{"id":3686,"date":"2015-11-18T16:29:44","date_gmt":"2015-11-18T16:29:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3686"},"modified":"2016-01-20T07:00:11","modified_gmt":"2016-01-20T07:00:11","slug":"es-war-erst-gestern-teil-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3686","title":{"rendered":"Es war erst gestern"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3686&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3686&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich bin in eine frostige Zeit hineingeboren worden. Es war ein gro\u00dfartiger Tag! Oder etwa nicht? An jenem Sonntag meiner sehns\u00fcchtig erwarteten Geburt war es \u00fcberwiegend stark bew\u00f6lkt, und das bei weiterer Neigung zu mehr oder weniger starken Schneef\u00e4llen im Laufe des Tages. Die Temperaturen lagen zwischen minus zehn und minus f\u00fcnfzehn Grad. Kein ideales Klima zum Ankommen! Gegen vier Uhr vierzig durfte ich das diffuse Licht dieser Welt erblicken, wenn der Bericht jenes Krankenhauses stimmt, in dem der Geburtsschein ausgestellt wurde. Um sieben Uhr sechsundzwanzig h\u00e4tte man hingegen den Sonnenaufgang beobachten k\u00f6nnen, w\u00e4re es nicht total bew\u00f6lkt gewesen.<br \/>\nSie, die Sonne, hatte also an diesem Tage nicht viel zu tun und war bereits um sechzehn Uhr einundf\u00fcnfzig wieder hinter dem Horizont verschwunden. Zur\u00fcckgelassen hatte sie eine klirrend kalte Nacht, eine ersch\u00f6pfte Mutter und ein qu\u00e4kendes B\u00fcndel. Und w\u00e4hrend die einen den Kampf um die Ausrottung der Kinderl\u00e4hmung fortsetzen, gewinnen andere einen internationalen Klavierwettbewerb, etwa der junge Friedrich Gulda in Genf und der Grazer Alfred Brendel in Wien.<br \/>\nIm Volkstheater gibt man ein St\u00fcck von Sean O\u2019Casey, symbolistische Abrechnung mit dem Krieg und seinen Schuldigen, in der wieder einmal der liebe Gott als Urheber allen \u00dcbels herhalten muss, ohne sich dagegen wehren zu k\u00f6nnen. Aber erstaunlicherweise kippt die Stimmung, und der Dichter kommt letztendlich zu dem Schluss, es w\u00e4re doch die Menschheit selbst, die f\u00fcr ihren selbstinszenierten Jammer verantwortlich ist. Im Kino kann man Gary Cooper in \u201eSchiffbruch der Seelen\u201c sehen. Diese Welt ist ein Narrenhaus. Und ich bin in sie hineingeboren.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend ich den ersten Tag meines Lebens hinter mich brachte, am\u00fcsierte sich, laut Medienberichten, Ernst Happel (ein bekannter Fu\u00dfballer, nach dem ein Stadion in Wien benannt ist) als \u201eWassermann\u201c in Montevideo bei drei\u00dfig Grad im Schatten, was ihn dazu veranlasst hatte, in die k\u00fchlenden Fluten des nahe gelegenen Meeresstrandes zu tauchen. Mich hat man vermutlich die n\u00e4chsten Tage in einer alten verzinkten Blechbadewanne ges\u00e4ubert, in der Dienstwohnung meines Vaters, mit \u201eflie\u00dfend\u201c Kaltwasser.<\/p>\n<p>Damit scheint meine Frage an mich, was kann schon gro\u00dfartig an diesem Tag passiert sein, f\u00fcr mich beantwortet. Ach ja, und dass ich geboren worden bin eben.<\/p>\n<p>Man hat mich von Anfang auf darauf aufmerksam gemacht, stets an die Freuden des Lebens zu denken, die es in meinem Leben ja irgendwann einmal auch gegeben haben muss, auch wenn ich mir dessen nicht bewusst bin. Aber \u2013 wenn ich dar\u00fcber genauer nachdenke, bestanden solche grunds\u00e4tzlich aus sehr kurzen Momenten. Etwa sonntags, wenn man endlich einmal die neuen Schuhe anziehen durfte, die zwar steif waren und \u00fcberall gedr\u00fcckt, aber wunderbar gegl\u00e4nzt haben. Man musste h\u00f6llisch darauf aufpassen, dass sie an der Spitze vorne nicht gleich abgesto\u00dfen wurden. Diesen Zustand hat der Herr Papa mit Argusaugen beobachtet und wehe, wenn man die Beine nicht entsprechend gehoben hat \u2013 dann war ein Donnerwetter f\u00e4llig. Man k\u00f6nne nicht jeden Tag so etwas kaufen und andere w\u00e4ren auch noch da, die immer Schuhe brauchen und so weiter. Die Freude am neuen Schuhwerk war also begrenzt aber immerhin latent vorhanden. \u00c4hnlich verhielt es sich mit dem Vergn\u00fcgen an dem neuen Anz\u00fcglein, in das man gesteckt wurde, ausschlie\u00dflich am Sonntag, versteht sich, dessen Sakko\u00e4rmel immer etwas zu lang waren, damit das Ding in weiser Voraussicht m\u00f6glichst auch noch die n\u00e4chsten Jahre passte.<\/p>\n<p>Da kam dann ja auch irgendwann einmal unweigerlich der erste Schultag. Spannend, ja, durchaus. Freude hat er jedoch nicht hinterlassen. Das Drama begann damit, dass jeder zur \u201eFeier des Tages\u201c ein Bild zur Ansicht vor sich liegen hatte. Darauf war ein Zug abgebildet. Vorne die Lok, dann folgten drei Waggons. Die Frage lautete, wo ist die Mitte dieses Zuges? Bereits hier zeigte sich eine bereits ausgepr\u00e4gte Kompliziertheit individueller Gedankeng\u00e4nge, indem ich die Lok in meine Berechnungen mit einbezog und daher das ganze Gef\u00e4hrt rein hypothetisch als eine untrennbare Einheit betrachtete. Demnach also lag die Mitte des Zuges f\u00fcr mich nicht im zweiten Waggon, was angeblich logisch gewesen w\u00e4re, wie ich hinterher erfuhr, nein, sondern exakt zwischen zweitem und drittem Waggon. In der Mitte des Zuges, hatte es gehei\u00dfen. Es lagen also, meiner Vermutung zufolge, links von der Mitte die Lok und der erste Waggon, rechts von der Mitte die zwei anderen Waggons.<br \/>\nDenkste! So w\u00e4re das nicht gemeint, hatte die Frau Lehrerin milde l\u00e4chelnd gemeint und flugs mit ihrem Rotstift &#8211; Rotstift!, der sollte damit f\u00fcr alle Zukunft unser aller st\u00e4ndiges Disziplinierst\u00e4bchen sein, den mittleren der drei Waggons gekennzeichnet. Verdammt! So summierte sich langsam aber stetig Entt\u00e4uschung um Entt\u00e4uschung, und genau von da an habe ich diesen Verein schon gehasst. Freude war es also nicht, was ich bis dahin und von da an empfand.<\/p>\n<p>Nach vier langweiligen Jahren kam man in die n\u00e4chste Anstalt. Die Begeisterung dar\u00fcber war nicht sonderlich gewachsen. Die einzelnen Gegenst\u00e4nde wurden mehr, und schwieriger. Die Aufgaben komplizierter und mengenm\u00e4\u00dfig unversch\u00e4mter. Die Zeit zum Tr\u00e4umen und Spielen immer k\u00fcrzer. Ich selber wurde gr\u00f6\u00dfer und pubert\u00e4rer. Zeitgleich mit diesem Ph\u00e4nomen entwickelten sich die eigenen Probleme ungehindert direkt proportional zur K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe. So weit, so gut. Doch da! Unerwartet und unaufhaltsam, erreichte urpl\u00f6tzlich (diese Wortneusch\u00f6pfung gab es zu dieser Zeit noch nicht) eine neue Volkskultur in Gestalt unzivilisiert anglophiler Rockmusik inklusive dazugeh\u00f6riger Modefummel das dar\u00fcber zutiefst verst\u00f6rte Vater- und Mutterland, welche die Vorstellungen gelebter Ordnung bislang relativ problemlos miteinander kommunizierender Generationen ziemlich ins Wanken brachte. Erzkonservativen Funkbetreibern zum Trotz drangen diese krankhaften Ausw\u00fcchse jugendlichen Irreseins via r\u00f6hrenbetriebener Empfangsger\u00e4te quasi unaufhaltsam bis in die hintersten Winkel bis dato wohlausgestatteter und -bewachter Jugendzimmer.<br \/>\nPlakativ und h\u00f6chst anschaulich unterst\u00fctzt durch die periodische Muss-unbedingt-haben\u2013Fandruckschrift \u201eBravo\u201c, die die singenden oder Gitarre zupfenden Musikg\u00f6ttinnen und -g\u00f6tter in f\u00fcr deren Konsumenten viel zu langen Abst\u00e4nden darin abkonterfeiten und lebensgro\u00df, zum Ausschneiden und An-die-Wand-H\u00e4ngen, ablieferte und dadurch bislang normierten Vorbildgalerien absolut den letzten Wind aus den Segeln nahm. In demselben offiziellen Sprachrohr, welches die herk\u00f6mmliche Musikgeschichte v\u00f6llig \u00fcber den Haufen zu werfen drohte, fand sich ebenso die Ikonografie irrer Klamotten im Kanon au\u00dfergew\u00f6hnlicher Jeansmode, Hosen also, mit im unteren Beinbereich unvorstellbar flatternd fl\u00fcgelartig erweiterten Endr\u00f6hren mit eingelegter Doppelfalte und Kettchen dran, bunt unterlegt, bis hin zu Minir\u00f6cken, die in ihrer unglaublichen K\u00fcrze den vor l\u00fcsternen Blicken stets gesch\u00fctzten Bereich intimen \u201eDarunters\u201c absolut durch nichts mehr zu verheimlichen vermochten. Tja, und dann waren da noch die Songs, um die es eigentlich in der Hauptsache ging, mit ebenso bemerkenswerten Texten wie etwa:<\/p>\n<p><em>Die kommt einfach daher, so bunt. Ein bunter Vogel. Egal, wo sie hingeht. Die ist echt bunt. Ein Regenbogen. Ja, wie ein Regenbogen. Sie f\u00e4hrt sich mit den Fingern durch die Haare. Wenn sie hier ist, bleiben Farben in der Luft. Farben, \u00fcberall. So kommt sie daher. In allen Farben einfach. Sie ist &#8211; wie ein Regenbogen, ja, wie ein Regenbogen.<br \/>\nHast du sie je in Blau gesehen? Schau dir den Himmel an da vorne, und ihr Gesicht, wei\u00df wie Segeltuch, so fahl und blass. Hast du je eine Frau gesehen, die sch\u00f6ner war als sie?<br \/>\nUnd in Gold? Hast du sie einmal in Gold gesehen? Wie eine Prinzessin aus dem M\u00e4rchen, was? Nach allen Seiten strahlt sie ihre Farbenpracht aus, wie die untergehende Sonne. Jetzt sag\u00b4 schon, hast du je eine sch\u00f6nere Frau gesehen?<\/em><\/p>\n<p>Oder den hier:<\/p>\n<p><em>Mach dir keine Sorgen dar\u00fcber, was sein wird, meine G\u00fcte. Ich hab keinen Stress, echt, bin nicht in Eile. Ich kann mir jede Zeit der Welt nehmen, Baby. Bin ich jetzt rot geworden? Meine Zunge wird immer schwerer. Ich bin au\u00dfer mir und krieg einen trockenen Mund. Aber ich bin echt high, Wahnsinn, und immer wieder versuch ich\u00b4s, dir zu sagen, bleiben wir die Nacht zusammen, ja? Ich brauche dich. Ich brauche dich mehr als je zuvor. Verbringen wir die Nacht zusammen, jetzt gleich, ok?<br \/>\nIch f\u00fchl\u00b4 mich so gut, wow, ich kann\u00b4s nicht verbergen, Baby, kein Schei\u00df. Entt\u00e4usch mich jetzt nicht, ok? Lass mich nicht h\u00e4ngen. Was k\u00f6nnten wir f\u00fcr Spa\u00df haben, wenn wir\u00b4s ganz einfach treiben, drunter und dr\u00fcber, was sagst du? Verbringen wir die Nacht zusammen. Ich brauch dich, mehr als je zuvor. Bleiben wir die Nacht \u00fcber zusammen, jetzt gleich. Komm, lass uns die Nacht zusammen verbringen, Baby, jetzt.<br \/>\nIch mein, das passiert mir ja nicht jeden Tag, Baby, lass uns die Nacht zusammen verbringen, komm, keine Ausreden, ja? Ich erf\u00fclle dir jeden Wunsch, alles, was du dir je ertr\u00e4umt hast, Baby. Und jetzt bin ich mir sicher, du willst mich auch gl\u00fccklich machen. Oh Baby! Wir wollen die Nacht zusammen sein, ja? Lass uns die Nacht zusammen sein, Baby, jetzt, ganz einfach zusammen sein. Ich brauch dich. Ich brauch dich mehr als je zuvor. Ich mach alles, was du willst. Und ich wei\u00df, das willst du auch f\u00fcr mich tun. Bleiben wir die Nacht zusammen, von jetzt an, Liebes. Ich brauche dich, mehr, als du denkst. Ich will dir alles geben, und du willst mir alles geben.<\/em><\/p>\n<p>Oder diesen:<\/p>\n<p><em>Ich kann einfach keine Befriedigung finden und ich versuch\u00b4s und versuch\u00b4s, und versuch\u00b4s und versuch\u00b4s, ich find einfach keine. Egal, wenn ich mit meinem Wagen fahre und dieser Typ im Radio mir mein Hirn zuknallt mit all seinem unn\u00f6tigen Info-Schei\u00df, der meine Fantasie anregen soll, das gibt mir nichts.<br \/>\nWenn ich vor meinem Fernseher sitze und dieser Typ dann kommt und mir erz\u00e4hlt, wie wei\u00df meine Hemden sein k\u00f6nnten, so einer kann doch kein richtiger Kerl sein, der raucht ja nicht mal die gleiche Zigarettenmarke wie ich. Das alles gibt mir nichts.<br \/>\nIch kann einfach keine Befriedigung finden. Kein M\u00e4dchen schenkt mir Beachtung. Da kann ich machen, was ich will, ich finde ganz einfach keine. Wenn ich um die ganze Welt fahre, hier was mache und dort was anstelle, oder versuche, irgendein M\u00e4dchen aufzurei\u00dfen, und wenn die dann sagt, Baby, komm vielleicht n\u00e4chste Woche noch mal wieder.<\/em><br \/>\n<em> Dann siehst du, ich hab ganz einfach Pech. Ich kann einfach keine Befriedigung finden.<br \/>\nDas gibt mir alles nichts, ich sag\u00b4s euch, das gibt mir alles nichts. Ich kann keine Befriedigung finden und ich versuch\u00b4s, ich versuch\u00b4s, ich versuch\u00b4s und ich versuch\u00b4s. Ich find einfach keine.<\/em><\/p>\n<p>Und noch einen:<\/p>\n<p><em>Heut hab ich sie an der Rezeption gesehen, mit einem Glas Wein in der Hand und ich wusste, sie w\u00fcrde sich mit ihrem Typen treffen, und &#8211; zu ihren F\u00fc\u00dfen einer, der sie anbetet. Aber du kannst ganz einfach nicht immer kriegen, was du willst. Du kannst nicht immer kriegen, was du gerade willst. Du kannst es nicht kriegen. Aber wenn du dich anstrengst, kriegst du manchmal, was du brauchst.<br \/>\nIch ging zur Apotheke runter, um dein Rezept einzul\u00f6sen. Dort stand ich in der Schlange mit Jimmy, und, Mann, sah der kaputt aus und ich sage, du kannst nicht immer das kriegen, was du willst. Du kannst nicht immer kriegen, was du willst. Echt, du kannst nicht immer das kriegen, was du gerade willst.<\/em><\/p>\n<p>Und genau so war\u00b4s. Zumindest der letzte Refrain hat mir direkt aus dem Herzen gesprochen und &#8211; wenn ich ehrlich bin, haben wir alle nicht so richtig mitgekriegt, worum es in den Texten eigentlich ging. Hauptsache war, die Musik war laut und schrill. Es war eben unsere, auch meine Musik, die mir niemand streitig machen konnte. Der strenge Papa war schwer zu bewegen, eine dieser verr\u00fcckten \u201eGlockenhosen\u201c f\u00fcr den unw\u00fcrdigen Sohn zu erwerben, so eine, wie sie eben jetzt die Popstars trugen, und ebenjener Sohn regte sich auch noch auf, weil er sich \u00fcberdies seit Neuestem strikt dagegen wehrte, endlich einmal zum Fris\u00f6r zu gehen. Lange Haare, kurzer Verstand und \u00e4hnliche Spr\u00fcche musste so einer \u00fcber sich ergehen lassen.<br \/>\nJa, es war in der Tat ein Martyrium! Ausschlie\u00dflich durch die inst\u00e4ndige Intervention der g\u00fctigen Mutter, die meinte, der Dingsda, Sohn aus bestem Hause und allgemein anerkanntes Vorbild, h\u00e4tte auch schon eine, konnte er dazu bewegt werden, daf\u00fcr endlich einige Scheine locker zu machen, damit man nicht zum Au\u00dfenseiter verdammt w\u00fcrde. Jedoch, auch wenn schon aus den Radios und \u00fcber die Plattenspieler andauernd der lautstarke Ruf nach \u201eSatisfaction\u201c erklang, geschlechtsspezifische Angelegenheiten wurden mehr oder weniger mit den Klassenkameraden auf dem Schulhof ab- oder aufgekl\u00e4rt. Aufgekl\u00e4rt wurde man offiziell nicht, man hatte ja vom Herrn Kaplan ein kleines B\u00fcchlein bekommen, mit einem blassen sommersprossigen B\u00fcrschlein auf der Titelseite drauf, welches schuldbeladen die blauen \u00c4ugelein senkte, in dessen k\u00fcmmerlichen bildlosen vierzig Seiten blo\u00df andauernd von Selbstbefleckung die Rede war. Und davon, dass man ein Bursch zu sein h\u00e4tte. Ein Held. Schon wieder. Vorbildlich, und vor allem korrekt zu den M\u00e4dchen.<br \/>\nUnd obwohl die Heldenfriedh\u00f6fe noch vom letzten Krieg \u00fcbervoll waren, h\u00f6rten sie nicht auf, diesen Helden immer wieder in einem zu fordern. Doch die neuen Helden sahen anders aus. Und sie waren anders. Sie hatten lange Haare, T-Shirts und enge Hosen an, und hielten sich an einer E-Gitarre fest. Die alten Helden schienen tot. So ein neuer Held wollte man schon lieber werden. Und erst als man am eigenen Leibe, durch Zufall wohl, erfahren hatte, was es mit der Selbstbefleckung auf sich hatte, begann man zu verstehen, um welches Thema es sich eigentlich handelte, wenn Erwachsene in Anwesenheit Jugendlicher pl\u00f6tzlich leiser zu sprechen begann, kicherten und tuschelten. Dann war, wie man im Laufe der Zeit herausbekam, oftmals die Rede davon, was in mehr oder weniger milden N\u00e4chten so alles hinter vorgezogenen Gardinen abging.<br \/>\nIn anderen Kulturen werden die jungen M\u00e4nner und Frauen zumindest in Form eines Fruchtbarkeitsfestes in die Geheimnisse des Menschseins, des Mann- und Frau-Seins eingef\u00fchrt. Uns dr\u00fcckte man ein B\u00fcchlein in die Hand, das wohl den frommen Wunsch des guten Gelingens implizierte. Wie der Akt der Fortpflanzung in der n\u00e4heren Umgebung tats\u00e4chlich abgelaufen sein k\u00f6nnte, ist grunds\u00e4tzlich unvorstellbar und nicht nachvollziehbar. Die meisten von uns haben das alles nur als unn\u00f6tigen Ballast, \u00fcber den man nicht spricht, empfunden und wahrgenommen, und es bedurfte unserer ganzen Improvisationskunst, aus dieser unnat\u00fcrlichen Situation im Laufe der Jahre eine nat\u00fcrliche werden zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<br \/>\n(bearbeiteter) Romanauszug aus \u201eDer Chronist\u201c \u2013 in Entstehung<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 15151<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin in eine frostige Zeit hineingeboren worden. Es war ein gro\u00dfartiger Tag! Oder etwa nicht? An jenem Sonntag meiner sehns\u00fcchtig erwarteten Geburt war es \u00fcberwiegend stark bew\u00f6lkt, und das bei weiterer Neigung zu mehr oder weniger starken Schneef\u00e4llen im Laufe des Tages. Die Temperaturen lagen zwischen minus zehn und minus f\u00fcnfzehn Grad. Kein ideales [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[79],"tags":[102],"class_list":["post-3686","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-prenner-norbert-johannes","tag-anno"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3686","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3686"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3686\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3940,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3686\/revisions\/3940"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3686"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3686"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3686"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}