{"id":3668,"date":"2015-11-17T10:06:59","date_gmt":"2015-11-17T10:06:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3668"},"modified":"2016-06-29T17:10:09","modified_gmt":"2016-06-29T17:10:09","slug":"in-sand-gemeisselt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3668","title":{"rendered":"In Sand gemei\u00dfelt"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3668&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3668&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Hinter uns die Nacht, im Schlafzimmer eines alten Bauernhofs inmitten der Toskana, die Nacht, in der es uns nach ungez\u00fcgelter Liebe gel\u00fcstet hatte, jetzt am Morgen gel\u00fcstete uns nach Zahnb\u00fcrsten, wer von uns schneller war, an der Regenrinne im Hof, grinste umso breiter. Und weggeputzt der Nachgeschmack der Nacht, gel\u00fcstete uns nach einem Nachspiel, nur weicher, gef\u00fchlvoller, sie jetzt obenauf. Und als auch dies vollbracht, umfiel uns die Langweile der Sprachlosigkeit zwischen zwei Fremden, die ein Schnellwaschgang aus Zufall und Schicksal zusammengesp\u00fclt und ins gleiche Bett hatte fallen lassen.<\/p>\n<p>Die Hand entzog sie mir, mit der ich gerade noch gespielt hatte, Finger, \u00fcber die ich gerade noch hinweggestreichelt war, Finger, die so ganz anders waren, als alle Finger der Frauen bislang, mit denen ich mich eingelassen hatte. Fr\u00fcher einmal gegossen aus Milch und Glas, aber nun schwielig und schw\u00fclstig mit Marmorstaub unter den eingerissenen und angebrochenen N\u00e4geln, geschundene Finger, die den stundenlangen Umgang mit dem schweren Eisen von Hammer und Mei\u00dfel gewohnt waren, entschlossene Finger, im Fassen, F\u00fchren und F\u00fchlen geschult. Mit einem letzten Blick auf sie wurde mir bewusst, dass es diese Finger gewesen waren, mit denen ich schlafen hatte wollen, als ich gestern wie zuf\u00e4llig in ihre Werkstatt geschneit war, neugierig geworden durch die Skulpturen im Hof davor. Und nun, da sie mir ihre Hand entzogen hatte, fehlte mir jegliche Grundlage, eine Fortsetzung mit dieser Filomena zu finden und zu kn\u00fcpfen, und auch sie war in abgek\u00fchltes Schweigen verfallen.<\/p>\n<p>\u201eAns Meer k\u00f6nnten wir fahren.\u201c<\/p>\n<p>Mit der Kraft der Lustlosigkeit schlie\u00dflich in die Leere des Raums geworfen dieser Satz, und wer ihn von uns beiden von sich gesto\u00dfen hatte, lie\u00df sich nicht mehr nachvollziehen, den Gedanken lie\u00dfen wir einige Zeit im Schlafzimmer kreisen, bis wir ihm das n\u00f6tige Ma\u00df an Gefallen abgewinnen konnten, in Ermangelung einer anziehenderen Idee. Und so waren wir eben hinunter ans Meer gefahren, weil uns nichts Besseres eingefallen war, aus Langeweile und Sprachlosigkeit, und auf einer D\u00fcne waren wir zu sitzen gekommen, still und schweigsam, und mit Wohlwollen hatten wir bemerkt, wie leer der Strand unter uns war, leergefegt von jeglichen Sonnen\u00f6lger\u00fcchen, Liegest\u00fchlen und Kindergeschrei. Denn von \u00fcbler Laune zeigte sich das Meer, ver\u00e4rgert von dem scharfen Wind in seinen unberechenbaren B\u00f6en, der unabl\u00e4ssig an seiner Oberfl\u00e4che zog und zerrte und kratzte, und auch uns Haar und H\u00f6rsinn zerzauste. Und in dieser Welt, in der wir nun schweigend vor uns hinsa\u00dfen und hinblickten und in der nur das Meer zu atmen schien, \u00fcbernahm schlie\u00dflich ich das erste Wort:<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dft du, Filomena, es gibt einen Alpenfluss in meiner Heimat, Inn wird er genannt, ein uraltes Wort f\u00fcr Wasser aus l\u00e4ngst vergessenen Zeiten, wie auch immer, an diesem Inn gibt es ein verschlafenes St\u00e4dtchen, und in diesem verschlafenen St\u00e4dtchen gibt es ein nettes, kleines Lokal, das auf diesen Inn hinausschaut. Und dort sitze ich gerne, schaue dem Fluss nach, bei zu gro\u00dfer Gedankenschwere, und dieser Fluss, der Inn, sp\u00fclt dann meine Gedanken weg, einen nach dem anderen. Besonders im Fr\u00fchling liebe ich diesen Fluss, zu Zeiten der Schneeschmelze, denn dann rei\u00dft er mir wild die Gedankenketten aus dem Leib, nutzlos angesammelt \u00fcber einen langen, gnadenlosen Winter. Aber das Meer, besonders wenn man es hier vom Strand aus betrachtet, sp\u00fclt einem die Gedanken immer wieder zur\u00fcck, einen nach dem anderen, in einem fort \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch hasse das Meer\u201c, unterbrach sie mich, setzte mich dem Gef\u00fchl aus, dass sie mir nicht eine Sekunde zugeh\u00f6rt hatte, mich nicht mehr als ein Raunen im Wind wahrgenommen hatte.<\/p>\n<p>\u201eIch hasse das Meer, denn es l\u00e4sst sich nicht mei\u00dfeln. Mit jedem neuen Blick rutscht es einem hinweg, mit jedem Ansatz des Mei\u00dfels kr\u00e4uselt es sich grinsend davon.\u201c<\/p>\n<p>Und dann wusste ich, was sie so fern und fremdartig machte, jene Filomena, n\u00e4mlich, dass sie es nicht zu ertragen wusste, jemandem lange in die Augen zu sehen oder in die Augen gesehen zu werden, sondern den Blick zur Seite schlug, versunken in ihrer Gedankenwelt, die sich ihre eigenen Bilder ausmalte, Bilder, mit denen sie leichter zu Rande kam. In ihrem Falle Standbilder, die zum Mei\u00dfeln geschaffen waren, von Standbild zu Standbild dachte sie, zeitlupenhaft, nicht f\u00fcr die Ruhelosigkeit des Meeres geschaffen, das sich in unabl\u00e4ssiger Bewegung ausdr\u00fcckte, das keine Ruhe kannte, das ganz unruhig wurde, wenn es zur Ruhe h\u00e4tte kommen sollen. Aber nun wandte mir Filomena doch ihr Gesicht und ihren haselnussbraunen Blick zu, l\u00e4chelte mich mit der Gewissheit einer verschw\u00f6rerischen Verbundenheit an, n\u00e4mlich der, dass wir beide das Meer nicht leiden konnten.<\/p>\n<p>\u201eGehen wir hinunter zum Strand\u201c, sagte sie, und nun reichte sie sie mir wieder, ihre harte, geschundene Hand. Das Meer z\u00fcngelte nach unseren F\u00fc\u00dfen, ver\u00e4rgert \u00fcber die Nichtachtung, die wir ihm entgegenbrachten, denn der vom Vortag noch warme Sand hatte es uns angetan, mit jedem Einsinken der Fu\u00dfballen hob sich unsere Laune, bald \u00fcberm\u00fctig wie kleinen Kindern wurde uns zumute. Und aus diesem \u00dcbermut heraus wagte ich es, sie endlich danach zu fragen, denn auch wenn ich sie gestern erst von Angesicht zu Angesicht kennengelernt hatte, kannte ich doch ihren Ruf, die Ger\u00fcchte, die ihr vorauseilten, die Geschichten \u00fcber die Klinikaufenthalte, ausgel\u00f6st durch unbeherrschte Wut, mit der sie, Hammer und Mei\u00dfel in der Hand, auf die Gesichter Fremder losgegangen sein soll. Und tats\u00e4chlich, auch sie zu einer Antwort bereit, getragen von einer Welle des \u00dcbermuts:<\/p>\n<p>\u201eUnd \u00e4hnlich dem Meer geht es mir mit Gesichtsausdr\u00fccken der Menschen, der Leute, die nicht in der Lage sind, mehr als einige Sekunden ihren Blick, ihren Gesichtsausdruck zu halten, die es nicht schaffen, sich zur\u00fcckzuhalten, die es nicht schaffen, zur\u00fcckzul\u00fcgen, was sie vor nicht allzu langer Vergangenheit vorgelogen haben, und diesen Augenblick versuche ich zu mei\u00dfeln, diesen Augenblick festzuhalten, und in die Wangen k\u00f6nnte ich ihnen den \u00dcbergang hineinmei\u00dfeln, ihre falschen Augen m\u00f6chte ich ihnen dann festkratzen \u2013\u201c<\/p>\n<p>Eilig unterbrach ich sie, bevor ihre Welle zu hohe Gr\u00f6\u00dfen erreichen konnte, sie zu \u00fcbermannen und \u00fcber ihr zusammenzubrechen drohte.<\/p>\n<p>\u201eUnd, hast du es jemals zustande gebracht, die Vergangenheit zur\u00fcckzumei\u00dfeln, in einen festen Zustand, zur\u00fcck zu ihrem Ausgangspunkt?\u201c<\/p>\n<p>Und zu meiner \u00dcberraschung rollte sich ihre Welle in einem L\u00e4cheln aus, fernentr\u00fcckt dieses L\u00e4cheln, das sich \u00fcber das Meer vor uns zu breiten schien, kein Wort kam ihr \u00fcber die Lippen, vergessen schien sie mich zu haben. In die Hocke war sie gegangen, und sie begann sich damit zu besch\u00e4ftigen, einen Kegel aus Sand aus dem meerumsp\u00fclten Strand aufzurichten. Sinnlos und kindlich dieses Unterfangen, und viele Worte h\u00e4tte ich zuvor gesagt haben wollen, zu einem besseren Zeitpunkt, und diese M\u00f6glichkeit verpasst zu haben, reizte mich umso mehr zu widerspenstigem Trotz, und so warf ich ihr entgegen:<\/p>\n<p>\u201eW\u00fcrdest du mich mei\u00dfeln? Ich meine, w\u00fcrde es dich jemals reizen, mich aus einem Stein hervorzumei\u00dfeln?\u201c<\/p>\n<p>Kindlich der Blick im Ansatz, der langsam der Fratze von Belustigung wich, je l\u00e4nger sie mich betrachtete, mich von oben bis unten in meiner Festigkeit, mich in meiner Pers\u00f6nlichkeit bema\u00df, und schlie\u00dflich kehlig ihr Gel\u00e4chter.<\/p>\n<p>\u201eWie sollte man Sand je mei\u00dfeln k\u00f6nnen?\u201c<\/p>\n<p>Und wie zur Best\u00e4tigung ihrer Antwort schlug sie mit aller Kraft ihre Faust in den Sandkegel, sodass mir der Sand bis in die Augen spritzte, zu ihrer Schadenfreude. Und als ich mir den brennenden Sand endlich aus den Augen gerieben hatte, war sie mittlerweile den Strand weiter entlanggelaufen, schon zwanzig, drei\u00dfig Meter von mir entfernt, mich schon l\u00e4ngst in Sand und D\u00fcnung vergessen.<\/p>\n<p>In der Zeitung hab\u2018 ich\u2019s gelesen, Filomena, gerade jetzt, wo ich hier im Warteraum sitze, ob in einer Bahnhofshalle oder an einem Flugplatz, wei\u00df ich nicht zu sagen, denn ganz in den Bann bin gezogen von dem Foto von dir, hier in der Zeitung, links unten auf dritten Seite des Lokalteils. Und auch wenn unter dem Foto von dir ein mir unbekannter Name steht, so bin ich mir dennoch vollkommen sicher, dass du darauf abgebildet bist, unverkennbar dein Gesicht, und unverwechselbar deine Finger, die am unteren Bildrand noch zu erkennen sind. Lang ist er ja gerade nicht, der Artikel, der deinem Foto folgt, mehr ein L\u00fcckenf\u00fcller scheint er mir, aber dennoch deutlich genug in seiner Ausf\u00fchrung der Umst\u00e4nde. Scomparsa, das Wort darin, das einem immer wieder in die Augen springt, verschwunden und vermisst, aber die wei\u00dfen L\u00fccken zwischen den Zeilen wollen eigentlich suicidio andeuten. Dennoch, Selbstmord kann ich mir bei dir nicht wirklich vorstellen, Filomena, gar nichts kann ich dem Bild abgewinnen, dem Sonnenschirm an einem toskanischen Badestrand mit deiner Tasche mit Geld, Dokumenten und Telefon in seinem Schatten, und dann stehst du auf und gehst zum Meer ohne einen Blick zur\u00fcck, und dann gehst du ins Meer, tief hinein, f\u00fcr immer. Nichts da! Zu banal, geradezu l\u00e4cherlich erscheint mir, was dieser Schreiberling in seinem Artikel im hinteren Lokalteil andeuten will, auch wenn ihn entschuldigt, dass er dich nicht kennt, dass er nichts \u00fcber dich wissen kann, Filomena, die das Meer nicht zu mei\u00dfeln vermag, und schon gar nichts \u00fcber deine Finger. Dass du unmittelbar aufgestanden bist, du dem sch\u00fctzenden Schatten des Sonnenschirms entflohen bist, so weit bin ich bereit, der Geschichte zu folgen, aber irgendein sturer Gedanke muss dich gepackt haben, ein Gedanke, der dir einerlei sein lie\u00df, ob du Geld, Dokumente und Telefon im Sand zur\u00fcckl\u00e4sst. Dass du einfach drauflos gegangen bist, ja doch, so kann ich es mir ausmalen, geradewegs nach S\u00fcden, den Strand entlang, das Meer zur Rechten und die Pinienw\u00e4lder zur Linken. Und ich vermag zwar nicht zu beurteilen, wie stur dein Gedanke gewesen ist, aber w\u00e4hrend sie jetzt diesen toskanischen Strandabschnitt mit Tauchern, K\u00fcstenwache und Hubschraubern nach dir absuchen, nichts anderes als den einen oder anderen armen ertrunkenen Teufel von illegalem Einwanderer aus dem Meer fischen, wirst du wahrscheinlich schon die Region Latium erreicht haben, oder sogar schon Kampanien. Zu Fu\u00df, immer den Strand beziehungsweise die K\u00fcste entlang, denn so wie ich dich kenne, hast du dir nichts Geringeres als den s\u00fcdlichsten Punkt am Stiefelschaft Italiens in Kalabrien in den Kopf gesetzt. Oder gar Sizilien.<\/p>\n<p>Gib\u2019s zu, Filomena, du schwimmst gerade \u00fcber die Stra\u00dfe von Messina, du ewiger Sturkopf!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 15148<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinter uns die Nacht, im Schlafzimmer eines alten Bauernhofs inmitten der Toskana, die Nacht, in der es uns nach ungez\u00fcgelter Liebe gel\u00fcstet hatte, jetzt am Morgen gel\u00fcstete uns nach Zahnb\u00fcrsten, wer von uns schneller war, an der Regenrinne im Hof, grinste umso breiter. 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