{"id":3731,"date":"2015-11-22T17:14:12","date_gmt":"2015-11-22T17:14:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3731"},"modified":"2016-01-12T08:49:34","modified_gmt":"2016-01-12T08:49:34","slug":"big-girls-cry","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3731","title":{"rendered":"Big Girls Cry"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3731&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3731&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>(inspired by Sia\u2019s Song)<\/em><\/p>\n<p>\u201eWas hei\u00dft, die Verkaufszahlen stagnieren? Das Memo aus der Vertriebsabteilung weist ein Plus von 2,1% aus! Nennst du das Stagnation? Soll ich dir das Wort erkl\u00e4ren?\u201c, Susan telefonierte mit ihrem Vorgesetzten, w\u00e4hrend sie die Treppen zu ihrem Appartement hochging. Ihre Stimme war schrill.<br \/>\nEs war bereits nach neun Uhr abends. Ein anstrengender 12-Stunden-Arbeitstag lag hinter ihr. Unterwegs hatte sie noch Brot, Milch und Katzenfutter besorgt. Ihr Kopf dr\u00f6hnte. Das Geplapper ihres Chefs war da nicht hilfreich.<br \/>\n\u201eIch kann mir dir reden, wie ich will, Charlie! Durch wen hast du denn diesen Schei\u00df-Posten \u00fcberhaupt bekommen? Denk mal nach! Und jetzt lies dir das Memo nochmal richtig durch und qu\u00e4l mich morgen wieder! Adios!\u201c Sie beendete das Telefonat und suchte in ihrer Handtasche nach dem Wohnungsschl\u00fcssel.<\/p>\n<p>Um den Tag perfekt zu machen, riss die Einkaufst\u00fcte, und die Lebensmittel fielen auf den Boden. Die Milchpackung platzte auf und \u00fcbergoss das Brot. Ihre Business-Hose und ihre Schuhe waren mit Milch vollgespritzt. \u201eVerdammte Schei\u00dfe!\u201c, schrie Susan genervt und trat mit voller Wucht gegen ihre T\u00fcr.<br \/>\nJoe, ihr Nachbar, \u00f6ffnete vorsichtig seine T\u00fcr und beobachtete die Szene. Susan stand mit h\u00e4ngenden Schultern und gesenktem Kopf vor ihrer T\u00fcr und atmete tief ein und aus. Er sah das Chaos vor ihrer T\u00fcr und griff nach dem M\u00fcllsack, den er gerade raus zur Tonne bringen wollte.<br \/>\n\u201eSch\u00e4tzchen, beruhig dich. Aufregen hat doch keinen Sinn. Ich mach das hier sauber. Geh rein und lass dir ein Bad ein oder mach dir einen Drink. Ich glaube, du hast sowas notwendig\u201c, sagte Joe mit seiner tiefen, sonoren Stimme. Er war bereits im Rentenalter und eine gute Seele.<\/p>\n<p>Susan drehte sich um und musste l\u00e4cheln. Sie freute sich immer, wenn sie ihn sah. Er strahlte so viel Ruhe und Gelassenheit aus, dass sie sich oft w\u00fcnschte, sie k\u00f6nnte sich ein paar Scheibchen davon abschneiden. Um ihre Probleme besser handeln zu k\u00f6nnen.<br \/>\n\u201eHallo Joe. Das ist echt nicht notwendig\u201c, begann Susan, aber Joe stoppte sie mit einer abwehrenden Handbewegung. \u201eNichts da, Kleines. Sieh zu, dass du reinkommst und abschalten kannst. Keine Widerrede!\u201c Seine autorit\u00e4re Tonlage duldete keinen Widerspruch. Susan strich ihm kurz dankend \u00fcber die Schulter und hob anschlie\u00dfend ihre Tasche und das Katzenfutter vom Boden auf.<br \/>\nJoe hatte unterdessen das Brot und die Milchpackung aufgelesen und in seinen M\u00fcllsack katapultiert. Dann schob er Susan sanft aber bestimmt Richtung T\u00fcr. \u201eJetzt mach schon. Sch\u00f6nen Abend, Susan\u201c, meinte er freundlich und nickte ihr zu.<\/p>\n<p>Sie \u00f6ffnete die Wohnungst\u00fcr. \u201eIch danke dir, Joe. Ich w\u00fcnsch dir auch einen sch\u00f6nen Abend!\u201c, sagte sie leise und schloss die T\u00fcr hinter sich. In der Wohnung war es f\u00fcr einen Moment still. Im n\u00e4chsten Augenblick wurde das Vorzimmer von einem lauten Schnurren beherrscht. Maggie, ihre Katze, hatte sich vom Wohnzimmer aus aufgemacht, um Susan wie jeden Abend freundlich zu begr\u00fc\u00dfen. Oder sie hatte einfach nur Hunger. Wahrscheinlich Letzteres.<br \/>\n\u201eDein Futter hat es bis hierher \u00fcberlebt, S\u00fc\u00dfe. Im Gegensatz zu meinem\u201c, sagte sie und hob Maggie hoch, um sie zu streicheln. Das Ritual war Pflicht. Maggie war eine Schmusekatze. Nach so einem Tag wie heute war ihr Schnurren wie Balsam.<br \/>\nSusan gab ihr einen Kuss auf den Kopf und lie\u00df Maggie wieder auf den Boden h\u00fcpfen. Sie schmiss ihre Handtasche in eine Ecke des Vorzimmers, die Schuhe flogen in hohem Bogen nach, als sie sie auszog. Anschlie\u00dfend folgte sie ihrer Katze in die K\u00fcche, die dort bereits sehns\u00fcchtig vor ihrem Futternapf wartete. Susan versorgte ihre kleine Mitbewohnerin, wie es sich f\u00fcr Katzenpersonal geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Danach wanderte sie ins Badezimmer. Vor dem Badezimmerspiegel musterte sie sich aufmerksam. Sie war Anfang 30, durchschnittlich h\u00fcbsch. Wusste, wie sie ihre Vorz\u00fcge betonen konnte, ohne niveaulos zu wirken.<br \/>\nSie tat es nicht gerne. Ihre Vorz\u00fcge betonen. Aber das mittlere Management ihrer Firma bestand aus neun M\u00e4nnern und einer Frau &#8211; das war sie. Man lie\u00df ihr oft keine Wahl &#8211; in einer von M\u00e4nnern dominierten Welt mussten Frauen ihre eigenen Waffen benutzen.<br \/>\nSusan blickte sich selbst in die Augen. Ihr Blick war m\u00fcde, leer, ausgebrannt. Im Job war sie t\u00e4glich gefordert, war tough, musste wichtige Entscheidungen treffen. Sie dachte auch zu Hause \u00fcber dienstliche Angelegenheiten nach. Entscheidungen, die zu treffen waren, To-dos f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage.<br \/>\nDass sie abends auf der Couch E-Mails beantwortete oder Termine verschickte, war in den vergangenen Wochen t\u00e4gliche Routine geworden. Abschalten war ein Fremdwort. Das funktionierte maximal am Wochenende.<br \/>\nSie war zwar seit jeher karrierebewusst gewesen, hatte aber fr\u00fcher immer auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance geachtet. Um mehr Zeit f\u00fcr ihre Beziehung mit Robert zu haben, mehr Zeit f\u00fcr ihre Familie, Freunde, f\u00fcr sich selbst.<br \/>\nAber Robert war weg. Hatte nach f\u00fcnf Jahren Schluss gemacht. Und die meisten ihrer Freunde mitgenommen. Es gab kaum noch jemanden, der sich bei ihr meldete. Sie hatten sich alle f\u00fcr seine \u201eSeite\u201c entschieden. Ihre Familie sah sie nun meistens an den Wochenenden. Und f\u00fcr sich selbst? Brauchte sie keine Zeit. So dachte sie zumindest.<\/p>\n<p>Susan schl\u00fcpfte in eine schlabbrige Jogginghose und ihr Schlafshirt, erl\u00f6ste ihre Haare aus dem franz\u00f6sisch geflochtenen Zopf und b\u00fcrstete sie durch. Danach ging sie zur\u00fcck in die K\u00fcche.<br \/>\nSie fand im K\u00fchlschrank noch ein paar Himbeeren und ein Jogurt. Beides sch\u00fcttete sie in eine Sch\u00fcssel, wusch einen bereits benutzten L\u00f6ffel schnell ab und ging mit diesem Abendessen ins Wohnzimmer, um sich auf die Couch zu setzen. Sie schaltete den Fernseher an und stellte den Ton aus, danach platzierte sie den Laptop auf ihrem Scho\u00df.<br \/>\nW\u00e4hrend der Laptop startete, a\u00df sie ihr Himbeerjogurt und starrte durch den Fernseher hindurch. Es war ein einsames Leben, in dem sie momentan festsa\u00df. Ihr Job war ihr neuer Liebhaber geworden. Obwohl sie nie so werden wollte. Aber etwas anderes war da nicht, in ihrem Leben.<br \/>\nSie vermisste ihn. Er wollte sich selbst finden, hatte er damals gesagt. Sich klar werden, was er von der Welt und sich selbst erwartete. Dazu musste er allein sein. Und hatte damit Susan automatisch dazu verdonnert, ebenfalls allein zu sein.<br \/>\nSusan hatte sich die Trennung nicht gro\u00dfartig anmerken lassen. Im B\u00fcro wussten es nicht viele. Pers\u00f6nliche Dinge erz\u00e4hlte sie nur einer Handvoll Kollegen, mit denen sie sich wirklich gut verstand.<\/p>\n<p>Sie blinzelte und sah sich die Bilder bewusst an, die \u00fcber den Fernsehschirm flimmerten. Nachrichten. Das \u00fcbliche. Arbeitslosigkeit, Bildungsproblem, Vorwahlen. Das Wetter. Das Brummen ihres Smartphones lie\u00df sie aufzucken. Das LED-Licht blinkte. Eine neue Nachricht.<br \/>\nEs war sechs Wochen her, dass er sie verlassen hatte. Und trotzdem lie\u00df jedes Kommunikationsmedium ihr Herz schneller schlagen. Ein kleiner Teil von ihr hoffte nach wie vor, dass Robert wieder Kontakt aufnahm. Dass er reum\u00fctig zur\u00fcckkehren w\u00fcrde. Dass er erkannt hatte, was f\u00fcr ein Idiot er gewesen war, die Beziehung zu beenden.<br \/>\nSusan stellte die mittlerweile leere Sch\u00fcssel auf den Couchtisch und r\u00e4usperte sich, w\u00e4hrend sie das Smartphone in die Hand nahm. Sie hielt die Luft an, als sie das Display aktivierte. Neue SMS von Charles Berry. Charlie. Ihr Chef. \u201eDu hattest Recht. Sorry. CU\u201c<br \/>\nGenervt schmiss sie das Smartphone in die andere Ecke der Couch und widmete sich ihrem Laptop. Vollidiot. Und so etwas war ihr Vorgesetzter. Ihr Herzschlag normalisierte sich wieder. Sie \u00f6ffnete das Mailprogramm. Zw\u00f6lf ungelesene Nachrichten in der letzten Stunde. Susan starrte auf die Tastatur.<br \/>\nEin Klo\u00df bildete sich in ihrem Hals. Was machte sie hier eigentlich? Wer dankte es ihr, dass sie hier sa\u00df und weiterarbeitete? In ihrer Freizeit? Bezahlt bekam sie die Stunden, die sie allein hier auf ihrer Couch verbrachte, nat\u00fcrlich nicht. Obwohl ihr das Geld eigentlich egal war.<\/p>\n<p>Sie brauchte Ablenkung. Damit ihre Gedanken nicht 24 Stunden lang um Robert kreisten. Susan sp\u00fcrte, wie ihre Augen glasig wurden. Sie versuchte, ihre Augen aufzurei\u00dfen und die Tr\u00e4nen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, aber es gelang ihr nicht.<br \/>\nAlso war es heute wieder so weit. Sie sackte in sich zusammen und schloss die Augen. Den Laptop zog sie blindlings von ihren Beinen und legte ihn neben sich auf die Couch. Sie lie\u00df ihren Tr\u00e4nen freien Lauf. Leise schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in einem der Zierkissen.<br \/>\nMindestens drei oder vier Abende in der Woche gewannen die Emotionen Oberhand. Susan lie\u00df es zu. Sie war allein, nur ihre Katze beobachtete sie dabei, wie sie in Tr\u00e4nen aufgel\u00f6st auf der Couch oder im Bett lag und vor sich hin schluchzte. Es tat gut, diese Gef\u00fchle rauszulassen. Zumindest f\u00fcr den Moment.<\/p>\n<p>Es h\u00e4tte alles so toll laufen k\u00f6nnen. Sie war im Job erfolgreich, angesehen, und hatte eine funktionierende Beziehung. Dachte sie zumindest &#8211; bis vor sechs Wochen. Seit dem Tag, als Robert seine Sachen gepackt und ausgezogen war, stand sie neben sich.<br \/>\nIhr ganzer Lebensrhythmus war durcheinandergeraten, und sie hatte nicht das Gef\u00fchl, dass sie sich jemals wieder fangen w\u00fcrde. Es war verr\u00fcckt, wie ein einzelner Mensch so viel Einfluss haben konnte &#8211; obwohl er gar nicht mehr hier war.<br \/>\nVor ihren geschlossenen Augen tanzten Sterne, so fest dr\u00fcckte sie das Kissen gegen ihr Gesicht. Die Kopfschmerzen wurden immer st\u00e4rker. Aber die Tr\u00e4nen, die Ersch\u00f6pfung, die Wut, die Ratlosigkeit&#8230; das alles musste raus.<br \/>\nWar es ein Zusammenbruch? Vielleicht. Ein kleiner. Irgendwann mussten diese Gef\u00fchle ja raus. Susan sprach kaum \u00fcber ihren Gem\u00fctszustand. Es ging auch keinen etwas an. Der eine oder andere, der sie besser kannte, vermutete, dass es ihr nicht gut ging. Aber es sprach sie keiner darauf an. Wie gesagt. Es ging niemanden etwas an.<\/p>\n<p>Susan hob langsam ihren Kopf und \u00f6ffnete die Augen. Sie sah auf das Zierkissen, das Spuren von ihrer Mascara und dem Tages-Make-up abbekommen hatte. War auch nicht das erste Mal. Sie zupfte ein Taschentuch aus dem Beh\u00e4lter, der auf der Couchlehne stand.<br \/>\nW\u00e4hrend sie sich die Nase putzte, stupste Maggie sie vorsichtig am Ellbogen an und schnurrte. Sie war satt, hatte ihre Katzenhygiene abgeschlossen und wollte nun weiter ihre Streicheleinheiten. Vielleicht merkte sie aber auch, dass Susan Ablenkung brauchte und gab nicht auf, bis Susan sie auf ihren Scho\u00df stellte und anfing, mit beiden H\u00e4nden zu kraulen.<br \/>\nSie musste l\u00e4cheln. Maggie war sehr anh\u00e4nglich. Manchmal fast schon zu anh\u00e4nglich. Aber an Tagen wie diesen war es genau das, was sie brauchte. Nicht auszuhalten, wenn sie die letzten Wochen heimgekommen w\u00e4re und es w\u00e4re nicht mal ihre Katze dagewesen. Dann h\u00e4tte sie wahrscheinlich seit Ewigkeiten die Wohnung nicht verlassen oder angefangen, im B\u00fcro zu schlafen.<br \/>\nDiese Gedankenr\u00e4der. Es war immer wieder ein Hin und Her. Trauer \u00fcber die verlorene Zeit. Optimismus, einen neuen Mann zu finden, der sich selbst gefunden hatte und wusste, was er wollte. Sehnsucht nach Robert, seiner Stimme, seinen Z\u00e4rtlichkeiten. Der Vorsatz, eine Zeit lang alleine bleiben zu wollen, eine egoistische Phase zu haben. Die Erkenntnis, dass sie sich trotz allem in den letzten Tagen \u00f6fter dabei ertappt hatte, auch anderen M\u00e4nnern nachzublicken.<\/p>\n<p>Susan lag seitlich auf der Couch, vor ihr schmiegte sich Maggie an ihre Brust und schnurrte entspannt. Sie streichelte die d\u00f6sende Katze z\u00e4rtlich und beobachtete, wie sie langsam einschlief. Das Schnurren wurde leiser, und h\u00f6rte schlie\u00dflich ganz auf. Sie schlief. Im Gegensatz zu Susan. Ihre Augen, ihr K\u00f6rper, waren m\u00fcde &#8211; aber ihr Geist arbeitete fast durchgehend und lie\u00df einen erholsamen Schlaf nicht zu.<br \/>\nIhr Blick schweifte wieder Richtung Fernseher. Bedingt durch die Tr\u00e4nen, die immer noch flossen, nahm sie nur verschwommen wahr, welche Sendung lief. Irgendeine Sitcom, wahrscheinlich die hundertste Wiederholung einer alten Staffel. Susan seufzte und griff nach der Fernbedienung, um den Fernseher wieder abzuschalten.<br \/>\nVorsichtig setzte sie sich auf, um ihre Katze beim Schlafen nicht zu st\u00f6ren. Maggie riskierte ein kurzes Blinzeln und breitete sich dann auf der Couch aus, um weiterzuschlafen. Susan stand auf und brachte das Geschirr in die K\u00fcche. Anschlie\u00dfend ging sie nochmal ins Badezimmer.<br \/>\nWieder stand sie vor dem Spiegel und betrachtete sich. Ihre Augen waren rot, ihr Gesicht geschwollen und das Make-Up verschmiert. Da stand sie. Allein. Traurig. Zornig. Entt\u00e4uscht. Hilflos. Sie drehte das kalte Wasser auf und wusch sich die H\u00e4nde. Anschlie\u00dfend beugte sie sich hinunter und fing an, sich das Gesicht zu waschen.<br \/>\nDas kalte Wasser tat ihren erhitzten Augen und Wangen gut. Sie sch\u00f6pfte das k\u00fchle Nass und tauchte ihr Gesicht ein. Ein Blick in den Spiegel lie\u00df sie erkennen, dass ihr das Wasser guttat. Die Schwellungen fingen an, sich zur\u00fcckzuziehen. Automatisiert erledigte Susan ihre Abendhygiene mit Reinigungswasser und Nachtcreme, putzte sich wie von fremder Hand gesteuert die Z\u00e4hne.<\/p>\n<p>Der Weg ins Schlafzimmer war nicht weit. Susan trottete zu ihrem Bett und lie\u00df sich darauf fallen. Zudecken musste sie sich nicht, ihr war nicht kalt. Sie starrte an die Decke. Keine Gedanken. Alles mit dem Make-up und der Zahnpasta in den Abfluss gesp\u00fclt.<br \/>\nDas Fenster war gekippt, von drau\u00dfen h\u00f6rte sie den Stra\u00dfenmusiker, den sie vorhin an der Ecke ihres Appartementhauses hatte stehen sehen. Er hatte eine angenehme Stimme, und sang von Liebe und Schmerz. Wie passend.<br \/>\nSusan schloss die Augen. Auf Basis der Melodie des Stra\u00dfenmusikers zuckten Bilder vor ihrem inneren Auge. Erinnerungen. Sch\u00f6ne. Aber auch b\u00f6se. Sie atmete ruhig ein und aus. Irgendwann \u00fcberfiel sie der Schlaf, und sie tr\u00e4umte. Von einem entspannten Urlaub am Strand. Auf einem Sonnen-Liegeplatz f\u00fcr zwei. Sie kuschelte sich an ihn. Die Sonne schien, sie roch sein Aftershave, es ging ihr gut.<br \/>\nSie fuhr mit dem Finger \u00fcber seinen Bauch und zog kleine Kreise. Er strich z\u00e4rtlich mit seinen Fingern \u00fcber ihren R\u00fccken. Sie schien gl\u00fccklich. Gerade als sie den Kopf hob und ihm ins Gesicht sehen wollte, gab es einen lauten Krach. Sie wachte auf. F\u00fcr einen Moment sah sie sich irritiert um. Es war Nacht. Es war k\u00fchl. Sie lag in ihrem Bett. Allein.<\/p>\n<p>Susan h\u00f6rte ein leises Schleckger\u00e4usch. Anscheinend hatte Maggie die Jogurtsch\u00fcssel in der K\u00fcche entdeckt und hatte sie vom Tisch runtergeschoben. Der Krach, als die Sch\u00fcssel am Fliesenboden aufgeschlagen war, hatte sie wohl geweckt.<br \/>\nSie seufzte leise und sah auf den Radiowecker. Kurz nach drei Uhr morgens. Sie hatte zur Abwechslung wirklich ein paar Stunden am St\u00fcck schlafen k\u00f6nnen. Ihre H\u00e4nde tasteten im Dunkeln ihr Gesicht ab. Die Schwellungen waren zur\u00fcckgegangen, auch ihre Kopfschmerzen waren verschwunden.<br \/>\nUmst\u00e4ndlich zerrte sie ihre Decke unter sich hervor und kuschelte sich darin ein. Danach schloss sie wieder die Augen. Vielleicht konnte sie noch einmal weiterschlafen. Ihr Innenleben hatte sich beruhigt. Sie hatte wieder einen klareren Kopf als noch vor ein paar Stunden. Das war doch ein gutes Zeichen.<br \/>\nWar sie erfolgreich? Ja. War sie gl\u00fccklich? Nein. W\u00fcrde sie wieder gl\u00fccklich sein? Ja. Irgendwann. Sicher. Das Leben ging weiter. Ein schwaches L\u00e4cheln schlich sich in ihr Gesicht, bevor sie wieder einschlief. Sie war schlie\u00dflich ein gro\u00dfes M\u00e4dchen. Und auch gro\u00dfe M\u00e4dchen weinen. Manchmal.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Petra Hechenberger<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a>| Inventarnummer: 16005<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(inspired by Sia\u2019s Song) \u201eWas hei\u00dft, die Verkaufszahlen stagnieren? Das Memo aus der Vertriebsabteilung weist ein Plus von 2,1% aus! Nennst du das Stagnation? 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