{"id":3587,"date":"2015-11-09T16:53:36","date_gmt":"2015-11-09T16:53:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3587"},"modified":"2015-11-14T08:52:40","modified_gmt":"2015-11-14T08:52:40","slug":"fuenfzehn-stunden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3587","title":{"rendered":"15 Stunden"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3587&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3587&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u201eIn K\u00fcrze erreichen wir unsere letzte Station, den Salzburger Hauptbahnhof\u201c, eine Stimme rei\u00dft mich aus meinen Gedanken, ich nehme die Kopfh\u00f6rer ab, \u201eVielen Dank, dass Sie sich bei Ihrer Reise f\u00fcr uns entschieden haben. Wir w\u00fcnschen Ihnen noch einen sch\u00f6nen Abend! Auf Wiedersehen!\u201c Ohne Pause f\u00e4hrt der unsichtbare Sprecher fort, seine Rede in gebrochenem Englisch zu wiederholen: \u201eIn a short while &#8230;ehm&#8230; we&#8217;re reaching our final station: Salzburg \u2026 ehm&#8230; main station. Thank you for &#8230;ehm&#8230; choosing&#8230; traveling with us \u2026 ehm&#8230; have a nice evening, good bye!\u201c Die letzten Worte kamen so schnell, dass man sie kaum verstehen konnte. Irgendwie finde ich die Stimme oder doch eher das Nicht-Beherrschen einer Sprache, die sie wahrscheinlich jeden Tag gebrauchen muss, um die immer gleichen Phrasen zu wiederholen, sympathisch. Irgendwie halte ich diese Menschen f\u00fcr ehrlich. Oder f\u00fcr ehrlicher. Zumindest finde ich sie aufrichtiger als Menschen, die st\u00e4ndig darum bem\u00fcht sind, den Schein des Beherrschens aufrechtzuerhalten, obwohl sie absolut kein Gef\u00fchl f\u00fcr eine andere Sprache als die eigene haben, vielleicht nicht einmal f\u00fcr die eigene.<\/p>\n<p>Nachdem die Durchsage vor\u00fcber war und ich mir kurz Gedanken \u00fcber Menschen und Sprachen gemacht habe, schalte ich meinen iPod aus, der w\u00e4hrend der gesamten Fahrt auf ungef\u00e4hr einem Viertel der vollen Lautst\u00e4rke lief, und man kann sich vorstellen, dass ich nur wenig von der Musik, aber daf\u00fcr mehr von der Ger\u00e4uschkulisse, die sich um mich herum auftat, mitbekam. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen auch die Kl\u00e4nge der Umgebung einiges hergeben, oft komme ich sogar absichtlich in den Genuss, diesmal allerdings war dem nicht so. Dass ich mir gut zwei Stunden anh\u00f6rte, wie Elisabeth sich zwischen Leben und Tod bewegt und alle in ihrem Umfeld zur\u00fcckst\u00f6\u00dft, au\u00dfer den Tod selbst, war mir zwar nicht peinlich, aber ich bef\u00fcrchtete belustigte Blicke oder gar eine hochgezogene Augenbraue. Vor allem in dem Moment, als Annemieke van Dam \u201eIch geh\u00f6r nur mir\u201c schmettert, denn sp\u00e4testens hier wissen die meisten Bescheid, dass es sich um das Musical Elisabeth handelt, und ich bef\u00fcrchte eine Fehleinsch\u00e4tzung meines Charakters. Bin ich kitschig, anspruchslos, hochintelligent oder nichts von alledem? Wahrscheinlich Letzteres. Wahrscheinlich ist es den Leuten auch herzlich egal, was ich in meiner Playlist habe. Wahrscheinlich werde ich die Lautst\u00e4rke weiter auf einem Minimum halten.<\/p>\n<p>Ich verstaue, besser gesagt ich werfe meinen iPod in meine 20 Euro teure H&amp;M-Handtasche aus braunem, nennen wir es \u201eLeder\u201c. Noch einmal checke ich mein Spiegelbild im Zugfenster, wobei ich eigentlich nur meinen Lidstrich kontrollieren m\u00f6chte, da ich mir vor kurzem einen neuen Liquidliner gekauft hatte, dem ich noch nicht vertraue \u2013 alles bestens. Mit meinen Haaren bin ich nicht ganz zufrieden, aber daran kann ich jetzt nichts \u00e4ndern. Ansonsten trage ich ein schwarzes, kurzes Kleid, schwarze Schuhe und ein paar Ringe aus Silber. In Schwarz f\u00fchle ich mich immer am sichersten. Ich wei\u00df nicht, warum.<\/p>\n<p>Der Zug h\u00e4lt. Ich schnappe meine Reisetasche und bereue es, f\u00fcr ungef\u00e4hr f\u00fcnf Tage gepackt zu haben, obwohl ich nur zwei Tage hier bin.<br \/>\nIch betrete den Salzburger Bahnsteig um 17 Uhr 9. Jetzt hei\u00dft es, den mir beschriebenen Ausgang zu finden, was eine nicht sonderlich schwierige Aufgabe sein sollte. Wie sich herausstellt, ist es wirklich keine schwierige Aufgabe. Sofort finde ich den richtigen Ausgang, entscheide mich f\u00fcr den linken Stiegenaufgang und hoffe, es ist der richtige. Es ist der richtige. Drei Minuten, nachdem ich aus der Bahn gestiegen bin, sehe ich ihn zum ersten Mal seit fast vier Wochen. Ohne es kontrollieren zu k\u00f6nnen, beginne ich zu l\u00e4cheln. Er steigt aus dem Mini Cooper, den er sich von seiner Nachbarin aus Wien ausgeliehen hat. Mit einem lockeren \u201eHallo, Anna\u201c, das ich mit einem langgezogenen \u201eHallo\u201c erwidere, geht er um das Auto herum, und zum ersten Mal seit fast vier Wochen darf ich ihn ber\u00fchren. Wie immer begr\u00fc\u00dfen wir uns wie zwei alte Freunde: eine Art kleine Umarmung mit K\u00fcsschen links und rechts auf die Wange. Er verstaut meine Tasche im Kofferraum. Noch bevor ich die Beifahrert\u00fcr aufmachen kann, eilt er an meine Seite und \u00f6ffnet sie f\u00fcr mich. Ich bin mir nicht sicher, ob er wei\u00df, wie sehr ich das sch\u00e4tze.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der drei\u00dfigmin\u00fctigen Fahrt zu seinem Haus \u201eam Berg\u201c, wie er es selbst nennt, bewegen sich unsere Gespr\u00e4che zwischen Erz\u00e4hlungen von meiner zweiw\u00f6chigen Indienreise, von der ich letzte Woche zur\u00fcckgekommen war, der starken Darmentz\u00fcndung, die ich am Tag der Heimreise bekommen habe und meiner langsamen Genesung. Er erz\u00e4hlt mir von seiner j\u00fcngeren Schwester und ihrer Familie, die auf Lanzarote leben und ihn besuchen gekommen waren, von ihren Kindern, den damit einhergehenden gro\u00dfen und kleinen Problemen, er spricht \u00fcber seine Freunde, die ich nur von Fotos kenne, und dann reden wir auch \u00fcber das Wetter. Wie jedes Mal hoffe ich, nichts Falsches zu sagen. Wie jedes Mal hoffe ich, dass er mich nicht als \u201eKind\u201c betrachtet. Wie jedes Mal, wenn er schweigt, frage ich mich, ob er sich die Sache mit uns nochmals \u00fcberlegt. Jedes Schweigen frage ich mich, warum er mich wollen sollte. Ich bin auf den Tag genau zwanzig Jahre j\u00fcnger. Er ist 41 und ich bin 21. Ich bin Studentin, er ist Schauspieler. Oft vergesse ich den Altersunterschied, da es ohnehin keine Rolle spielt, was mich viel mehr verunsichert, ist sein Interesse an mir. Warum ich? Ihn zu fragen, hab ich mich bisher nicht getraut. Auch diesmal nicht. Ich sehe ihn an und bin froh, dass er nicht wei\u00df, wie es mir eigentlich geht. Dass er nicht wei\u00df, wie sehr ich ihn mag und wie gro\u00df meine Angst ist, ihn zu verlieren.<\/p>\n<p>Endlich kommen wir oben an. Wieder bin ich von dem Ausblick \u00fcberw\u00e4ltigt, dennoch versuche ich cool zu bleiben. Er holt meine Tasche aus dem Auto und wir gehen ins Haus. Ob ihm auff\u00e4llt, dass ich viel zu viel eingepackt habe? Falls ja, l\u00e4sst er sich nichts anmerken.<br \/>\nDas Erste, was er mir drinnen anbietet, ist ein Haselnuss-Schnaps, den ich von meinem ersten Mal hier kenne. Nat\u00fcrlich lehne ich nicht ab. Er selbst gie\u00dft sich auch einen Kurzen ein. Vor und w\u00e4hrend des Trinkens kommt mir vor, als w\u00e4re er nerv\u00f6ser als ich. Dieses Gef\u00fchl habe ich h\u00e4ufiger. Sicher bin ich mir dessen aber nicht.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt ein, dass ich ihm etwas aus Indien mitgebracht habe. Bevor ich ihm den kleinen Smaragd-Ganesha gebe, habe ich das Bed\u00fcrfnis ihm zu erkl\u00e4ren, von wo ich diesen und warum ich gerade dieses Geschenk f\u00fcr ihn ausgew\u00e4hlt habe, doch alles, was aus meinem Mund kommt, ist Chaos. Alles, was ich mir vorher an Erkl\u00e4rungen zurechtgelegt habe, ist aus meinem Kopf verschwunden, sodass ich ihm die Figur einfach in die Hand dr\u00fccke. Er freut sich mehr dar\u00fcber, als ich gedacht h\u00e4tte. Ich bin erleichtert. Mehr als das. Ich bin in diesem Augenblick so gl\u00fccklich, dass ich mir fast sicher bin, mich mehr als er \u00fcber mein Geschenk zu freuen.<\/p>\n<p>Nachdem er mir in seinem Schlafzimmer die neue, dunkelbraune Wandfarbe gezeigt hat und die neue LED-Lichterkette hinter seinem Bett, fragt er mich, ob ich Hunger h\u00e4tte, ich sage ja. Er fragt mich, ob ich gerne ein Bier h\u00e4tte, auch dazu sage ich nicht nein.<br \/>\nIn der K\u00fcche holt er die verschiedensten Zutaten aus dem K\u00fchlschrank und erkundigt sich immer wieder bei mir, ob er dies oder jenes machen solle oder lieber nicht. Ich sage zu allem einfach ja. Was Essen betrifft, verlasse ich mich auf ihn, denn im Gegensatz zu mir hat er Ahnung vom Kochen. W\u00e4hrend er also mit der Zubereitung von gut f\u00fcnf verschiedenen Gerichten besch\u00e4ftigt ist, versuche ich, schon leicht angetrunken, ihn durch Geschichten zu unterhalten. Leider bin ich keine gute Erz\u00e4hlerin und nur die wenigsten meiner Erlebnisse kann ich so wiedergeben, dass sie den gew\u00fcnschten Effekt erzielen. Meist scheitere ich an witzigen Begebenheiten. Nicht selten endet eine solche Geschichte mit dem Satz: \u201eDu h\u00e4ttest dabei sein m\u00fcssen, um es lustig zu finden.\u201c In solchen Situationen wird mir der Altersunterschied doch wieder bewusst. Die Angst, ihn zu verlieren steigt wieder an. Aus Verlegenheit spricht mein Mund weiter. Jedoch ohne Kontrolle von oben. Die n\u00e4chste Peinlichkeit ist im Anmarsch.<\/p>\n<p>Irgendwann schaffe ich es doch, still zu sein. Ich sehe ihm einfach beim Kochen zu. Er blickt auf und sieht mich an. Er beginnt zu l\u00e4cheln. Ich tue es ihm gleich.<br \/>\n\u201eDu bist lustig\u201c, sagt er, \u201eEin bisschen was Katzenhaftes hast du schon.\u201c Das habe ich von ihm schon ein paar Mal geh\u00f6rt. Ich bin nicht sicher, ob er sich \u00fcber mich lustig macht, weil zu Hause zwei Katzen auf mich warten, oder es ernst meint.<br \/>\n\u201eWarum?\u201c, ich lache. Wahrscheinlich, um zu verstecken, dass mir die Antwort wichtiger ist als er ahnt. Vielleicht mache ich mich auch nur \u00fcber mich selbst lustig. Ich finde mein Verhalten l\u00e4cherlich.<br \/>\n\u201eNur so\u201c, mit einem Schmunzeln wendet er sich wieder seinen Gerichten zu. Ich bin beruhigt. Er schafft es immer wieder, dass ich mich wohlf\u00fchle. Genauso wie er es schafft, das Gegenteil in mir auszul\u00f6sen.<br \/>\n\u201eWarst du schon mal verliebt?\u201c<br \/>\nIch z\u00f6gere. Die Frage \u00fcberrascht mich. Ich antworte mit \u201eJa\u201c.<br \/>\n\u201eUnd du?\u201c<br \/>\nEr z\u00e4hlt lachend an den Fingern ab, dann sagt er ebenfalls nur schlicht \u201eJa\u201c. Ich w\u00e4re schockiert gewesen, wenn er \u201eNein\u201c gesagt h\u00e4tte. Damit ist das Thema beendet.<\/p>\n<p>Beim Essen reden wir \u00fcber unsere Familien, die guten, aber auch die schlechten Seiten. Die meiste Zeit spricht er. Ich finde es wundersch\u00f6n, seine Gedanken zu den unterschiedlichsten Themen zu h\u00f6ren. Im Gegensatz zu mir kann er das, was er denkt, gut in Worte fassen. Das bewundere ich. Ich bewundere viele Dinge an ihm, zum Beispiel seine Selbstsicherheit, ohne \u00fcberheblich zu sein. Ich w\u00fcnschte, ich w\u00e4re auch nur ann\u00e4hernd so selbstbewusst. Mein Selbstbewusstsein fu\u00dft auf der Tatsache, dass es nicht echt ist. Viele Menschen sind der Meinung, ich w\u00e4re mir meiner Selbst sicher. Die Fassade aufrechtzuerhalten, ist nicht schwer, au\u00dfer bei ihm. Er hat schon fr\u00fch gemerkt, dass ich eher von Unsicherheit und Selbstzweifel getragen werde. Trotzdem (oder gerade deswegen?) hat er mich gern.<\/p>\n<p>Ich helfe ihm, den Tisch abzur\u00e4umen. Mehrmals gehen wir hin und her, tragen Teller, Gl\u00e4ser, Sch\u00fcsseln und Besteck in die K\u00fcche. Er ber\u00fchrt mich kurz am Arm und ich sp\u00fcre, wie mein Herz sich fast \u00fcberschl\u00e4gt, aus Freude \u00fcber dieses Bisschen N\u00e4he. Als er beginnt, all das Geschirr abzuwaschen, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm dabei nicht helfen kann. Es ist zu wenig Platz, um zu zweit sauberzumachen. Geschichten, bei denen ich mich im Nachhinein sowieso gefragt h\u00e4tte, warum ich sie erz\u00e4hlt habe, fallen mir nicht ein. Nicht eine. Mein Kopf ist v\u00f6llig leer. Ich stehe einfach nur da und komme mir unglaublich nutzlos vor. Was er in diesem Moment denkt, ist mir ein R\u00e4tsel. Ich hoffe nur, es ist nicht dasselbe wie das, was ich gerade \u00fcber mich denke.<\/p>\n<p>Er geht unter die Dusche. Ich leg mich auf die Couch. Im Hintergrund l\u00e4uft Loungemusik. Es gelingt mir, trotz ansteigender M\u00fcdigkeit wach zu bleiben. F\u00fcnfzehn Minuten nachdem er im Badezimmer verschwunden war, kommt er gutaussehend wie immer, aber deutlich frischer wieder zur\u00fcck und setzt sich zu mir. Er fragt, ob ich noch ein Bier m\u00f6chte. Ich verneine, zum einen, weil mir das Abendessen fast zu viel war, zum anderen aber, weil ich mir ein bisschen Gedanken \u00fcber die hohe Anzahl an Kalorien mache. Selbstverst\u00e4ndlich w\u00fcrde ich das nie zugeben. Sogar vor mir selbst versuche ich diese eine Sorge zu verbergen oder sie so gut wie m\u00f6glich zu verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Wir reden. Er philosophiert \u00fcber das Leben. Ich finde es faszinierend, dass er genau das ausspricht, was ich mir schon seit langem denke. Meine Freude dar\u00fcber, dass wir die gleichen oder \u00e4hnliche Ansichten haben, verstecke ich. Ich schweige. Er sieht mich an. Er nimmt meine Beine und legt sie \u00fcber seinen Unterk\u00f6rper. Seine H\u00e4nde ruhen auf meinem Ober- und Unterschenkel. Er spricht weiter. Innerlich bin ich erleichtert, dass er mich immer noch gern hat, obwohl ich von einem Fettn\u00e4pfchen ins n\u00e4chste trete. Ich mag seine Ber\u00fchrungen. In diesen Momenten f\u00fchle ich mich sicher. Oder sicherer.<\/p>\n<p>Wir schweigen. Ich sehe meine Beine an. Er sieht mich an.<br \/>\n\u201eDu magst Ber\u00fchrungen nicht so, oder?\u201c, wow. Wie kann meine K\u00f6rpersprache so sehr von dem abweichen, was ich tats\u00e4chlich empfinde? Ich wei\u00df nicht, was ich sagen soll. Ein unsicheres \u201eDoch\u201c ist das Einzige, was mir dazu einf\u00e4llt.<br \/>\nNach einer kurzen Pause fragt er mich, mit einem Blick auf seine H\u00e4nde und meine Beine: \u201eIst das okay?\u201c Mehr als ein schlichtes \u201eJa\u201c kommt auch diesmal nicht raus.<br \/>\n\u201eIch mag Ber\u00fchrungen. Es ist ja okay, wenn man jemanden gern hat und denjenigen ber\u00fchren m\u00f6chte. Du hast aber schon mehr positive Gef\u00fchle als negative?\u201c Das Thema macht mich verlegen. \u201eJa sicher!\u201c, leider wei\u00df ich immer noch nicht, wie ich mein Verhalten erkl\u00e4ren soll. Vielleicht wei\u00df ich das schon, ich kann es nur nicht in Worte fassen.<br \/>\n\u201eEs ist nur\u201c, beginne ich endlich, \u201eEhm&#8230; keine Ahnung&#8230; ich&#8230;\u201c Gott sei Dank vibriert in diesem Moment sein Handy. Er fragt mich, ob er kurz rangehen k\u00f6nnte, da er einen Anruf erwartet. Beruhigt dar\u00fcber, dass das Thema damit ein Ende hat, sage ich, es w\u00e4re kein Problem f\u00fcr mich.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><span style=\"color: #333333;\">Er begr\u00fc\u00dft seinen Freund, und eines der ersten Themen, die er anspricht, ist meine Hemmung, ihn zu ber\u00fchren. Ein humorvoller Seitenhieb. Ich versuche, diesen zu ignorieren und bin froh, als sie \u00fcber etwas anderes sprechen.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">W\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs steht er auf und verschwindet aus meinem Sichtfeld, in Richtung T\u00fcr. Wie vielen Menschen, mich selbst eingeschlossen, f\u00e4llt es ihm schwer, beim Telefonieren still zu sitzen.<\/span><\/span><br \/>\nF\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter kommt er wieder ins Wohnzimmer, setzt sich neben mich und legt seine Hand auf mein Knie. Wieder spricht er meine Schw\u00e4che an. Noch einmal m\u00f6chte ich mich rechtfertigen.<\/p>\n<p>\u201eNaja&#8230; du wei\u00dft ja, meine letzte Beziehung war nicht so toll\u201c, ich sehe ihn fragend an. Er nickt. Ich fahre fort: \u201eIch hab immer das Gef\u00fchl gehabt &#8230; ehm&#8230;, dass jede Ber\u00fchrung irgendwie zu viel war&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eVon dir?\u201c<br \/>\n\u201eJa schon&#8230; Keine Ahnung. Seitdem tu ich mir schwer.\u201c Seitdem hab ich Angst vor Ablehnung. Wir haben keine richtige Beziehung. Ich hab Angst, dass ich dich zu nahe an mich ranlasse und du irgendwann einfach gehst. Auf der anderen Seite habe ich auch Angst vor einer festen Beziehung und deinen Erwartungen. Ich w\u00fcnschte, die Zeit w\u00fcrde stillstehen und mir mehr Raum geben. Ich w\u00fcnschte, ich k\u00f6nnte meine Barriere aus Distanz abstellen und dir all die Dinge sagen, die ich empfinde und dir meine Gef\u00fchle zeigen. Aber das kann ich nicht.<br \/>\nDas alles sage ich nat\u00fcrlich nicht. Das ist mir zu theatralisch.<\/p>\n<p>\u201eHmmm&#8230; aber wenn wir uns so noch n\u00e4her kommen\u201c, sagt er mit einem kleinen Grinsen im Gesicht, \u201eHab ich nicht das Gef\u00fchl, als w\u00fcrde ich dich \u00fcberfallen&#8230;?\u201c<br \/>\n\u201eNein, eh nicht. So ist es ja auch nicht\u201c, sage ich schnell.<br \/>\nNach einer kurzen Pause meint er: \u201eNaja, das ist ja nicht schlimm. Wenn es dich nicht st\u00f6rt, dass ich das mag. Du willst mich halt nicht angreifen.\u201c<\/p>\n<p>Ich sehe ihn schr\u00e4g an. Ich m\u00f6chte nicht mehr dar\u00fcber sprechen. Er l\u00e4chelt mich an. Ich l\u00e4chle zur\u00fcck. Er philosophiert weiter \u00fcber das Leben. Ich h\u00f6re ihm zu.<br \/>\nEs wird wieder still. Den Blick, den er mir zuwirft, kenne ich schon gut. Er lehnt sich zu mir und k\u00fcsst mich, zum ersten Mal seit fast vier Wochen. Es ist der perfekte Kuss. Ich erinnere mich an unseren ersten Kuss, der f\u00fcr mich genauso sch\u00f6n war. Mit meiner Hand halte ich sein Handgelenk fest, erst nach einer Weile f\u00e4llt mir auf, mit welchem Druck, und ich lasse nach.<\/p>\n<p>Er liegt auf der Couch. Ich sitze mit angezogenen Knien neben ihm. Unsere Kleidung ist am Boden verteilt. Wir schweigen f\u00fcr einige Minuten. Ich frage mich, was er gerade denkt.<br \/>\n\u201eSollen wir dann r\u00fcbergehen?\u201c, er deutet mit seinem Kopf in Richtung Schlafzimmer.<br \/>\n\u201eKlingt gut.\u201c<br \/>\nEr streichelt noch einmal meinen Unterschenkel, geht in die K\u00fcche und holt mir ein Glas Wasser, bevor er im Badezimmer verschwindet.<br \/>\nIch sammle meine Sachen zusammen, werfe sie im Vorraum auf meine Tasche und suche darin das T-Shirt und die kurze Hose, die ich zum Schlafen mitgebracht habe. Da der Raum dunkel und mein Pyjama schwarz ist, dauert es entsprechend lange, bis ich ihn gefunden habe. Er streicht mir \u00fcber den R\u00fccken und geht an mir vorbei ins Schlafzimmer. Ich ziehe mich an und folge ihm.<\/p>\n<p>Seit ungef\u00e4hr einer Stunde liege ich wach im Bett. Meine Gedanken kreisen. Ich frage mich, wie lange das mit ihm und mir noch so weitergeht. Wie lange es weitergehen kann. Haben wir \u00fcberhaupt eine Zukunft? Immer mehr muss ich daran denken, wie zerbrechlich die ganze Situation ist. Zumindest empfinde ich es so. Ich w\u00fcsste gerne, wie ernst ihm die Sache zwischen uns ist. Was bin ich f\u00fcr ihn? Eine gute Freundin mit Vorz\u00fcgen oder einfach nur eine Bekannte, die sofort da ist, wenn er ruft, oder bin ich doch mehr? Ich habe ihn noch nie gefragt. Auch diesmal werde ich es nicht tun.<\/p>\n<p>Irgendwann zwischen sieben und acht Uhr fr\u00fch wache ich auf. Durch den geschlossenen Vorhang scheint die Sonne und taucht den Raum in schwaches Licht. Ich drehe mich um. Er schl\u00e4ft noch. Ich lege meine Hand auf seine Brust und schlie\u00dfe die Augen. Sein Herzschlag ist alles, was ich in diesem Moment wahrnehme. All die Fragen und all die Zweifel, die ich vor ein paar Stunden noch im Kopf hatte, sind vergessen. Es ist egal, ob es morgen vorbei ist oder nicht. Es ist egal, ob ich nur eine Freundin oder seine Freundin bin. Es ist egal, ob wir eine Zukunft haben, oder nicht. In diesem Augenblick ist es perfekt.<\/p>\n<p>Meine Naivit\u00e4t erschreckt mich, als ich einige Wochen sp\u00e4ter wieder an diesen Moment denke. Er und ich, wir stehen immer noch am selben Punkt. Wir sind in der K\u00fcche und er kocht, w\u00e4hrend ich zusehe. Es ist still. Die Angst vor dem (unvermeidlichen?) Ende w\u00e4chst ins Unermessliche. Endlich bringe ich die Frage hervor:<br \/>\n\u201eWas bin ich eigentlich f\u00fcr dich?\u201c<br \/>\nEr schweigt.<br \/>\nIch bin mir nicht sicher, ob ich es wirklich gesagt oder nur gedacht habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Anna Bartl<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a>| Inventarnummer: 15142<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIn K\u00fcrze erreichen wir unsere letzte Station, den Salzburger Hauptbahnhof\u201c, eine Stimme rei\u00dft mich aus meinen Gedanken, ich nehme die Kopfh\u00f6rer ab, \u201eVielen Dank, dass Sie sich bei Ihrer Reise f\u00fcr uns entschieden haben. Wir w\u00fcnschen Ihnen noch einen sch\u00f6nen Abend! 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