{"id":3391,"date":"2015-10-13T16:13:12","date_gmt":"2015-10-13T16:13:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3391"},"modified":"2015-11-14T09:34:37","modified_gmt":"2015-11-14T09:34:37","slug":"irrenhaus-in-hinterwald","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3391","title":{"rendered":"Irrenhaus in Hinterwald &#8211; Teil 1"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3391&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3391&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong>Der Werwolf<\/strong><\/p>\n<p>Und es begab sich, in irgendeinem Ort, irgendwo, vor nicht allzu langer Zeit, trockengelegt und \u201ezuasphaltiert\u201c, wie alle Orte im Zeitalter des Wirtschaftswunders. Eine Hauptschule, wie \u00fcberall. Und doch nicht wie \u00fcberall. Nein, wohl einzigartig. F\u00fcnfundzwanzig Knaben, in irgendeinem Klassenzimmer. Man schreibt das Jahr 1965. Mathematikunterricht. Kreidestaub liegt in der Luft. Ein h\u00f6lzernes Dreieck am Katheder. Der Werwolf steht hinter einem Sch\u00fcler. Eine Textaufgabe. Warum kannst du das nicht, du Trottel? Der Knabe zuckt mit den Schultern. Ja, ich wei\u00df eh, weils d\u2018 bl\u00f6d bist! Zack! Eine Ohrfeige. Der Knabe beginnt zu weinen. Was? Pl\u00e4rren auch noch? Doppelte Watschn. Eine sogenannte Hauswatschn, wie sie der Werwolf immer nennt.<br \/>\nDer Werwolf ist der Direktor. Der Knabe weint noch lauter als zuvor. Raus auf den Gang, dort st\u00f6rst niemanden, kommandiert der Werwolf. Der Knabe geht laut schluchzend vor die T\u00fcr. Der Werwolf beugt sich \u00fcber einen anderen Sch\u00fcler. Er kontrolliert die Rechnungen in seinem Heft. Der Lehrer stinkt aus dem Mund. Sein Sakko riecht stark nach Zigarettenrauch. Er hat gelbe Z\u00e4hne. Die, die nicht gelb sind, gl\u00e4nzen silbern. Sie blinken, wenn er sein breites Maul \u00f6ffnet. Beim Sprechen zieht sein Speichel vom Unter- zum Oberkiefer wei\u00dfe F\u00e4den. Ab und zu verzerrt er sein Gesicht zu einer Grimasse. Er verrenkt sich den Hals. Tut, als w\u00e4re ihm der Hemdkragen samt Krawatte zu eng. Dabei verschiebt er den Unterkiefer stark nach links. Mehrmals hintereinander. Immer dann, wenn er sich \u00e4rgert. Und er \u00e4rgert sich immer. Er ist sehr nerv\u00f6s.<br \/>\nDie Verrenkungen werden h\u00e4ufiger. Einer der Knaben schwitzt stark. H\u00f6r auf zu schwitzen, Schwitzerter!, befiehlt der Werwolf. Ein anderer will den Vorhang zuziehen, weil ihn die Sonne blendet. Lass den Vorhang in Ruh, Depperter, sei froh, dass dich die Sonn\u00b4 anscheint. Wenn s\u2018 dich nimmer anscheint, schaust du dir ohnehin die Erd\u00e4pfel von unten an. Er lacht als Einziger \u00fcber seine eigenen Worte.<br \/>\nDann sagt er, sich einem anderen Sch\u00fcler zuwendend: Wenn du das nicht kapierst, du Trottel, dann wird\u00b4s nix mit\u00b4n Gymnasium. Sonderschul\u00b4 kannst gehn, wauns die nehman, Depperter. Dazu lacht er und erwartet, dass die Klasse mitlacht. Seine Silberz\u00e4hne blinken im Sonnenlicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Frontschwein<\/strong><\/p>\n<p>Englischunterricht. Er war an der Afrikafront unter Rommel. Er hat einen fetten Hintern und einen feisten Wanst. Seine Z\u00e4hne haben einen ausgepr\u00e4gten Vorbiss. Die Augen quellen stark hervor. Sein kurzer Haarschnitt macht ihn einem Gorilla \u00e4hnlich. Sein Kopf zeigt entlang der Schl\u00e4fen zwanzig Jahre nach dem Weltkrieg immer noch die Spuren des Stahlhelms, wo dieser aufgesessen ist. Er h\u00e4lt zwei Vierziger-Lineale in der Hand.<br \/>\nEiner der Knaben kann die Vokabeln nicht. Neunzig Grad, br\u00fcllt der Veteran. Der Knabe muss sich \u00fcber eine Schulbank in der ersten Reihe b\u00fccken. Der Englischlehrer legt beide Lineale \u00fcbereinander und schl\u00e4gt damit zwanzig Mal auf des Knaben Ges\u00e4\u00df. Der Knabe wird rot im Gesicht. Kurz darauf beginnt er zu br\u00fcllen. Die Klasse sieht versteinert zu. Die Sch\u00fcler atmen nicht. Erst wieder, als alles vorbei ist. Keiner m\u00f6chte der N\u00e4chste sein.<br \/>\nDer Englischlehrer erz\u00e4hlt zum x-ten Mal denselben Witz. Ein Mann wird beschuldigt, einem anderen ein blaues Auge geschlagen zu haben. Der Beschuldigte beteuert, jener sei ihm in die Faust gelaufen. Die Klasse lacht. Weil sie muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Hunne<\/strong><\/p>\n<p>Physikstunde. Man kann ihn nicht so recht verstehen, den Hunnen. Er ist nicht von hier. Jemand macht leise mimimimimi. Von den hinteren B\u00e4nken h\u00f6rt man Lachen. Der Hunne springt von seinem Sessel auf. Kommst ausse, B\u00e4rschl!, schreit er. Soll hei\u00dfen, Bursche, komm heraus. E\u00f6\u00f6\u00f6h, macht der Hunne, B\u00e4rschl, kumm aussssi! Der Hunne schnellt seinen Kopf in den Nacken und fistelt etwas mit hoher Stimme. Er zieht die Luft durch seine spitz gemachten Lippen, so als wolle er hei\u00dfe Suppe schl\u00fcrfen. Aber es soll blo\u00df sein Entsetzen signalisieren, dass einer der Knaben es wagt, seine Autorit\u00e4t zu untergraben. Er hat eine Glatze und das Sakko spannt \u00fcber seinem Bauch. Mimimimimi?, macht er, w\u00f6\u00f6\u00f6r waaagt es, den L\u00f6hrer zu beleidigen? Sein Kopf f\u00e4llt abermals in den Nacken, er verdreht die Augen. Er l\u00e4uft auf einen Sch\u00fcler zu und packt ihn am Kragen. Mit hoher Stimme, wie ein Dummerl, auf Kindergartenmanier: Hast du es gewagt, h\u00f6rst, den Lehrer nachzumachen?, fragt er den Erschrockenen. Wieder im hohen Fistelton und diesmal ganz schnell: Ist es erlaubt, den Lehrer nachzumachen? Ist es erlaubt? Immer wieder: Ist es erlaubt, den Lehrer nachzumachen? \u00d6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6iiiiiiiiiiii? Haucht: Den Leeehhhhrer naaachzumachen? Sein Kiefer klappt dabei auf und zu wie bei einem Krokodil. Ist es gestattet, f\u00fcgt er nahezu beamtisch hinzu, ganz schnell, \u00fcberdeutlich artikulierend.<br \/>\nDer Junge wird rot. Nein, stottert der, nein. Der Hunne zieht den Knaben am Ohr, so lange bis der schreit. Eine Ohrfeige folgt. Dann noch eine. Eine dritte. Mimimimi, der Hunne diminuiert in den h\u00f6chsten T\u00f6nen. Wagst du es, h\u00f6rst, den Leeeehhhrer nachzumachen? Ganz schnell und stolpernd: Wagst du es, den Lehrer nachzumachen? Nein, stottert der Junge. Dann leise, ganz sanft im Ton, belehrend: genau. Niemandem ist es gestattet, den Leeeehrer nachzumachen. Lippen spitz, Kopf nach hinten geworfen. Ihn zu verspotten! Fl\u00fcstert: ihn l\u00e4cherlich zu machen. Noch leiser, singend: ihn vor allen zum Gesp\u00f6tt zu machen. E\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6h!, verhallt es.<br \/>\nDann, ganz pl\u00f6tzlich, br\u00fcllt er: Geh Platz! Platz! Sitz!<br \/>\nEs ist mucksm\u00e4uschenstill in der Klasse. Er selbst aber setzt sich bed\u00e4chtig auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch. Dort bl\u00e4ttert er in seinen Lehrb\u00fcchern und beginnt nach einer kleinen Pause andachtsvoll, Kusslippen: F\u00fc\u00fc\u00fc\u00fcsiiiiik \u2013 meine Herren, ist eine ernsthafte Wissenschaft. Er hat den Kopf wieder ganz nach hinten gelegt. Dann, wie der Priester in der Kirche, salbungsvoll, oder als wolle er die Klasse vorm Dummsein erl\u00f6sen: Ich zeige euch heute einen Versuch, nach dem Hitze einen K\u00f6rper auuuuuuuusdeeeehhhnt. Haucht: Uuuund, ihr werdet seh\u00b4n, was f\u00fcr ein Wuuuuunder der Natuuuuur geschieht. Er verzieht seinen Mund, beinahe absch\u00e4tzig.<br \/>\nDie Klasse ist gelangweilt, sieht den Versuch schon zum zwanzigsten Mal. Es ist er einzige, den der Hunne zu bieten hat. Einer zeichnet Micky-Mouse-Figuren in sein Heft. Andere d\u00f6sen vor sich hin.<br \/>\nDer Hunne nimmt einen Bunsenbrenner, h\u00e4lt eine Eisenkugel, die an einer Kette h\u00e4ngt, kurz \u00fcber die Flamme. In der anderen Hand hat er eine Stange mit einem eisernen Ring daran. Ehe er die Kugel noch mehr erw\u00e4rmt, demonstriert er, wie die Kugel durch den Ring glatt hinein und wieder heraus geht. Er h\u00e4lt nun die Eisenkugel eine halbe Minute \u00fcber die Flamme des Bunsenbrenners. Dann versucht er, sie durch das Loch des Eisenringes gleiten zu lassen. Erwartungsgem\u00e4\u00df geht das nicht, das Metall hat sich durch die Hitze ausgedehnt. Die Kugel bleibt im Loch stecken.<br \/>\nDer Hunne tut, als w\u00e4re es das achte Weltwunder. \u00c4\u00e4uuuu, ruft er, und verdreht seinen Mund, tut so, als w\u00e4re er selbst \u00fcberrascht von seinem sogenannten Wunder der Natur und geb\u00e4rdet sich, als h\u00e4tte er den Versuch selbst entdeckt, beinahe so, als wolle er sich zu dieser Meisterleistung selber begl\u00fcckw\u00fcnschen.<br \/>\nDie Klasse lacht. Er runzelt die Stirn, wird hochrot und zornig. Du lochst?, schreit er den Erstbesten an. Du lochst, B\u00e4rschl? Locht den Lehrer aus? E\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6, h\u00f6rst! Lochst den Lehrer aus, der B\u00e4rschl? Der Kerl locht den Lehrer aus, fl\u00fcstert er f\u00fcr sich, aber h\u00f6rbar f\u00fcr alle. Wieder eine Ohrfeige, die knallt. Lautes Weinen. Der Knabe darf sich setzen.<br \/>\nLangsam beruhigt sich alles wieder. Der Hunne sieht siegessicher in die Runde. Er geht, die H\u00e4nde hinterm R\u00fccken verschr\u00e4nkt, in der Klasse auf und ab. Er bewegt seine Lippen, als ob er leise mit sich spr\u00e4che. Keiner wagt sich zu bewegen. Da bleibt er stehen. Sieht jeden der Sch\u00fcler ganz genau an. Dann fragt er pl\u00f6tzlich, was denn jeder einzelne zu werden gedenke. Maler. Maurer. G\u00e4rtner. Einer sagt, Arzt. Der Hunne fl\u00f6tet e\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6h, Herr Doktor! Herr Doktooooor! E\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6h! Sechchchchzehn Wissenschaften, zischt er mit breitem Mund, und er rei\u00dft beide H\u00e4nde hoch in die Luft. Dann beginnt er, diese aufzuz\u00e4hlen, mit hoher Stimme, den Kopf im Nacken, gespitzten Lippen: Physiiiiiik! Chemiiiiee! Und jedes Mal wirft er seinen Kopf wieder und wieder in den Nacken und quiekt wie ein Schwein, Anatomiiiiiie! Dann macht er einen Katzenbuckel. B\u00e4rschl, sechchchzehn Wissenschaften! Dann ganz schnell, hoch und mit spitzen Lippen: Physiiiik, Chemiiiiiie, F\u00fc\u00fc\u00fc\u00fcsiologiiiiie, Anatomiiiii\u2026.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Boxer<\/strong><\/p>\n<p>Wenn er spricht, ist es, als grunze ein Seel\u00f6we. Er kann kein r ohne das ch dabei zu bem\u00fchen sprechen und begn\u00fcgt sich ganz hinten im Rachen mit einem kehligen ch, welches dem r \u00e4hnlich sein m\u00f6chte. Stenografie soll es sein, was er unterrichtet. Eine Zusatzpr\u00fcfung berechtigt ihn dazu. Er ruft einen Namen auf: Duuuu daaaa, kchommmmm herchchchcchaus, und fixiert den Sch\u00fcler mit stechenden Augen, der gemeint ist. Na, kchomm, lauf, rasch, geh geh geh geh! Er lacht dabei, steht auf, geht in die Knie, l\u00e4sst die Schultern tief h\u00e4ngen und wippt dabei mit den Beinen wie ein Affe, der nach einer Banane giert. So, als wolle er ihn anfeuern, rascher nach vorn zu kommen.<br \/>\nDann beginnt er, mit \u00fcbertriebener Lautst\u00e4rke, einen seiner zahllosen S\u00e4tze, die nie vollendet werden.<br \/>\nDer Knabe stellt sich neben die Tafel. Der Boxer grunzt, es klingt, als m\u00fcsste er sich \u00fcbergeben: Heute wollen wia \u2013 a &#8211; heute wollen \u2013 a- wia \u2013 wia wollen heute \u2013 a- heute wollen \u2013 a- wia, (das r entf\u00e4llt ohnehin) &#8211; \u00fcber \u2013 die- a- heute sprchchechen wia \u00fcber &#8211; Er mustert den Sch\u00fcler von oben bis unten. Hm!, grunzt er. Setzen! Der Sch\u00fcler geht wieder zu seiner Bank. Dann pl\u00f6tzlich: Duuuuu da! Da hinten! Kchommmm herchchchaus! Dann wieder sanft im Ton. Geh na her da! Kchomm kchomm! Lauf! Rchenn! Gehgehgehgheghe! Sagggge mir, was du gelerchnt hast. Er legt den Kopf schief. Der Sch\u00fcler ist versch\u00fcchtert. Schreib! Schreib auf! Lacht, chachacha.<br \/>\nDer Boxer liest einen Satz aus dem Lehrbuch. Der Junge nimmt ein St\u00fcck Kreide und versucht, das Diktierte stenografisch auf die Tafel zu bringen. Die Narchchchen sind jene, die anderche nicht aussprchchechen lassen. Da ist ein K\u00fcrchzel! Der Knabe z\u00f6gert. Wei\u00df ea nicht! Setzen! Pintsch! Pintsch hei\u00dft Nichtgen\u00fcgend.<br \/>\nDer Sch\u00fcler begibt sich wieder in seine Bank. Der Boxer steht vor einem Sch\u00fcler. Er schnellt seine geballte Faust bis kurz vor dessen Brust und macht mit der Hand dabei eine Drehbewegung. Wenn dich dea getrchoffen h\u00e4tt\u00b4, hmhmhm, lacht er. Was ist ein Hendiadyoin, fragt er einmal, wobei das oin ungef\u00e4hr so klingt: oooooiiiiiiihn. Ein Sch\u00fcler antwortet, ohne zu z\u00f6gern: eine Legehenne. Die Klasse lacht. Es ist ein Hilfsausdrchuck, du bl\u00f6des Rchhinozerchos, grunzt der Boxer. H\u00e4ttest du geschwiegen, brummt er, w\u00e4archst du Philosoph geblieben, so aber bist du nur (das r gurgelt irgendwo hinten in der Kehle) ein archmer Narrchch! Die Klasse bleibt stumm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Blumendoktor<\/strong><\/p>\n<p>Naturgeschichte. Heute sagt man Biologie dazu. Einer der Knaben steht an der T\u00fcre und h\u00e4lt Wache. Er kommt, ruft er. Ein anderer stellt den Papierkorb auf die andere Seite des Waschbeckens. Der Blumendoktor kommt rauchend den Gang entlang. Alle glauben, er w\u00e4re neunzig, so alt und vergilbt sieht er aus. Er ist aber erst f\u00fcnfundf\u00fcnfzig. Wenn er die Klasse betritt, macht er eine Drehbewegung in Zeitlupe und wirft er die Kippe in den Papierkorb. Immer dasselbe Ritual. Diesmal wirft er daneben, der Papierkorb steht auf der anderen Seite. Er verzieht seinen ausgetrockneten Mund h\u00fchnerpopoartig zu einem runzelig runden Ding und sagt trocken: Heb das auf! Ein Knabe springt hinzu und hebt den Zigarettenstummel auf, wirft ihn in den Papierkorb.<br \/>\nDer eigentliche Unterricht beginnt immer erst dann, nachdem der Blumendoktor die stinkenden Pelargonien an den vier Fenstern entlaust, gegossen und die d\u00fcrren Bl\u00e4tter entfernt hat. Meist dauert die Prozedur eine halbe Stunde. Dann wird ged\u00fcngt. Wenn einer der Knaben etwas nicht wei\u00df, wenn ihn der Blumendoktor etwas fragt, verzieht dieser seinen Mund zu einem Grinsen und tr\u00e4gt, mit verzerrter Miene, eine F\u00fcnf in sein kleines gr\u00fcnes Notizbuch ein. Erwischt er einen beim Schw\u00e4tzen, setzt es eine ordentliche Ohrfeige. Auch zieht er die Knaben an den kurzen Haaren an der Schl\u00e4fe hoch, so lange, bis sie laut zu schreien beginnen. Dann macht er wie immer seinen H\u00fchnerarschmund und l\u00e4chelt zufrieden. Die Erziehung scheint wieder einmal gelungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Lord Major<\/strong><\/p>\n<p>Geschichte. Er ist ein gro\u00dfer, schwerer, dicker Mann in einem Salz- und Pfeffer-Anzug. Das ist sehr modern. Er tr\u00e4gt immer Anzug und l\u00e4uft manchmal aus der Klasse, wenn ihn der Schulwart zum Telefon holt. Er ist der Lord Major und ungemein wichtig. Oft f\u00e4llt die Stunde wegen dringender Erledigungen ganz aus. Geschichte ist ein sehr wichtiges Fach.<br \/>\nDer Lord Major duftet immer nach Parf\u00fcm. Er erkl\u00e4rt den staunenden Sch\u00fclern, warum man in diesem Land das Heer brauche. N\u00e4mlich tann, (und er sagt immer hartes t, dort, wo ein weiches steht, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hat). Tann n\u00e4\u00e4hmmlich, (sic!) (auch die Ems werden verdoppelt) sagt er, wenn ein Fluckzeuck \u00fcber \u00d6ssterreich (sic!) flickt, (seine Ges sind immer Kas) (eben dann, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hat) und eine Pompe fallen l\u00e4sst, tann m\u00fcssen wirr (sic!) uns verteiticken. Tazu prauchen wir tass Puntesheer, meine Herren, f\u00fcgt er hinzu.<br \/>\nAlle denken, er ist ein sanfter, friedlicher Mensch. Er hat so etwas V\u00e4terliches. Schlie\u00dflich ist er der Lord Major und f\u00fcr alle da. Als der Schwitzer einmal nicht blo\u00df schwitzt, sondern einmal schw\u00e4tzt, beobachtet ihn der Lord Major schon die l\u00e4ngste Zeit. Er h\u00e4lt den Sch\u00fclern einen Vortrag dar\u00fcber, wie g\u00fctlich er alles im Leben zu l\u00f6sen pflegt, wenn es irgendwelche Probleme gibt. Schlagen, sagt er, und streckt seinen riesigen Bauch nach vor, Schlagen, nein, tass tu ich nicht! Dazu macht er mit der rechten Hand so hin und her eine ablehnende Bewegung. Kurz darauf f\u00e4ngt der Schwitzer zwei saftige Ohrfeigen von ihm, weil dieser noch immer nicht zu schw\u00e4tzen aufgeh\u00f6rt hat.<br \/>\nDer Schwitzer ist ganz rot an den Ohren und weint. K\u00fcrzlich ist man mit der ganzen Schule ins Kino des kleinen Ortes gewandert. Der Lord Major hat der Klasse zuvor den Film erkl\u00e4rt, den man sich ansehen will. Es ist ein Film mit Scharly Schopl\u00e4\u00e4n, (sic!) wie der Lord Major sagt, Goldrausch, und er spielt in Alaska. Da ja auch Geografie sein Fach ist, erkl\u00e4rt er lang und breit, wo Alaska liegt und tass tort tass ewige Eiss sei. Einmal konnte einer der Sch\u00fcler in der Nacht nicht schlafen und er hat zum Fenster auf den Hauptplatz hinausgesehen, mitten in der Nacht. Da ist ein gro\u00dfer Hund in der Parkanlage herumgegangen. Aber es war kein Hund, es war der Lord Major, betrunken, auf allen Vieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Richthofen<\/strong><\/p>\n<p>Seine F\u00e4cher sind Deutsch und Turnen. Er spricht nur mit den M\u00e4dchen nett. Die Burschen, manche schon in der Vierten und einen Kopf gr\u00f6\u00dfer, kriegen auf dem Gang eine Watsche von ihm. Es gibt immer einen Grund f\u00fcr eine Watsche. Man braucht blo\u00df einen Hausschuh vor sich her zu schie\u00dfen, wenn einer herumliegt. Der Kamikaze ist sehr schlank und bewegt sich elegant. In den letzten Kriegsmonaten war er ME 109 \u2013 Flieger. Damals war er siebzehn Jahre alt. Und er hat einen Flugplatz gegr\u00fcndet in der Gegend. Einen Flugplatz f\u00fcr Sportflugzeuge. Er ist stets gut gekleidet, mit ma\u00dfgeschneiderten Sakkos und so. Er h\u00e4tte in einem Fliegerfilm eine gute Figur gemacht, sicherlich. Diese Klasse hatte ihn nicht als Lehrer. Aber man kennt ihn vom Gang her, und wie er so ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Churchwarden<\/strong><\/p>\n<p>Er hat beim letzten Ball einen Rekord im Harte-Eier-Essen gebrochen. Man sagt, es w\u00e4ren zwanzig gewesen. Auf dem Ball betritt er die Tanzfl\u00e4che, sieht sich um und sagt dann zum Kellner: Gib dem dort was zum Fressen, und dem auch. Er meint den Baumeister und den B\u00fcrgermeister. Hochw\u00fcrden hat eine imposante Figur. Einer der Sch\u00fcler hat eine goldene Uhr zur Firmung bekommen. In der Klasse sitzt er in der letzten Reihe mit drei anderen. Sie haben ziemlich Spa\u00df, denn Religion ist fad. Da kommt ein St\u00fcck Kreide geflogen und trifft das Uhrglas der neuen Uhr, die Datumsanzeige hat. Das Glas zerspringt vom Aufprall. Hochw\u00fcrden schickt den Sch\u00fcler gleich in der Stunde noch zum Uhrmacher. Der Vater des Sch\u00fclers ist Schuldirektor. Vor dem hat Churchwarden ziemlich Respekt, weil er auch an dieser Schule unterrichtet. Und der Sch\u00fcler hat Gl\u00fcck gehabt. Normalerweise wirft Churchwarden mit dem Schl\u00fcsselbund. Auf seine Rechnung, wie er sagt, beim Uhrmacher, nicht vergessen! Wenn Churchwarden am Nachmittag seine Runden dreht, kehrt er manchmal im Gesch\u00e4ft eines der Eltern eines Sch\u00fclers ein. Der Sch\u00fcler wei\u00df sofort, was er will. Er betritt den Verkaufsraum von hinten her und sagt zu seiner Mutter: Kommt er schon wieder betteln, der blade Pfaff? Churchwarden hat das wohl geh\u00f6rt. Das reizt den Pfarrer und in einer der n\u00e4chsten Stunden schreit er dann den Knaben an: Lausbube, ich zeig dich an! Niemand traut sich zu lachen, denn Churchwarden ist hochrot. Und immer, wenn er hochrot wird, ist mit ihm nicht gut Kirschenessen. Sein Vorg\u00e4nger hat w\u00e4hrend der Messe immer betont, dass er heute im Klingenbeutel ausschlie\u00dflich Scheine sehen will, und nicht blo\u00df M\u00fcnzen. Der ist auch immer hochrot geworden, wenn er in der Predigt \u00fcber die S\u00fcnder hergezogen ist. Der Vorg\u00e4nger hat auch das Eislaufen vor dem Schulgeb\u00e4ude am Nachmittag, wenn Kindermesse war, verboten. Das hat dem Schuldirektor nicht gepasst und er hat sich beim bisch\u00f6flichen Ordinariat beschwert. Wutschnaubend, hat er geschrieben, h\u00e4tte der die Kinder vom Platz vertrieben. Es kam zu einer Klage. Der Schuldirektor musste tausend Schilling zahlen, weil er wutschnaubend geschrieben hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Homo Politicus<\/strong><\/p>\n<p>Er ist gro\u00df, und stark, und hat eine gewaltige Stimme. Und er ist scheint\u00b4s immer schlecht gelaunt. Er schimpft mit den Buben. Die kriegen auch ihre Watschen. Die M\u00e4dchen verschont er. Schlechte Sch\u00fcler haben einen schweren Stand bei ihm. F\u00fcr alle anderen gilt, ihn bei Laune zu halten. Das hei\u00dft, so tun, als verst\u00fcnde man alles, was er sagt.<br \/>\nGleichungen kann er besonders gut, mit einer oder zwei Unbekannten. Darum darf er auch im Gymnasium unterrichten, weil es zu wenig Akademiker gibt. Er gibt nur Gleichungen auf, aber er ist zu H\u00f6herem geboren. Irgendwann geht er in die Politik. Ich habe es nicht n\u00f6tig, mit meiner guten Bildung bei euch Idioten zu sitzen, sagt er. Die Klasse d\u00f6st vor sich hin. Der Politiker droht immer. T\u00e4uscht euch nicht, meine Herren, sagt er dann. T\u00e4uscht euch nicht. Er meint, die Klasse nehme seinen Stoff auf die leichte Schulter.<br \/>\nEinmal fragt ihn der Direktor, und wie ist das da, im Parlament? Musst du nicht hin und wieder eine Rede halten? Nein, sagt der Politiker. Er muss nur an der richtigen Stelle die Hand aufheben. Und er ist f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre vom Unterricht karenziert und bekommt sein volles Gehalt als Lehrer. Auch mit Fortschreitungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<br \/>\nRomanauszug aus &#8222;Der Chronist&#8220; &#8211; in Entstehung<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> |Inventarnummer: 15127<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Werwolf Und es begab sich, in irgendeinem Ort, irgendwo, vor nicht allzu langer Zeit, trockengelegt und \u201ezuasphaltiert\u201c, wie alle Orte im Zeitalter des Wirtschaftswunders. Eine Hauptschule, wie \u00fcberall. Und doch nicht wie \u00fcberall. Nein, wohl einzigartig. F\u00fcnfundzwanzig Knaben, in irgendeinem Klassenzimmer. Man schreibt das Jahr 1965. Mathematikunterricht. Kreidestaub liegt in der Luft. 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