{"id":3347,"date":"2015-10-05T11:09:00","date_gmt":"2015-10-05T11:09:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3347"},"modified":"2016-06-29T17:10:46","modified_gmt":"2016-06-29T17:10:46","slug":"der-ewig-reisende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3347","title":{"rendered":"Der ewig Reisende"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3347&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3347&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Alte W\u00e4schest\u00e4nder, mein erster nachhaltiger Eindruck in dieser Wiener Wohnung, nachl\u00e4ssig in sich geklappt an die W\u00e4nde gelehnt, schon lange haben sie keine W\u00e4sche mehr gesehen, die ihnen zum Trocknen auferlegt worden ist, alte W\u00e4sche, die ich verborgen in den hintersten Reihen des m\u00e4chtigen Einbauschranks vermute, wahrscheinlich nur unpers\u00f6nliche W\u00e4sche, wie Bettlaken und Handt\u00fccher. Eine Durchgangsstation diese Wohnung, einem Bahnhof gleich, so ziemlich jedes mir bekannte Familienmitglied hat einmal hier gehaust, zum Durchschnaufen, Atem holen f\u00fcr einen neuen Sprung auf das Flie\u00dfband des Leben. Und auch ich nicht davon ausgeschlossen, nur zu gut kann ich mich an meine paar Monate hier erinnern, damals, auf der Suche nach Asyl und Exil und Durchatmen, nach einem viel zu langen Durchrauschen von Ged\u00e4chtnisl\u00fccken, nach einem Leben, das es mich fast gekostet h\u00e4tte. Und wie knapp ich damals davongekommen bin, ruft mir das flaue Gef\u00fchl im Magen angesichts dieser Mauern wieder ins Ged\u00e4chtnis, trotz der langen Zeit nach wie vor nicht getilgt von der Flut inzwischen neu angesammelter Lebenseindr\u00fccke.<\/p>\n<p>Jetzt habe ich sie also geerbt, diese Wiener Wohnung, fast zehn Jahre sp\u00e4ter, gl\u00fccklich und unvermutet aus verworrenen Schicksalsf\u00fcgungen heraus, und wie unvorbereitet ich darauf bin, macht mir die verlorene Geste bewusst, mit der ich nach einem der W\u00e4schest\u00e4nder fasse, der lieblos gegen ein Bild an der Wand lehnt, und mich nicht entschlie\u00dfen kann, wo ich ihn abstellen soll. Genauso, wie es mir an Entschlusskraft fehlt, was nun anzufangen, mit dieser Wiener Wohnung, sie zu vermieten, zu verkaufen oder wiederzubeleben, angesichts all des wertlosen Plunders aus einem vergilbten Jahrhundert, wahllos zusammengestellt, ein paar verwaiste Betten hier, ein abgesessenes Sofa da, abgesessen von Hintern, die keinem Lebenden mehr zuzuweisen sind, daneben ein zerkratzter Schreibtisch, der Rest abger\u00e4umt von zu vielen Durchgangsg\u00e4sten, von Fernseher oder anderer Form von Abendunterhaltung ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Dennoch, ein Hauch von Gem\u00fctlichkeit hat sich in der Ecke des Wohnzimmers erhalten, aus der ich noch immer die glaszarten Kl\u00e4nge einer Zither h\u00f6ren zu k\u00f6nnen vermeine, auf der mir meine Gro\u00dfmutter vor mehr als einem Vierteljahrhundert vorgespielt hat: \u201eHarry Lime\u2019s Theme\u201c an diesem stillen Novemberabend in einem sp\u00e4ten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts, als Wien sich noch immer in Grau und Schwarz wie aus dem \u201eDritten Mann\u201c geschnitten gezeigt hatte, nach wie vor nicht erwacht aus seinem albtraumhaften Dornr\u00f6schenschlaf. Als man in dieser Stadt noch mit einem Schaudern \u00fcber den R\u00fccken von dem Gef\u00fchl heimgesucht war, dass sich hier das Leben anschickte, diejenigen sich zu holen, f\u00fcr die bislang nicht einmal der Tod Interesse gezeigt hatte.<\/p>\n<p>Und mit einem Seufzer wird mir bewusst, vor der Entscheidung zu stehen, mich in den Strudel weiterer tr\u00fcbsinniger Stimmungen ziehen zu lassen, in Schichten immer tieferer Melancholien &#8211; oder doch dein Paket zu \u00f6ffnen, <i>tesoro<\/i>, mein Schatz, das stumm auf dem angestaubten Esstisch vor mir liegt. Dieses mit Aufklebern eines Schnellzustelldienstes bedeckte Paket, dem ich seinen langen Weg \u00fcber die Alpen, aus dem fernen Italien ansehen kann, leicht abgesto\u00dfen der Karton in der linken, unteren Ecke, offensichtlich mit einem nachl\u00e4ssigen, fahrl\u00e4ssigen Wurf auf die Ladefl\u00e4che eines Kleinlasters bef\u00f6rdert. Dein Paket, <i>mia cara<\/i>, von dem ich zwar nicht wei\u00df, was seine Schale im Konkreten umschlie\u00dfen, aber ich mir ausmalen kann, was aus seinem innersten Inneren auf mich zustr\u00f6men wird: Verharren in Ungewissheit, Sehnsucht, Verst\u00e4ndnislosigkeit, Anklage, wie alle deine Pakete, wie alle deine Briefe, die du mir an meine jeweiligen Aufenthaltsorte bisher nachgeschickt hast.<\/p>\n<p>Und mit einem weiteren Aufseufzen fasse ich jetzt nach dem Paket, ziehe und rei\u00dfe ich an seiner H\u00fclle aus steifem Karton, an den widerspenstigen Klebeb\u00e4ndern, meine Ungeschicklichkeit verfluche ich, aber nur um Unwilligkeit handelt es sich, wei\u00df ich doch, dass mir sein Inhalt wieder einen Stich ins Herz versetzen wird, wie immer, <i>mia carissima<\/i>, so gut wie du mich kennst. Endlich will es mir gelingen, den Mund des Pakets aufzurei\u00dfen, mit der Hand lange ich hinein, mit unbewusster Vorsicht, als k\u00f6nnte es noch nach mir schnappen, bekomme seinen Inhalt in seinem Schlund zu fassen, etwas Kompaktes, etwas im Ganzen, etwas Rechteckiges, was ich da ans Licht zerre:<\/p>\n<p>Ein Fotoalbum, ganz in der Machart des letzten Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich, bohrend tief der Stich ins Herz, als mir beim Aufschlagen des Albums bewusst wird, welchen Preis du dieses Mal bezahlt hast, welch unumkehrbares Risiko du dieses Mal eingegangen bist, <i>mio amore<\/i>, denn gl\u00fcckliche Kindheitsfotos lachen mir entgegen, die originalen Bilder aus deiner Kindheit, aus deiner stolzen italienischen Heimatstadt. Agfacolor, der leicht \u00fcberbelichtete Stich der Farben auf den Fotos, so wie sie \u00fcberhaupt waren, leicht \u00fcberbelichtet die hoffnungsfrohen Farben der Siebziger, ganz im Gegensatz zu dem feigen Pastell der beiden vorangegangen Jahrzehnte. Nur das Schwarz so, wie Schwarz auch in Wirklichkeit damals war und es immer noch ist, das Kohlrabenschwarz in deinen Augen, im Schwung deiner Augenbrauen und das Kohlrabenschwarz in den Locken deiner Haare, schon damals als Kind, <i>tesoruccio<\/i>.<\/p>\n<p>Auf eine italienische Zeitreise entf\u00fchrst du mich, auf der R\u00fcckbank der legend\u00e4ren Alfa Romeo Giulia deiner Eltern, die mit den Doppelscheinwerfern, Baujahr \u00b470, sch\u00e4tze ich, um ein vom Smog schwarz get\u00fcnchtes Kolosseum fahre ich mit dir in deinen Urlaub, und besonders schief erscheint uns der Turm von Pisa, aus Kinderperspektive, und die einsetzende Flut umsp\u00fclt unsere Sandburg am toskanischen Strand, mit dem Einwickelpapier der damals beliebtesten Eismarken haben wir sie beflaggt. Und auf vielen der Fotos tr\u00e4gst du so hinrei\u00dfend ein einfaches glattes wei\u00dfes Kleid mit satten roten Punkten, aber noch viel hinrei\u00dfender dein vergn\u00fcgtes Kinderlachen, aus dem sp\u00e4ter einmal dein eigent\u00fcmliches, einzigartiges L\u00e4cheln geboren werden wird.<\/p>\n<p>Und schmuck auch dein Elternhaus mit Vorgarten, <i>mia cara<\/i>, das auf so vielen deiner Fotos den alles zusammenhaltenden Hintergrund bildet, immer in einladender Frische get\u00fcncht das Haus, und hingebungsvolle Pflege ist dem Garten anzusehen. So ganz anders als der hastig auf einen Acker hingeworfene, in Beton geworfene Wohnblockw\u00fcrfel aus der Nachkriegszeit, in dem ich aufgewachsen bin, ein Wohnblock in einer Vorstadt zu einer Stadt, der das Schicksal auferlegt ist, Bindeglied zwischen zwei bei weitem bedeutenderen St\u00e4dten zu sein, also ein Wohnblock in einer Vorstadt einer Vorstadt. Der erbaut im billigen Nachkriegsbeton schneller feucht ergraut ist als jedes andere Haus, und der inzwischen einer Autobahnumfahrung gewichen ist, also mit der Zeit gegangen ist, im wortw\u00f6rtlichen Sinne, von ihr plattgemacht und ausradiert. Kein Foto k\u00f6nnte ich dir von ihm zeigen, <i>tesoro<\/i>, denn sein feuchtes Grau ist von niemanden jemals einer Aufnahme wert befunden worden, nur zu der Kurve in der Autobahnauffahrt k\u00f6nnte ich dich f\u00fchren, dort wo der Wohnblock sein trostloses Dasein abgesessen hat, eine Achtzigerbeschr\u00e4nkung ist ihm als Denkmal geblieben.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich meiner Familie, zusammengew\u00fcrfelt aus den Resten einer aus der Zeit gefallenen k. und k. Monarchie, deren Vergangenheitsbewusstsein sich sp\u00e4testens mit drei Generationen in einer b\u00f6hmischen Schuhfabrik, einem ungarischen Steppenstreifen oder einem galizischen Grenzdorf verliert. Und beim Aufblitzen in der Landschaft der Zeit ist es f\u00fcr meine Familie geblieben, in unserem Wohnblock in der Vorstadt einer Vorstadt, denn mittlerweile auch ihre Kinder, meine Geschwister entschwunden in den Ecken Europas, den einen verschlagen auf eine feuchte Insel mit ungenie\u00dfbarem Essen, den anderen in ein Donautal, dessen einzige Abwechslung zur geistigen Ein\u00f6de die allj\u00e4hrliche \u00dcberschwemmung bringt; und von meinem mir abhandengekommenen Sohn ganz zu schweigen, Norwegen, sein erkl\u00e4rtes Wunschziel, als wir uns vor Jahren das letzte Mal gesprochen haben. Und mich, zu was<i> <\/i>mich dies alles gemacht hat, deine ewige Frage, <i>mia cara carissima, <\/i>zwischen all deinen Zeilen, all deinen Briefen und Paketen?<\/p>\n<p>Ja, mit der Zeit habe ich mich gewandelt, vom ewig an der Theke Klebenden, einer Theke so lange wie die Einsamkeit, zum ewig Reisenden, <i>il Viaggiatore<\/i>, der nunmehr seine Theken wie die Socken wechselt, Stadt f\u00fcr Stadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 15124<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alte W\u00e4schest\u00e4nder, mein erster nachhaltiger Eindruck in dieser Wiener Wohnung, nachl\u00e4ssig in sich geklappt an die W\u00e4nde gelehnt, schon lange haben sie keine W\u00e4sche mehr gesehen, die ihnen zum Trocknen auferlegt worden ist, alte W\u00e4sche, die ich verborgen in den hintersten Reihen des m\u00e4chtigen Einbauschranks vermute, wahrscheinlich nur unpers\u00f6nliche W\u00e4sche, wie Bettlaken und Handt\u00fccher. 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