{"id":3694,"date":"2015-11-19T16:02:04","date_gmt":"2015-11-19T16:02:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3694"},"modified":"2015-12-15T16:31:13","modified_gmt":"2015-12-15T16:31:13","slug":"es","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3694","title":{"rendered":"Es"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3694&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3694&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>&#8230;genauso ist mein Hiersein eigentlich v\u00f6llig unm\u00f6glich, ist es ebenfalls ein Nachleben eines nicht mehr existenten Lebensmodells. Denkt Langmut &#8211; und weiter:<br \/>\nSich hier hinzu zu stellen zu den Kulturbergen, das ist ja der Aberwitz am Wolfgangsee! &#8211;<\/p>\n<p>Die Idee mit dem gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen Namen \u201eStrobler Literaturgespr\u00e4che\u201c war ja nur m\u00f6glich, meine Idee, ein Kulturopfer zu bringen, mich diesen Testamentsj\u00e4gern auszuliefern, mich in ihr Hospiz einsperren zu lassen, um hier mit meinen f\u00fcnfundsiebzig Jahren \u201eliterarische Gespr\u00e4che\u201c zu f\u00fchren, was immer das auch sein mag, konnte ja nur entstehen und gleichzeitig scheitern, an diesen ganzen sommerfrischelnden Jahrhundertwende-Geistern: dem Altenberg, dem Alban Berg, dem Broch, dem Mann, Nietzsche und Sch\u00f6nberg! Hofmannsthal! &#8211; an diesen ganzen Denk-Alpinisten, die mir immer nur Ger\u00f6ll auf den Kopf werfen, die befinden sich ja schon alle als reisende Literaten, als Denker-Gr\u00f6\u00dfen auf dem Gipfel ihrer Anerkennung. Ich dagegen am Wolfgangseerand, wohnhaft in der B\u00fcrglburg, den B\u00fcrglberg zu F\u00fc\u00dfen, verursache mit gr\u00f6\u00dfter M\u00fche blo\u00df ein Schilfrohrrascheln im Seerandsumpf und nenne das Ganze dann \u201eStrobler Literaturgespr\u00e4che\u201c.<br \/>\nEr steht vom Bett auf, reibt sich den schmerzenden Nacken.<br \/>\nMatratze zu weich!<br \/>\nDenkt er und zieht sich an und denkt weiter:<br \/>\nDabei k\u00f6nnte es bestenfalls \u201eStrobler Gespr\u00e4che\u201c hei\u00dfen, da unter uns sich weder echte Literaten noch echte Literatur befinden, noch wurde hier eine solche Letztere je geschrieben, gelesen oder gar verstanden.<br \/>\nGenaugenommen d\u00fcrfte es nicht einmal \u201eStrobler\u201c hei\u00dfen, diese \u201eStrobler Literaturgespr\u00e4che\u201c, wie sie jetzt \u00fcberall angek\u00fcndigt werden, finden ja au\u00dferhalb Strobls statt! Aber das h\u00e4tte ich wissen m\u00fcssen! Das hat man mir wieder vorenthalten! Aus lauter dummem Eigend\u00fcnkel haben die B\u00fcrglburger sich hier gedacht: Das braucht der Langmut nicht zu wissen, das kr\u00e4nkt ihn dann nur. Wom\u00f6glich sucht er sich sogar ein anderes Heim, wenn er h\u00f6rt, dass die B\u00fcrglburg nicht in Strobl ist, dass er seine \u201eliterarischen Gespr\u00e4che\u201c nicht \u201eStrobler Literaturgespr\u00e4che\u201c nennen kann, das ersparen wir ihm.<br \/>\nDas ist sie, denkt Langmut, diese Provinzhybris mit ihrer giergetriebenen Liebensw\u00fcrdigkeit, die einem das Leben kosten kann!<br \/>\nUnd schon bei der Ankunft sah ich es ja sofort! Sofort sah ich es an der Ortstafel, dass die B\u00fcrglburg nicht zu Strobl geh\u00f6rt, dass also das Einflussgebiet meiner Literaturgespr\u00e4che schon vor der Strobler Ortstafel endet.<br \/>\nMeine Gespr\u00e4che finden jetzt also in einem Unland statt, das weder zu Strobl geh\u00f6rt, noch erhebt ein anderer Ort oder Markt Anspr\u00fcche auf die B\u00fcrglburg nebst dazugeh\u00f6rigem Grund. Wie ich erfahren musste, geh\u00f6rt die B\u00fcrglburg sich selber an, oder der Vergangenheit, oder dem Staat, was ja alles aufs selbe hinausl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Langmut legt sich angezogen wieder auf das Bett und st\u00f6\u00dft sich dabei am Holzrahmen.<br \/>\nViel zu hoch!, denkt Langmut, f\u00fcr diese r\u00fcckgratlose Matratze. R\u00fcckgratlos wie eine Sumpfwiese, wie alles hier. Wie alles und alle hier. Wie das gebaut ist! Man br\u00e4uchte diesen aufgequollenen Matratzenschwamm nur herauszunehmen und schon hat man einen fertigen Sarg!<br \/>\nLangmut klettert aus dem Bett, legt sich auf den Boden und denkt:<\/p>\n<p>Aber die Literaturgespr\u00e4che machten nur Sinn, wenn sie das literarische Erbe dieses Ortes aufgreifen und antreten k\u00f6nnten, das nun einmal mit dem Namen dieses Ortes zusammenh\u00e4ngt: Strobl, es ist und hei\u00dft immer noch Strobl! Und denkt: unweigerlich!<br \/>\nDas literarische Erbe fordert, noch einmal r\u00fccksichtslos ausgelebt zu werden, noch einmal sich tief in der Erde festzukrallen! In eine mit Namen verortete und vollkommen verrottete Erde!<br \/>\nL\u00e4cherlich, sie \u201eB\u00fcrglburger Gespr\u00e4che\u201c nennen zu wollen!<br \/>\nLangmut lacht laut auf. Und kichert weiter, ohne es zu merken und denkt:<br \/>\nWas f\u00fcr ein deplatzierter Vorschlag, meine lieben Kollegen!<br \/>\nUnd denkt, dass er das jetzt laut gerufen hat und wei\u00df nicht mehr, ob er das laut gerufen hat oder nicht und h\u00f6rt auf zu kichern. Er stellt fest, eine ganz trockene Kehle zu haben und befiehlt sich, ein Glas Wasser zu trinken. Seit Tagen trinkst du zu wenig, sagt er zu sich, sie sagen immer: \u201eSie m\u00fcssen mehr trinken Herr Langmut, Ihr K\u00f6rper braucht Fl\u00fcssigkeit, Sie sind ja schon wieder ganz dehydriert! Langmut bleibt liegen. Kann ich die Literaturgespr\u00e4che nicht Strobler nennen, ist alles sinn- und wirkungslos, denkt er.<br \/>\nKeine Verortung &#8211; keine Wirkung. So ist das!, denkt Langmut. Und setzt noch hinzu:<br \/>\nunweigerlich!<\/p>\n<p>Richtig, denkt er weiter, m\u00fcsste es einfach nur hei\u00dfen, nachdem die Strobler Literaturgespr\u00e4che weder mit Literatur noch mit Strobl etwas zu tun haben: \u201eGespr\u00e4che\u201c.<br \/>\nStellten wir uns der Wahrheit, bliebe \u00fcbrig: \u201eGespr\u00e4che\u201c.<br \/>\n\u201eVom vierten bis zehnten August zweitausendundf\u00fcnfzehn finden in der B\u00fcrglburg die \u201aGespr\u00e4che\u2019 statt.\u201c<br \/>\nBesser: \u201e&#8230;finden die \u201aB\u00fcrglburger Gespr\u00e4che\u2019 statt\u201c, denkt Langmut und kichert wieder.<br \/>\n\u201eVom vierten bis zehnten August zweitausendundf\u00fcnfzehn finden in der B\u00fcrglburg die \u201aB\u00fcrglburger Gespr\u00e4che\u2019 statt.\u201c Langmut lacht laut auf und kichert dann weiter und denkt:<br \/>\nSuchte jemand die B\u00fcrglburg, um uns beim Sprechen \u00fcber etwas anderes als Literatur zuzuh\u00f6ren, also den \u201eB\u00fcrglburger Gespr\u00e4chen\u201c beizuwohnen, m\u00fcssten wir ihm sagen, die B\u00fcrglburg befindet sich auf einem Unort und ist daher f\u00fcr Besucher der Veranstaltung unerreichbar; stellte diese Auskunft nicht zufrieden, m\u00fcssten wir ehrlicherweise sagen: Es ist hei\u00df hier, es ist sumpfig, wir sind literarische Emigranten &#8211; also suchen Sie uns am besten in Florida!<\/p>\n<p>In Florida&#8230; &#8211; wiederholt Langmut leise und bemerkt, dass er schon seit l\u00e4ngerer Zeit vor sich hin kichert. Wie ein kindischer Greis!, fl\u00fcstert er erschrocken, steht rasch auf, geht in den Speisesaal, nimmt ein Tablett und legt eine Semmel aus dem bereitgestellten Korb darauf. Zu weich, denkt er und steckt die Semmel in die Jackentasche, \u201eTrinken Sie, Herr Langmut! Sie m\u00fcssen mehr trinken!\u201c, ruft ihm eine der Schwestern zu und stellt ein Glas Wasser auf sein Tablett. Langmut setzt sich an einen Tisch mit Blick aus dem Fenster, nimmt das Glas Wasser in die Hand, sieht es unverwandt an und stellt es zur\u00fcck auf den Tisch.<br \/>\nIch bin ja ganz alleine hier!, stellt Langmut fest. Die schlafen ja alle noch! Und sieht aus dem Fenster.<br \/>\nIn Florida, denkt Langmut, sitzen wir am B\u00fcrglberghang, gut verpflegt in der sicheren B\u00fcrglburg und fallen \u00fcber den Strobler Ort her. Jeden Tag fallen wir schon am Morgen \u00fcber den Ort her. Noch mit unverdautem Kaffee im Bauch zerreden wir den Ort, zerdenken wir den Ort, versuchen wir alles zu sehen und zu denken, was dieser Ort hergibt, und wenn er nichts hergeben will, es dem Ort zu entrei\u00dfen, was nat\u00fcrlich v\u00f6llig unm\u00f6glich ist. Tats\u00e4chlich ist es so, dass dieser Ort \u00fcber uns hereinbricht, bis wir begraben und bet\u00e4ubt sind, durch nichts mehr zu erreichen. Wir glauben, wir k\u00f6nnen den Ort \u00fcberraschen, dabei werden wir vom Ort \u00fcberrascht, angefallen wie von einer hungrigen Raubkatze, bevor wir noch \u00fcberrascht sein k\u00f6nnen, liegen wir schon am Boden, in Fetzen gerissen.<br \/>\nDie Leute hier in Strobl glauben, wir fallen \u00fcber den Ort her, dabei f\u00e4llt der Ort \u00fcber uns her, erschl\u00e4gt, begr\u00e4bt und erdr\u00fcckt uns, unter seiner historischen Last.<\/p>\n<p>Wenn ich aber Schutz brauche, denkt Langmut, fl\u00fcchte ich mich hinter so eine Bleckwand, nehme ich so ein Buch und stelle eine Bleckwand hin.<br \/>\nAber immer stehe ich letztendlich an derselben Stelle, ob ich sie umrunde oder vor mich hinstelle, diese Bleckw\u00e4nde, Sparbers und Rinnkogels. Am besten, ich gehe eine Runde um den See.<br \/>\nLangmut steht von seinem Tisch auf und verl\u00e4sst die B\u00fcrglburg Richtung See.<\/p>\n<p>\u201eBleckwand, Sparber und Rinnkogel markieren zaunpfosten\u00e4hnlich die Grenze nach Norden; Beweis einer Nord-S\u00fcd \u00dcberwerfung infolge des aus dem S\u00fcden wirkenden plattentektonischen Drucks.\u201c<br \/>\nSo liest es Langmut auf einer Tafel am Wegrand. Wie alle Seen hier, denkt Langmut, ist der Wolfgangsee einer, der nicht sich zufrieden gab mit seinem Wasserfluss-Dasein, der vom Wasserfluss irgendwann zum See zu werden, sich in den Kopf setzte, die Transformation vom gew\u00f6hnlichen Wasserfluss zum respektablen See geschafft hat, r\u00fccksichtslos jeden auch noch so kleinen Vorteil ausnutzend, der ihm im Zuge der Plattenverschiebungen in der j\u00fcngeren Erdgeschichte entstand, alles, was vorher da war, unter sich begrabend, infolgedessen als See bedingungslos anerkannt von den ihm nachkommenden Menschen. Langmut nimmt die Semmel aus der Jackentasche. Zu weich, denkt er, und:<br \/>\nunm\u00f6glich, ihn zu umrunden! Und beschleunigt seinen Schritt und denkt weiter:<br \/>\nErstmal Abersee gehei\u00dfen, erscheint er jeder neuen sich hier an ihn und um ihn dr\u00e4ngenden Menschenh\u00e4ufung als neu. Er bei\u00dft in die Semmel.<\/p>\n<p>So ein See stirbt nicht, und so wie ich ihn mir hier als pers\u00f6nliche Neuerscheinung aneigne, taten das vor mir die Kelten, die jetzt \u00fcberall hier im Salzkammergut als Dreck auf meinen Schuhen kleben, v\u00f6llig ausgeerzt, so wie ich irgendwann auf irgendjemandes Schuhen kleben werde.<br \/>\nLangmut kann den Bissen kaum schlucken und merkt, dass er keinen Speichel hat, dass er gro\u00dfen Durst hat. Du musst trinken! Sofort! Dein K\u00f6rper h\u00e4lt das nicht aus! Er legt sich m\u00fchsam auf den Bauch und versucht, aus dem See zu trinken. Spuckt aber den ersten Schluck wieder aus. Alles verseucht!, denkt er und: Ich h\u00e4tte das Glas Wasser doch trinken sollen und l\u00e4sst den Rest der Semmel aus seiner vorgestreckten Hand in den See fallen. Er beobachtet, wie der Rest der Semmel im Seewasser aufquillt, sich aufl\u00f6st und seine festeren Teile absinken und erinnert sich: Immer war ich ein begehrter T\u00e4nzer!<\/p>\n<p>Immer war ich ein begehrter T\u00e4nzer, fl\u00fcstert Langmut.<br \/>\nUnd fl\u00fcstert weiter: So zeigt sich uns dieser See, so wie auch die anderen hier ortsans\u00e4ssigen Seen, als sein eigenes Denkmal, als eine gewaltsame Transformation zur Gr\u00f6\u00dfe, geboren aus dem Wunsch nach Ver\u00e4nderung, erm\u00f6glicht durch Verschiebungen noch wesentlich gr\u00f6\u00dferer Natur, Verschiebungen unterirdischer Art.<br \/>\nAb einem gewissen Punkt allerdings, tut dieses See-Monster wieder so, als ob nichts gewesen w\u00e4re, pl\u00e4tschert dahin als unschuldiges Fl\u00fcsslein, als Ache oder Ischl, ganz nach Wunsch.<\/p>\n<p>Langmut richtet sich auf, geht weiter, verf\u00e4llt pl\u00f6tzlich in den Walzerschritt, bricht ab, und eilt auf den Campingplatz zu.<br \/>\nLangmut wird langsamer vor der Terrasse einer Campingplatz-Rastst\u00e4tte.<br \/>\nLangmut steigt neben rohbetonierten Stufen auf die noch zaunlose Terrasse der Campingplatz-Rastst\u00e4tte. Er bestellt noch im Gehen Kaffee \u201e\u2026und ein gro\u00dfes Glas Wasser dazu!\u201c, ruft er der Kellnerin nach und setzt sich mit Blick auf die Bleckwand. So sieht sie aus!, vergewissert er sich, die Bleckwand sieht aus wie eine Riesin in der Sonne kniend, wie eine gierig trinkende dicke Frau, die ihren Kopf ins Wasser steckt, eine Riesin, erstarrt beim gierigen Trinken, eine gr\u00fcne Riesenfrau, die beim gierigen Trinken ihr gewaltiges Hinterteil frivol gen Himmel reckt &#8211; vielleicht, in naher Riesenzukunft, begattet wird, wenn\u2019s der Rinnkogel oder der Rothstein nicht mehr aush\u00e4lt, dieses riesige Riesinnenhinterteil. Und trinkt den Kaffee in einem Zug aus.<br \/>\nSie hat das Glas Wasser vergessen, denkt Langmut.<\/p>\n<p>So sieht das aus, denkt Langmut, von der Terrasse der Campingplatz-Rastst\u00e4tte her gesehen, sieht das so aus. Ein Campingplatz im \u00dcbrigen, der voller Deutscher ist, voller abgezirkelter, dobermannbewachter Miniparzellen, eine fu\u00dfbreitdichte Anh\u00e4ufung von Privatgrund. Langmut f\u00fchlt das Blut im Mund pochen.<br \/>\nLeitungswasser w\u00fcrde hier leider nicht serviert, das sehe der Chef nicht gern, wird Langmut von der Servierkraft erkl\u00e4rt. Italienischer Akzent!, denkt Langmut. \u00dcber die Alpen geworfen, strampelt sich nun mit ihrer Identit\u00e4t ab. Hab Erbarmen mit dir!, denkt Langmut und starrt die Servierkraft beschw\u00f6rend an.<br \/>\nJa, wenn er <em>unbedingt<\/em> Leitungswasser haben wolle, erkl\u00e4rt sie durch sein schweigendes Starren irritiert, k\u00f6nne er sich ja am Campingplatzbrunnen bedienen.<br \/>\nLangmut steht ruckartig auf.<\/p>\n<p>Eine germanische Wohnwagen-Burg zwischen gr\u00fcner Riesin und St. Wolfgang am Wolfgangsee!, denkt Langmut, w\u00e4hrend er sich einen Weg zum Trinkwasserbrunnen bahnt, und: Waschechte Kimbern und Teutonen befinden sich hier! \u2013 Dieser Kaffee hat mich au\u00dferdem furchtbar durstig gemacht! Kaffee dehydriert!<br \/>\nDenkt er &#8211; und: wie schrecklich! Und stolpert \u00fcber Zeltschn\u00fcre und Campingst\u00fchle, durch die Dobermanns und Sch\u00e4fers, durch die psychisch v\u00f6llig zerst\u00f6rten, privatgrundsch\u00fctzenden Hunde, durch die schneidigen \u201eGuten Morgens!\u201c.<\/p>\n<p>Befestigte Wohnwagensiedlung!<br \/>\nDenkt er.<br \/>\nUnd: alles durchdrungen von der verschlagenen Vorsichtigkeit der Niederlassung. Und weiter: ein v\u00f6llig unwirkliches Nachleben eines l\u00e4ngst in dieser Form nicht mehr m\u00f6glichen Gesellschaftsmodells. Einem Gesellschaftsmodell leben die vorgeblich campierenden Teutonen hier nach, das schon vor zweitausend Jahren von dem r\u00f6mischen Druck, aus dem S\u00fcden kommend, besiegt wurde. Und immer wieder besiegt, schl\u00e4gt das Alemannische, das Teutonische und das Vandalische dann doch in irgendeine Spalte der alpinen \u00dcberwerfungen zur\u00fcck, verschl\u00e4gt italienische Servierkr\u00e4fte her\u00fcber und seine Zelte auf.<\/p>\n<p>Und weiter: Eine Art Keimzelle ist das hier, und die wird weiterwachsen, so imperial gro\u00df wird das hier werden, wie die Wohnwagensiedlungen in Florida. Wohnwagen an Wohnwagen reiht sich dort in Florida. Silbrig glitzernd in der Sonne bis zum Horizont. Neben den \u201eRetires\u201c, den in Wohlstand und Ehren gealterten Gesellschaftsamerikanern, erwarten dort den Tod in der br\u00fchwarmen Krokodil- und Stechm\u00fcckenatmosph\u00e4re, die dem Alter so gut tut, wohlhabende Deutsche mit nationalsozialistischer Vergangenheit.<br \/>\nAusgerechnet in Florida, wo ich das Licht der Welt erblickte \u2013 gezwungenerma\u00dfen.<br \/>\nUnd manchmal kommt daher dem erwarteten Tod ein gewaltsamer zuvor.<br \/>\nUnd manchmal ist der Tod noch ein halbes Kind, denkt Langmut. Und: Schrecklich, ich f\u00fchle meinen Mund nicht mehr!<br \/>\nIch muss unbedingt diesen Brunnen finden!<\/p>\n<p>Dann: Das haben sie hier auch vor, denkt Langmut, dieser Campingplatz ist erst der Anfang. Sich ihres Erbes besinnend, das schlie\u00dflich wieder durchschl\u00e4gt im Alter, wo nichts zu tun ist als zu sterben, nehmen sie Land. Dieses Erbe fordert, noch einmal r\u00fccksichtslos ausgelebt zu werden, noch einmal tief in der Erde sich festkrallen, nie &#8211; von hier vertrieben werden. Langmut f\u00e4llt \u00fcber eine Zeltschnur.<br \/>\n\u201eWohnwagen an Wohnwagen reiht sich dort in Florida &#8211; bis zum Horizont! Alle gl\u00e4nzen silbern in der Sonne, so dass es das Auge schmerzt!\u201c<br \/>\nErschrocken bemerkt Langmut, dass er mit diesem Satz gerade einen der Camper anschreit. Langmut presst sich die H\u00e4nde vor den Mund.<br \/>\nWie ein Schulkind!, denkt Langmut und rei\u00dft die Augen auf. Und sieht, dass er neben dem laufenden Brunnen steht.<br \/>\nDer Camper und Langmut stehen sich gegen\u00fcber. Der Campingplatz endet hier in einer Sumpfwiese zum Seeufer hin. Der Trinkwasserhahn rauscht weiter. Der Camper nimmt einen Plastikkanister und h\u00e4lt ihn unter den Trinkwasserhahn.<br \/>\nLangmut l\u00e4sst die H\u00e4nde fallen und sieht, dass sie blutig sind.<\/p>\n<p>\u201eWo, in Florida?\u201c, erkundigt sich pl\u00f6tzlich der Camper, und beil\u00e4ufig: ob Langmut denn schon mal dort gewesen w\u00e4re?<br \/>\nLangmut sch\u00fcttelt den Kopf und wartet ungeduldig auf das Freiwerden des Wasserhahns.<br \/>\nDer Camper f\u00fcllt einen weiteren Kanister mit Trinkwasser und bedauert Langmut, noch nicht in Florida gewesen zu sein, denn er selber sei schon in Florida gewesen, traumhaft! Drei Monate im Van unterwegs! Aber im Unterschied zu Langmut wisse er, so der Camper, nichts von solchen Wohnwagensiedlungen, da m\u00fcsse Langmut sich irren und da m\u00fcsse man doch was davon geh\u00f6rt oder gesehen haben, von solchen riesigen Siedlungen, bei drei Monaten im Van! Aber er habe, wenn er nachdenke, nichts davon gesehen oder geh\u00f6rt. Nie!<\/p>\n<p>Schlau!, denkt Langmut und reibt sich den Nacken.<br \/>\nAber das w\u00e4re ja auch schon alles so lange her, schw\u00e4cht der Camper ab, Jahrzehnte sei das alles schon her. Und der Wasserhahn werde bald frei, dass man da schon durstig werden kann bei dieser Hitze, verstehe er gut, lacht der Camper und h\u00e4lt einen neuen Kanister unter den Hahn und der Strahl prasselt in den leeren Beh\u00e4lter.<br \/>\nUnd seit er damals dieses traumhafte St. Wolfgang am Wolfgangsee entdeckt habe, k\u00e4me er nur noch hierher &#8211; mit seiner ganzen Familie!<br \/>\nLangmut stammelt die W\u00f6rter \u201eNotfall!\u201c und \u201eWasser!\u201c<br \/>\nDer Camper, sehr laut, um den Wasserstrahl zu \u00fcbert\u00f6nen: \u201eWas?\u201c<br \/>\nUnd: Dazu die ganze kulturelle Vergangenheit hier, das glaube man ja gar nicht! Diese ganzen Schriftsteller! Ein Nietzsche! Habe er geh\u00f6rt, sei hier gewesen, ja sogar der Hofmannsthal-Hugo-von! \u2013 das w\u00e4re ja auch einer von denen gewesen, man wisse ja!<\/p>\n<p>Dann holt der Camper tief Luft und ruft schallend:<br \/>\n\u201eJedermann!\u201c, und lacht und fragt \u201eNa klingelt\u2018s?\u201c<br \/>\n\u201eJedermann!\u201c, ruft der deutsche Camper ein zweites Mal und freut sich am Echo. Dann lacht er: \u201eDas glaubst du ja nicht!\u201c<br \/>\nLangmut l\u00e4sst die H\u00e4nde sinken und \u00f6ffnet den Mund. Jetzt k\u00f6nnte ich trinken!, denkt er und macht eine Bewegung auf den Wasserhahn zu.<br \/>\nDoch der Camper setzt einen dritten Kanister an und f\u00e4hrt fort: \u201eAlso am liebsten bliebe ich ja das ganze Jahr hier! Aber Sie wissen ja: die Arbeit, die Arbeit! &#8211; Das l\u00e4sst einen nicht los! Wissen Sie? &#8211; Was?\u201c<br \/>\nIch wei\u00df!, denkt Langmut und h\u00e4lt den Mund fest geschlossen.<br \/>\n\u201eAlso es ist ja nicht so, dass ich das ganze Jahr hier sein k\u00f6nnte?\u201c, br\u00fcllt der Camper in fragendem Ton.<\/p>\n<p>Langmut beobachtet, wie sich der Kanister f\u00fcllt, sieht auf zum See, auf die Sumpfwiese.<br \/>\nIch k\u00f6nnte zum See gehen, denkt er, &#8211; aber der Boden dorthin ist viel zu weich!<br \/>\nEr sieht auf seine F\u00fc\u00dfe und die von Wasser satte Erde um den Trinkwasserhahn. Aufgeweicht!, denkt er, alles aufgeweicht!<br \/>\nDer Camper \u00fcberlegt und befindet: \u201eAlso sozusagen nur tempor\u00e4r bin ich hier, bei diesem sch\u00f6nen Wolfgangsee! Sozusagen ein tempor\u00e4rer Wolfgangseer bin ich!\u201c, lacht der Camper und winkt seiner Frau zu, die mit weiteren leeren Kanistern kommt. Er nimmt mit der hohlen Hand einen Schluck Wasser vom Trinkhahn.<br \/>\n\u201e<em>Zwei <\/em>Tempor\u00e4re sind wir!\u201c, beschlie\u00dft er, nachdem er geschluckt hat und sieht Langmut erwartungsvoll an. Langmut sieht regungslos auf die feuchten Lippen des Campers. Der Camper spricht mit unvermitteltem Ernst: \u201eAndere bleiben ja das ganze Jahr hier, also sozusagen per-ma-nent! &#8211; Das sind dann die Per-ma-nent-en!\u201c<br \/>\nUnd meint nachdenklich: \u201eAber vielleicht ziehe ich auch mal ganz hierher &#8211; wegen des gesunden Klimas!\u201c Seine Frau stellt die weiteren Kanister ab und der Camper freut sich:<br \/>\n\u201eDas ist alles richtig gut organisiert hier &#8211; wir kennen uns alle untereinander &#8211; kannten uns schon vorher!\u201c Ich wusste es!, denkt Langmut und l\u00e4sst den Kopf sinken.<\/p>\n<p>Langmut sieht nur noch das St\u00fcck aufgeweichten Boden neben dem Trinkwasserhahn und denkt: einen Schluck Wasser, nur einen Schluck &#8211; und:<br \/>\n<em>Er<\/em> trinkt das ganze Wasser aus! Vielleicht zieht er ganz hierher, ist in Florida gewesen und zieht jetzt ganz hierher und wei\u00df von nichts, nie geseh\u2018n, nie geh\u00f6rt, nie etwas gewesen. Behaupten alle: von nichts wissen! Das ist alles! Und mehr Kanister kommen! Hierher werden alle kommen und sozusagen Permanente werden und dann&#8230; ein St\u00fcckchen weiter zur Sumpfwiese hin, zur trinkenden Riesin hin, immer ein St\u00fcckchen n\u00e4her auf den Riesenarsch zukrabbeln, auf die br\u00fcnftige Riesin zu, die trinkt den Wolfgangsee aus! Die trinken alle den Wolfgangsee aus! Und auftaucht alles aus dem Schlamm!<br \/>\nDie Sumpfwiese, denkt er. Ich muss sie warnen!, denkt er, und denkt: Das ist es! Und dreht sich dorthin, wo er den Camper vermutet, denn er sieht pl\u00f6tzlich nichts, nimmt noch einmal seine letzte Kraft zusammen und br\u00fcllt <em>es<\/em> solange er kann und f\u00e4llt in den aufgequollenen Boden und merkt, wie er f\u00e4llt und merkt, wie er <em>es<\/em> br\u00fcllt, in den Boden br\u00fcllt, der so weich ist, dass er nicht wei\u00df, ob er noch f\u00e4llt oder schon in der Erde liegt. Aber er wei\u00df, dass er <em>es<\/em> schreit, in die Erde hinein schreit, so lange er kann. <em>Es<\/em> in den Himmel schreit, dieses eine uns\u00e4gliche Wort.<\/p>\n<p>Der Camper und seine Frau, befragt, ob Langmut noch etwas gesagt h\u00e4tte, geben nach kurzem Z\u00f6gern zu Protokoll: Sie h\u00e4tten wohl den Eindruck gehabt, dass der Herr Langmut noch etwas habe sagen wollen, aber richtig verst\u00e4ndlich machen h\u00e4tte er sich nicht k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernd Remsing<br \/>\n<a href=\"http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/\" target=\"_blank\">http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"drah di ned um \u2026\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um \u2026<\/a>| Inventarnummer: 15152<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;genauso ist mein Hiersein eigentlich v\u00f6llig unm\u00f6glich, ist es ebenfalls ein Nachleben eines nicht mehr existenten Lebensmodells. Denkt Langmut &#8211; und weiter: Sich hier hinzu zu stellen zu den Kulturbergen, das ist ja der Aberwitz am Wolfgangsee! &#8211; Die Idee mit dem gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen Namen \u201eStrobler Literaturgespr\u00e4che\u201c war ja nur m\u00f6glich, meine Idee, ein Kulturopfer zu [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[100],"tags":[73],"class_list":["post-3694","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-remsing-bernd","tag-drah-di"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3694","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3694"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3694\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3697,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3694\/revisions\/3697"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3694"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3694"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3694"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}