{"id":3377,"date":"2015-10-11T10:07:31","date_gmt":"2015-10-11T10:07:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3377"},"modified":"2015-10-11T10:15:02","modified_gmt":"2015-10-11T10:15:02","slug":"besuch-beim-grossvater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3377","title":{"rendered":"Besuch beim Gro\u00dfvater"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3377&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3377&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u201eDas nimmst du!\u201c, sagte der Vater und dr\u00fcckte seinem J\u00fcngsten Clemens ein Gesteck aus Tannenzweigen mit einer Kerze darauf in die Hand. Als n\u00e4chstes holte er zwei Packungen Kekse aus dem Kofferraum und hielt sie seinem zweiten Sohn Thomas entgegen, der eine davon gleich an seine Freundin weitergab. Er selbst nahm einen gro\u00dfen Korb, in dem sich ein Berg frischer W\u00e4sche befand. Schon von au\u00dfen sahen sie durch das Fenster den Gro\u00dfvater in seinem Sessel sitzen.<\/p>\n<p>\u201eHallo\u201c, begr\u00fc\u00dfte Thomas seinen Opa, reichte ihm die Hand und stellte die Kekse wortlos auf den Tisch. Seine Freundin tat es ihm nach. Auch sie stellte die zweite Packung Kekse einfach auf den Tisch und hoffte, dass der Gro\u00dfvater wusste, dass sie f\u00fcr ihn bestimmt waren. Clemens gab das Gesteck verlegen an seinen Bruder weiter und setzte sich auf die Couch. \u201eBegr\u00fc\u00dft du mich denn gar nicht?\u201c, fragte der Gro\u00dfvater m\u00fcrrisch. Clemens l\u00e4chelte, stand auf, reichte seinem Opa die Hand, murmelte dabei unverst\u00e4ndliches Zeugs und setzte sich schlie\u00dflich wieder.<\/p>\n<p>Jetzt kam auch der Vater ins Zimmer und begann in den verschiedensten K\u00e4sten und Schubladen herumzukramen. Im Nebenzimmer wurde er f\u00fcndig. Er brachte einen in einem Plastiksack verpackten Reindling mit in die K\u00fcche. Davon schnitt er mehrere Scheiben ab und legte sie auf einen Teller. Dann stellte er einen Topf Wasser auf den Herd und fragte in die Runde, wer Kaffee wolle. Thomas nickte, der Gro\u00dfvater verneinte.<\/p>\n<p>\u201eHeute hatte sie es besonders eilig\u201c, beklagte sich der Gro\u00dfvater. \u201eWenn ich gewusst h\u00e4tte, dass ich nichts mehr zum Essen zuhause habe, h\u00e4tte ich sie einkaufen schicken k\u00f6nnen.\u201c Er ging davon aus, dass alle wussten, dass er von seiner Pflegerin sprach. \u201eDu hast noch genug zu essen\u201c, erwiderte der Vater. Er sprach so leise, dass der Gro\u00dfvater ihn nicht verstand. \u201eDu hast noch genug\u201c, musste er wiederholen. \u201eAch, was denn?\u201c \u201eBrot, Krapfen, Kaffee, \u2026\u201c \u201eWas?\u201c, unterbrach ihn der alte Mann. \u201eBrot und Krapfen, das reicht f\u00fcrs Fr\u00fchst\u00fcck.\u201c \u201eDas mag ich nicht.\u201c<\/p>\n<p>Der Vater reichte jetzt die Kaffeetassen zum Tisch her\u00fcber. Eine davon bot er dem Gro\u00dfvater an. \u201eIch will keinen. Ich sagte, ich will keinen\u201c, gab dieser von sich. \u201eAu\u00dferdem, nimm etwas zum Unterstellen!\u201c Der Vater holte ein Tablett und stellte darauf die Tassen und den Reindling ab. Er \u00f6ffnete eine Packung der mitgebrachten Kekse.<\/p>\n<p>\u201eClemens\u201c, sprach der Gro\u00dfvater und deutete mit seinem Kopf in Richtung der Wandschr\u00e4nke neben der T\u00fcre. \u201eSoll ich die Tabletten holen?\u201c, fragte dieser und suchte das Regal danach ab. \u201eNein, ach Gott.\u201c Der alte Mann wurde immer unzufriedener. M\u00fchsam erhob er sich aus seinem Sessel. Aus einer Lade holte er ein Plastiktischtuch. \u201eAh, das wolltest du! Das haben wir vergessen unterzulegen\u201c, l\u00e4chelte Clemens verlegen.<\/p>\n<p>\u201eWieso kommt ihr \u00fcberhaupt so sp\u00e4t?\u201c, fragte der Gro\u00dfvater wenig sp\u00e4ter. Der Vater war bereits in die Abrechnungen der Hilfskraft, die er zu dessen Betreuung eingestellt hatte, vertieft. \u201eEin Ziegel ist kaputt, es tropft direkt vor die T\u00fcre. Das h\u00e4ttet ihr reparieren k\u00f6nnen, wenn ihr fr\u00fcher da gewesen w\u00e4rt. Jetzt ist es schon Abend, es wird schon dunkel. Ihr h\u00e4ttet am Nachmittag kommen sollen.\u201c<br \/>\n\u201eEs ist erst drei, Opa\u201c, meinte Thomas. \u201eSoll ich mir den Ziegel anschauen?\u201c \u201eNein, jetzt ist es zu sp\u00e4t, es ist schon Abend.\u201c Der Gro\u00dfvater wandte sich wieder seinem Sohn zu. \u201eSie hatte gar keine Zeit f\u00fcr mich heute. Dabei habe ich nichts zu essen zuhause. Sie h\u00e4tte einkaufen sollen.\u201c \u201eAha\u201c, meinte der Vater ver\u00e4rgert. \u201eAber wenn es ums Bezahlen geht, dann hat sie immer gen\u00fcgend Zeit.\u201c Er griff nach einem St\u00fcck Reindling. In gro\u00dfen Bissen a\u00df er dieses und zwei weitere. Danach nahm er sich noch ein Keks.<br \/>\n\u201eWieso esst ihr \u00fcberhaupt meine Kekse?\u201c, wunderte sich der Gro\u00dfvater.<\/p>\n<p>Der Vater erhob sich und ging hinaus. \u201eWas macht er denn?\u201c, fragte der Gro\u00dfvater jetzt seine Enkels\u00f6hne. \u201eVielleicht schaut er nach, wo es tropft\u201c, meinte Thomas.<br \/>\n\u201eDas h\u00e4ttet ihr fr\u00fcher machen sollen. Aber ihr kommt mich ja nie besuchen und ruft nie an, um zu fragen, ob es etwas zu tun gibt.\u201c<br \/>\n\u201eDu kannst mich doch jederzeit anrufen, wenn du etwas brauchst\u201c, meinte Thomas. \u201eHast du einen Zettel, dann schreib ich dir meine Handynummer auf?\u201c Sein Opa reagierte nicht.<br \/>\nKurz darauf verschwanden auch Thomas und Clemens nach drau\u00dfen, um nach dem kaputten Ziegel zu schauen.<\/p>\n<p>\u201eOh mein Gott\u201c, dachte die Freundin leise bei sich. \u201eIhr k\u00f6nnt mich doch nicht ganz alleine mit ihm lassen.\u201c Sie l\u00e4chelte dem alten Mann zu.<br \/>\n\u201eMeine Heizung funktioniert nicht richtig\u201c, erz\u00e4hlte er ihr jetzt. \u201eIn der Nacht ist es immer so hei\u00df, aber untertags eiskalt. Ist der Heizk\u00f6rper jetzt warm?\u201c<br \/>\nDie Freundin lehnte sich nach hinten und legte ihre Hand auf die Heizung. \u201eNein\u201c, antwortete sie.<br \/>\n\u201eImmer ist etwas zu tun in diesem Haus. Und wer muss das alles machen? Ich, obwohl ich den kranken Fu\u00df habe. Im Sommer muss ich auch m\u00e4hen und den Garten machen. Fr\u00fcher, da hatte ich noch die Gro\u00dfmutter. Aber die ist jetzt schon seit vier Jahren tot. \u2013 Wei\u00dft du vielleicht eine Frau f\u00fcr mich, so um die f\u00fcnfzig, oder siebzig?\u201c<br \/>\n\u201eNein, leider. Ich bin ja nicht von hier.\u201c Schon beim letzten Besuch hatte der Gro\u00dfvater die Freundin nach einer neuen Frau gefragt. Nach dem Tod der Gro\u00dfmutter stellte sich heraus, dass er mit dem Haushalt nicht wirklich zurechtkam.<br \/>\n\u201eVon wo bist du?\u201c, wollte er jetzt wissen.<br \/>\n\u201eIch komme aus Ober\u00f6sterreich. Den Thomas habe ich in Wien kennengelernt. Beim Studieren.\u201c Der Gro\u00dfvater nickte. \u201eAlle gehen nach Wien\u201c, sagte er in einem vorwurfsvollen Ton. Wieder l\u00e4chelte die Freundin ihn an.<\/p>\n<p>Thomas und Clemens kamen in die K\u00fcche zur\u00fcck. \u201eMan sieht nichts. Im Moment tropft es nicht. Aber es ist auch nicht viel Schnee am Dach.\u201c<br \/>\n\u201eMan sieht nichts\u201c, wiederholte der Gro\u00dfvater. Dann fragte er Clemens: \u201eWieso kommt sie eigentlich nie mit?\u201c<br \/>\n\u201eWer denn, Opa?\u201c<br \/>\n\u201eNa sie. Seit dem Tod der Gro\u00dfmutter war sie kein einziges Mal mehr mit. Warum kommt sie nicht mit?\u201c Offensichtlich meinte der Gro\u00dfvater die zweite Ehefrau seines Sohnes, Clemens\u2019 Mutter.<br \/>\n\u201eK\u00f6nnen wir sie fragen\u201c, antwortete der Achtj\u00e4hrige. Der Vater kam zur T\u00fcr herein.<br \/>\n\u201eWieso kommt sie nie mit?\u201c, fragte der Gro\u00dfvater jetzt ihn. Auch er wusste nicht sofort, wer gemeint war.<br \/>\n\u201eBeim n\u00e4chsten Mal werden wir sie mitnehmen\u201c, versuchte Clemens seinen Opa zu bes\u00e4nftigen.<\/p>\n<p>\u201eDas Dach ist nicht kaputt. Das kommt nicht von oben. Das Wasser wird jemand mit den Schuhen hereintragen\u201c, stellte der Vater fest.<br \/>\n\u201eDie Heizung ist nicht richtig eingestellt. Es ist so kalt\u201c, gab der alte Mann zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eDas passt schon\u201c, meinte der Vater und setzte sich zu seinem Sohn auf die Couch.<br \/>\n\u201eWas?\u201c, fragte der Gro\u00dfvater nach. \u201eDie ist schon ganz richtig eingestellt.\u201c Der Vater griff nach hinten zum Heizk\u00f6rper. \u201eIst er warm?\u201c, wollte der Gro\u00dfvater jetzt von ihm wissen. \u201eJa\u201c, antwortete dieser.<br \/>\nDer Gro\u00dfvater blickte die Freundin an. Diese wiederum schaute den Vater an. Sie wusste, dass das nicht stimmte. \u201eNein\u201c, sagte der Vater jetzt. \u201eAber der Heizk\u00f6rper ist ganz richtig eingestellt.\u201c Damit gab sich der Gro\u00dfvater zufrieden.<\/p>\n<p>\u201eIch h\u00e4tte sie einkaufen geschickt, aber sie hatte heute so wenig Zeit\u201c, begann er wieder von vorne.<br \/>\n\u201eHeute ist doch Sonntag, Opa. Heute h\u00e4tte sie nichts kaufen k\u00f6nnen, da haben die Gesch\u00e4fte ja zu\u201c, erkl\u00e4rte ihm Thomas.<br \/>\n\u201eAch, aber ich habe nichts mehr zum Essen zuhause.\u201c<br \/>\n\u201eMorgen wird sie dir neues Essen kaufen.\u201c<br \/>\n\u201eKommt die denn morgen?\u201c<br \/>\n\u201eIch glaube schon. Schau, im Kalender steht, dass sie morgen gegen vierzehn Uhr kommt.\u201c Thomas reichte seinem Opa den Stehkalender.<br \/>\n\u201eAh, morgen kommt sie\u201c, sagte dieser nun mehr zu sich als zu seinen G\u00e4sten.<\/p>\n<p>Der Vater war inzwischen auf der Couch eingeschlafen. Er atmete tief dabei. Clemens machte sich einen gro\u00dfen Spa\u00df daraus, ihn zu sekkieren. Immer wieder erwachte der Vater kurz aus seinem Schlaf und ermahnte seinen Sohn. Clemens fand die Situation nur allzu komisch und begann heftig zu kichern. Es schien, als k\u00f6nne er sich gar nicht mehr einkriegen. Er lachte und lachte, bis der Vater schlie\u00dflich davon munter wurde.<\/p>\n<p>Aus einer gro\u00dfen Tasche holte dieser jetzt seine Videokamera heraus und begann zu filmen. Er packte sie allerdings nach ein paar Minuten wieder weg und fragte stattdessen den Gro\u00dfvater, wo er die mitgebrachte W\u00e4sche hinr\u00e4umen solle. Anstatt zu antworten, meinte dieser: \u201eHast du gesehen, wie viel W\u00e4sche noch zu machen ist?\u201c<br \/>\n\u201eDiese hier ist frisch.\u201c Der Vater deutete auf den W\u00e4schekorb. \u201eDie dreckige nehme ich dann das n\u00e4chste Mal mit.\u201c<br \/>\n\u201eAlles muss gewaschen werden\u201c, wiederholte der Gro\u00dfvater.<br \/>\n\u201eDie W\u00e4sche im Korb ist sauber.\u201c<br \/>\n\u201eAch so, dann stell sie einfach hin\u00fcber ins andere Zimmer.\u201c An seine Enkels\u00f6hne richtete er: \u201eIhr sitzt da nur herum, ihr k\u00f6nntet abwaschen.\u201c<br \/>\nDie Freundin musste schmunzeln. Thomas \u00fcbernahm den Abwasch, Clemens trocknete das nasse Geschirr ab. Der Vater packte den Reindling wieder in den Plastiksack.<br \/>\n\u201eNehmt ihn euch mit\u201c, sagte der Gro\u00dfvater.<br \/>\n\u201eNein, behalte ihn dir doch. Morgen kannst du ihn zum Fr\u00fchst\u00fcck essen\u201c, antwortete sein Sohn.<br \/>\n\u201eIch mag keinen Reindling. Der Thomas soll ihn mitnehmen. Der freut sich. \u2013 Thomas, nimm den Reindling mit.\u201c<br \/>\n\u201eWillst du ihn nicht?\u201c, fragte Thomas.<br \/>\n\u201eNein, ich habe noch gen\u00fcgend zu essen.\u201c<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich verabschiedete sich einer nach dem anderen beim Gro\u00dfvater. Thomas tat es leid, ihn alleine zur\u00fcckzulassen. \u201eIch rufe dich in den n\u00e4chsten Tagen an\u201c, versicherte er ihm.<br \/>\n\u201eWillst du nicht bei mir \u00fcbernachten?\u201c, wandte sich der alte Mann an Clemens. Dieser sch\u00fcttelte wortlos den Kopf.<br \/>\nDer Gro\u00dfvater erhob sich langsam aus seinem Sessel und begleitete seine G\u00e4ste nach drau\u00dfen. Als das Auto losfuhr, winkte er ihnen nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Judith Wiesauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 15125<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDas nimmst du!\u201c, sagte der Vater und dr\u00fcckte seinem J\u00fcngsten Clemens ein Gesteck aus Tannenzweigen mit einer Kerze darauf in die Hand. Als n\u00e4chstes holte er zwei Packungen Kekse aus dem Kofferraum und hielt sie seinem zweiten Sohn Thomas entgegen, der eine davon gleich an seine Freundin weitergab. 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