{"id":3645,"date":"2015-11-15T13:13:47","date_gmt":"2015-11-15T13:13:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3645"},"modified":"2016-05-31T15:48:14","modified_gmt":"2016-05-31T15:48:14","slug":"das-rueckbezuegliche-fuerwort","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3645","title":{"rendered":"Das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3645&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3645&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es war einst ein r\u00fcckbez\u00fcgliches F\u00fcrwort, das lebte gl\u00fccklich mit allen anderen W\u00f6rtern in einem dicken, gro\u00dfen, bunten Buch namens Leben. Es herrschte v\u00f6llige Harmonie, jedes Wort kannte seinen Platz. Auch das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort war ziemlich zufrieden. Dennoch nagte stets das Bewusstsein an ihm, in st\u00e4ndiger Abh\u00e4ngigkeit anderer W\u00f6rter zu leben, ohne selbst eine eigenst\u00e4ndige Bedeutung zu besitzen. Vielmehr musste es immer und immer wieder seine Dienste erweisen, damit bedeutungsvolle W\u00f6rter ihren richtigen Ausdruck erhielten, w\u00e4hrend es selbst niemals beachtet wurde.<\/p>\n<p>Es klagte sein Leid, erst im Stillen, doch je mehr das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort \u00fcber seine Situation nachdachte, desto lauter wurden seine Beschwerden. \u201eSei doch froh dar\u00fcber, dass du mit so vielen W\u00f6rtern zusammenarbeiten kannst! Wer hat schon solch eine Abwechslung?\u201c, meinte tr\u00f6stend ein befreundetes Eigenschaftswort. Doch das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort winkte ab, schlie\u00dflich wollte es so unabh\u00e4ngig und frei sein wie all die anderen W\u00f6rter mit eigenst\u00e4ndiger Bedeutung.<\/p>\n<p>So kam es, dass das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort in einen heftigen Streit mit einem Hauptwort geriet. Das Hauptwort, das zugegebenerma\u00dfen ein wenig von sich eingenommen war und sehr herablassend gegen\u00fcber dem r\u00fcckbez\u00fcglichen F\u00fcrwort auftrat, wandte sich bereits zum Gehen, als es so pl\u00f6tzlich aus dem r\u00fcckbez\u00fcglichen F\u00fcrwort herausbrach, dass es heute noch ganz erstaunt ob seines damaligen Mutes und der gro\u00dfen Schlagfertigkeit ist. \u201eWas bildet ihr euch alle \u00fcberhaupt ein!\u201c, schrie es das Hauptwort an. \u201eImmer soll ich einspringen, wenn es euch hineinpasst! Glaubt ihr, ihr seid etwas Besseres, nur weil ihr eine eigenst\u00e4ndige Bedeutung habt? Aber ich sage euch: Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!\u201c, rief es und verschwand.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst fiel die Ver\u00e4nderung nicht auf. Lediglich die Lehrer beklagten die schlechten Schulaufs\u00e4tze ihrer Sch\u00fcler, ohne jedoch die Ursache der Fehlleistungen zu erkennen oder zu bemerken, dass es auch in ihren eigenen literarischen Erg\u00fcssen am r\u00fcckbez\u00fcglichen F\u00fcrwort mangelte. Selbst das besagte Eigenschaftswort dachte blo\u00df kurz an seinen lieben Freund, von dem es schon l\u00e4nger nichts mehr geh\u00f6rt hatte, stellte allerdings keine weiteren Spekulationen \u00fcber dessen Fernbleiben an. Aber eines war dann doch sp\u00fcrbar: Dadurch, dass das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort nicht mehr verwendet wurde, umschrieb man es auf komplexem Wege oder man benutzte immer wieder die gleichen W\u00f6rter, was die Texte zusehends langweiliger machte und gleichzeitig zu einer noch nie dagewesenen Inanspruchnahme bestimmter W\u00f6rter f\u00fchrte.<\/p>\n<p>H\u00f6hepunkt der Krise \u2013 und gleichzeitig Anlass s\u00e4mtlicher Gegenma\u00dfnahmen \u2013 war der unerwartete Freitod des Wortes \u201eSelbstmord\u201c. In seinem Abschiedsbrief, den man tags darauf in einer Badewanne fand, klagte es \u00fcber seinen immensen Arbeitsaufwand, seitdem ihm insbesondere die W\u00f6rter \u201et\u00f6ten\u201c, \u201eerdrosseln\u201c, \u201eerh\u00e4ngen\u201c, \u201eerschie\u00dfen\u201c und \u201evergiften\u201c mangels R\u00fcckbez\u00fcglichkeit nicht mehr zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden. Verbunden mit der st\u00e4ndigen Angst, durch Synonyme, allem voran durch \u201eSuizid\u201c, ersetzt zu werden, sehe es keinen anderen denkbaren Ausweg, als sein Leben zu beenden. Durch diesen schweren Schicksalsschlag wachger\u00fcttelt wurde allen W\u00f6rtern auf einmal klar, was ihnen die ganze Zeit insgeheim gefehlt hatte, n\u00e4mlich das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort!<br \/>\nMan suchte im ganzen Buch Leben nach ihm, doch es war unauffindbar.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich berief man einen Krisenrat aller bedeutungsvollen W\u00f6rter ein, um \u00fcber die aktuelle Lage zu beraten und nach einer gemeinsamen L\u00f6sung des Problems zu suchen. Die Sitzung verlief \u00e4u\u00dferst geordnet, jeder sprach f\u00fcr die Dauer seiner im Vorhinein festgelegten Redezeit und man war sich einig dar\u00fcber, dass etwas zu geschehen hatte. Doch als es konkret um die Arbeitszuweisung ging, wurde die Diskussion heikel, denn niemand wollte die Verantwortung f\u00fcr das Verschwinden des r\u00fcckbez\u00fcglichen F\u00fcrwortes \u00fcbernehmen. Man muss wissen: Die gr\u00f6\u00dfte Angst eines Wortes mit eigenst\u00e4ndiger Bedeutung ist, von einem Synonym ersetzt zu werden. Aus diesem Grund war niemand bereit, sich \u2013 wenngleich blo\u00df vor\u00fcbergehend \u2013 der Sache zu widmen, denn f\u00fcr diese Zeit w\u00e4re die Vertretung durch ein Synonym zu veranlassen gewesen. Man tagte und stritt und tagte wieder und stritt wieder, referierte, diskutierte, tagelang und n\u00e4chtelang \u2013 ergebnislos. Das Verschwinden des r\u00fcckbez\u00fcglichen F\u00fcrwortes hatte sich mittlerweile zu einer handfesten Bedrohung f\u00fcr das gesamte Buch Leben entwickelt.<\/p>\n<p>Eines Tages \u2013 man trat wieder einmal zu einem der bereits unz\u00e4hlig gewordenen Krisengipfel zusammen \u2013 erklommen ein Artikel und ein Partikel, die grunds\u00e4tzlich blo\u00dfen Beobachterstatus genossen, denen aber an diesem Tag vom Vorsitzenden ausnahmsweise das Wort erteilt wurde, das Rednerpult. Sie hatten lange Zeit gez\u00f6gert, da sie insgeheim das Verhalten des r\u00fcckbez\u00fcglichen F\u00fcrwortes als begr\u00fcndet und gerechtfertigt empfanden und deshalb billigten, jedoch wurden sie der Krise im Verlauf der Zeit \u00fcberdr\u00fcssig. Letztendlich wollten sie dann doch ihr zwar unzufriedenstellendes, jedoch geordnetes Leben wieder zur\u00fcck. Artikel und Partikel erkl\u00e4rten, sich auf die Suche nach dem r\u00fcckbez\u00fcglichen F\u00fcrwort zu begeben. Da die Mission als gef\u00e4hrlich galt, wurden sie sogleich mit Helmen und Warnwesten ausgestattet.<\/p>\n<p>Nach monatelangen Ermittlungen gelang es den beiden schlie\u00dflich, das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort am \u00e4u\u00dfersten Rand des Buchr\u00fcckens ausfindig zu machen. Es lag dort in einer H\u00e4ngematte und lauschte dem Tosen der Welt. Nun mussten die Armen das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort zur R\u00fcckkehr und zur Wiedereingliederung in die Texte des Buches Leben bewegen. Das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort hatte es sich allerdings bereits gem\u00fctlich eingerichtet und war auch seelisch auf l\u00e4ngere Abwesenheit eingestellt. Die zwei mit Schutzhelm und Warnweste bekleideten Knirpse, die es ob der vermeintlich drohenden Gefahr am \u00e4u\u00dfersten Rande des Buchr\u00fcckens nicht wagten, ihren l\u00e4cherlichen Aufzug abzulegen, setzten all ihre \u00dcberredungsk\u00fcnste auf ein rauchend und Cocktail-schl\u00fcrfend in der H\u00e4ngematte entspannendes r\u00fcckbez\u00fcgliches F\u00fcrwort ein. Das muss vielleicht ein Bild gewesen sein!<\/p>\n<p>Das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort \u2013 so ehrlich war es \u2013 genoss die Situation, die Aufmerksamkeit und die Wichtigkeit, die seiner Person, obwohl vonseiten dieser unbedeutenden Zwerge, zukam. Letztendlich wurden Artikel und Partikel mit den Bedingungen des r\u00fcckbez\u00fcglichen F\u00fcrwortes zum Krisenrat zur\u00fcckgeschickt. Dieser verlieh Artikel und Partikel jeweils einen Orden niederen Ranges und ersetzte sie durch die diplomatisch geschulten Bindew\u00f6rter. Nach mehrmaligem Hin und Her wurde schlie\u00dflich ein f\u00fcr beide Seiten akzeptables Vertragswerk errichtet, das dem r\u00fcckbez\u00fcglichen F\u00fcrwort Anerkennung, Urlaubsanspr\u00fcche und das Recht, sich vertreten zu lassen, einr\u00e4umte. Im Gegenzug verpflichtete sich das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort zur Teilnahme an grammatikalisch richtigen S\u00e4tzen. Auch den Wohnsitz am \u00e4u\u00dfersten Rande des Buchr\u00fcckens musste es aufgeben, durfte die Einrichtung aber weiterhin als Feriendomizil verwenden.<\/p>\n<p>Seither besitzt das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort eine gro\u00dfe Achtung unter den W\u00f6rtern, war denn sein Mut, sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen, von Erfolg gekr\u00f6nt worden. Jene W\u00f6rter mit eigenst\u00e4ndiger Bedeutung erkennen nun die Notwendigkeit des r\u00fcckbez\u00fcglichen F\u00fcrwortes. Jene W\u00f6rter ohne eigenst\u00e4ndige Bedeutung bewundern es, weil es etwas zustande brachte, das sie selbst niemals gewagt h\u00e4tten. Doch neben all den Bewunderern bekam das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort ebensoviele neue Feinde. Jene W\u00f6rter, die das r\u00fcckbez\u00fcgliche F\u00fcrwort aufgrund seiner Privilegien beneiden, erleben es als selbstverherrlichende Gestalt. Die Bevorteilung des r\u00fcckbez\u00fcglichen F\u00fcrwortes l\u00e4sst sich ihrer Ansicht nach durch nichts anderes als den geleisteten Widerstand zur\u00fcckf\u00fchren, was als unangemessen und im \u00dcbrigen auch als ungerecht wahrgenommen wird.<\/p>\n<p>Zum Schluss m\u00f6chte ich mich noch ganz herzlich beim r\u00fcckbez\u00fcglichen F\u00fcrwort bedanken, da es sich zur Verf\u00fcgung gestellt und mich in die Lage versetzt hat, diese \u2013 seine \u2013 Geschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Sandra Stadlbauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> | Inventarnummer: 15147<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einst ein r\u00fcckbez\u00fcgliches F\u00fcrwort, das lebte gl\u00fccklich mit allen anderen W\u00f6rtern in einem dicken, gro\u00dfen, bunten Buch namens Leben. 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