{"id":3489,"date":"2015-10-29T16:13:09","date_gmt":"2015-10-29T16:13:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3489"},"modified":"2015-11-04T16:10:14","modified_gmt":"2015-11-04T16:10:14","slug":"der-trick","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3489","title":{"rendered":"Der Trick"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3489&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3489&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>\u201eSie haben die drei also auch schon gesehen? Sie haben es geh\u00f6rt und sich gefragt &#8212;? Sie finden das auch &#8212; ? Ja, ganz klar, aber Sie d\u00fcrfen das nicht falsch verstehen. Wollen Sie wissen, wie es dazu kam?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Trifft eine Frau im durchschnittlichen Alter von durchschnittlichem Aussehen, aber sehr faschionabel, in einer trendigen Hundeschule einen \u00fcberdurchschnittlichen Mann. Sich l\u00e4ssig an ihn anbiedernd fragt sie mit unschuldigem Augenaufschlag: \u201eWie hei\u00dft denn der?\u201c \u2013\u201eWindhundischa\u201c, antwortet der Mann kurz angebunden und wendet sich wieder ab, weil er faschionable Frauen auf den Tod nicht ausstehen kann. Kreischt diese aber vergn\u00fcgt \u201eMaaaa, ist der s\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00df!!!!\u201c, und beugt sich runter zum windhundischen Welpen. Der Windhundische knurrt und versteckt sich zwischen den Beinen seines Gastwirts. Schrill lacht die Frau auf und will ein Gespr\u00e4ch mit dem Mann beginnen. Der Mann kratzt sich am Kopf, murmelt etwas Unverst\u00e4ndliches, sagt dann scharf: \u201eKumm, Windhundischa!\u201c, und schreitet raschen Schrittes von dannen. Verliebt blickt die Frau ihnen nach.<\/p>\n<p>Vorwurfsvoll blickt sie zuhause beim Fingern\u00e4gellackieren ihren \u00f6sterreichischen Pinscher an. Er rammelt gerade die Yucca-Palme. Als er noch ganz klein war, da war er so ein Sch\u00e4tzchen, und jetzt macht er der Frau nur Schande. In der Hundeschule wei\u00df man keine L\u00f6sung, man r\u00e4t ihr nicht ab von einer chemischen Kastration. Letztes Mal hat der \u00f6sterreichische Pinscher versucht, den Windhundischen zu besteigen. Der \u00fcberdurchschnittliche Mann hat ihn unwirsch weggesto\u00dfen. N\u00e4herkommen wird sie ihm so gewiss nie! Was w\u00e4re aber, wenn&#8230;?<\/p>\n<p>Telefoniert sie am n\u00e4chsten Tag mit ihrer stylischen Freundin, die ein Fotostudio hat. Die z\u00fcchtet Hunde, weil angesagte Fotomodelle. Die Situation wird geschildert, die Freundin fragt nach k\u00f6rperlichen Merkmalen des Windhundischen und verspricht einen R\u00fcckruf. Die Frau sitzt auf gl\u00fchenden Kohlen. Abends erh\u00e4lt sie ein SMS mit einem Hundebabyfoto und der Aufforderung, sich unverz\u00fcglich in der American-Star-Bar einzufinden.<\/p>\n<p>Warten dort drei hysterisch lachende Freundinnen, in deren Mitte ein ver\u00e4ngstigter Welpe in einer Gucci-Handtasche. \u201eMaaa, ist der s\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00df!\u201c, kreischt die Frau. \u201eDein neuer Windhundischa\u201c, frohlockt die Fotografenfreundin. Fr\u00f6hlich sto\u00dfen alle mit einem Glas Prosecco an und strecken ihre solariumgebr\u00e4unten Beine durch, dann bringt die Frau ihre neue Eroberung nach Hause. Der \u00f6sterreichische Pinscher freut sich sehr \u00fcber sein neues Spielzeug und springt begeistert auf. Die Kinder der Frau freuen sich sehr \u00fcber ihr neues Spielzeug und grabschen mit vielen H\u00e4nden und lauten T\u00f6nen nach dem verwirrten kleinen Hund. Sie wollen ihn Interkontinentaler Zwergspaniel nennen, aber die Frau sagt streng: \u201eDer hei\u00dft Windhundischa, aus, basta!\u201c<\/p>\n<p>Achtet sie beim n\u00e4chsten Hundespaziergang darauf, schon vor dem \u00fcberdurchschnittlichen Mann da zu sein, sich aber dezent hinter den anderen Strebern zu verstecken. Gedankenverloren schn\u00fcffelt ihr Windhundischa im Eingangsbereich herum, sehr gelegen kommt ihr das. Ihr Windhundischa genie\u00dft die Zeit f\u00fcr sich allein, denn von all den potentiellen Rammelb\u00f6cken ist der \u00f6sterreichische Pinscher abgelenkt. Der kleine Windhundische hat das Kunstst\u00fcck entwickelt, sich beinahe unsichtbar zu machen. Erleichtert wird ihm dies durch sein rasseuntypisches Aussehen und diverse Sch\u00f6nheitsfehler: \u00dcbers\u00e4t von Pigmentflecken ist sein K\u00f6rper, die scheinen durch das d\u00fcrftige wei\u00dfe Fell durch wie Schimmelflecken durch eine frisch gewei\u00dfte Wand. Dergestalt ist sein K\u00f6rperbau, dass er wie eine Hundewurst oder ein Wursthund wirkt, zusammengeknotet hinten am Schwanz. Merkt das die faschionable Frau nicht und der Hund zum Gl\u00fcck auch nicht.<\/p>\n<p>Im letzten Moment kommt der Mann. Wie immer ist er ausschlie\u00dflich auf seinen Windhundischen konzentriert, sodass er den Windhundischen der Frau nicht sieht. Endlich, am Acker, dreht er sich stirnrunzelnd um, weil die ungehobelten S\u00f6hne der faschionablen Frau nicht aufh\u00f6ren, \u201eWindhundischa!\u201c zu br\u00fcllen. Die Frau, die f\u00fcr diesen Anlass violetten Lidschatten gew\u00e4hlt hat, schlendert schnellstens auf ihn zu, \u00fcberdreht die violetten Augen und: \u201eKinder&#8230;!!! Sie wollten ihn unbedingt Windhundischa nennen, weil sie so auf deinen Hund stehen&#8230; Jetzt musste ich ihnen allen Ernstes auch einen Windhundischen kaufen\u201c, prustet sie. Der Mann sp\u00e4ht umher, blickt sie fragend an. \u201eLoben, loben, loben\u201c, dr\u00f6hnt die Stimme der Hundetrainerin \u00fcber das Feld. Es gilt, die Hunde an ihre Besitzer zu gew\u00f6hnen und sie zu loben und mit Leckerlis zu belohnen, wenn sie diese aufsuchen. Vergessen hat das die faschionable Frau l\u00e4ngst, denn ohnehin hat sie \u00fcber den \u00f6sterreichischen Pinscher keine Kontrolle. Und in h\u00f6chster Perfektion beherrscht ihr Windhundischa ihr gegen\u00fcber die Kunst der Unsichtbarkeit. Will er etwas von ihr, winselt er penetrant, bis sie ihn wahrnimmt, doch h\u00fctet er sich davor beim Spaziergang. Blo\u00df nicht auffallen, lautet die Devise, liegen gen\u00fcgend Leckerlis herum von den \u00fcbereifrigen Hundebesitzern und ihren \u00fcberfressenen K\u00f6tern.<\/p>\n<p>Jetzt tut es der Frau nat\u00fcrlich leid, dass sie keine Ahnung hat, wo ihr Windhundischa ist. Vor allem bek\u00fcmmert es sie auch, dass des Mannes Hund immun gegen\u00fcber den immer verzweifelter t\u00f6nenden Rufen ihrer Kinder ist. Sicher hat sie sich das nicht so vorgestellt! Schnell schnorrt sie von dem Mann eine Zigarette, um im Gespr\u00e4ch zu bleiben, und stellt verdutzt fest, wie er sie missbilligend ansieht, anstatt dankbar daf\u00fcr zu sein, ihr eine Zigarette anbieten zu d\u00fcrfen. Gibt er ihr nicht einmal ein Feuer, sondern wendet sich blitzschnell um zur Hundetrainerin, um mit ihr ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die Verdauung seines Hundes zu beginnen. Die Hundetrainerin sieht die Frau nun ebenfalls missbilligend an und ruft \u00fcber das Feld (aber eigentlich der Frau direkt ins Ohr): \u201eLoben, loben, loben!\u201c<\/p>\n<p>Danach tut die Frau es sich noch einige Male an, die Hundegruppe zu besuchen, jedoch stets ohne nennenswerte Fortschritte zu machen. Dann ziehen Herbst und Winter ins Land. Beschlossen hat sie mit ihrer Freundin, dass es ihr Stolz ihr gebietet, den \u00fcberdurchschnittlichen Mann fortan geringzusch\u00e4tzen. Ihr f\u00e4llt das gar nicht sonderlich schwer, weil sie sich nie lang f\u00fcr eine Sache interessiert und sich bereits einen pflegeleichten Bodybuilder zulegen konnte. Doch steht sie jetzt vor dem Problem, dass ihr der Windhundische l\u00e4stig wird. In der Zwischenzeit haben sie feinf\u00fchlige Bekannte auch auf die \u00e4sthetischen Defizite des Hundes aufmerksam gemacht. Au\u00dferdem terrorisiert das Tier sie mit seinem ewigen Gewinsle. Am schlimmsten ist, dass niemand bereit ist, ihre beiden Hunde in Obhut zu nehmen, wenn es sie an trendigere Locations zieht, Stichwort Skiurlaub. Mit dem \u00f6sterreichischen Pinscher allein war das nie ein Problem, aber zwei Hunde, nein Herzchen, das musst du schon verstehen, das \u00fcbersteigt unsere Kapazit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz h\u00f6rt der Mann das verhaltene Getuschel in der Hundegruppe. Die Faschionable, die Unw\u00fcrdige, will ihren kleinen Hund loswerden. Mehrmals schon hat sie ihn in der Hundeschule, die auch eine Hundepension ist, abgegeben und augenscheinlich auf ein Angebot gewartet, nachdem sie ihrer Verzweiflung \u00fcber die Situation Luft gemacht hat. Nat\u00fcrlich hatte sie der Hundetrainerin immer beigepflichtet, wenn diese \u00fcber die Grausmenschen schimpfte, die einfach ihre ungeliebt gewordenen Vierbeiner bei ihr vor dem Tor platzierten, aber f\u00fcr sich selbst h\u00e4tte sich die Frau schon etwas mehr Verst\u00e4ndnis erhofft \u2013 vergebens. Auch ihre Inserate im Internet bleiben ungeh\u00f6rt. Der kleine Partyl\u00f6wenbruder ihres Bodybuilder-Freundes bringt sich ein und bietet an, den kleinen Hund f\u00fcr zwei Wochen zu sich zu nehmen, bis er zum Bundesheer muss. Dann werde sich schon was finden.<\/p>\n<p>Das alles h\u00f6rt der \u00fcberdurchschnittliche Mann, und Entr\u00fcstung macht sich breit in ihm. Er hat nat\u00fcrlich mitbekommen, dass sich die Frau den Hund nur angeschafft hat, um sich an ihn ranzumachen, und der Hund tut ihm leid. Und so bietet er sich \u2013 den Warnungen der Trainerin zum Trotz: Bist wahnsinnig, zwei Windhundische \u2013 an, den Hund in sein Rudel aufzunehmen. Es ist der letzte Triumph der faschionablen Frau, dass sie es so einmal in die Wohnung des Mannes schafft, um den kleinen Windhundischen abzugeben. Kopfsch\u00fcttelnd wirft der Mann, nachdem sie weg ist, das Luxushundefutter weg und ruft: \u201eWindhundische!\u201c Die Windhundischen kommen angerannt und fressen fr\u00f6hlich ihr Futter namens HappyDog.<\/p>\n<p>Wenn Hunde miteinander kommunizieren, nennen sie einander selbstverst\u00e4ndlich nicht bei ihren Menschennamen. Sie reagieren einfach auf die Signale des anderen, die nicht notwendigerweise akustisch kommuniziert werden. So w\u00fcrde ein Hund niemals \u201eWindhundischa\u201c rufen oder zischen, um die Aufmerksamkeit des anderen zu erregen, er w\u00fcrde stattdessen sein Signal verst\u00e4rken. Namen brauchen nur die Menschen, um \u00fcber Dritte, Vierte, F\u00fcnfte oder Sechste sprechen zu k\u00f6nnen. Wir nennen die beiden Hunde ab sofort Hund 1 (schon l\u00e4nger da) und Hund 2 (neu dazugekommen).<\/p>\n<p>Hund 1 be\u00e4ugt argw\u00f6hnisch, wie Hund 2 frisst. Ist das nicht ein bisschen zu viel der Gastfreundschaft? Er schiebt ihm eine Ladung leichte Aggression r\u00fcber. Hund 2 stellt sich vor, dass er unsichtbar ist und frisst seelenruhig und behaglich weiter. Hund 1 findet Hund 2 okay, weil er ihn irgendwie an einen seiner kleinen Br\u00fcder erinnert, aber anders als bei seinem Bruder will er, Hund 1, in dieser Beziehung die Nase vorn haben, und um die Kontrolle \u00fcber diesen Hund zu erlangen, das sp\u00fcrt er schon, Hund 1, wird er sich verausgaben m\u00fcssen, was ihn aber nicht weiter st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Nach dem Mittagessen will der Mann ausprobieren, wie es ist, mit zwei Hunden spazieren zu gehen. F\u00fcr Hund 1 waren Spazierg\u00e4nge von Anfang an Workshops, bei denen er mit seinem Gastwirt aushandelte, wie sehr und inwiefern sie einander entgegenkommen k\u00f6nnten. Hund 1 ist immer voller Konzentration, kennt jede Unkonzentriertheit des Mannes und wei\u00df sie meist klug zu n\u00fctzen. Ganz anders Hund 2: Er ist es gewohnt, ziemlich unbeachtet seiner Wege zu gehen, nur zuweilen unvermittelt hochgehoben zu werden. Die Leine kannte er bislang nur f\u00fcr die Strecke vom Haus zum Auto, wo er den Sohn begeistert hinter sich herzog. Der Mann merkt also, der neue Hund kann noch nicht gut Leinegehen und findet die gewohnte Route anstrengend und nervenaufreibend.<\/p>\n<p>Am Flussufer gibt es eine gro\u00dfe Wiese, auf der eine Roma-Familie grillt, ein Bosnier fischt, zwei arbeitslose Mittdrei\u00dfigerinnen sich sonnen. Arglos l\u00e4sst der Mann die Hunde von der Leine. Die flitzen sofort los, auf die Grillstation zu, die Roma-Familie l\u00e4chelt. W\u00e4hrend Hund 1 dezent seine Nase in die Luft reckt, ohne der Familie dabei zu nahe zu kommen, springt Hund 2 voll Seligkeit auf die Parkbank, wo die Mutter und eine andere Verwandte sitzen, springt der Mutter direkt in den Scho\u00df und leckt ihr eifrig das Gesicht, wobei sein ganzes Hinterteil vor Aufregung wackelt wie ein Aal. Die Roma-Familie ist sichtlich irritiert, macht aber gute Miene zum b\u00f6sen Spiel. Der \u00fcberdurchschnittliche Mann, der nichts auf der Welt mehr hasst, als andere Menschen durch sozial falsches Verhalten zu ver\u00e4rgern (es sei denn, er wendet es absichtlich an, um andere f\u00fcr ihr Fehlverhalten zu strafen), ruft wutentbrannt: \u201eWindhundischa!!!!\u201c<\/p>\n<p>Hund 1 hebt die Ohren, bekommt einen sorgenvollen Blick und hastet sofort auf seinen Gastwirt zu, bereit, ein Lob f\u00fcr seine schnelle Reaktion einzuheimsen. Doch was muss er erleben? Der Mann nimmt sein Kommen gar nicht wahr, sondern hat den Blick in die Richtung des anderen Hundes gerichtet und ruft wieder: \u201eWindhundischa!!!\u201c Hund 1 springt nun am Mann hoch, um ihm zu zeigen, dass er l\u00e4ngst da ist, doch da zischt der Mann: \u201eNicht du!\u201c und marschiert eiligen Schrittes auf Hund 2 zu, der die K\u00fchltasche der Familie inspiziert. Hund 1 folgt dem Mann mit gro\u00dfer Bedr\u00fcckung.<\/p>\n<p>Als Hund 2 die beiden wahrnimmt, streckt er sein Hinterteil in die H\u00f6he und signalisiert dem anderen Hund, dass er Fangenspielen m\u00f6chte. Warum nicht, denkt Hund 1, und schon rasen die zwei quer \u00fcber die Wiese, \u00fcber die Badehandt\u00fccher der zwei arbeitslosen Freundinnen und runter zum bosnischen Fischer ans Wasser, st\u00fcrzen sich in den Fluss \u2013 Hund 1 ist fasziniert, dies ist der erste Hund, der schneller rennt als er \u2013 und auf die im Wasser vorbeischwimmende Entenfamilie zu. Die Arbeitslosen sind entr\u00fcstet, der Bosnier ist nassgespritzt, die Fische sind verscheucht, der \u00fcberdurchschnittliche Mann ist fassungslos, zumal er jetzt auch noch seine Feindin, die bissige Frau wahrnimmt, die mit ihren Brotkr\u00fcmeln am Weg zur Entenf\u00fctterung sich an die Stirn fasst und \u201eOh Maria!\u201c st\u00f6hnt. \u201eHunde frei laufen zu lassen ist verboten\u201c, schreit sie. \u201eEnten f\u00fcttern auch\u201c, schreit der Mann mit hochrotem Kopf zur\u00fcck. Die Roma-Familie sch\u00fcttelt die K\u00f6pfe.<\/p>\n<p>Der Mann erreicht das Flussufer, doch da sind die Hunde schon wieder drau\u00dfen und laufen weiter auf die n\u00e4chste Wiese, denn dort promenieren andere, gr\u00f6\u00dfere Entenv\u00f6gel von schwarzer und roter Farbe. \u201eWINDHUNDISCHA!!! WINDHUNDISCHA!!!\u201c, br\u00fcllt der Mann atemlos. Ein paar Sekunden lang genie\u00dft Hund 1 noch die Szenerie, dann bewegt er sich gesenkten Hauptes langsam auf den Mann zu. Dieser empf\u00e4ngt ihn ungehalten und bedeutet ihm, sich nicht mehr von ihm wegzubewegen. Und als er dann damit fortf\u00e4hrt, \u201eWINDHUNDISCHA!!!\u201c zu br\u00fcllen, schmerzt jedes Rufen Hund 1 wie ein Schlag. Er ist doch hier! Er hat doch alles richtig gemacht! Jedes Mal zuckt er zusammen und will an seinem Gastwirt hochspringen, winselt, umkreist ihn. Hund 2 hat sich seelenruhig wieder ins Wasser begeben, das ist die Chance f\u00fcr den Mann, er erwartet ihn am Ufer und leint ihn bewusst aggressiv an.<\/p>\n<p>Mit den beiden an der Leine braucht er ca. einen halben Kilometer, um sich wieder zu beruhigen. Ihm wird klar, dass es schlichtweg nicht funktioniert, zwei Hunde zu haben, die beide Windhundischa hei\u00dfen. Er beschlie\u00dft daher nach kurzem In-Sich-Gehen, Hund 2 ab sofort Cairn Terrier zu nennen. Doch leider hat der Wirt die Rechnung ohne den Hund gemacht! Hund 2 ist todungl\u00fccklich dar\u00fcber, Cairn Terrier gerufen zu werden. Slowakischer Rauhbart, Alpenl\u00e4ndische Dachsbracke, Chinesischer Schopfhund,&#8230;. alles w\u00e4re seinen sensiblen Ohren lieber gewesen als dieser nichtssagende, geschmacklose Name. Und, wie alle Hunde fr\u00fcher oder sp\u00e4ter, bei\u00dft er sich die Z\u00e4hne an der Begriffsstutzigkeit des Menschen aus. Er h\u00f6rt schnell damit auf, auf Windhundischa zu reagieren, weil ihn die Reaktion des Mannes zu sehr kr\u00e4nkt, wenn er bei z\u00e4rtlicher Nennung des Namens auf diesen zuschw\u00e4nzelt und harsch zur Seite gesto\u00dfen wird, w\u00e4hrend Hund 1 Liebe und Leckerlis erntet. Er zeigt sich aber den Erkl\u00e4rungsversuchen des Mannes gegen\u00fcber auch nicht verst\u00e4ndig, wenn dieser gleich darauf ein Leckerli in seine Richtung schwenkt und aufmunternd \u201eCairn Terrier\u201c s\u00fclzt. Hund 2 sieht ein, dass es in dieser Situation keinen Sinn macht, sich unsichtbar zu machen, und stellt sich stattdessen taub.<\/p>\n<p>Da Hund 1 bemerkt, wie der andere immer depressiver wird, erkl\u00e4rt er sich trotz seiner Eifersuchtsgef\u00fchle bereit dazu, Namen zu tauschen. Das Problem ist jedoch, dass Hund 1 seinen Gehorsam nicht ablegen kann, und so sehr er sich auch bem\u00fcht, auf \u201eWindhundischa\u201c nicht zu reagieren, so schafft er es doch nie, gleichg\u00fcltig zu verharren. Daher muss der Namenstausch dem Mann unerkannt bleiben.<\/p>\n<p>Der Ratlose versucht folglich alles, was er kann: Er bettelt, schmeichelt, lockt, droht, ignoriert, bestraft, belohnt und ruft letztendlich den Hundetrainer f\u00fcr harte F\u00e4lle. Er klagt sein Leid: Der Hund h\u00f6rt nicht, der Hund macht nicht, was ich sage, der Hund legt sich auf den R\u00fccken, wenn ich will, dass er am Bauch liegt, der Hund hat dieses nervenaufreibende Gejaule, wenn er was will. Schuld an allem ist die Frau, best\u00e4tigt ihm der Hundetrainer tr\u00f6stend und nennt ihm seinen kostspieligen Spezialistenrat. Es sei notwendig, dass der Mann eine Bindung aufbaue, sich individuell auf das Tier einlasse. Ein Ritual brauche es, am besten dreimal pro Tag zu fixen Uhrzeiten raus und dann Training mit Zuckerbrot und Peitsche. Er empfiehlt ein paar Produkte und bittet um Barzahlung.<\/p>\n<p>Genervt geht der Mann daran, die Tipps des Profis umzusetzen. Der arme, kleine Hund wird mit Aggression von allen Seiten \u00fcberh\u00e4uft. W\u00e4hrend der Trainingsg\u00e4nge macht der Mann ihn fertig, und danach f\u00e4llt Hund 1 \u00fcber den \u00fcberm\u00fcdeten Rivalen her, voll \u00fcbersch\u00fcssiger Energie, weil er kaum noch rauskommt. Sehr bald ertr\u00e4gt Hund 2 es nicht mehr und l\u00e4uft dem Mann weg. Rein in den Kukuruz, und l\u00e4uft und l\u00e4uft und l\u00e4uft, wohin ihn seine Nase tr\u00e4gt, frei, freier, bald f\u00fchlt er sich, als w\u00fcrde er fliegen&#8230;<\/p>\n<p>Anruf der faschionablen Frau am n\u00e4chsten Morgen: Der Hund, der sei ja noch per Chip auf sie angemeldet, wurde im Tierheim abgegeben. Allen Schwierigkeiten zum Trotz atmet der Mann erleichtert auf und macht sich mit seinem Windhundischen auf den Weg, um seinen Cairn Terrier nach Hause zu holen.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit im Tierheim: Hund 2 ist au\u00dfer sich vor Freude, so kluge und verst\u00e4ndige Menschen getroffen zu haben. Niemand hier nennt ihn Cairn Terrier. Es riecht nach Nagetieren und Katzen. Allerdings hat er nicht die angenehmste Nacht hinter sich, so ganz allein auf dem harten Boden&#8230; Er langweilt sich ein bisschen und kommt nicht raus aus dieser kleinen Kammer, was eine Qual ist, wo es doch \u00fcberall so h\u00f6chst interessant riecht! Pl\u00f6tzlich spitzt er seine Ohren: Das sind eindeutig die Schritte von Hund 1! Und&#8230; ja, kein Zweifel \u2013 die Stimme des Mannes ist zu h\u00f6ren. Dem Hund war bis jetzt nicht klar, wie sehr er die beiden vermisst hat, er heult auf, dreht sich um sich selbst im Kreis und jagt seinen Schwanz. Als er sie endlich sieht, wie sie sich dem vergitterten K\u00e4mmerchen n\u00e4hern, bellt er wild jauchzend auf, und als die T\u00fcr ge\u00f6ffnet wird, schleicht er mit gesenktem Kopf auf den Mann zu, sein Hinterteil windend wie einen zweiten K\u00f6rper, und w\u00e4hrend er so auf ihn zugeht, bereit, sein Leben in seine H\u00e4nde zu legen, pinkelt er vor Freude auf den Tierheimboden. Hund 1 checkt ihn kurz ab, alles klar, und wendet sich dann wieder den Nagetierger\u00fcchen zu, die ihm fast den Verstand rauben. \u201eCairn Terrier!\u201c, raunt der Mann ger\u00fchrt. Da bleibt Hund 2 vor ihm stehen, ein Zucken geht durch seinen K\u00f6rper, die Freude f\u00e4llt in sich zusammen, nein bitte nicht!!! Entschlossen l\u00e4sst er ein zorniges Knurren vernehmen. \u201eNa na?\u201c Die Tierheimpflegerin schaut erschrocken. Sie hockt sich hin, \u201eCairn Terrier\u201c, schnurrt sie beruhigend. Der Hund richtet seinerseits einen leeren und desillusionierten Blick auf sie. Auch du?!? Erneut knurrt er, diesmal lauter. Der Mann hat die Schnauze voll. Bl\u00f6des Viech, soll er da bleiben. Er hat wirklich alles versucht, aber wenn der Hund ihn nicht leiden kann, er kann auch gut ohne ihn leben. Er denkt an die faschionable Frau, die dumme Kuh, die an allem schuld ist, daran, dass die Nachbarn sich auch schon beschwert haben, dass er jetzt zwei Hunde hat, und es reicht ihm einfach. Er m\u00f6chte seinen Hund, mit dem das Leben eigentlich perfekt war, nehmen und nach Hause fahren. Basta. \u201eWindhundischa!\u201c, ruft er scharf, doch was passiert jetzt? Hund 2 legt sich vor ihm auf den R\u00fccken, und als er einen Schritt zur\u00fcckmacht, folgt der Hund, setzt sich auf seinen Schuh und schmiegt sich an ihn wie eine Katze. Hund 1 kommt hinzu und leckt Hund 2 z\u00e4rtlich am Ohr. Also nimmt der Mann beide Hunde wieder mit.<\/p>\n<p>Hund 2 ist erleichtert, will nun aber keinesfalls mehr nachgeben. Er will zu seinem Recht kommen! Daher beh\u00e4lt er den Mann genau im Auge, und gleich beim ersten Mal, als dieser den Mund \u00f6ffnet, um den verhassten Namen auszusprechen, stoppt ihn Hund 2 in der Mitte ab. \u201eCairn T-\u201c, beginnt der Mann, und der Hund steht auf und beginnt, laut und kr\u00e4ftig zu bellen. \u201eNaaaa!\u201c, ruft der Mann verzweifelt, an die erbarmungslose Nachbarin denkend. Hund 2 bellt noch genau dreimal, dann legt er sich hin und sieht den Mann aus treuen, um Verst\u00e4ndnis flehenden Hundeaugen an. Das Spiel wiederholt sich noch einige Male, \u201eCairn T-Naaaa!\u201c, ruft der Mann, \u201eW&#8211; Wau Wau Wau\u201c, macht der Hund. Da beginnt es dem Mann zu d\u00e4mmern, und er probiert verschiedene Befehle aus, wobei er den Hund nicht mehr Cairn Terrier nennt, sondern einfach nur Hund. Und das funktioniert, damit kann Hund 2 leben, er ist schlie\u00dflich ein Hund. Die Sache mit dem Bellen beim \u201eCairn T-Naaaa\u201c gef\u00e4llt dem Mann, es ist ein lustiges Kunstst\u00fcck, das auch Hund 1 begeistert und ohne Umschweife lernt. Alles ist endlich gut. Wenn der Mann jetzt mit den Hunden spazieren geht, l\u00e4sst er bedenkenlos beide frei. Wenn er will, dass sie kommen, ruft er \u201eWindhundische!\u201c, und beide kommen angerannt. Und wenn die bissige Entenf\u00fctterin ihnen \u00fcber den Weg l\u00e4uft und ihm sagen will, dass es verboten ist, die Hunde frei laufen zu lassen, sieht er sie an, danach seine Hunde und sagt: \u201eCairn T-Naaaa\u201c, und die Hunde sehen ihn an, danach die Frau, und dann bellen sie dreimal laut und bestimmt. Dann dreht sich die Frau um und murmelt \u201eG\u2019sind\u2019l\u201c, und die drei schauen ihr nach und grinsen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Anita Millonig<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 15136<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSie haben die drei also auch schon gesehen? Sie haben es geh\u00f6rt und sich gefragt &#8212;? Sie finden das auch &#8212; ? Ja, ganz klar, aber Sie d\u00fcrfen das nicht falsch verstehen. Wollen Sie wissen, wie es dazu kam?\u201c Trifft eine Frau im durchschnittlichen Alter von durchschnittlichem Aussehen, aber sehr faschionabel, in einer trendigen Hundeschule [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[104],"tags":[11],"class_list":["post-3489","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-millonig-anita","tag-es-menschelt"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3489","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3489"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3489\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3521,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3489\/revisions\/3521"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3489"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3489"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3489"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}