{"id":3825,"date":"2015-12-08T07:57:34","date_gmt":"2015-12-08T07:57:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3825"},"modified":"2015-12-28T16:29:50","modified_gmt":"2015-12-28T16:29:50","slug":"zwei-fremde-im-weinviertel-bus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3825","title":{"rendered":"Zwei Fremde im Bus: Von Aleppo nach Laaanderthaya"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3825&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3825&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Am 27. August 2015 stieg der Mann in den wei\u00dfen Bus mit drei gr\u00fcnen Rebst\u00f6cken an der Seite, bezahlte beim Fahrer 15 Euro: \u201eLaa- an- der-Thaya, please\u201c, ging die Reihen entlang und w\u00e4hlte einen der hinteren Pl\u00e4tze. Den kleinen Koffer legte er ins Gep\u00e4ckfach, auf den leeren Sitz neben sich stellte er die Papiertasche mit den goldenen B\u00f6gen einer gro\u00dfen Kette. Hinter ihm lagen viele gro\u00dfe und kleine St\u00e4dte, und seine Reise aus dem Osten in den Norden dauerte nun schon mehr als zwei Jahre. Er war an vielen Orten gestrandet, l\u00e4nger oder k\u00fcrzer. Von Aleppo weg ein Jahr in Beirut und Istanbul, dann eine griechische Insel, in Athen ein ganzes Jahr Tellerw\u00e4scher bei Nikolas, dem Tavernenwirt, der wollte wirklich helfen, obwohl es ihm selbst gar nicht gut ging. Sp\u00e4ter kurz Skopje, Belgrad und Budapest, die ganze schreckliche Balkanroute samt ungarischem M\u00f6rderdraht, schlie\u00dflich Hauptbahnhof Wien. Die Hauptstadt von Austria ist etwas gr\u00f6\u00dfer als Aleppo einmal war. Vienna war ihm in der alten Heimat schon ein Begriff gewesen, weil er etwas von Sigmund Freud gelesen hatte. Laaanderthaya kannte er nat\u00fcrlich nicht, und er wiederholte dieses schwierige Wort immer wieder \u2013 sollte das vielleicht einmal seine neue Heimat werden?<br \/>\nEr versuchte, Assoziationen zu seiner Muttersprache zu finden: La-andertaya. Er drehte das Wort um: Al-redna Ayat, das klang ja fast Arabisch, freute sich der Mann und l\u00e4chelte auf den Notizzettel im Scho\u00df hinunter: Wien-Hauptbahnhof \u2013 U1 bis Stephansplatz- U3 \u2013 Landstra\u00dfe-Waldviertel-Bus Laa-an-der-Thaya \u2013 Kirche-Pfarrhof-Seniorenheim-Caritas. Hau-ptb-ahnhof, das ging gar nicht \u2013 ptb, das war unm\u00f6glich auszusprechen, genauso wie das -ldv- und das -pf-, f\u00fcr ihn waren das keine erkennbaren Laute, und seine Sprechwerkzeuge str\u00e4ubten sich dagegen wie gegen eine tote Maus. Am Hauptbahnhof hatte eine junge Frau mit Kopftuch, eine \u201ehelping hand\u201c \u2013 so stand es in mehreren Sprachen auf dem Klebeschild ihrer gr\u00fcnen Weste \u2013 schon ein bisschen mit ihm ge\u00fcbt. Die offizielle Zuweisung der Caritas an das \u201eSeniorenheim\u201c trug er tief in der linken Innentasche des neuen Sakkos, dort, wo er auch das Foto seiner Frau und der zwei T\u00f6chter aufbewahrte. Kein aktuelles Foto, weil seine \u00e4ltere Tochter schon fr\u00fcher aus Aleppo weggegangen war.<\/p>\n<p>Der Syrer, ein Mann von etwa f\u00fcnfzig Jahren, mittelgro\u00df und hager, mit Hornbrille, blauen Augen und Halbglatze, ist auf seinen vielen Stationen seit Aleppo ein geduldiger Reisender geworden. Es war \u00fcberhaupt seine erste Reise au\u00dferhalb Syriens, sogar in der Hauptstadt Damaskus ist er nur einmal gewesen. Und auch diese Reise h\u00e4tte er nicht angetreten, wenn ihn der Krieg nicht dazu gezwungen h\u00e4tte. Davor war es ihm und seiner Familie gut gegangen in Aleppo, seiner Frau Rikhiel und den beiden T\u00f6chtern Daliah und Myrnah. Schwei\u00df trat auf seine Stirn, als ihn die Erinnerungen ohne Schutz \u00fcberfielen.<br \/>\nEr st\u00f6hnte lautlos, senkte den Kopf tief \u00fcber die Knie und rieb sich die Schl\u00e4fen, um die Bilder zu vertreiben. Es war nicht hei\u00df im Bus, aber er zog das Jackett aus und h\u00e4ngte es \u00fcber die R\u00fcckenlehne. Die schwarze Hose war ihm viel zu weit und zu lang, er zupfte immer wieder vorsorglich die scharfe B\u00fcgelfalte hoch, wenn er seine Beinstellung \u00e4nderte. Es war ein feiner, glatter, angenehm k\u00fchler Stoff. Mit einem wei\u00dfen, zusammengefalteten Stofftaschentuch wischte er \u00fcber die Oberschenkel, als ob er unsichtbare Tabakkr\u00fcmel, Asche oder Staub beseitigen wollte. Er nestelte mit leichten Gesten an der Hemdbrust und klopfte mit so beweglichen Fingern auf den Knien herum, als h\u00e4tte er sein Leben am Klavier verbracht. Aber er war kein Pianist, sondern nur Masseur, ein Handaufleger und Wunderheiler. In Aleppo hatte er einen guten Ruf genossen, er galt als ein Meister, als K\u00fcnstler, manche sagten sogar Magier, seine Praxis war \u00fcberlaufen, sogar Ausl\u00e4nder kamen zu ihm und die Herren und Damen des innersten Machtzirkels der Stadt durfte er von ihren Leiden erl\u00f6sen.<br \/>\nEr sa\u00df allein in seiner Reihe mit den blau-rot-gemusterten Sitzen, mit einer Fu\u00dfst\u00fctze, einem aufklappbaren Tischchen und einem Netz an der R\u00fcckseite des vorderen Sitzes, ein Luxus, wie er ihn noch in keinem Bus erlebt hatte. Die ehemaligen Aschenbecher in den Sessellehnen waren verklebt. Aha, es hatte auch hier andere Zeiten f\u00fcr Raucher gegeben. Aus den Lautsprechern drang leise Musik, vielleicht klang so Wiener Walzer. Ihm gefiel es, und es \u00fcberkam ihn kurz ein behagliches Gef\u00fchl. So ging also Reisen, so sollte es immer sein.<\/p>\n<p>Die Kleidersachen hatte er heute am Morgen am Hauptbahnhof bekommen. \u201eTrain of Hope\u201c (ToH) nannten die Leute ihre Hilfsaktion. Er kam so fr\u00fch aus der Caritas-Notunterkunft zum ToH, dass die Schlange vor dem Zelt mit M\u00e4nnerbekleidung noch relativ kurz war. Er staunte, so vieles war da, h\u00e4ufte sich in St\u00f6\u00dfen und Schachteln und quoll aus den Regalen, von allem genug und in gro\u00dfer Auswahl, vor allem jugendliche Sportbekleidung, Anoraks, Schuhzeug, W\u00e4sche, M\u00fctzen, Rucks\u00e4cke und Taschen aller Art. Als Erstes hatte er seinen Plastiksack von Billa-Budapest gegen einen kleinen, aber seri\u00f6sen Koffer eingetauscht.<br \/>\nEs entsprach ihm, David Al-Bahri, dem Juden aus Aleppo, dass er sich f\u00fcr diesen altmodischen Anzug entschied, dazu ein blass-blaugestreiftes Hemd und eine orientalisch gemusterte Seidenkrawatte. Wahrscheinlich war sie an allem Schuld, erinnerte sie ihn doch an Ornamente der Umayyaden-Moschee, oder waren es die Stoffe im Basar oder ein Mosaikfries der fr\u00fchbyzantinischen Helena-Kathedrale von Aleppo? In seinem Leben hatte er so etwas noch nicht getragen, aber ihm kamen diese fremden Kleidungsst\u00fccke auf geheimnisvolle Weise vertraut vor. Irgendwann, irgendwo wollte er jemanden fragen, was die in die Kr\u00e4gen und Stulpen eingen\u00e4hten B\u00e4ndchen \u201eKNIZE\u201c bedeuteten.<br \/>\nDem Anzug entsprechendes Schuhzeug hatte er im Gedr\u00e4nge nicht finden k\u00f6nnen. Deswegen trug er jetzt schwarz-wei\u00dfe, etwas zu gro\u00dfe Sportschuhe an den F\u00fc\u00dfen mit dem eigenartig arabisch klingenden Namen Adi-das. Er genierte sich, wenn er an seinen Beinen hinuntersah, wie sich die weiten Hosenr\u00f6hren in mehreren Lagen \u00fcber den Turnschuhen w\u00f6lbten. Er war in l\u00f6chrigen Stra\u00dfenschuhen und mit abgelaufenen Badeschlapfen in Wien angekommen, l\u00e4cherlich, wof\u00fcr sollte er sich noch sch\u00e4men.<\/p>\n<p>Im sp\u00e4rlich besetzten Weinviertel-Bus merkt niemand, wie er zu k\u00e4mpfen hat, dass er nicht rauchen darf, wie ihm der Schwei\u00df auf dem Gesicht steht und \u00fcber Hals und Nacken l\u00e4uft. Er \u00f6ffnet das Hemd und wischt mit dem Taschentuch \u00fcber die Brust, nimmt die Seidenkrawatte ab, kaut an einem Z\u00fcndholz und schiebt es mit der Zunge st\u00e4ndig von einem Mundwinkel in den anderen. F\u00fcr einen starken Raucher wie ihn war das Rauchverbot eine Qual, noch eine zu den vielen der Flucht. Aber David Al-Bahri ist ein geduldiger Fahrgast. Und ein aufmerksamer. Als sie aus der Stadt heraus waren, stiegen immer wieder Menschen vorne ein und hinten aus, sehr diszipliniert, langsam und immer in Reih und Glied, fast alle Passagiere waren \u00e4lter als er, alt oder sehr alt, aber rosig und gut gelaunt.<br \/>\nWo war die Jugend dieses Landes, wunderte er sich. Zwei Frauen in der Reihe vor ihm hatten bunte Taschen mit Eink\u00e4ufen bei sich, redeten laut, lachten und schwatzten wie Junge, offenbar miteinander vertraut, obwohl sie an verschiedenen Stationen eingestiegen waren. Alle sprachen den Fahrer an, als w\u00e4re er ein Familienmitglied. Am rechten Vordersitz unterhielt sich ein schwerh\u00f6riger Mann lautstark und gestenreich mit sich selbst und legte immer wieder die linke Hand ans Ohr, als wollte er sich selbst zuh\u00f6ren.<br \/>\nAn einem Halt \u2013 er konnte die Ortstafel nicht so schnell entziffern \u2013 beobachtete er eine Szene: Der Fahrer bekam ein zwitscherndes Lautsignal, \u00e4hnlich einem Vogelruf, da stieg er aus, kam zur Mittelt\u00fcr und klappte eine Plattform so exakt aus dem Boden des Busses, dass eine einzige Rollstuhlfahrerin, grotesk deformiert an Gesicht und K\u00f6rper, fast ebenerdig hereinrollen konnte; sie war in Begleitung einer jungen Frau, die den Rollstuhl an dem vorgesehenen Platz in einer leeren Ecke mit einem Riemen befestigte. Gab es irgendetwas, was sie nicht vorhersahen? So viel Aufwand f\u00fcr eine einzige Invalide. Nach nur zwei Stationen stiegen sie genauso wieder aus.<br \/>\nAn einem anderen Ort \u2013 Ober- oder Unter-Hollabrunn? \u2013 schwang sich ein lauter Schwarm von bunten Teenagern in den Bus, Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen mit Rucks\u00e4cken. Sie besetzten die hinterste Sitzreihe und w\u00e4lzten sich so hungrig und durstig \u00fcber ihre elektronischen Ger\u00e4te, als seien sie gerade mit dem letzten Wasserschluck der W\u00fcste entkommen. In einem gr\u00f6\u00dferen Ort mit zwei Kircht\u00fcrmen stiegen sie genauso l\u00e4rmend wieder aus.<\/p>\n<p>Ein junger Mann, wahrscheinlich noch keine 25, mit einem nagelneuen Seesack \u00fcber der Schulter stieg zu. Der schaute sich suchend um, ging in den hinteren Teil des Busses und setzte sich genau hinter David. Die l\u00e4chelnden Augen in dem jungenhaften, rotbackigen Gesicht gr\u00fc\u00dften ihn beim Vorbeigehen stumm, und David nickte zur\u00fcck. Als sich der junge Mann auf seinem Platz eingerichtet hatte, griff David neben sich und wandte sich mit dem ge\u00f6ffneten Sack nach hinten. \u201ePlease, take some.\u201c Der junge Mann err\u00f6tete tief und sagte: \u201eDanke, thank you, very nice, sehr freundlich. My name is August.\u201c \u201eDavid, very pleased.\u201c<\/p>\n<p>Der Junge sch\u00e4mte sich ein bisschen daf\u00fcr, dass er nichts anzubieten hatte, und wurde noch r\u00f6ter. Aber er fuhr ja nur 85 Kilometer bis nach Hause.<br \/>\nAm Bahnhof hatten David ein paar freundliche Jugendliche zwei gigantische, in Stanniol verpackte Veggy-Burger, zwei Apfeltaschen, zwei Bananen und zwei Wasserflaschen \u201eV\u00f6slauer mild\u201c \u00fcberreicht. Sie trugen den Proviant in gro\u00dfen Plastikboxen durch die Menge und l\u00e4chelten jeden an. Bitte, please, bitte please und das noch in Arabisch und rund zwanzig \u00f6stlichen Sprachen, die an den Plastik-Aufklebern ihrer Westen angeschrieben waren. David kam aus dem Staunen nicht heraus. Wer waren diese Jugendlichen, warum waren sie nicht in der Schule oder in der Arbeit? Was war das hier \u00fcberhaupt, wohin war er geraten?<\/p>\n<p>Bahnhofshallen und ein Vorplatz, Fahnen mit OeBB, auf einem Container eine Regenbogenfahne, \u00fcber anderen Containern wehte eine mit dem Roten Kreuz und \u201eArbeitersamariterbund\u201c, ein schon etwas vergilbtes Transparent mit der Aufschrift \u201eRefugees WELCOME\u201c, daneben ein gro\u00dfes, wei\u00dfes Zelt mit aufgedruckten \u00c4skulapnattern, \u201eFirst Aid\u201c und vielen in Arabisch geschriebenen Zetteln mit hingekritzelten Notizen und Telefonnummern, davor einfache Holzb\u00e4nke, alle vollbesetzt mit Wartenden. Die meisten hatten offenbar Fu\u00dfprobleme, sah er mit einem schnellen Blick.<br \/>\nDavid war gut davongekommen, er musste damals, vor einem Jahr, nur auf seiner ersten griechischen Insel drei\u00dfig Kilometer gehen, um in die Hauptstadt Mytilini zu kommen und auf eine F\u00e4hre nach Athen gebracht zu werden. Aber er war ja schon vor einem Jahr aus Aleppo aufgebrochen und hatte in Athen bei Nikolas gearbeitet, gehofft, dass er seine Familie zumindest bis Athen nachholen k\u00f6nnte. Die Neuank\u00f6mmlinge dieses Sommers haben es viel schwerer als er.<\/p>\n<p>Auf allen seinen Stationen hatte er so etwas noch nicht erlebt. An einem Stand in dieser Bahnhofshalle hing ein Plakat mit der Aufschrift LAWYER, umringt von Zetteln in arabischen und einem Dutzend anderer asiatischer Schriftzeichen. SIKH HELP AUSTRIA, die langb\u00e4rtigen, turbanbekr\u00f6nten M\u00e4nner in Gelb fielen ihm auf. Sie verteilten Reis und Linsensuppe aus Hundertlitert\u00f6pfen an der Essensausgabe. Andere hatten Aufkleber auf ihren roten Helferjacken, \u201eLegal advice\u201c las er. Dieser Kiosk war noch dichter belagert als die Tische bei der Essensausgabe und jene mit Hygiene-Artikeln. David bekam Rasierzeug, Zahnpaste und B\u00fcrste, alles fabriksneu verpackt, ein ebensolches Paket mit T-Shirts und Socken.<br \/>\nAm lautesten und engsten war es bei der Handy-Ladestation in einer Ecke beim Eingang. Jeder wollte nur seine Verbindungen herstellen, dorthin, wohin sie wollten und woher sie kamen. David hatte kein Handy und kein iPhone. Als er am Stand der LAWYERS an die Reihe kam, stellte sich heraus, dass er eine Erstzuweisung entweder nach Traiskirchen oder nach Laa an der Thaya bekommen k\u00f6nnte; er entschied sich f\u00fcr das unaussprechliche Laaanderthaya. Im Treck von Athen nach Wien hatte er aufgeschnappt, dass in Austria Traiskirchen zu vermeiden sei, es sei ein Lager, ein Camp. Camp klang nicht gut in Davids Ohren. Dort sei es nicht gut, und von dort komme man schwer wieder weg, lautete das Ger\u00fccht. Hinter dem Tisch der lawyers sa\u00df eine \u00e4ltere Frau, zu der er sagte: \u201ePlease, Laanderthaya, please.\u201c<br \/>\nSie gratulierte ihm mit einer vorgestreckten Hand, die er nicht annehmen konnte, aber sie lachte und \u00fcberreichte ihm ein dickes, abgenutztes rotes Buch in der Gr\u00f6\u00dfe eines Ziegels, das Cassels-W\u00f6rterbuch Classical Oxford Dictionary, Deutsch-Englisch\/Englisch-Deutsch. \u201eIt could be useful to you, maybe.\u201c Und l\u00e4chelte. David nahm den Schatz an sich, er war gl\u00fccklich, wollte er doch so schnell und so gut wie m\u00f6glich die Landessprache erlernen, damit er sich selbst erhalten und seine Familie nachholen konnte. Die \u00f6sterreichischen lawyers erkl\u00e4rten ihm, wie das ging, der Arabisch-Dolmetsch, ein junger Syrer, der neben Deutsch auch noch Englisch, Kurdisch und T\u00fcrkisch sprach, \u00fcbersetzte so, dass er meinte, alles verstanden zu haben.<br \/>\nEr w\u00fcrde in einem \u201eSeniorenheim\u201c der Caritas ein Zimmer bekommen, als Pfleger und vielleicht sp\u00e4ter in seinem Beruf arbeiten d\u00fcrfen, aber au\u00dfer einem kleinen Taschengeld noch nichts verdienen, solange er keinen positiven Asylbescheid hatte. Dass das schnell ging, diesbez\u00fcglich hatten sie ihm keine gro\u00dfen Hoffnungen gemacht. Warten, Monate, vielleicht Jahre, aber f\u00fcr einen Juden aus Syrien wahrscheinlich mit positivem Ausgang \u2013 \u201eeine gute Bleibeperspektive\u201c hatte er. Was sie ihm in der K\u00fcrze nicht vollst\u00e4ndig erkl\u00e4ren konnten, war der Begriff \u201eSeniorenresidenz, Altenheim\u201c.<br \/>\nBei ihm zu Hause blieben die Alten in der Familie, wurden von allen gemeinsam gepflegt bis zum Ende. Niemand wurde in ein Heim oder eine Residenz gebracht. Wohin sollte er also kommen, was sollte er dort machen, und was war eine \u201eCaritas\u201c? Oh Gott, wie viel hatte er noch zu lernen. Aber David dachte an seine Wunderheilerh\u00e4nde, breitete sie vor sich im Scho\u00df aus und schaute zuversichtlich auf sie herab. Hatte er seine Gabe mitnehmen k\u00f6nnen in die unbekannte Zukunft?<\/p>\n<p>Der junge Mann griff in den angebotenen Sack mit dem goldenen M und nahm sich von allem die H\u00e4lfte, nur die Banane lie\u00df er liegen. Er strahlte ihn mit einem Dankedanke, thank you! an. So a\u00dfen und tranken sie schweigend, bis der Junge seine Finger an den Jeans abwischte, und der Fremde Hosenbeine, Lippen und Fingerspitzen mit dem Taschentuch abtupfte. David schaute aus dem Fenster und h\u00e4tte gerne gewusst, was das f\u00fcr Pflanzen waren, lange Reihen von blattreichen, niedrigen B\u00fcschen mit wei\u00dfen und rosa-bl\u00e4ulichen Bl\u00fcten. Schnell bl\u00e4tterte er im W\u00f6rterbuch und deutete mit dem Kinn auf die Felder hinaus: \u201eWhat is that?\u201c Der junge Mann strengte seine Augen an und verstand nicht. Was wollte der Mann, da war nichts, Felder eben. \u201eTobacco?\u201c, versuchte es David, der leidenschaftliche Raucher. Jetzt fiel der Groschen, und der junge Mann lachte herzlich: \u201eNein, nein, Tabak w\u00e4chst hier nicht, nicht bei uns! Das sind Erd\u00e4pfel, potatoes, patates, pommes.\u201c<br \/>\nDer junge Mann konnte ein wenig Englisch und einige Bruchst\u00fccke von anderen Sprachen. Er hatte Kellner gelernt und war mehrere Jahre auf einem deutschen Frachtschiff als K\u00fcchengehilfe zur See gefahren. Seine Kollegen waren meist Asiaten, und ihre gemeinsame Sprache war das Kitchen-English. Jetzt kehrte er nach Hause zur\u00fcck, in seine Heimat Gnadendorf bei Laa an der Thaya, zu seiner schwangeren Schwester, und der Schwager konnte vielleicht Hilfe auf dem kleinen Hof gebrauchen.<\/p>\n<p>Es war auch sein Heimatort gewesen, so lange die Eltern gelebt hatten. Sch\u00f6n ist es dort, ruhig und viel Gr\u00fcn, es gab viele potatoes dort und trees, B\u00e4ume, viel Wald. Er w\u00fcrde sich im Dorf ein h\u00fcbsches, t\u00fcchtiges M\u00e4dchen suchen, heiraten, eine Familie gr\u00fcnden und ein Haus bauen. Oder doch in umgekehrter Reihenfolge? Da musste David so herzlich lachen, dass sich sein Gesicht v\u00f6llig ver\u00e4nderte. Der Junge lachte mit, obwohl der Spa\u00df auf seine Kosten ging. Dann spitzte er die Lippen, als ob er pfeifen wollte, schnalzte mit der Zunge und schmatzte mit den Lippen.<br \/>\nSie verstanden einander und lachten gemeinsam mit zur\u00fcckgeworfenen K\u00f6pfen. Dann beugte er sich zwischen den Sitzen wieder zu dem Mann vor und machte noch einen Versuch, diesmal mit tiefer, verstellter Stimme, um h\u00f6flich zu wirken: \u201eSie sind Ausl\u00e4nder \u2013 Araber, Muslim?\u201c David zuckte zusammen. Ja und nein, wie sollte er es diesem jungen Mann aus der Provinz erkl\u00e4ren \u2013 ein syrischer Jude aus Aleppo, das war schon in Syrien schwer zu verstehen. Und was und wer war er \u00fcberhaupt, seit er ohne seine Familie auf der Flucht war? Ein Syrer, aber kein Araber, seit zwei Jahren auf einer Odyssee und nun auf dem Weg zu einem Caritas-Heim Sancta Monica in Laa an der Thaya, Weinviertel, Nieder\u00f6sterreich. Sicher kein Araber, aber was f\u00fcr ein Jude war er, der noch nie in einer Synagoge gewesen war und dessen Vorfahren aus Marrakesch stammten?<br \/>\nDer junge Mann seufzte, gab aber noch nicht auf, sondern versuchte eine doch ziemlich peinliche Frage zu formulieren: \u201eWo sind Sie daheim?\u201c Auch diese Frage war schwer zu beantworten. David stach mit dem Zeigefinger auf seine Brust und sagte: \u201cI am from Syria, I am jewish, I am a masseur, now in Laa- an- der-Thaya\u201c &#8211; das ging ihm schon ganz gut von den Lippen. Es entstand eine l\u00e4ngere Pause, und beide M\u00e4nner wandten ihre Blicke aus dem Fenster auf die vor\u00fcberziehende Landschaft, auf saubere D\u00f6rfer, Kircht\u00fcrme, H\u00fcgel, W\u00e4lder und gr\u00fcne Wiesen, soweit das Auge reichte, und die wei\u00df-rosa-lila bl\u00fchenden Stauden. Es gab auch noch andere Felder, Getreide und Pflanzen mit runden Kapselk\u00f6pfen, die kannte er aus seiner Heimat, aber er wunderte sich, dass Mohn hier abwechselnd mit potatoes wuchs.<\/p>\n<p>Er wird diesem freundlichen, neugierigen Provinzjungen jetzt noch nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, was es bedeutete, kein gew\u00f6hnlicher Reisender zu sein so wie er, auf einem Handelsschiff in der Ostsee oder wie jetzt auf dem Weg zur Schwester in Gnadendorf.<br \/>\nEr war ein Fl\u00fcchtling auf Reisen. Dass seine Reise nicht nach Stunden gemessen wurde, sondern nach Jahren, nicht nach Hunderten von Kilometern, sondern nach Tausenden. Die Reise des Fl\u00fcchtlings glich eher einem Geisteszustand als einem Reisestadium, das sich mit Landkarten und Fahrpl\u00e4nen errechnen l\u00e4sst. Laa an der Thaya-Caritas. Und wieder seine Marotte, die Worte umzudrehen, Satirac, um vielleicht eine Sprachverwandtschaft zu finden. \u201eDo you have family? Where are they?\u201c Der Junge steckte wieder den Kopf zwischen die Sitze nach vorne. David atmete tief durch, als m\u00fcsste er einen Anlauf nehmen, setzte seine Hornbrille ab und wischte mit dem Taschentuch daran herum.<br \/>\nEr nickte: \u201eYes, over there, back in Turkey\u201c, und holte das Foto aus der Tasche. Der Junge fand seine Frau und die T\u00f6chter nice, very nice. David betrachtete lange das Bild und steckte es wieder zur\u00fcck. Das h\u00e4tte er nicht tun sollen, sein Herz schien doppelt so schnell zu schlagen und wollte das Jackett sprengen, so sehr regte es ihn auf, direkt in ihre Gesichter zu sehen. Als sei sie ein Rettungsring, hielt er sich mit beiden H\u00e4nden an der Wasserflasche fest, dass die Sehnen an den H\u00e4nden hervortraten. Mehrmals schlug er die Beine in den schwarzen Knize-Hosen \u00fcbereinander, zupfte die B\u00fcgelfalte sorgf\u00e4ltig zurecht und betrachtete seine l\u00e4cherlichen schwarz-wei\u00dfen Sportschuhe.<\/p>\n<p>Seine Frau Rikhiel und die kleine Daliah w\u00fcrden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter nachkommen, dar\u00fcber sorgte er sich weniger. Aber seine Gro\u00dfe, die jetzt zwanzigj\u00e4hrige Myrnah, war schon vor drei Jahren weggegangen, sie wollte nach Israel und Schauspielerin werden. Ich bin J\u00fcdin, hatte sie selbstbewusst gesagt, sie m\u00fcssen mich reinlassen. Ja, h\u00fcbsch und klug war Myrnah auch noch, aber von allem zu viel, f\u00fcr diese Zeiten. Diese alten, d\u00fcsteren Sorgen. Zuletzt hatte er von ihr in einem abgebrochenen Telefonat aus Kairo geh\u00f6rt. Sp\u00e4ter viele Anrufversuche mit Krachen und Rauschen, ohne dass eine Verbindung zustande kam. Er wollte glauben, dass diese schon aus Israel kamen. Wann und wo w\u00fcrden sie noch einmal zu viert zusammenkommen? Er w\u00fcrde mit Rikhiel und Daliah seinen Weg machen, ob in Laa an der Thaya oder anderswo, wenn ihn seine Zauberh\u00e4nde nicht im Stich lie\u00dfen, wenn sie auch hier ihre Kraft entfalten w\u00fcrden, so wie in seinem fr\u00fcheren Leben.<br \/>\nDer Junge hinter ihm schien zufrieden zu sein, er hatte sich in seinem Sitz zur\u00fcckgelehnt und die Augen geschlossen. Wenn der Bus r\u00fcttelte oder in eine Kurve ging, fiel ihm der Kopf auf die Brust. Sie hatten zusammen gegessen, getrunken, geredet und gelacht. David breitete das Taschentuch zwischen die Kopfst\u00fctze und das Fenster und sp\u00fcrte, wie sich zum ersten Mal seine Beine entspannten und unter dem Vordersitz ausstreckten. Als der Bus an der Endstation hielt, legte er dem schlafenden Jungen die Hand auf die Schulter, und sie stiegen gemeinsam aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><br \/>\nErstver\u00f6ffentlichung im <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000025677169\/Zwei-Fremde-im-Bus-Von-Aleppo-nach-Laaanderthaya\" target=\"_blank\">Standard<\/a> im November 2015<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 15156<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 27. August 2015 stieg der Mann in den wei\u00dfen Bus mit drei gr\u00fcnen Rebst\u00f6cken an der Seite, bezahlte beim Fahrer 15 Euro: \u201eLaa- an- der-Thaya, please\u201c, ging die Reihen entlang und w\u00e4hlte einen der hinteren Pl\u00e4tze. 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