{"id":3463,"date":"2015-10-24T10:38:37","date_gmt":"2015-10-24T10:38:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3463"},"modified":"2015-11-14T09:35:01","modified_gmt":"2015-11-14T09:35:01","slug":"irrenhaus-in-hinterwald-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3463","title":{"rendered":"Irrenhaus in Hinterwald &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3463&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3463&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong>Der Waldschrat<\/strong><\/p>\n<p>Und wieder hatte es sich begeben, und wie schon zuvor auch diesmal in irgendeinem Ort, in einem vielleicht nicht ganz so unbedeutenden wie bereits beschrieben, aber trotzdem letztlich irgendwo, vor nicht allzu langer Zeit, in einem altehrw\u00fcrdigen, mit Ritterburg und so, jedoch aufstrebenden und ehrgeizigen Ort, wie eben alle Orte im Zeitalter des Wirtschaftswunders. Ein Gymnasium, wo nie zuvor eines gewesen war, spontan ins Leben gerufen, ohne gen\u00fcgend qualifizierte Lehrkr\u00e4fte daf\u00fcr zur Verf\u00fcgung zu haben. Den wenigen, denen man es zutraute, das erforderliche Bildungsprogramm umzusetzen, fehlt zum Teil die entsprechende Ausbildung und manche darunter sind blo\u00df Volks- oder Hauptschullehrer.<br \/>\nSonst scheint alles wie \u00fcberall. Und doch ist alles nicht wie \u00fcberall. Nein, wohl einzigartig. Dreiundzwanzig Knaben, in irgendeinem Klassenzimmer. Man schreibt das Jahr 1969. Mathematikunterricht. Kreidestaub und der Geruch pubertierender Knaben liegen in der Luft. Ein h\u00f6lzernes Dreieck und ein Tafelzirkel am Katheder.<br \/>\nDer Waldschrat steht hinter einem Sch\u00fcler. Eine Textaufgabe, wie kann es anders sein? Der Sch\u00fcler ist ratlos. Warum kannst du das nicht, du Idot?, emp\u00f6rt sich der Waldschrat. Zu seinem eigenen Leidwesen und zum Gaudium der Sch\u00fcler kann er kein \u201ei\u201c in Kombination mit anderen Vokalen sprechen. Der Bursche zuckt mit den Schultern. Ja, ich wei\u00df eh, weil du noch viel bl\u00f6der und depperter bist wie (sic!) deine Schwester, schreit er. Waldschrat <i>haben<\/i> die Kriegsmatura schon und das Studium nicht beendet. Scho, nuschelt er, scho, das ist eine Art Verlegenheitswort, soll schlicht und einfach ja hei\u00dfen, welches in jeden seiner S\u00e4tze einflie\u00dft: scho, jetzt haltet\u2018s einmal die Papp\u2018n und h\u00f6rt\u2018s zu.<br \/>\nUnd er erz\u00e4hlt. Einen Film. Er erz\u00e4hlt den Film Rififi, denn es ist kurz vor Weihnachten. Da erz\u00e4hlt er in allen Klassen immer den Film Rififi, die Geschichte des eben entlassenen Strafgefangenen Tony, der zusammen mit der Bande eines alten Freundes einen gemeinsamen Geldschrankraub durchf\u00fchrt. Das Unternehmen gelingt, wobei alle Beteiligten in einer Auseinandersetzung mit einer konkurrierenden Bande ums Leben kommen. Man ist daran gew\u00f6hnt, wie er die \u00dcbeltaten der Verbrecher wie jene des saunftn Tony (der sanfte Anton) des rodn Edi (der rote Eduard) und von Schau (Jean) schildert. In der Klasse ist es totenstill. Die einen schlafen, die anderen am\u00fcsieren sich an seiner schrulligen Aussprache.<br \/>\nDie Schule ist in einem Zubau an einer anderen Schule untergebracht. An der Treppe zum ersten Stock fehlt noch das Treppengel\u00e4nder. Die Gymnasiasten toben durch das Stiegenhaus. Waldschrat hat Gangaufsicht und ruft den Sch\u00fclern nach, sie m\u00f6gen doch langsamer gehen, sonst f\u00e4llt noch einer hinunter und bricht sich das Genick, hinterher war\u2019s dann wieder keiner, setzt er hinzu.<br \/>\nNun, nicht blo\u00df Mathematik, nein, auch Chemie ist sein Fach. Und wenn es die Zeit und seine Laune erlauben, zeigt er hin und wieder den einen oder anderen Versuch in der Klasse. Da es keinen eigenen Chemiesaal gibt, wird improvisiert. Immerhin verf\u00fcgt der Klassenraum \u00fcber ein funktionierendes Waschbecken. Der Waldschrat hantiert mit Kaliumpermanganat, oder wie er es nennt, Kalumpermaganat (sic!), Glycerin und Wasser. Die Klasse wartet gespannt auf die versprochene chemische Reaktion im Waschbecken.<br \/>\nNichts tut sich. Da h\u00e4lt es einer der Sch\u00fcler nicht mehr aus. Aus der letzten Reihe l\u00e4uft er nach vorne, um, \u00fcber das Becken gebeugt, Nachschau zu halten. Da geht es los. Zischend spritzt ihm die \u00e4tzende Fl\u00fcssigkeit direkt ins Gesicht. Was f\u00fcr eine Aufregung! Der Waldschrat br\u00fcllt, du Idot, hab ich gesagt, du sollst dich da dr\u00fcber beugen? Der Sch\u00fcler schreit, ist im Gesicht ver\u00e4tzt und muss sofort zum Schularzt. Diese Geschichte geh\u00f6rt seit Jahren zum Standard seiner Erz\u00e4hlungen und sie klingt so: Scho, ich mach da neulich einen Versuch mit Kalumpermaganat (sic!) verstehst, und bevor das ganze Zeugs da in die Luft geht, lauft mir ein Idot aus der letzten Reihe nach vor und steckt seine Nasn da hinein, das Kaibl (dummes Kalb) das blede. Aus der letzten Reihe!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>El Commandante<\/strong><\/p>\n<p>Turnstunde im nach Geschlechtern geteilten Turnsaal. Auf der einen Seite die Burschen, auf der anderen die M\u00e4dchen. Es ist immer noch neunzehnhundertneunundsechzig. W\u00e4hrend die M\u00e4dchen ein kleines Volleyballfeld abgesteckt haben, marschieren die Burschen in Viererreihen im Gleichschritt, oh du sch\u00f6\u00f6\u00f6hener Westerwald anstimmend durch den Saal. Dicht gefolgt vom Commandante dahinter, mit einem Metallpfeifchen an einer Schnur. Tritt jemand nicht im Schritt, gibt\u2019s eins auf den Hintern mit dem st\u00e4ndig im Kreis geschwungenen Trillerding. El Commandante kommandiert nach Herzenslust, das sieht man ihm an. Braungebrannter Endf\u00fcnfziger mit starkem roten Einschlag im Gesicht und zahllosen kleinen rot-violetten \u00c4derchen im Nasenbereich, Weltkriegsteilnehmer, Parteigenosse.<br \/>\nDa erscheint eine Kollegin. Wei\u00dft du nicht, dass das verboten ist, ruft sie f\u00fcr alle h\u00f6rbar. Daraufhin l\u00e4sst er Marsch und Lied abbrechen. Alle ans Reck. Man \u00fcbt den Felgauf- und -abschwung. Schmerzende Kniekehlen gelten nicht als Ausrede. Stahlharte Burschen will er sehen, der Commandante, sogenannte Burschen aus Stahl, f\u00fcgt er hinzu, und schl\u00e4gt einem mit dem Handr\u00fccken hart auf die Brust. Die M\u00e4dchen schauen her\u00fcber, sehen die Knaben in ihren schwarzen schlotternden Turnhosen und lachen. Ruhe!<br \/>\nIrgendwann ist Schikurs. Die Jungs z\u00fcnden sich am Schlepplift gen\u00fcsslich eine Zigarette an und singen \u201ePulverschnee und Pistenwind\u201c. Hier, in diesem Abschnitt des Waldes, kann sie unm\u00f6glich jemand dabei beobachten. Der Alte sollte oben bei seiner Gruppe sein oder mit ihr auf irgendeiner Piste abfahren. Doch El Commandante ist mittendrin ausgestiegen und wartet mit seinem Notizblock hinter einer m\u00e4chtigen Fichte.<br \/>\nEs kommt, wie es kommen muss. Die Strafe lautet, zu Fu\u00df, also ohne Lift, hochsteigen. Eineinhalb Stunden stapfen die Burschen die Lifttrasse entlang hinauf, bis sie, lange Zeit atemlos, von dort aus wieder mit den anderen abfahren d\u00fcrfen. Ihr Pippen ihr, man sollte euch ungespitzt in die Erde schlagen, tobt El Commandante, einer seiner Leitspr\u00fcche, die man schon immer kennt.<br \/>\nIn der Nacht wird auf den Zimmern Karten gespielt. Drau\u00dfen, auf den Fensterbrettern, stehen Bierflaschen zwecks K\u00fchlhaltung. Wer trinkt schon gerne warmes Bier? Gegen zweiundzwanzig Uhr ist Nachtruhe. El Commandante kommt pers\u00f6nlich gute Nacht sagen. Im Zimmer riecht es stark nach Zigarettenrauch. Alles auf den Gang. Liegest\u00fctz die ganze Bande. Ermattet steigt man ins Bett.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag, Halbzeit, also der dritte Tag. Man hat Ausgang am Nachmittag. Kein Schifahren, wegen der erh\u00f6hten Unfallgefahr. Die Jungs kommen in Damenbegleitung gegen achtzehn Uhr aus dem Gasthaus. Nachtmahlzeit. Durch den Hintereingang. Der ist sicherer. Doch autsch, da steht El Commandante. Atemkontrolle! Du, du und du, ihr meldet euch nachher bei mir. Einer hat l\u00e4ngere Haare. Unser M\u00e4dchen, \u00e4tzt El Commandante. Der Junge verdreht die Augen. Langsam sollten sich die Alten dran gew\u00f6hnt haben. Schlie\u00dflich ist das Flower-Power-Zeitalter angebrochen. Unter den Heimkehrern befinden sich auch einige Sch\u00fclerinnen aus der Parallelklasse. El Commandante holt eine zu sich her, klopft ihr mit der rechten Hand auf die Brust und t\u00e4tschelt daran herum. Dann sagt er, so so, da sieht man, dass sie langsam eine Frau wird.<br \/>\nEl Commandante unterrichtet auch Geschichte. Wenn er die Klasse betritt, in Rollkragenpulli unter dem Sakko, l\u00e4sst er die Klasse aufstehen und inspiziert sie ausgiebig. Setzen. Dann schl\u00e4gt er das Klassenbuch auf und fragt einen, wo sind wir stehengeblieben? Keine Ahnung. Ein anderer meldet sich, bei den R\u00f6mern. Der Commandante nimmt die Brille ab und sagt kryptisch, die R\u00f6mer? Stille. Die R\u00f6mer? Was war mit denen? Er sieht einen der Knaben an. Der zuckt die Achseln. Was soll schon mit den R\u00f6mern gewesen sein?<br \/>\nIn der Turnstunde wird schwimmen gegangen. Wer hat keine Schwimmsachen mit? Unser M\u00e4dchen, nat\u00fcrlich. Du zahlst f\u00fcnf Schilling in die Kasse. In welche Kasse? In die Kasse f\u00fcr \u2013 El Commandante rei\u00dft sich die Brille von der Nase, frag nicht so bl\u00f6d! schreit er, aber er wei\u00df wohl selbst nicht genau, f\u00fcr welche.<br \/>\nIn den Pausen steht man zu dritt in der engen Herrentoilette zusammen und raucht. Rauchschwaden steigen \u00fcber die K\u00f6pfe der qualmenden Sch\u00fcler. Man hat das leise \u00d6ffnen der WC-T\u00fcre nicht geh\u00f6rt, die Stimmung ist gut hier drinnen, trotz Androhung einer Schularbeit in der n\u00e4chsten Stunde, das Lachen zu laut. Da erschallt El Commandantes Stimme: Ich gehe davon aus, dass hier niemand schwul ist, also nehme ich an, es wird geraucht. Alles heraus. Immer die Gleichen, sagt der Commandante.<br \/>\nDas bedeutet zwei Stunden Karzer. Danach kriegt man gerade noch den Abendbus nach Hause. Die Eltern werden sich schon Sorgen machen. Am kommenden Vormittag eilt die Sekret\u00e4rin mit einem Schreiben durch die G\u00e4nge und verk\u00fcndet in jedem Klassenzimmer lauthals die Botschaft: Die Raucher f\u00fchlen sich wieder sicher! Es wird darauf hingewiesen, dass jeder, der beim Rauchen erwischt wird, mit Karzer und einer Disziplinarstrafe zu rechnen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Pater Quardian<\/strong><\/p>\n<p>Ein schm\u00e4chtiger Mann in brauner Kutte. Sch\u00fctteres helles, beinahe wei\u00dfes Haar. Krankenkassenbrille. Sandalen ohne Socken, sogenannte Herrgottspatschen. Seine Taille umg\u00fcrtet ein geflochtener heller Strick. Ein Meister seines Faches wie auch der lateinischen Spwache, pardon, Sprache. Der Glaube ist ein Geheimnis, sagt er immer. Twummer, zuw Pw\u00fcfung, sagt er salbungsvoll. Er kann aber kein \u201er\u201c sagen, der Knabe hei\u00dft Trummer. Was wei\u00dft du \u00fcbew die Iswaeliten? Nichts. Der Bursche schweigt. Setzen, Nichtgen\u00fcgend, haucht der Padre. Ein andewew. Er deutet auf einen Sch\u00fcler in der letzten Reihe, einen mit langen Haaren und einem Milchbart. Ich lasse mich nicht pr\u00fcfen.<br \/>\nPater Quardian wird stutzig. Wieso nicht? Weil ich das nicht glaube. Wieso soll der Glaube ein Geheimnis sein? Wenn er nicht f\u00fcr alle da ist, ist es ein Unsinn, sagt er. Der Pater steht unmittelbar vorm Herzinfarkt. Er springt entsetzt auf und stottert, awawawa \u2013 dadada \u2013 ich \u2013 ich \u2013 ich hoffe, alle ham\u2019s geh\u00f6wt?, und tr\u00e4gt ein Nichtgen\u00fcgend in den Klassenkatalog ein. Jeder bekommt eine zweite Chance. Versuche, den aufm\u00fcpfigen Sch\u00fcler erneut zu pr\u00fcfen, beginnen meist blo\u00df mit den Worten: Zahlt sich\u2019s aus! Der Sch\u00fcler sch\u00fcttelt den Kopf. F\u00fcnf. Das gibt eine Mahnung am Semesterschluss.<br \/>\nDann gibt es einmal eine Sch\u00fclermesse in der Klosterkirche. Pater Quardian hat, wenn auch nicht sofort, seine Zusage zu diesem Spektakel gegeben, soll doch eine Rockband, bestehend aus Sch\u00fclern des hiesigen Gymnasiums, zur Heiligen Messe aufspielen. Schon beim Soundcheck st\u00fcrzt der Pater voll Entsetzen herbei.<br \/>\nNein, unm\u00f6glich, unbedingt leiser drehen. Das T\u00fcrchen des Tabernakels vibriert scheppernd vom E-Bass. Zur Kommunion spielt die Band Joshua fought the Battle of Jericho. Der Schlagzeuger landet einen besonders harten Schlag auf dem Becken, wobei es durch die Schwingungen aus der Verankerung gehoben wird. Laut scheppernd f\u00e4llt es auf den Steinboden. Den Pater trifft beinah der Schlag. Er wird blass und bl\u00e4sser und scheint beinah in seiner goldenen Kutte versinken zu wollen.<br \/>\nDie Sch\u00fcler lachen, und das in seiner Kirche!<br \/>\nViele viele Jahre sp\u00e4ter schreibt der langhaarige Nichtsnutz ein Entschuldigungsschreiben an den bereits greisen Pater ins Altenheim, dass er alles, was er ihm je im Unterricht angetan hat, zutiefst bereut. Pater Quardian hat ihm ger\u00fchrt verziehen, er k\u00f6nne sich aber leider gar nicht mehr daran erinnern. Auch schade.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Old McDonald<\/strong><\/p>\n<p>Englisch. Tats\u00e4chlich, ein Schotte. Gegen diesen Professor ist nichts zu sagen, nichts zu sagen! Gnadenlos gegen\u00fcber Ignoranten, ja, das ist er. Schularbeitshefte werden quer durch die Klasse fliegend zur\u00fcckgegeben mit kurzen, aber pr\u00e4gnanten Worten, wie Nichtgen\u00fcgend, oder: very short and primitive! <span style=\"color: #333333;\">Man ist in der siebten Klasse. Manche unter den Sch\u00fclern sind starke Raucher. Einer hustet auff\u00e4llig oft. Mac Donald fordert ihn mit einf\u00fchlsamen Worten auf wie: Hey, Mister Dingsda on the back seat, die at home and not in my lesson! <\/span>Sein Weihnachtsprogramm l\u00e4uft wie folgt ab: Er betritt die Klasse mit einer doppell\u00e4ufigen, nein, doppelhalsigen Laute, Kontralaute oder so. Dann schwingt er sich auf den Katheder. Von dort oben wei\u00df er gekonnt und mit \u00e4u\u00dferst eindrucksvoller Stimme schottisches Liedgut authentisch wiederzugeben. Ausnahmslos h\u00f6ren die Sch\u00fcler dem Barden gebannt zu. So vergeht die Stunde, gottlob ohne unangenehme Fragereien nach der Haus\u00fcbung, die man ohnehin nicht gemacht hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Dux<\/strong><\/p>\n<p>Latein. Eine zurechtgestutzte, schon leicht ergraute Fliege ziert das narbige Gesicht unter seiner Nase. Aufgrund widerborstigen Haarwuchses l\u00e4sst sich kein Scheitel damit machen, schon gar keiner nach rechts. Es bleibt die Igelfrisur. Die Figur, eher zart, klein von Wuchs. Er ist schlank. Anzug stets in Grau. Und er riecht stark nach Tabak. Er zeigt ein P\u00e4ckchen Smart her. Was steht da drauf? Einer liest umst\u00e4ndlich. Semper et ubique. Was hei\u00dft das? Sie da vorne? Ratlosigkeit. Immer und \u00fcberall, schreit der Dux und grinst selbstgef\u00e4llig. Sein B\u00e4rtchen dehnt sich dabei etwas und zittert.<br \/>\nAmare, sagt er. Sie dort hinten. Konjugieren S\u2018, und stehn S\u2018 gef\u00e4lligst auf, wenn S\u2018 mit mir reden, kommandiert er. Nehmen S\u2018 die H\u00e4nde aus den Hosentaschen und lassen S\u2018 die H\u00e4nde runterh\u00e4ngen, befiehlt er schroff. Der Sch\u00fcler stammelt. Nehmen S\u2018 Haltung an. H\u00e4nde an die Hosennaht. Wo kommt er her?, fragt er den Sch\u00fcler in der dritten Person. Aus \u2013 der Sch\u00fcler stammelt einen Ortsnamen. Das ist doch dort, wo sich Fuchs und Has\u2019 gute Nacht sagen, richtig?<br \/>\nDer Sch\u00fcler r\u00e4uspert sich. Er will nicht widersprechen. Ja, sagt er kratzig, ohne sich ger\u00e4uspert zu haben. Das Futurum will nicht so recht gelingen. Das Pr\u00e4sens erst recht nicht. A-a-amo, aaa-mas, stottert er, a-a-a- amariat! Ein gebr\u00e4uchliches Schimpfwort im S\u00fcden dieses Bundeslandes. M\u00f6glicherweise ein Fluch, wer wei\u00df. Was redet er denn f\u00fcr einen Schwachsinn?, fragt der Dux grantig und hilft ihm schlie\u00dflich bei der Ableitung. So geht das. Hat er vielleicht schon einmal geh\u00f6rt von?, deutscht er. Bitte? Der Sch\u00fcler ist verwirrt. Sollte das eine Frage gewesen sein? Setzen, befiehlt der Dux kopfsch\u00fcttelnd.<br \/>\nEs ist Schularbeit. Darf ich mich schn\u00e4uzen, fragt einer vorsichtig. Nein, kommt nicht in Frage, reagiert der Dux unwirsch, lassen Sie\u2019s runterrinnen. Wom\u00f6glich haben Sie Ihr Taschentuch mit Vokabeln gespickt, f\u00fcgt er an. Mit den H\u00e4nden am R\u00fccken zieht er seine Kreise durch die Bankreihen und l\u00e4sst seine Blicke immer und immer wieder \u00fcber jeden einzelnen Sch\u00fcler gleiten. Im \u00dcbrigen, ich warne Sie, sehen Sie nicht zum Fenster hinaus, es k\u00f6nnte ein Hubschrauber drau\u00dfen fliegen, der Ihnen die richtige Antwort sendet. Ihre Blicke sind ausschlie\u00dflich auf Ihr Heft gerichtet, verstanden?<br \/>\nMan darf auch nicht auf die Toilette, dort k\u00f6nnte ein Freund versteckt sein, den man zuvor bestochen hat, der einem die richtige \u00dcbersetzung liefert. Also, geben Sie auf, niemand kann Ihnen helfen, erkl\u00e4rt er den Sch\u00fclern ihre ausweglose Lage. Lediglich der Primus grinst selbstzufrieden vor sich hin und schreibt, als kriege er daf\u00fcr bezahlt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Net Woa<\/strong><\/p>\n<p>Ein alternder Volksschullehrer wird mit dem Biologieunterricht betraut. Hochgewachsen. Das sch\u00fcttere Haar, auf der einen Seite lang gehalten und kunstvoll zum Scheitel formiert, will, \u00fcber das gesamte Haupt gek\u00e4mmt, auf den kahlen Stellen des weisen Hauptes partout nicht halten und f\u00e4llt immer wieder zur Seite herab. Dort schreit es f\u00f6rmlich nach B\u00e4ndigung. Und flugs wird ein Kamm gezogen, einem Pistolero gleich, und schon ist es wieder dort, wo es vorgesehen ist, um f\u00fcr kurze Zeit an Ort und Stelle zu verweilen.<br \/>\nDie lateinischen Namen haben es ihm angetan. Schlie\u00dflich unterrichtet man jetzt im Gymnasium, und die Sch\u00fcler sind nicht irgendwelche L\u00fcmmel, nein, sondern Studenten, zu denen man Sie sagen muss. Ganz anders, als in der Volksschule.<br \/>\nDa w\u00e4ren also einmal die Selachier, net woa, Selachii, sogn die Lateina, und er lacht hoch, hihihi. Die Queeerm\u00e4uler. Dabei strapaziert er besonders das lange e. Einer der Sch\u00fcler steckt seine Zeigefinger in den Mund und zieht ihn auseinander. Damit zeigt er sich den hinteren Bankreihen. Gel\u00e4chter. Die sogenannten Plagiostomen, wiederum Plagiostomi, net woa? Die meisten g\u00e4hnen. Einer hat ein Pornoheft. Im Nu sitzen acht Burschen um den herum. Was ist dort hinten los, net woa?, sondiert der Oberlehrer. Nur ein Biologiebuch, sagt einer. Ah so, aber seid\u2018s leise, net woa, bittet er sich aus. Die geh\u00f6ren in die Ordnung der Knorpelfische, net woa? Charakterisiert durch ein knorpeliges Skelett, net woa, den auf der Unterseite des Kopfes angebrachten Mund in Form einer weiten Querspalte \u2013 Lachen. Chinesinnen, schreit einer. Gebr\u00fcll. Vorne hat einer das Wort aufgefischt.<br \/>\nDie Klasse will sich nicht mehr beruhigen. Ich kann auch zum Direktor gehen, net woa, versucht der Net Woa Druck zu machen. Langsam wird es ruhiger. Die dr\u00fcbere Seite der Klasse bl\u00e4ttert heftig im Pornoheft. Jetzt wart doch, du Trottel, bl\u00e4tter zur\u00fcck, nicht so schnell. Bist du deppert, raunen zwei. Der Net Woa, neugierig geworden durch die Ansammlung in der letzten Reihe, ist aufgestanden und zieht mit beiden Ellenbogen seine Hose hoch, die der alte ausgeleierte G\u00fcrtel ohnehin nur recht und schlecht zu halten vermag.<br \/>\nLangsam geht er nach hinten. Weg weg, raunt einer. Das Heft verschwindet in der Bank. Alsdann, was hamma da, net woa? Wir sind schon fertig, Herr Professor, sagt einer. Wird auch gut sein, net woa, sagt der und geht wieder zum Katheder. Weiter. Durch sackf\u00f6rmige Kiemen, net woa, und noch viele minder hervortretende anatomische Merkmale, net woa \u2013 Mehr hat es nicht gebraucht. Die Klasse tobt. Jeder gibt sich seiner eigenen Fantasie \u00fcber die sackf\u00f6rmigen Kiemen hin und versucht in schaustellerischer Manier das Objekt, so gut es geht, f\u00fcr die anderen in Mimik und Gestik darzustellen. Es muss auch a bissl ruhig sein, net woa, mahnt der Oberlehrer nun etwas lauter als vorhin, und will fortfahren. Ihre Haut, liest er aus dem Lehrbuch, net woa, ist mit kleinen Knochenk\u00f6rnern \u2013 weiter kommt er nicht. Die Klasse ist au\u00dfer Rand und Band. Der Oberlehrer steht auf. Holt die rutschende Hose wieder herauf in ihre vern\u00fcnftige Position und k\u00e4mmt die langen Str\u00e4hne von der einen Seite auf die andere. Es hat den Anschein, als sei er auf einmal nicht mehr so ganz sicher, ob es nicht doch blo\u00df L\u00fcmmel sind, und keine Studenten, net woa, und er droht erneut mit dem Direktor.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<br \/>\nRomanauszug aus &#8222;Der Chronist&#8220; &#8211; in Entstehung<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> |Inventarnummer: 15133<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Waldschrat Und wieder hatte es sich begeben, und wie schon zuvor auch diesmal in irgendeinem Ort, in einem vielleicht nicht ganz so unbedeutenden wie bereits beschrieben, aber trotzdem letztlich irgendwo, vor nicht allzu langer Zeit, in einem altehrw\u00fcrdigen, mit Ritterburg und so, jedoch aufstrebenden und ehrgeizigen Ort, wie eben alle Orte im Zeitalter des [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[79],"tags":[102],"class_list":["post-3463","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-prenner-norbert-johannes","tag-anno"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3463","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3463"}],"version-history":[{"count":12,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3463\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3639,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3463\/revisions\/3639"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3463"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3463"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3463"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}