von \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen ihrem Tagwerk nachgehen konnte.<\/p>\n<p>Das kam wiederum ihren Reisen zugute, und sie traf sich nun gezielt mit Gleichgesinnten, seit einigen Tagen mit einem jungen Mann aus ihrer damaligen Ausbildungseinheit. Ihr Treffpunkt war eine Quelle, die in ein ausgesp\u00fcltes Steinbecken sprudelte, inmitten der Berge. Sie konnten dort ruhen, trinken, die Sonne schien immer, wenn sie sich trafen, und sie freute sich auf jeden neuen Arbeitstag. Ihm ging es ebenso, hatte er ihr anvertraut; er war ein paar Hundert Kilometer von ihrer Arbeitsst\u00e4tte bei Grabungen besch\u00e4ftigt, und die Treffen mit ihr gelangen ihm inzwischen m\u00fchelos, wie ihr.<br \/>\nEines wie immer sch\u00f6nen Tages hatte er eine \u00dcberraschung f\u00fcr sie mitgebracht: ein Buch, das laut ihm alle Sprachen der Welt beinhalten sollte. Als sie kurz \u00fcber seine Behauptung nachdachte, war sie verwundert, denn ihrer Meinung nach h\u00e4tte das eigentlich ein schweres, gro\u00dfes Buch sein m\u00fcssen, oder vielmehr ein ganzer Berg B\u00fccher, doch es sah unscheinbar aus, ein schmales graues B\u00e4ndchen, und als sie es \u00f6ffnete, erkannte sie sofort, dass ihr Gef\u00e4hrte recht hatte: Es gab nicht mehr viele Sprachen, es gab nur noch wenige Worte, die \u00fcberhaupt ausgesprochen wurden, das B\u00e4ndchen enthielt mehr oder weniger Anweisungen f\u00fcr den Alltag, in den verbliebenen drei Sprachen, in denen sich die Menschen weltweit verst\u00e4ndigten. Da sie bislang nur eine einzige Weltsprache beherrschte, nahm sie sich vor, bei jedem Treffen mit ihrem Freund ein wenig aus dem Buch zu lernen, und sehr schnell hatte sie den Inhalt intus. Sie war nun drei- und somit totalsprachlich, und es war eine ziemlich einfache \u00dcbung gewesen.<\/p>\n<p>Sie war gerade ins Gespr\u00e4ch mit ihrem Freund vertieft und verwendete zu \u00dcbungszwecken eine der neu erlernten Weltsprachen, als sie jemand Dritter von hinten ansprach, in ihrer Ausgangssprache. Eigentlich waren sie immer nur zu zweit und ungest\u00f6rt gewesen an ihrem lauschigen Ort, drum erschreckte sie diese St\u00f6rung und brachte sie aus dem Konzept. Sie antwortete in der neuen Sprache, die sie gerade im Gespr\u00e4ch mit ihrem Freund verwendet hatte, auf die Frage, warum sie denn nicht mit ihm, dem Hinzugekommenen, spreche, ob sie denn nicht geh\u00f6rt habe, was er gesagt habe. Sie stammelte ein \u201eIch wei\u00df nicht \u2026\u201c, sehr viel mehr war gerade nicht in ihrem Kopf zu finden.<\/p>\n<p>Sie war durcheinander, murmelte, verzweifelt nach den richtigen Worten in der richtigen Sprache suchend, in der dritten Sprache dann noch ein \u201eEntschuldigen Sie bitte \u2026\u201c, als sie sich beinahe \u00fcbergangslos in der Maschinenhalle wiederfand, die Quelle war weg, ihr Freund ebenso, und der Vorarbeiter sah sie erstaunt an. Einerseits schien er positiv \u00fcberrascht zu sein, andererseits folgte dem Erstaunen gleich ein Wutausbruch:<br \/>\n\u201eSolche Versager, St\u00fcmper, das steht in keinem Bericht, dass du totalsprachig bist! Und steht an der Stanzmaschine! L\u00e4ngst brauchen wir einen \u00dcbersetzer f\u00fcr die Lieferungen aus den anderen Teilen. Und sie steht da bei der Stanzmaschine! Unglaublich ist das. Und das nennen sie l\u00fcckenlose Bestandsaufnahme und Dokumentation! Dass ich nicht lache!\u201c<br \/>\nEr teilte kurzerhand jemand anderen f\u00fcr ihre Arbeit ein und nahm sie an der Hand, marschierte mit ihr zur B\u00fcroetage und ins Vorzimmer des Chefs.<br \/>\nNachdem sie ein Weilchen gewartet hatten, wurden sie vorgelassen in die luxuri\u00f6sen R\u00e4ume, wo alle wichtigen Entscheidungen getroffen wurden. Sie hatte keine Ahnung, was nun mit ihr geschehen w\u00fcrde.<br \/>\nDoch alles wurde gut. Sie sah ihren Freund, er sa\u00df auf einem warmen Stein am Rande der Quelle und sagte zu ihr: \u201eSch\u00f6n, dass du wieder da bist. Du warst so pl\u00f6tzlich weg, ich habe mir schon Gedanken gemacht.\u201c Sie l\u00e4chelte ihn an.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> | Inventarnummer: 16011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNochmal, Petra nochmal!\u201c Der Ruf des Ausbildners und Verantwortlichen schallte durch den hohen Raum, brach sich an den schmucklosen W\u00e4nden, lie\u00df alle anderen auf sie starren. Man sah es ihnen an: Sie waren froh, dass nicht der eigene Name gefallen war, wie ein Urteil, hart, harsch, fordernd, keine Widerrede duldend. 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