{"id":3421,"date":"2015-10-19T05:50:32","date_gmt":"2015-10-19T05:50:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3421"},"modified":"2015-11-15T13:51:14","modified_gmt":"2015-11-15T13:51:14","slug":"der-wehrmann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3421","title":{"rendered":"Der Wehrmann"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3421&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3421&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Nun ist man endlich neunzehn geworden und hat die Schnauze von Schule und Elternhaus so ziemlich voll. Sich freiwillig zum Heer zu melden, scheint zu diesem Zeitpunkt die einzige, zwar nicht attraktivste, doch immerhin realistischste Methode, um sich der Umklammerung durch diese Instanzen zu entziehen, und weil man ja doch irgendwann einmal dorthin muss. Der Herr Vater ist erstaunt jedoch machtlos gegen diesen Entschluss, sollte man doch vorher das Gymnasium beenden. Schlie\u00dflich aber wird man in den Zug gesetzt, der einen in Richtung Kaserne bef\u00f6rdern soll.<br \/>\nNun also ist der Tag gekommen, an dem man pl\u00f6tzlich Wehrmann ist. In gewissem Sinne war man eigentlich immer schon Wehrmann, denn man hatte sich stets gegen alles erfolgreich gewehrt, was mit Fr\u00fchaufstehen, Disziplin und geregeltem Tagesablauf in Verbindung zu bringen war, doch diesmal liegt der Fall anders. Es scheint Kalk\u00fcl dahinter.<\/p>\n<p>Da stehen sie nun herum. Ein wilder Haufen junger M\u00e4nner, aus allen Gegenden des Landes. Eine Kaserne weit au\u00dferhalb der Zivilisation. Auf D\u00e4chern langgezogener Geb\u00e4ude sind gro\u00dfe rote Kreuze in wei\u00dfen runden Feldern auf Dachziegel gemalt. Ein Wachtmeister, komischer Vogel, mit schiefem L\u00e4cheln und wenig Grips unter der M\u00fctze, kommandiert: ab zur Kleiderkammer. Die \u00c4rmel sind zu lang. H\u00e4nde abbiegen. Passt! Man kriegt vom Hemd bis zu den Schuhen alles, und alles ist zu gro\u00df. Strapazschuhe, Lauflernschuhe genannt, Schaftstiefel. Warten. Mittagessen. Warten.<br \/>\nEines der Hauptvokabeln ist -m\u00e4\u00dfig. Es hei\u00dft gefechtsm\u00e4\u00dfig, vorschriftsm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p>Am Nachmittag geht\u00b4s hinaus in den Hof, zum Exerzieren. Das ist wichtig, denn bisher konnte man ja kaum richtig gehen, wird erkl\u00e4rt. Davor aber Gr\u00fc\u00dfen lernen. Die Hand an die Schirmm\u00fctze, F\u00fc\u00dfe zusammen. Einer fragt, bitte die Hand tangential an die Schirmkante anlegen? Der Vogel versteht nicht. Was soll das hei\u00dfen, tangential? Ist wohl ein Mathematiker darunter? Dann: Habt Acht! Vergatterung! Was wird gewollt? Ach so, man bildet vier Reihen, jede Reihe ist ein Glied. Gel\u00e4chter. Ruh im Glied, schreit der Vogel. Dann setzt sich der Zug, die vier Reihen sind also ein Zug, in Bewegung. Im Schriiiiiitt! Das Ganze links, a links a links zwo drei vier, kr\u00e4ht der Wachtmeister. Rechts. Richtung geradeaus. Dann halbrechts. Die vier an der vordersten Reihe biegen sofort ab, in die Rosenstr\u00e4ucher am Gr\u00fcnstreifen. Idioten, br\u00fcllt der Vogel, erst dort vorne, an der Wegbiegung! Wer soll das wissen? Also r\u00fcckw\u00e4rts Marsch. Die Gruppe setzt zur\u00fcck, schwerf\u00e4llig wie ein Lkw. Wachtmeister Vogel ist schon \u00fcber vierzig und hat drei silberne Plastiksterne und einen Balken am Revers und ist schon oft degradiert worden, weil er so schlampig ist. In der Kantine gr\u00fc\u00dfen ihn die jungen Korpor\u00e4le mit guten Morgen, Herr Hauptmann. Dann wird er grantig, der Vogel. Aber einer der Korpor\u00e4le entschuldigt sich und sagt, Verzeihung, die Sonne, ich hab geglaubt, es sind drei goldene, und alle lachen. Vogel wird rot und br\u00fcllt, halten S\u2018 Ihr Maul.<\/p>\n<p>Die Tage vergehen. Immer derselbe Trott. Man hat Gl\u00fcck und wird nicht Mannschafts-Vieh, sondern Kompanieschreiber. Das ist sehr praktisch, denn es erspart einem das Mitmachen bei Nacht\u00fcbungen und sonstige Schikanen. Der Spie\u00df, Offizier-Stellvertreter Bindl, ist ein rauer Bursche, aber in der Schreibstube relativ zahm. Immer in Uniform f\u00e4llt man nicht besonders auf. Bis man eines Tages beim Ausgang gesehen wird, mit Wollm\u00fctze und Dufflecoat, Jeans in braunen Lederstiefeln. Sie seh\u2018n ja aus wie ein Kanak\u2018, ruft der Spie\u00df hinterher. Beim Morgenappell stellt er sich breitbeinig vor die stramm stehende Kompanie und br\u00fcllt: Noch was, ich war gestern auf Ihrem Schei\u00dfhaus brunzen. Dort schaut es aus wie in einem Bauernschei\u00dfhaus. Da gibt es offenbar sogenannte Kunstschei\u00dfer. Die schei\u00dfen nicht in die Sch\u00fcssel, sondern auf die Wand. Gel\u00e4chter. Maulhalten! So also ist das bei der Armee.<\/p>\n<p>Da ist noch der Kompaniekommandant, der Hauptmann Himmelhund, weil er die Truppe immer mit \u201eHimmelhunde\u201c begr\u00fc\u00dft. Sonderbarer Mensch. Immer in Schaftstiefeln, H\u00e4nde auf dem R\u00fccken, die Mannschaft musternd. Einer hinterm anderen. Decken Sie Ihren Vordermann, hei\u00dft es. Sonst ist er recht wortkarg. Er hat aber etwas \u00dcberhebliches in seinen Augen. Sieht auf seine Unteroffiziere von oben herab.<br \/>\nSeit Wochen ist Verbandslehre angesagt. Sanit\u00e4ter m\u00fcssen \u00fcben und nochmals \u00fcben, sagt er. In einem der Lehrs\u00e4le wird soeben ein Ger\u00e4t zum Wasserfiltern zusammengebaut. Zwischendurch kontrolliert der Himmelhund immer wieder den Fortschritt der einzelnen Gruppen. Kaum ist der Wasserfilter betriebsbereit, inspiziert der Himmelhund auch schon die Wasserqualit\u00e4t. Herschaun!, sagt er. Den Mistk\u00fcbel her, Aschenbecher auch! Er leert alles in den Trichter \u00fcber dem Ger\u00e4t. Einschalten, sagt er barsch zu einem Ausbildner. Sehen Sie, und h\u00e4lt das Glas gegen das Licht, ganz klar, obwohl es tr\u00fcb zu sein scheint. Er trinkt und spuckt das Wasser sofort wieder aus. Verdammt! Himmelhunde! Man hat vergessen, die Filter einzubauen. Der Ausbildner kann sich was anh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die Zimmerbelegschaft ist akzeptabel. Sogar ein Schulkollege aus dem eigenen Ort ist dabei. Franz. Franz h\u00e4lt es nicht so genau mit seinem Spind. Spindkontrolle. Jeder muss sich davor hinstellen und sagen: Das ist der Spind des Wehrmannes soundso. Ihr Nachthemd, sagt der Unteroffizier zu Franz, das m\u00fcssen Sie nachteeren, da kommt das Wei\u00dfe durch. In den Laden liegen ge\u00f6ffnete Konservendosen herum. Ein paar wei\u00dfe Maden kriechen auf dem Blechrand. Das gibt ein Nachspiel. Wochenende gestrichen. Spind in Ordnung bringen. Aber Franz ist ein guter Mensch. Als man sturzbetrunken aus dem Bett f\u00e4llt, tr\u00e4gt er einen auf H\u00e4nden zur Toilette, zum \u00dcbergeben. Das macht ihn unvergesslich.<\/p>\n<p>Ein anderer ist beinahe drei\u00dfig, Anthroposoph oder so \u00e4hnlich, hat ein Doktorat. Erwin. Er ist schon verheiratet und darf zu Hause schlafen. Man beneidet ihn. Erwin wird zum st\u00e4ndigen pers\u00f6nlichen Begleiter im Lehrsaal, wegen des Schreibstubendienstes jedoch selten auf dem Felde, oder zumindest nur bei wichtigen \u00dcbungen, bei denen jeder dabei sein muss, auch der Kompanieschreiber. Erwin erkl\u00e4rt einem die Welt neu. Schlie\u00dflich ist man auf dem Lande gro\u00df geworden. Erwin ist bei einer schlagenden Studentenverbindung. Er hat eine Narbe \u00fcber dem Auge. Das ist ein Schmiss, sagt er, und erz\u00e4hlt den staunenden Zimmergenossen, wie das so ist, bei einem Degenkampf.<br \/>\nIn den Lehrsaal geht man in Lehrsaaladjustierung, lehrsaalm\u00e4\u00dfig, das hei\u00dft, ohne Krawatte.<br \/>\nBeim Gefechtsdienst tr\u00e4gt man Krawatte. So einfach ist das. Hin und wieder macht man Dienst mit der Waffe. Die Waffe hat stets einge\u00f6lt zu sein, wird einem eingeimpft. Neben dem Lehrsaal ist eine Kantine. In den Pausen trinkt man wei\u00dfen Spritzer. Erwin hebt sein Glas und ruft, streng nach Vorschrift, leicht ein\u00f6len. Gegen Mittag sind alle betrunken. Die Stimmung ist gut. Der Ausbildner wirft, um Zeit zu sparen, jedem Rekruten eine Rolle Verbandsmull zu, bis hinten in die letzte Reihe, f\u00fcr das \u00dcben von \u00dcbungsverb\u00e4nden. Man \u00fcbt Korn\u00e4hren. Am Bein, an der Hand, am Arm. Mit dem Dreieckstuch macht man sich Kopft\u00fccher.<br \/>\nDie Stimmung wird nach jeder Pause ausgelassener. Leicht ein\u00f6len! Jawoll, gefechtsm\u00e4\u00dfig ein\u00f6len!, grinst man sich an. Am Ende der Stunde werden die Faschen wieder eingesammelt. Alle werfen die Rollen nach vorne, die sich w\u00e4hrend des Fluges in der Luft von alleine entrollen und ineinander verheddern. Tobendes Gel\u00e4chter. Der Lehrsaal sieht aus wie im Fasching. Der Ausbildner ist machtlos, br\u00fcllt etwas von ordentlich aufrollen, aber niemand k\u00fcmmert sich darum. \u00dcberm\u00fctige werfen noch zus\u00e4tzlich aufgehobenes Verbandszeug nach vorn, um das Spektakel noch zu steigern.<\/p>\n<p>Manchmal bleibt einem der Gefechtsdienst trotz Schreibstubendienst nicht erspart. Das bedeutet, hinaus in die K\u00e4lte. Es ist der drei\u00dfigste November neunzehnhundertdreiundsiebzig. Raureif hat das Gras wei\u00df eingesponnen. Es ist kalt. Als Kind kriegt man einen warmen Schal umgebunden.<\/p>\n<p>Es gibt einen dicken Vizeleutnant, Hornig, der ist f\u00fcr das Leben im Felde zust\u00e4ndig. Die Uniformen haben allesamt goldene Kn\u00f6pfe, fein ziseliert. Auch die der Rekruten. Und es gibt viele dran. Unsichtbar machen, kommandiert Hornig. Das hei\u00dft, die Kn\u00f6pfe mit Erde beschmieren, damit sich nicht mehr gl\u00e4nzen und blinken und dem Feind verraten, wo man sich befindet. Hinterher kriegt man die nie mehr sauber, auch nicht mit einer B\u00fcrste. In den feinen Vertiefungen der Strukturen h\u00e4lt sich der Dreck besonders gut. Das kann den Urlaubsschein kosten, wenn die Uniform schmutzig ist.<br \/>\nHornig befiehlt Liegest\u00fctzen, wenn man etwas falsch gemacht hat oder seine Waffe nicht mehr richtig zusammenbauen kann. Dann schreit er, machen Sie zwanzig Liegest\u00fctze. Und w\u00e4hrend man Liegest\u00fctze macht, schreit er, und ficken Sie nicht das Mauseloch. Man darf aber nicht lachen, sonst muss man zehn mehr machen. Hornig erkl\u00e4rt auch den Schuhputz und belehrt einen, dass Schuhe ausschlie\u00dflich dazu da sind, um geputzt zu werden.<\/p>\n<p>Zwischen den einzelnen Tagesbefehlen liegen immer wieder Wartezeiten. Warten geh\u00f6rt dazu. Im Felde spielt man Ernstfall. Plastikwunden, sogenannte Mullagen werden umgebunden und die scheinbar Verletzten im Gel\u00e4nde liegend verteilt. Schockgesicht, offener Beinbruch, Darmaustritt. Die Verletzten m\u00fcssen um Hilfe rufen. Alle lachen dabei. Man muss die Verwundeten aufsp\u00fcren und erstversorgen. Dann kommt der Bergepanzer, rollt \u00fcber Sanit\u00e4ter und Verletzten dr\u00fcber, wobei der Verletzte von der Sanit\u00e4tsmannschaft durch ein enges Loch ins Innere des Panzers gezogen wird. Es ist ratsam, sich recht schlank zu machen, um nicht unter die Ketten des Fahrzeugs zu kommen.<br \/>\nManche haben schon irgendwie Angst, wenn das Riesending so ratternd und fauchend und donnernd \u00fcber einen dr\u00fcberf\u00e4hrt. Man \u00fcbt auch das Laufen und geb\u00fcckte Laufen in Deckung mit Verwundeten durch Tragbahren. Einmal kriegt man einen besonders dicken draufgelegt. Sprung, vorw\u00e4rts, decken, mit dem Fettwanst drauf! Aber der wird schon nach kurzer Zeit wieder abgeworfen, wenn es der Ausbildner nicht sieht, indem man die Bahre flugs umdreht. Da ist er auch schon unten. Und der Dicke tut gut daran, bis zum Sammelplatz gef\u00e4lligst zu Fu\u00df zu gehen, wenn er mit der Tragemannschaft nach Dienstschluss keine Probleme haben will.<br \/>\nBiwakieren ist eine eisige Angelegenheit mit einem Zeltblatt, aus dem die Beine ragen und einer einzigen Wolldecke, die obendrein noch unangenehm riecht. Die Bohnen in der Dose wollen \u00fcber dem Spiritusw\u00fcrfel nicht so richtig warm werden, also isst man sie kalt. Das hat Folgen und man macht die ganze Nacht kein Auge zu wegen der Bl\u00e4hungen, auch der Schreiber der Kompanie nicht, denn einen Gefechtsdienst muss auch dieser mitgemacht haben.<\/p>\n<p>Am Abend wird in den Zimmern Karten gespielt und getrunken. Unter dem Stockbett wachen jeden Morgen unterschiedliche Kameraden auf. Unter ihnen ist auch einer, der sp\u00e4ter ein bekannter Kabarettist werden sollte. Er ist Kroate und m\u00e4chtig stolz drauf. Und der auch nach dem Heer sehr human wurde. Aber zu dieser Zeit ist er noch nicht besonders human, denn er st\u00f6\u00dft, betrunken, wie immer, einen Rekruten mit deutschem Akzent mit seinem Stiefel vor die Brust \u00fcber die Treppen der Kleiderkammer, weil ihm nicht gef\u00e4llt, wie er spricht und sagt dabei, Spatzi, wos w\u00fcst? Wenn er unter dem Bett hervorkriecht, nachdem Tagwache gerufen worden war, ist er zur G\u00e4nze voller Lurch. Das erspart das Aufkehren an dieser Stelle des Zimmers. Er z\u00fcndet sich sofort eine Gauloise an und sagt dann: Spatzi, gibt mir einen Schluck von der Flasche dort. Auf dem Tisch steht ein Doppelliter Wein vom Vorabend, den die Zimmerkollegen nicht ganz ausgetrunken haben.<br \/>\n\u00dcberhaupt setzt sich das Wort Spatzi innerhalb der Truppe in dieser Zeit stark durch. Vom kleinen Tischchen des diensthabenden Korporals vom Tag, drau\u00dfen am Flur, dringt laut \u201eSatisfaction\u201c bis in die Zimmer, bis der Spie\u00df kommt und fragt, ob man deppert ist oder derisch. Das Radio wird abgedreht. Unter denen, die \u00f6fters unter fremden Betten aufwachen, ist auch ein Kandidat der Medizin. Er ist jeden Tag stockbetrunken. Er sagt auch Spatzi zu jedem und ist ein Freund des Kabarettisten. Er steht mit allen Ausbildnern und Unteroffizieren auf gutem Fu\u00df und trinkt mit ihnen. Er darf auch den Kurs f\u00fcr die Instrumentenkunde leiten, selbstverst\u00e4ndlich betrunken, f\u00fcr das chirurgische Besteck und so. Nichts deutet darauf hin, dass er kein Antimilitarist ist. Als \u201eBeinahe-Arzt\u201c haben sie ordentlich Respekt vor ihm, und nicht nur, weil er so viel Alkohol vertr\u00e4gt. Jahre sp\u00e4ter wird er Kompaniekommandant in derselben Kaserne und Primararzt.<\/p>\n<p>Acht Wochen sind vergangen. Schlie\u00dflich hat man auch die Pr\u00fcfung zum Sanit\u00e4tsgehilfen bestanden und damit die Ausbildung beendet. Alle anderen werden verschiedenen Kasernen als Sanit\u00e4ter zugewiesen. Selbst ist man dem Ministerium zugeteilt worden und muss per Stra\u00dfenbahn, mit Rucksack, Stahlhelm und Sturmgewehr den Standort wechseln. Mittlerweile ist es Winter und bitterkalt drau\u00dfen. Der Mantel ist zu lange, die Schultern zu breit, der Rucksack zu schwer. Da rei\u00dft ein Riemen und der Stahlhelm kollert durch das Innere der Stra\u00dfenbahn. Ein Bild, erbarmungsw\u00fcrdig. Die Leute in der Stra\u00dfenbahn l\u00e4cheln. Weihnachten ist man nur f\u00fcr drei Tage bei der Familie. Es ist besser so, damit die alten Wunden nicht wieder aufbrechen. Es gibt nicht viel zu erz\u00e4hlen. Wie es eben so ist, h\u00e4lt man sich bedeckt. Es kann einem ja doch niemand helfen. Da muss man durch. Man h\u00e4tte es ja so gewollt, also was soll\u00b4s?<\/p>\n<p>Nun wohnt man in einer Blechbaracke einer Kaserne in der Stadt. Keine Isolierung. Das Fenster ist au\u00dfen ebenso vereist wie innen. Der Boden asphaltiert. Man hat st\u00e4ndig kalte F\u00fc\u00dfe und Schnupfen. Luftschutztruppenschule hei\u00dft es dort. Der Rekrut am Telefon meldet sich mit Lustschutztruppenschule und l\u00e4chelt dabei vielsagend. Versteht sowie keiner. Am Tage der Umsiedelung wird in der neuen Kaserne soeben der alte Kommandant verabschiedet. Es hat gefroren in der Nacht. Die beiden Offiziere stehen sich gegen\u00fcber, der alte und der neue. Sie gehen im Stechschritt aufeinander zu. Da ger\u00e4t der Alte auf eine Eisplatte, als er j\u00e4h zu stehen kommt, rutscht er darauf aus und f\u00e4llt in Slapstickmanier auf den Hintern. Das Gel\u00e4chter von vier Kompanien erschallt \u00fcber den Kasernenhof. Ruuuuh\u00e4\u00e4\u00e4\u00e4\u00e4!, br\u00fcllt ein Offizier. Allleeee Urlaubsscheine sind ab sofort gestricheeen! Schei\u00dfe! Das ist also der erste Tag hier.<\/p>\n<p>In der Blechbaracke ist eine kleine Kompanie untergebracht, bestehend aus Akademikern im vorderen Teil und Kraftfahrern im r\u00fcckw\u00e4rtigen. Warum man hier sei, als Sch\u00fcler noch dazu, man hat doch einen Onkel irgendwo, man k\u00f6nne es ruhig sagen? Also ausschlie\u00dflich was f\u00fcr Privilegierte. Wieder Gl\u00fcck gehabt. Und man hat keinen Onkel. Man hat niemanden. Vielleicht Vater und Mutter, weit weg. Der Kompaniekommandant ist ein Oberstleutnant und er hasst M\u00e4nner, weil sie h\u00e4sslich seien, sagt er, im Gegensatz zu den Frauen, sagt er. Sein unmittelbarer Unteroffizier, Wedlhammer, ist ein selbstbewusster Mann, der seinem Vorgesetzten immer gerne widerspricht und die Jungm\u00e4nner vor ihm in Schutz nimmt. Der Oberstleutnant wurde im Weltkrieg wegen besonderer Eignung zum Offizier ernannt. Das kennt man schon. Und seine Haut im Gesicht ist tiefrot und er hat einen Goldzahn vorne.<\/p>\n<p>Der Dienst im Ministerium ist leicht. Es wird erwartet, dass man ein paar Formulare ausf\u00fcllt, Krankmeldungen erkrankter Rekruten ordnet, hin und wieder eine Kopfwehtablette in ein Zimmer bringt und manchmal in die Kopierstelle nach unten f\u00e4hrt, um etwas abzuholen oder kopieren zu lassen. Es gibt einen Lift, einen Paternoster, in den man auf allen Ebenen ein- und aussteigen kann, w\u00e4hrend sich das Ding ohne stehenzubleiben auf der einen Seite hinauf- und der anderen Seite hinunterbewegt. Das ist sehr unterhaltsam.<br \/>\nMan liebt diese Wege, bei denen man ihn benutzen kann. Einmal vergisst man, rechtzeitig im Obergescho\u00df auszusteigen und kriegt Angst, weil es unters Dach geht, wo die Seile und Rollen sind und alles knarrt und knattert. Aber es passiert nichts und man kommt nach der Umrundung wohlbehalten wieder unterhalb an. Im Zimmer sitzen ein Amtsrat, Herr Asteck und ein C\u2013Beamter f\u00fcr die Schreibdienste, Herr Weber. Herr Asteck und Herr Weber m\u00f6gen einander nicht. Asteck deckt Weber immer auf, weil er trinkt und viele Rechtschreibfehler in seinen Schreibarbeiten hat und so viel Unsinn redet. Weber mag Asteck nicht, weil der immer alles wei\u00df und ihn immer wegen seiner Fehler \u00fcberf\u00fchrt, auch wenn er sie geschickt zu \u00fcberspielen versucht.<br \/>\nWeber geht viertelst\u00fcndlich auf die Toilette. Asteck verr\u00e4t, Weber h\u00e4tte einen Doppler in der Klosp\u00fcle, aus dem er immer trinkt. Und Weber hat eine blauviolette zerfurchte riesige Nase. Das kommt vom Saufen, sagt Asteck. Oft ist nichts zu tun. Asteck steckt sich eine Flirt an, legt die Ellenbogen auf seinen Schreibtisch und beginnt dann immer, Weber zu verh\u00f6ren. Na, Herr Weber, waren wir wieder beim Heurigen am Wochenende? Selbstverst\u00e4ndlich, Herr Asteck, sagt Weber dann. Was haben Sie denn gegessen, fragt Asteck und Weber sagt, eine Stelze, wie immer, Herr Asteck. Und dazu haben Sie eine Flasche Wein getrunken, richtig?, bohrt Asteck. Selbstverst\u00e4ndlich, sogar zwei, sagt Weber dann stolz. Seh\u00b4n Sie, wendet sich Asteck dann an den Rekruten, wie gut es dem geht, und lacht.<br \/>\nN\u00e4chstes Jahr fahren wir in die C\u00e4mp\u00e4n, sagt Weber. Wohin?, lacht Weber und sagt, das hei\u00dft doch Campagne, nicht wahr, zum Rekruten. Man sagt besser nichts dazu. Dann entfacht sich ein Streit zwischen Asteck und Weber wegen der Aussprache der C\u00e4mp\u00e4n. Kurze Zeit sp\u00e4ter f\u00e4hrt Weber mit dem Paternoster hinunter in den dritten Stock, wo die Kantine ist. Er geht an die Bar, hebt den Zeigefinger, kriegt automatisch ein Viertel Rot, und w\u00e4hrend er eine Zigarette raucht, trinkt er das Glas mit drei Schlucken aus. Hernach begibt er sich wieder in die Kanzlei nach oben. Ist dann wieder nichts zu tun, sieht Astecker Weber l\u00e4ngere Zeit sp\u00f6ttisch an und fragt: Na, Weberin, was gibt\u00b4s Neues? Dann wird Herr Weber wild und sagt: Sagen Sie nicht Weberin zu mir, wenn ich bitten darf, nicht vor dem jungen Mann da.<\/p>\n<p>Im \u00fcbern\u00e4chsten Zimmer sitzt ein Oberstarzt mit einem Glasauge. Er raucht ununterbrochen. Wenn man in sein Zimmer gerufen wird, sieht man ihn oft nicht wegen des Rauchs. Er bietet einem einen Platz an und erz\u00e4hlt von seiner Jugend und vom Krieg, und dass er in einem Straflager mit Str\u00e4flingen in einem Steinbruch war, in dem er vor Schw\u00e4che beinahe gestorben w\u00e4re. Nur einer der Str\u00e4flinge hat ihn \u00fcber die Runden gebracht, sonst s\u00e4\u00dfe er heute nicht hier. Einmal wird man wieder in sein Zimmer gerufen, um ihm einen Krankenakt eines Rekruten zu bringen. Machen Sie sich nichts draus, sagt der Oberst und bl\u00e4st den Rauch seiner Zigarette vor sich her, ich hab\u2018 einen fahren lassen.<\/p>\n<p>Im anderen Nebenzimmer sitzt der General-Arzt, Astecks und Webers unmittelbarer Vorgesetzter. Er ist j\u00fcngst zum Heeressanit\u00e4tschef ernannt worden. Asteck hat ihn sofort nach Bekanntwerden der neuen Bef\u00f6rderung mit dem neuen Titel angesprochen. Der aber hat abgewehrt und gesagt, er mache sich da nichts daraus. Sekunden sp\u00e4ter l\u00e4utet das Telefon beim General. Er hebt ab und schreit in den H\u00f6rer, Heeressanit\u00e4tschef Generalarzt Doktor Britt.<\/p>\n<p>Gegen siebzehn Uhr ist der Dienst beendet und man f\u00e4hrt mit der Bim wieder in die Kaserne. Dort gibt es die abendliche Standeskontrolle, und danach hat man Ausgang. Die Kraftfahrer machen immer wieder allerlei Unsinn, zerschlagen betrunken Sessel und Tische oder bleiben die Nacht \u00fcber weg. Der Oberstleutnant will daf\u00fcr alle bestrafen, auch die Rekruten aus der Akademikertruppe und k\u00fcndigt f\u00fcr Freitagabend eine Nacht\u00fcbung f\u00fcr alle an. Aber wirklich nicht, widerspricht ihm Wedlhammer, da kennan S\u2018 allanich hingehn! Die Truppe lacht. Der Oberstleutnant wird rot, flucht und nimmt Wedlhammer beiseite. Aber wenn der nicht will, geht gar nichts. Also bel\u00e4sst man es bei einer Bestrafung der tats\u00e4chlichen \u00dcbelt\u00e4ter, womit schlussendlich der Gerechtigkeit Gen\u00fcge getan wird.<\/p>\n<p>Und dann ist es endlich M\u00e4rz geworden und mit diesem Monat ist man Abr\u00fcster. Aaaaabr\u00fcsten h\u00f6rt man schon am fr\u00fchen Morgen durch die G\u00e4nge der Baracke hallen und auf dem Flur h\u00f6rt man Tina Turner aus dem Kasettenrecorder mit Natbush City Limits und I\u00b4m free von den Who, und man schmiedet Pl\u00e4ne, was denn nach dem Milit\u00e4rdienst jetzt nun eigentlich werden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 15131<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun ist man endlich neunzehn geworden und hat die Schnauze von Schule und Elternhaus so ziemlich voll. Sich freiwillig zum Heer zu melden, scheint zu diesem Zeitpunkt die einzige, zwar nicht attraktivste, doch immerhin realistischste Methode, um sich der Umklammerung durch diese Instanzen zu entziehen, und weil man ja doch irgendwann einmal dorthin muss. 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