{"id":3754,"date":"2015-11-25T16:06:26","date_gmt":"2015-11-25T16:06:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3754"},"modified":"2015-12-28T16:30:46","modified_gmt":"2015-12-28T16:30:46","slug":"ein-kind-unserer-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3754","title":{"rendered":"Ein Kind unserer Zeit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3754&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3754&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Dieses Leben bietet, abgesehen von \u00dcberraschungen, offenbar zur Gen\u00fcge Wiederholungen dessen, was man schon einmal erlebt oder vielleicht <em>gelebt<\/em> hat. Vielleicht auch blo\u00df in Variationen, aber immerhin. Das macht mich oft so m\u00fcde, weil ich ohnehin schon genau wei\u00df, wie\u2019s ausgeht und wonach es <em>schmeckt<\/em>. Derartig vergleichbare Begebenheiten haben mir so manches Mal die ohnehin seltene Freude am Neuen bereits im Voraus genommen. Gibt\u00b4s was Neues?, frage ich manchmal trotzig und f\u00fcge gleich dran, hoffentlich nicht, denn das Neue ist nicht immer gut. Dann lache ich. Aber mein Lachen ist gar keins. Bedauerlich f\u00fcr mich, nur f\u00fcr einen kurzen Augenblick ein so genanntes Kind unserer Zeit gewesen zu sein, denke ich. Vielleicht aus Langeweile an der Oberfl\u00e4chlichkeit ihrer Tendenzen? Ich hab mich recht fr\u00fch von <em>allem<\/em> verabschiedet, was man eben so tut, und bin dadurch stets isoliert geblieben, wenn nicht sogar einsamer geworden als andere. Ich blieb an einer Vergangenheit h\u00e4ngen, die nicht die meine war, die ich mir jedoch zunutze gemacht habe. Oft \u00fcberlege ich, wie weit ich mich zur Wahrnehmung \u00fcber die Zeichen der Zeit hinauslehnen soll? Mehr als \u00fcber mein eigenes Befinden, frage ich mich? Mehr als \u00fcber meine kleine Welt, \u00fcber den Bereich meines eigenen Tellerrandes hinaus? Weiter zu denken als \u00fcber das, was in meiner unmittelbaren N\u00e4he passiert oder passiert sein soll? Wozu?, denke ich dann.<\/p>\n<p>Und wieder einmal beginne ich an der Sinnhaftigkeit dieses Lebens zu zweifeln, weil es ja doch enden wollend ist. Man will mir einreden, sch\u00e4tzen zu lernen, was alles in meinem bisherigen Leben von mir <em>erschaffen<\/em> worden ist, wie das schon klingt, und dass alles, wor\u00fcber ich spreche, auch tats\u00e4chlich von mir so gewollt ist. Ich selbst bin mir da gar nicht so sicher, dass es so ist.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich auch durchaus nicht als Herr des Universums, wie es die Esoteriker gerne unterst\u00fctzen m\u00f6chten, und mein Geist ist mir nicht immer dienlich, wie die das gerne sehen w\u00fcrden, im Gegenteil, manchmal ist er mir eine unglaubliche Last. Diese Leute haben da ein sinniges Rezept parat:<\/p>\n<p>Du richtest einen Befehl an das Universum und l\u00e4sst es wissen, was du willst. So einfach ist das. Das Problem bei mir dabei ist blo\u00df, was will ich eigentlich? In Ruhe gelassen werden, da bin ich mir sicher. Na bitte! Sei nicht immer so negativ, sagt eine meiner inneren Stimmen, wohl die, die es immer so gut mit mir meint. Also gut, ich will es versuchen. Angenommen, das Universum spricht auf meinen Wunsch an, auf meine Gedanken eben, die ich an es richte. Besser, ich schreibe sie gleich auf, damit ich nicht vergesse, was ich mir gew\u00fcnscht habe. Nur &#8211; wie soll das Gesetz der Anziehung wissen, was ich will, wenn ich mir selber nicht im Klaren dar\u00fcber bin, was ich eigentlich begehre? Das hat was. Also gut, ich bitte um etwas. Ich bitte darum, dass ich so leben kann, dass sich meine Existenz\u00e4ngste auf ein Minimum reduzieren, und dass mir nie die Ideen ausgehen m\u00f6gen, ohne die ich sonst v\u00f6llig hilflos in dieser Welt herumh\u00e4nge. Ich stelle mir daher das Universum als \u00fcberdimensionalen Versandhauskatalog vor und suche mir darin etwas aus, oder? Ich m\u00f6chte also, dass ich keine Angst mehr haben und mir von niemandem was gefallen lassen muss! Eine einmalige Bitte soll angeblich gen\u00fcgen. Hier also ist meine Bestellung. &#8211; Ich warte! &#8211; Ich warte noch immer! Da f\u00e4llt mir ein, mein Konto ist \u00fcberzogen und ich kriege Panik, denn es ist erst der Vierte des Monats.<\/p>\n<p>Panik bedeutet Angst. Also was ist? Nichts tut sich. Alles wie immer. Vielleicht war mein Wunsch nicht exakt genug? Wovor soll ich mich nicht mehr f\u00fcrchten? Ich bem\u00fche mich um eine Formulierung. Sagen wir, vor diesen XXL-Typen etwa, die andern immer so locker sagen k\u00f6nnen, was Sache ist. Zu denen geh\u00f6re ich nicht. Das muss man m\u00f6gen. Oder, ein anderer Wunsch: Sch\u00fctze mich vor der Machtgier unbefriedigter Mitmenschen. Oder davor, dass mit einem Male alles aus sein k\u00f6nnte. Vor Abh\u00e4ngigkeiten. Genau! Abh\u00e4ngigsein ist ein schwerer Fehler. Zu viel?<\/p>\n<p>Ach, wenn ich so zur\u00fcckblicke! Warum ausgerechnet mir nicht der gerade Weg beschieden war, den ich lieber beschritten h\u00e4tte, ohne die zahllosen Kaskaden meines angeblichen Begabtentums n\u00fctzen zu m\u00fcssen, Sturzspr\u00fcnge der Verlegenheit, wie ich sie zu nennen pflege, um mich den eigentlichen Pflichten zu entziehen, die f\u00fcr eine \u201eordentliche\u201c Karriere unentbehrlich gewesen w\u00e4ren. Ich habe mich hinter diesen <em>improvisatorischen<\/em> <em>Wasserf\u00e4llen <\/em>zu verstecken begonnen. Sie waren mir stets Schutzwall gegen die \u00f6ffentliche Meinung des Nicht-eingeordnet-werden-K\u00f6nnens, eine meiner ausgepr\u00e4gtesten, ureigensten Haupt- und Staatsphobien. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, mit mir abzurechnen. Schon sehe ich meine Seele auf dem selbsterrichteten Operationstisch. Der \u201enatus sum\u201c war sich selbst nicht gut genug, stelle ich fest. Man muss aus sich etwas machen, hat der Herr Papa immer wieder gepredigt. Muss man das, frage ich mich? Der homo faber in mir sollte dem homo sapiens weichen. Aber \u2013 h\u00e4tte ich Bauer werden sollen? Transitiv ein Feld bereiten? Urspr\u00fcnglich auf Haus und Kammer beschr\u00e4nkt, mein nat\u00fcrliches Umfeld gesucht zu haben? Etwas hervorgebracht zu haben, aus Feld und Flur, und daran gewachsen zu sein, auch wenn es mich nicht unsterblich gemacht und niemandem etwas gebracht h\u00e4tte au\u00dfer mir selber, als Matrix meiner genuinen Beschaffenheit vielleicht? Ich lasse Mut und H\u00e4nde sinken, die ich, das Universum beschw\u00f6rend, bis jetzt emporgehalten hatte, ohne zu bemerken, dass sie mich bereits schmerzten.<\/p>\n<p>Da ist jetzt diese Therapie! Mit Akribie hat man in diesen letzten Wochen mein Inneres seziert, bearbeitet, gestreckt, gedehnt, teilweise massiert, dann aber auch wiederum geschunden. Es einzurichten versucht wie ein verrenktes Glied. Und es sind Wunden aufgeplatzt dabei, bereits vernarbte. Fast w\u00e4re ich innerlich verblutet.<\/p>\n<p>Und jetzt? Was ist jetzt? Jetzt g\u00e4hnen mich die offenen Stellen h\u00e4misch an, von denen ich meine, dass sie ein jeder sehen kann. So nackt und blo\u00df, wie sie daliegen! Aber &#8211; es gibt einen leisen Unterschied zum Zustand davor &#8211; es macht mir nichts mehr aus, ob man hineinsehen kann, in die Aufgebrochenheiten! Ich denke, es hat sich in mir eine gewisse Stabilit\u00e4t etabliert, wie man es nennen k\u00f6nnte. Tats\u00e4chlich! Ich erkenne es daran, dass ich denjenigen, die mich durch ihre bewusstlosen Bosheiten <em>verhindert<\/em> haben, nicht mehr ihre Unf\u00e4higkeit vorwerfe, mich in meiner Individualit\u00e4t zu wenig wahrgenommen zu haben, sondern deren Methoden anzuzweifeln beginne, die \u00fcberdies ausschlie\u00dflich und allein auf die exakte Dokumentation meines Versagens ausgerichtet gewesen zu sein schienen.<\/p>\n<p>Ich habe mir vorgenommen, die Dinge, die ich wirklich will, als meine <em>eigenen<\/em> anzusehen. Eigentlich l\u00e4cherlich! Wer ist schon ganz unbeeinflusst von allem, was da t\u00e4glich auf einen einwirkt? Auch egal. Vielleicht mehr Gleichg\u00fcltigkeit an den Tag legen, sage ich zu mir. Ich rede mir ein, alles zu besitzen, was ich ben\u00f6tige, um einigerma\u00dfen gl\u00fccklich zu sein. Dabei sehe ich in den Spiegel, um festzustellen, ob ich mich selbst bel\u00fcge. Rot bin ich dabei nicht geworden. Was w\u00e4re noch w\u00fcnschenswert? W\u00fcnschenswert w\u00e4re, wenn mir jemand meine Sorgen und \u00c4ngste abn\u00e4hme.<\/p>\n<p>Eigentlich ist alles nicht so schlimm wie ich es noch vor Wochen gesehen habe. Schlie\u00dflich hat mir diese Zeit den Blick auf das Dahinter ge\u00f6ffnet, ein wenig \u2013 doch, ja. Zweifel? Hm, nun, wenn es ganz schlimm war, konnte ich dieses Seelenfenster eine Zeit lang wieder schlie\u00dfen, bevor ich daran v\u00f6llig zerbrochen w\u00e4re, um es beim n\u00e4chsten Mal, vorsichtiger als zuvor, aus purer Neugier wieder einen Spalt zu \u00f6ffnen. Das mit dem Dahinter ist eine ambivalente Sache. Das Seelenskalpell hat manchmal tief angesetzt, zu tief gar, ein <em>andermal<\/em> hat es mich nur geritzt. Trotzdem ist Blut geflossen!<\/p>\n<p>Neulich habe ich getr\u00e4umt, unsere dicke alte Volksschullehrerin mit den Nilpferdbeinen h\u00e4tte im Burgtheater Regie gef\u00fchrt. Sie wollte mir mit Erste-Fibel-Wissen weismachen, wie Goethes Faust zu inszenieren sei. Es hat mich rasend gemacht, dass ausgerechnet sie \u2013 nicht, dass ich so wahnsinnig auf Goethe stehe, trotzdem \u2013 ich habe ihr entgegengeschleudert, dass sich die ber\u00fchmten psychologischen Elemente, die sie andauernd darin sehen wollte, in die sich das Genie aufl\u00f6sen l\u00e4sst, ebenso in jedem Stra\u00dfenfeger oder Monteur finden lie\u00dfen, wenn man nur suchte. Was f\u00fcr ein Traum! Wow! Das habe ich mit \u201emein Geist ist mir nicht immer dienlich\u201c gemeint. Hat man denn keine Ruhe, nicht einmal im Schlaf? Aber &#8211; es ist mir leider in diesem Traum verwehrt geblieben, ihr Dienstgesicht nach meiner frechen Antwort genauer sehen zu k\u00f6nnen. Vielleicht war das nicht so wichtig. Und doch &#8211; es war sowas wie ein Sieg! Dieser Traum hat mich den Glauben an mich selbst wieder erleben lassen, wenn auch nur f\u00fcr einen kurzen Moment lang, aber &#8211; immerhin.<\/p>\n<p>Und? Danach? Nun, mein Vorhaben, es mir im wirklichen Leben gleichzutun wie in jenem Traum, gewinnt zunehmend an Gestalt.<\/p>\n<p>Heute denke ich, ich bin ein Kind unserer Zeit. Was denn sonst? Dieser Satz geht mir nicht aus dem Kopf. Torberg, Sch\u00fcler Gerber. Ein Gedicht. Ich wei\u00df den Wortlaut nicht mehr. Ich bin in die Vergangenheit abger\u00fcckt, eben wegen der allzu oberfl\u00e4chlichen Tendenzen dieser Zeit und habe mich zu sehr mit jenen der Vorfahren identifiziert. Und das Ergebnis? Mein ganzes Hoffen ist in der Erstellung dieser Familienchronik gelegen, meine Gef\u00fchle an das Gewesene noch zu vertiefen. Es ist mir bis jetzt nicht gelungen. Stattdessen muss ich mich mit einer Gegenwart herumschlagen, die ich nicht akzeptieren kann und will! Schlimm!<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick durchforste ich meine <em>Gedanken-Partitur <\/em>der letzten Wochen in der Hoffnung, dass ich beim Durchlesen des bisher Geschriebenen Dinge herausfinde, die ich heute vielleicht schon wieder anders sehe.<\/p>\n<p>Eins habe ich dabei entdeckt, die Unzufriedenheit mit meiner alten Welt ist einer Gleichg\u00fcltigkeit gewichen, die mich die Dinge, die angeblich die Welt bedeuten und so wichtig sein sollen, in etwas ged\u00e4mpfterem Licht erscheinen lassen. Mir ist, als h\u00f6rte ich auch schlechter als zuvor. Nicht mehr alles, oder zumindest nur das, was ich an mich heranlassen m\u00f6chte. Auch komme ich nicht mehr im Sitzen au\u00dfer Atem und auch der Wunsch, aus meinem K\u00f6rper zu verreisen, ist nicht mehr so stark wie fr\u00fcher. Ein Liebling der G\u00f6tter bin ich offensichtlich trotz alldem noch immer nicht geworden. Verflucht, entweder ist man einer oder nicht, denke ich, man kann keiner werden!<\/p>\n<p>Und immer \u00f6fter schon ertappe ich mich in letzter Zeit dabei, dass etwas in mir, dem Stummen, zu singen beginnt und ich vor mich hin summe, so ganz unbewusst, leise zwar, und doch deutlich h\u00f6rbar.<\/p>\n<p>Es hat einmal eine Zeit gegeben, da dachte ich, ich w\u00e4re unsterblich. Diese Ansicht habe ich immer noch nicht v\u00f6llig aus meinem Kopf verbannt. Dabei bemerke ich, wie sparsam ich mit meinen Ressourcen umgehe, wie vorsichtig ich mich ern\u00e4hre, wie behutsam ich etwas vom Boden aufhebe, um mich nicht zu verletzen, wie neidisch ich mein Sperma bewache oder mit Akribie auf meine Ruhezeiten achte. Jetzt, da ich zur\u00fcckblicke, sehe ich einiges, was mich bisher kaum gest\u00f6rt hat, ja, mir nicht einmal aufgefallen ist. Muster sind es, die ich mir angew\u00f6hnt habe. Alte Muster, die kaum aufzubrechen sind, und immer wieder tappe ich hinein. Die Eile, Dinge zu erledigen zum Beispiel. Als ob es nicht auch langsamer ginge! Mag sein, dass darin die Ursachen daf\u00fcr liegen, dass mir alles aus den H\u00e4nden f\u00e4llt. Ich packe zu wenig fest zu. Alles, was mit mir passiert ist, ist nur meiner Vorsicht, sich zu vergeuden, sich zu verschwenden, anzulasten. Und dann &#8211; ach!, denke ich, es wird langsam Zeit, in die w\u00e4rmende M\u00e4rzsonne hinauszugehen.<\/p>\n<p>Das tue ich dann auch. Mein Weg f\u00fchrt wie immer durch den Volksgarten, \u00fcber den Heldenplatz in den Burggarten. Das Palmenhaus ist vor elf Uhr geschlossen. Ein Drang, der mich pl\u00f6tzlich nicht mehr losl\u00e4sst und dem es gilt nachzugeben, f\u00fchrt mich auf die Toilette des Augustinerkellers, gleich neben der Albertina. Im Vorraum sitzen vier Fiaker-Kutscher bei der Jause. Drau\u00dfen warten ihre Pferde geduldig. Als ich die T\u00fcr zum Pissoir \u00f6ffne, meinte ich, der Koch hinter der Glast\u00fcr h\u00e4tte gerufen: \u201eDo is scho wieda ana. Sperrt\u2018s zua!\u201c Ich k\u00f6nnte mich auch get\u00e4uscht haben und lasse mich von meinem Vorhaben nicht abbringen. Doch w\u00e4hrend ich pinkle, h\u00f6re ich pl\u00f6tzlich, dass jemand die T\u00fcr hinter mir zusperrt. Ich lasse mich in meiner Verrichtung nicht beirren, obwohl mich das flaue Gef\u00fchl meiner vagen Wahrnehmung von vorhin nicht in Ruhe l\u00e4sst.<br \/>\nEiliger als sonst schlie\u00dfe ich den Rei\u00dfverschluss, wasche meine H\u00e4nde und will auch schon die T\u00fcr nach drau\u00dfen aufsto\u00dfen. Geht nicht! Tats\u00e4chlich! Sie ist verschlossen. Mir wird hei\u00df. Ich \u00fcberlege fieberhaft, was zu tun sei. Die Polizei rufen? Einen Skandal daraus machen? Ich bemerke, wie sich meine Brust verengt, mein Herz rast. Ich versuche, durchzuatmen. Geht nicht. Panik! Dabei schien mir die Sonne grad vorhin noch so wunderbar ins Gesicht. Die ersten warmen Strahlen. Und jetzt? Gefangen! Ich trommle wie verr\u00fcckt an die T\u00fcr. Herz klopft wild. Niemand reagiert. Ich trommle weiter, bis mir die Kn\u00f6chel zu schmerzen beginnen. Nichts. Das Handy, denke ich und nehme es aus meiner rechten Manteltasche. Nein, es ist zu fr\u00fch f\u00fcr einen Notruf. Vielleicht h\u00f6rt mich doch noch jemand? Ich schlage verzweifelt an die T\u00fcr. Da, endlich! Eine weibliche K\u00fcchenhilfe, nehm ich vorerst an, r\u00fcttelt an der T\u00fcr und schreit: \u201eKomm eh glei. Wart a bissl!\u201c<br \/>\nNichts tut sich. Ich setzte mein Trommelfeuer fort. Dann z\u00fccke ich die Brieftasche und entnehme ihr eine Visitenkarte, auf der ich mir den Namen desjenigen aufschreiben werde, der mich, obwohl einige Angestellte mitangesehen hatten, dass ich noch im Pissoir war, hier eingesperrt hat. Der Schl\u00fcssel wird umgedreht. Ich st\u00fcrze hinaus. \u201eWer war das?\u201c, br\u00fclle ich wie ein Rasender. \u201eIch bin oft genug Gast hier gewesen. Wer von euch hat hier zugesperrt? Das ist Freiheitsberaubung! Sie alle haben es genau gesehen. Ich werde Anzeige erstatten!\u201c Ein bosnisch aussehender K\u00fcchengehilfe weicht vor mir zur\u00fcck, sagt kein Wort. Ich st\u00fcrze hinein in die Stube. Drinnen, ein schlitz\u00e4ugiger junger Mann, sieht mich verschlagen an. Durchtriebenes Pack, durchzuckt es mich! \u201eWo ist der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer?\u201c Keine Antwort. \u201eWie hei\u00dft der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer?\u201c Die beiden wenden sich stumm von mir ab. Na gut, ich mache kehrt, gehe zum Ausgang. Mein Herz schl\u00e4gt wie verr\u00fcckt. Die Fiaker schauen mir bl\u00f6de nach und grinsen. Ich hasse dieses beschissene Wien, denke ich. Irgendwann ziehe ich von hier weg. \u201eHier bin ich l\u00e4ngste Zeit Gast gewesen!\u201c, br\u00fclle ich. Das tut gut.<\/p>\n<p>Aber, kurze Zeit danach, ich bin erstaunt, wie rasch sich mein Herz beruhigt hat. Beinahe so, als ob nichts passiert w\u00e4re, schlendere ich am Palais Epstein vorbei. Aus den Stallungen wird ein Lipizzaner in den gegen\u00fcberliegenden Hof gef\u00fchrt. \u00dcberall riecht es nach Pferdemist. Sollte ich jetzt einen Kaffee trinken gehen? Ich wei\u00df nicht so recht. Ein wenig schwach sind meine Knie noch, ziemlich wackelig eigentlich.<\/p>\n<p>Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt, ob nicht einfach mehr dabei sein sollte, bei <em>allem<\/em>, auch wenn ich nicht genau wei\u00df, wobei. Also studiere ich das aktuelle Theaterprogramm und entscheide, in die Nachmittagsvorstellung \u00d6d\u00f6n von Horv\u00e1ths \u201eDer j\u00fcngste Tag\u201c zu gehen. Seit dem grandiosen Umbau des Josefst\u00e4dter-Theaters war ich ohnehin noch nicht dort. Mein Sitzplatz ist im Orchester rechts \/ Reihe 4 \/ Platz 6. Ich bin mit meinen vierundf\u00fcnfzig offensichtlich der J\u00fcngste im Publikum bei dieser <em>dramatischen Angelegenheit.<\/em> Die sogenannte dramatische Handlung, soll Horv\u00e1th gesagt haben, sei eine rein sekund\u00e4re Angelegenheit und w\u00e4re blo\u00df der Rahmen. Sch\u00f6ner Rahmen! Hinter mir ignorieren zwei uralte Abonnentinnen die angespannte Stille des Einganges zum ersten Akt und m\u00fcssen ihre Eindr\u00fccke der ersten Szene unbedingt h\u00f6rbar kommentieren. Auf der B\u00fchne wird das Kommen eines Zuges erwartet.<br \/>\nDas dauert, wie im richtigen Leben. Schlie\u00dflich &#8211; \u201eKommt kein Zug?\u201c, fragt die erste ungeduldig. \u201eEs kommt einer\u201c, fl\u00fcstern sie dann unisono. Der Bahnhofsvorstand geht nach vorn an den B\u00fchnenrand und stellt die Weichen. Ein Signal am oberen B\u00fchnenrand wird auf Rot gestellt. \u201eDas hab ich schon erlebt\u201c, sagt die andere laut hinter mir, \u201eals Kinder haben wir immer gewunken, wei\u00dft noch?\u201c \u201eSchau, die hat ja ein Nachthemd an\u201c, lispelt die erste f\u00fcr alle h\u00f6rbar, als eine Schauspielerin die B\u00fchne betritt. Mein Gott! Ich rutsche unruhig auf dem neuen Sessel hin und her, der mehr als bisher Platz f\u00fcr die Knie zum vorderen Sitz l\u00e4sst. Erst als auf der B\u00fchne gesprochen wird, halten die zwei aufgetakelten Hofratswitwen endlich ihren Mund. Ich selbst w\u00fcrde nie wagen, w\u00e4hrend der Vorstellung laut zu sprechen, weil ich zu viel Anstand habe, und auch Angst, von jemandem zurechtgewiesen zu werden. Ich bin eben ein Man-tut-das-nicht.<br \/>\nDann werde ich endlich Teil des St\u00fcckes und gehe aufmerksam mit, wie auf der B\u00fchne <em>Bewusstsein<\/em> und <em>Unterbewusstsein<\/em> eindrucksvoll miteinander <em>k\u00e4mpfen<\/em>. Eine Trag\u00f6die muss ich mir anschauen, ich Idiot! Als ob es mir nicht selber schlecht genug geht! Meine St\u00fccke sind Trag\u00f6dien, hat er gesagt, der Horv\u00e1th, und komisch werden sie nur, weil sie unheimlich sind. Also, ich finde gar nichts Komisches dran, sondern alles wirklich unheimlich, auch die Sitznachbarn. Trotzdem halte ich durch, weil die Schauspieler so fantastisch sind. Zum Gl\u00fcck bin ich keiner geworden. Schauspieler, mein ich. Wenn ich denke, wie einen die Leut\u00b4 andauernd anstarren, nein, das w\u00e4re nichts f\u00fcr mich! S\u00e4mtliche Zust\u00e4nde befallen mich, wenn ich mir das vorstelle und ich beginne schon in Gedanken m\u00fchsam auswendig gelernte S\u00e4tze zu stottern, die Stimme bleibt mir weg, und ich schwitze wie ein Pferd, das einen schweren Wagen zieht. Die beiden Urahnen hinter mir lachen an Stellen, wo es \u00fcberhaupt nichts zu lachen gibt. Gott, ist das peinlich! Und irgendwann ist das St\u00fcck ja schlie\u00dflich aus. Am Ende des letzten Aktes applaudiere ich wie alle begeistert und erlaube mir freudig und wichtig festzustellen, oh, jetzt war ich also doch wo dabei. Endlich! Also scheint noch nicht alles verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<br \/>\nRomanauszug aus \u201eDer Chronist\u201c \u2013 in Entstehung<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 15157<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Leben bietet, abgesehen von \u00dcberraschungen, offenbar zur Gen\u00fcge Wiederholungen dessen, was man schon einmal erlebt oder vielleicht gelebt hat. Vielleicht auch blo\u00df in Variationen, aber immerhin. Das macht mich oft so m\u00fcde, weil ich ohnehin schon genau wei\u00df, wie\u2019s ausgeht und wonach es schmeckt. 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