{"id":3382,"date":"2015-10-11T15:51:22","date_gmt":"2015-10-11T15:51:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3382"},"modified":"2024-06-26T07:29:19","modified_gmt":"2024-06-26T07:29:19","slug":"ohne-biss","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3382","title":{"rendered":"Ohne Biss"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3382&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3382&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Man hat mir von einer noch jungen Frau erz\u00e4hlt, die vor etlichen Jahren an einem kalten Wintertag mit dem Zug in die Grenzstadt gefahren ist. Vom Bahnhof aus ging sie schnurstracks den kurzen Weg bis zur Zahnarztpraxis auf den erh\u00f6ht gelegenen Stadtplatz, gab bei dem Fr\u00e4ulein an der Rezeption ihren akkurat ausgef\u00fcllten Krankenschein ab, den man damals noch vorlegen hat m\u00fcssen, wenn man als Kassenpatient behandelt werden wollte. Dann setzte sie sich im Wartezimmer auf einen der mit buntem Plastiktuch \u00fcberzogenen St\u00fchle, ich glaube, es war ein giftgr\u00fcner, warf einen Blick in die \u201eBunte\u201c, bl\u00e4tterte den \u201eStern\u201c durch, suchte in der \u201eBrigitte\u201c und \u201eBurda\u201c die Strickanleitungen, hielt sich das geb\u00fcgelte Stofftaschentuch an die geschlossenen Lippen, hinter denen sich der h\u00f6llische Zahnschmerz feige verschanzt hatte.<br \/>\nBereits seit Tagen, ja Wochen trieb er dort sein Unwesen. Zuerst hatte er es sich unter den Backenz\u00e4hnen gem\u00fctlich gemacht, dann breitete er sich auf das gesamte Kiefer aus. Inzwischen gab es keine Stelle mehr, wo er nicht tobte. Kamillentee hatte nicht geholfen, warme Umschlage w\u00e4hrend der Nacht auch nicht. Das Zusammenbei\u00dfen der Z\u00e4hne hatte ebenfalls keine Linderung gebracht.<\/p>\n<p>Jetzt war der Zeitpunkt erreicht, an dem endlich damit Schluss sein musste. Es war nicht mehr zum Aushalten. Schlie\u00dflich konnte die Arbeit nicht liegenbleiben. Lange genug hatte sie mit dem Schmerz Geduld gehabt, aber das hat den \u00fcberhaupt nicht beeindruckt. Nun stand fest, dass der sich mit friedlichen Mitteln nicht bek\u00e4mpfen lie\u00df. Sie hatte es mit einem Despoten, einem Egoisten, einem Terroristen, einem Partisanen zu tun, der sich in ihrem Mund eingenistet und Stellung bezogen hatte. Er f\u00fchrte einen Angriffskrieg, der unm\u00f6glich zu gewinnen war, zumindest nicht unter den derzeitigen Gegebenheiten. Der Gang zum Zahnarzt kam einer Kapitulation gleich. Das geb\u00fcgelte Sonntagstaschentuch entsprach der gehissten Friedensfahne.<br \/>\nAnst\u00e4ndig w\u00e4re es vom Schmerz gewesen, wenn er die Kapitulationserkl\u00e4rung angenommen h\u00e4tte und abgezogen w\u00e4re. Er trug ja zweifelsohne den Sieg davon. Aber das war dem fiesen Typ nicht genug. Offensichtlich war er Sadist und wollte den feige und hinterh\u00e4ltig errungenen Sieg noch auskosten. Deshalb lie\u00df er auch hier im Wartezimmer noch nicht locker. Er gab nicht nach, er zog nicht ab. Er nahm sich keinen Urlaub und reiste nicht nach andernorts oder gar in die Arktis. Nein, das war \u00fcberhaupt nicht nach seinem Geschmack. Er blieb und wartete geduldig auf den endg\u00fcltig positiven Ausgang seiner Mission. Halbe Sachen mochte er nicht. Das war seine Berufsauffassung, er stammte aus Deutschland.<\/p>\n<p>Die mehr als zweist\u00fcndige Wartezeit verstrich ergebnislos, vielleicht ergebnisoffen. Schlie\u00dflich zog die Frau ihr Strickzeug aus der Tasche. Es war ein geringeltes Strampelhoserl. Die Beine waren schon fertig. Nun arbeitete sie am Oberteil. Flink und energisch, ich m\u00f6chte fast sagen verbissen bewegte sie das Nadelspiel zwischen den Fingern. Aus der Tasche holte sie winzige Wollkn\u00e4uel. Es waren Reste, und die Farben waren gewagt, g\u2018scheckert, sagte sie dazu. Das Hoserl wurde arg g\u2018scheckert. Schlie\u00dflich mussten die Reste verarbeitet werden, und f\u00fcr das noch ungeborene Baby waren sie grad recht. Sie strickte immer nur eine Runde mit einer Farbe. Das war eine von ihr entwickelte raffinierte Methode, aus der Sparnot geboren und originell. Au\u00dferdem wusste die Frau noch nicht, ob sie einen Bub oder ein M\u00e4dchen unter dem Herzen trug. Das g\u2018scheckerte Strampelhoserl konnte bedenkenlos von beiderlei Geschlecht getragen werden. Aber im Wartezimmer vermochte das Gestrick es nicht, sie vom bohrenden, nagenden, qu\u00e4lenden Schmerz abzulenken. Und eine Freude konnte sie unter diesen Umst\u00e4nden an der Handarbeit schon gar nicht entwickeln. So nadelte sie energisch Runde um Runde und fasste den endg\u00fcltigen, unabwendbaren und folgenschweren Entschluss. Als sie irgendwann ins Sprechzimmer gebeten wurde, die Sprechstundenhilfe schloss leise die schallisolierte Doppelt\u00fcr hinter ihr, und auf dem Behandlungsstuhl Platz nahm, war sie sich sicher.<\/p>\n<p>Bereitwillig \u00f6ffnete sie den Mund. Der Zahnarzt warf einen kurzen fachkundigen und mitleidigen Blick hinein. Ja, da fehlt&#8217;s weiter. Massiver Zahnfleischschwund infolge der Schwangerschaft. Warum sind Sie denn nicht schon fr\u00fcher gekommen? &#8211; Mein Gott, keine Zeit! Ich kann doch nicht st\u00e4ndig den Laden zusperren. &#8211; Ja, jetzt ist schwer was zu machen. Offensichtlich das Resultat einer massiven Mangelerscheinung. Mit Spritzen und Tabletten sind die Z\u00e4hne vielleicht noch zu retten. Aber das wird eine langwierige Prozedur. Sie m\u00fcssen t\u00e4glich kommen und billig wird die Behandlung nicht. Die Kasse zahlt da bestimmt nicht zu. &#8211; Ausgeschlossen, antwortete die Frau, die Zeit hab ich nicht, und ich kann sie mir auch nicht nehmen. Au\u00dferdem hab ich kein \u00fcbriges Geld. Ich stecke doch nicht das, was ich mir m\u00fchselig verdiene, in meine Z\u00e4hne bzw. werfe es Ihnen in den Rachen. Und von den Schmerzen habe ich auch genug.<\/p>\n<p>Das Zahnfleisch war knallrot, und das Herumstochern mit dem Edelstahlinstrument tat h\u00f6llisch weh. Sie krallte sich mit den H\u00e4nden am weinroten Kunstleder des Behandlungsstuhls fest, schluckte allen Schmerz, \u00c4rger und Zweifel hinunter, und sagte mit fester Stimme: Rei\u00dfen Sie alle heraus. Ich will endlich eine Ruh` haben. &#8211; Erschrocken fuhr der Zahnarzt zur\u00fcck und setzte sich auf seinen Drehhocker. &#8211; Das kann nicht Ihr Ernst sein! Sie wissen schon, dass Ihnen in Ihrem Alter keine Z\u00e4hne mehr nachwachsen. Sie sind doch eine fesche Frau. &#8211; Bei diesem Satz schaute er auf seine Ger\u00e4tschaften, dass ja nicht der Eindruck entstehen k\u00f6nne, er wolle ihr schmeicheln. Der Blick auf die Patientenkartei verriet ihm, dass die Frau vierzig war. Das sieht man ihr gar nicht an, dachte er.<br \/>\nRei\u00dfen Sie alle raus und zwar gleich. Ich will eine Ruh&#8216; haben.<br \/>\nM\u00f6chten Sie sich diesen Schritt nicht doch noch einmal \u00fcberlegen? &#8211; Schlafen Sie doch noch eine Nacht dr\u00fcber!<br \/>\nNein, ich habe mich entschieden. Ich fahre nicht unverrichteter Dinge heim, und morgen habe ich wieder die gleichen Scherereien. Dann muss ich wieder den Laden zusperren und zu Ihnen kommen. Die Kundschaft verl\u00e4uft sich schnell. Nein, auf gar keinen Fall. Fangen Sie mit dem Rausrei\u00dfen an.<br \/>\nJa, wenn Sie sich so sicher sind, dann gebe ich Ihnen in jede Seite am Ober- und Unterkiefer eine Bet\u00e4ubungsspritze.<br \/>\nNein, das geht gar nicht! Sie sehen doch, dass ich guter Hoffnung bin. Ich halte das Z\u00e4hneziehen schon aus. Habe ich doch die Schmerzen bis jetzt auch immer ausgehalten.<br \/>\nJa, das wird aber kein Zuckerlecken, das k\u00f6nnen Sie mir glauben. Machen wir heute einen Teil, und in den n\u00e4chsten Tagen kommen Sie wieder vorbei.<br \/>\nNein, Sie ziehen mir jetzt augenblicklich alle Z\u00e4hne. Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich nicht st\u00e4ndig den Laden zusperren kann. Also fangen Sie endlich an!<br \/>\nJa, dann m\u00fcssen Sie mir aber unterschreiben, dass ich Sie auf die nicht unerheblichen Risiken hingewiesen habe. Mit dem Essen m\u00fcssen Sie in den n\u00e4chsten Tagen auch vorsichtig sein, wegen der offenen Wunden, und das jetzt, da Sie schwanger sind.<br \/>\nIch verhungere schon nicht. Fangen Sie jetzt endlich an. Ich muss ja den letzten Zug noch erwischen.<\/p>\n<p>So unterschrieb die Frau das von der Helferin eilig getippte Formular mit ihrer aufrechten und klaren, keinen Zweifel zulassenden Handschrift, legte den Kopf zur\u00fcck auf die kunststoff\u00fcberzogene Lehne, machte die Augen zu, strich noch ein letztes Mal mit der Zunge \u00fcber die beiden schmerzenden Zahnreihen und verabschiedete sich von ihnen. Die hatten sie nun \u00fcber Geb\u00fchr lang hundsmiserabel gemein gequ\u00e4lt, ja gemartert. Die sollten blo\u00df schleunigst aus ihrem Mund und ihrem Leben verschwinden. Keine Tr\u00e4ne wird sie ihnen nachweinen, keine einzige. Schlimm genug, dass sie nicht einfach von selber herausfielen. Das w\u00e4re anst\u00e4ndig gewesen. So hatte sie den Laden zusperren, zum Zahnarzt fahren und ihn zu diesem ungew\u00f6hnlichen Dienst auf Krankenschein \u00fcberreden m\u00fcssen. Scherereien \u00fcber Scherereien.<\/p>\n<p>Mit dem Speichel schluckte sie den ganzen \u00c4rger hinunter, machte den Mund weit auf und lie\u00df den Zahnarzt darin herumwerkeln. Die H\u00e4nde krallte sie fest in den Lederimitatbezug der Sitzfl\u00e4che. Alle Muskeln spannte sie an, den Atem hielt sie an und baute so die Lunge zu einem Schutzwall aus, der das Kind im Bauch so gut wie m\u00f6glich bergen sollte. So wurde Zahn um Zahn gezogen. Es tat gar nicht so weh. Schlie\u00dflich sa\u00dfen die meisten auf Eiter, und die Wurzeln lockerten sich rasch, sobald der Zahnarzt mit seiner Zange anfing, kr\u00e4ftig hin- und herzuwackeln. Einer nach dem anderen fiel scheppernd in die bereitgehaltene Metallschale. Die Frau h\u00f6rte auf mitzuz\u00e4hlen. Es waren zu viele, alle, die sie \u00fcber die Jahre hinweg noch bewahrt hatte. Jetzt wartete sie nur darauf, dass es endlich vorbei sei. Zwischendurch holte sie immer wieder einmal energisch Luft, pumpte die Lungen erneut voll. Sie glaubte, das Blut zu schmecken, das ihr die Kehle hinablief. Die aufgespreizten Mundwinkel schmerzten. Der Zahnarzt arbeitete z\u00fcgig. Er wollte diese l\u00e4stige Behandlung so rasch wie m\u00f6glich hinter sich bringen. &#8211; Die Helferin legte der Frau beruhigend die Hand auf die Schulter, aber diese Art von Mitleid konnte sie \u00fcberhaupt nicht leiden. Auch dass sie sie anfasste, war ihr zuwider. Energisch sch\u00fcttelte sie die fremde Hand ab.<\/p>\n<p>Endlich fiel der letzte Zahn scheppernd zu seinen Gef\u00e4hrten in die Metallschale. Die Frau durfte aussp\u00fclen. Das Blut wurde ein letztes Mal abgesaugt, mit Watter\u00f6llchen wurden die Wunden im Kiefer ausgestopft. Die gesamte Mundh\u00f6hle f\u00fchlte sich klamm an. Die Frau presste wieder die Lippen aufeinander, \u00f6ffnete die Augen, h\u00f6rte auf die Worte, die aus dem Mund des Zahnarztes kamen, ohne sie zu verstehen, blickte in die Edelstahlschale, in der sich die Z\u00e4hne, ihre Z\u00e4hne, in einer Blutlache suhlten. Einige unter ihnen waren mit Goldkronen \u00fcberzogen oder plombiert. Die Helferin packte die betreffenden wortlos in ein T\u00fctchen, das die Frau zum Strickzeug in die Tasche packte. Erleichtert und ersch\u00f6pft rutschte sie vom Behandlungsstuhl, hielt den Mund fest geschlossen und wickelte sich das wollene Kopftuch um die untere Gesichtsh\u00e4lfte. Sie musste den l\u00e4dierten Mundraum vor K\u00e4lte sch\u00fctzen. Das Risiko einer Entz\u00fcndung musste sie auf jeden Fall vermeiden. Den zu engen Mantel eilends \u00fcber geworfen und notd\u00fcrftig zugekn\u00f6pft verlie\u00df sie die Praxis. Nickend versprach sie, in ein paar Wochen, wenn die blutenden Wunden abgeheilt sein w\u00fcrden, wiederzukommen, um sich das k\u00fcnstliche Gebiss anpassen zu lassen. So weit mochte sie gar nicht denken. Wer wei\u00df, was bis dahin ist. Erst einmal den letzten Zug nicht verpassen.<\/p>\n<p>Der Zahnarzt wischte sich den Schwei\u00df von der Stirn, behandelte z\u00fcgig die wenigen noch im Wartezimmer verbliebenen Patienten, allesamt unkomplizierte F\u00e4lle. Dann machte er Feierabend und hoffte, dass niemals mehr jemand derartige Dienste von ihm einfordern werde.<\/p>\n<p>Die Frau huschte gerade noch in den abfahrbereiten Zug, setzte sich mit umwickeltem Mund schweigend auf einen der mit rotem Plastik \u00fcberzogenen Sitze und schaute mit leeren braunen Augen durch das Fenster in die hereinbrechende und vorbeiziehende Nacht. Selten war sie um diese Stunde au\u00dfer Haus. Sie konnte keinen Gedanken festhalten, der Mantel spannte um den Bauch und sie machte die mittleren Kn\u00f6pfe auf. Bei der Haltestation im Dorf stieg sie aus und ging durch die Dunkelheit zum Haus, in dem sie wohnte. Ohne ein Wort zu sagen, trat sie ein, legte den Mantel ab, wickelte das Tuch ab. Der Mann sa\u00df rauchend am K\u00fcchentisch und starrte sie wortlos an. Er wusste, dass sie es getan hatte. Die Lust am Stricken war ihr f\u00fcr diesen Abend vergangen. So setzte sie sich unt\u00e4tig auf ihren Stuhl, wusste nicht, was sie mit den H\u00e4nden anfangen sollte, blickte schweigend vor sich hin und wich den schweigenden Blicken aus. Bald ging sie zu Bett. Morgen wird es schon wieder gehen.<\/p>\n<p>Schlaflos und unter Schmerzen verbrachte sie die Nacht im immerhin warmen Federbett. Am Morgen stand sie beizeiten auf, kleidete sich im kalten Zimmer rasch an, heizte den K\u00fcchenherd ein und bereitete sich einen Kamillentee, mit dem sie sich den Mund aussp\u00fclte. Die Zahnb\u00fcrste im Glas am Ausguss brauchte sie nun nicht mehr. Sie besah sich mit einem huschenden Blick im Spiegel, frisierte sich nach alter Gewohnheit lieblos das dunkle Haar und stellte fest, dass sie die schmalen Lippen aufeinander kniff. So wird das von nun an bleiben. Sie scheute sich davor, in die zahnlose \u00d6ffnung zu blicken. &#8211; Sie hatte Fakten geschaffen. Dann sperrte sie die Ladent\u00fcr auf. Die ersten Kundinnen kamen, die sie wortlos bediente. Ihre aufeinandergekniffenen Lippen sprachen f\u00fcr sich, einer weiteren Erkl\u00e4rung bedurfte die Situation nicht. Stellte ihr eine der Frauen Fragen, so gab sie ihr mit den H\u00e4nden auf den verriegelten Mund deutend zu verstehen, was sie nun ein f\u00fcr alle Mal geregelt hatte.<\/p>\n<p>So verging der Vormittag und auch der Nachmittag. Das Werkeln lenkte von den Schmerzen und vom Hunger ab. Am darauffolgenden Morgen war es schon etwas besser. Die Nacht hatte sie v\u00f6llig traumlos in erholsamen Tiefschlaf gewiegt. An den kommenden Tagen trank sie Tee und l\u00f6ffelte Suppe, dann begann sie mit dem Einweichen von Brot, wobei sie sich anfangs sch\u00e4mte, aber bald dazu \u00fcberging, den Zustand als gegeben anzunehmen. Bei\u00dfen konnte sie ja nun nicht mehr. Sp\u00e4ter rieb sie sich mit der Glasreibe einen Apfel und l\u00f6ffelte ihn vermischt mit Zwieback. Es ging schon. Die Wunden heilten erfreulich bald, und der Schmerz verschwand, zumindest den im Mund hatte sie radikal ausgemerzt. Das war wirklich wohltuend, keine Zahnschmerzen, aber halt auch keine Z\u00e4hne mehr.<\/p>\n<p>Wenn sie sich im Spiegel betrachtete, hatte sie den eingefallenen Mund einer alten Frau. Sie vermied es fortan, ihr Konterfei anzuschauen, und sie vermied es auch den Mund zu \u00f6ffnen oder gar zu lachen. Wochen sp\u00e4ter lie\u00df sie sich eine Zahnprothese f\u00fcrs Oberkiefer anpassen. Die war teuer. Das Geld reute sie. Die Prothese im Unterkiefer passte nie richtig, tat immer weh und rieb das Kiefer wund. Die Frau gew\u00f6hnte sich fortan daran, nur die eine Prothese zu tragen. Von Schmerzen im Mund hatte sie ein- f\u00fcr allemal genug.<\/p>\n<p>Mit der Zeit erschien ihr der ver\u00e4nderte Gesichtsausdruck, der ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, normal. Die Speisen musste sie sich arg klein schneiden, und von einem Apfel konnte sie nie mehr abbei\u00dfen. Bedauerlicherweise konnte sie auch die Brotscherzl nicht mehr kauen. Die hatten ihr immer so geschmeckt.<br \/>\nBei\u00dfen konnte sie nichts mehr und schmecken konnte sie auch nichts mehr. Reichte doch die Prothese im Oberkiefer \u00fcber den gesamten Gaumen. Da konnte man nichts machen. &#8211; Manchmal lutschte sie an gesalzenen Erdn\u00fcssen und schluckte sie dann im Ganzen hinunter. Angesprochen hat sie, glaube ich, nie jemand auf ihren zahnlosen Mund und auf ihre falschen Z\u00e4hne, und wenn doch, hat sie es einfach ignoriert.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr hat die Frau ihr sp\u00e4tes Kind entbunden und zog ihm das aus Wollrestln gestrickte Strampelhoserl an. Es war ein M\u00e4dchen, das, nachdem es aus dem Restlhoserl herausgewachsen war, in die Welt und ins Leben hineinwuchs. Das Kind ist von der zahnlosen Mutter gro\u00dfgezogen worden. Viele Jahre sp\u00e4ter gab sie ihr aber das T\u00fctchen mit den goldummantelten Z\u00e4hnen. Welch Nachlass.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 15126<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man hat mir von einer noch jungen Frau erz\u00e4hlt, die vor etlichen Jahren an einem kalten Wintertag mit dem Zug in die Grenzstadt gefahren ist. 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