{"id":3338,"date":"2015-10-05T10:43:54","date_gmt":"2015-10-05T10:43:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3338"},"modified":"2015-11-19T16:20:40","modified_gmt":"2015-11-19T16:20:40","slug":"kein-typ-fuers-grobe-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3338","title":{"rendered":"Kein Typ f\u00fcrs Grobe &#8211; Teil 3"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3338&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3338&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Einer meiner langen Spazierg\u00e4nge l\u00e4sst mich vor der Akademie Halt machen. Mein Gott, die Akademie der sch\u00f6nen K\u00fcnste! Dreimal habe ich versucht, die Aufnahmepr\u00fcfung dorthin zu schaffen. Dreimal hat man mir gesagt, es w\u00e4re ganz nett, was ich so machte, aber das k\u00f6nnte ich auch ohne ihr Zutun. Die doppelte, hohe Fl\u00fcgelt\u00fcr strahlt durch ihr undurchdringliches Dahinter eine gewisse Unruhe aus, die sich auf die wartenden Pr\u00fcflinge davor auszuwirken scheint. Manche rauchen. Einige kauen an ihren N\u00e4geln. Andere \u00fcben sich in Gelassenheit. Mappendurchsicht! Jeder musste, schon Monate davor, eine Mappe mit eigenen Arbeiten abliefern, von deren positiver Beurteilung die Zulassung zur dreit\u00e4gigen Probearbeit abhing.<\/p>\n<p>Sind die Professoren noch nicht da? Vielleicht kann man hintenherum in den Saal gelangen, fragt jemand. Das gro\u00dfe Warten findet ein j\u00e4hes Ende, als sich die Fl\u00fcgelt\u00fcr \u00f6ffnet und die Nummer eins aufgerufen wird. Jetzt kommt Bewegung in die Menge. Alles geht relativ rasch. Die ersten sind bereits im Saal und verteilen sich auf verschiedene Gruppen von Assistenten und Professoren im Raum. R\u00fcde Kritiken sind zu h\u00f6ren. Na, wo haben Sie denn das abgekitscht, h\u00f6rt man einen sagen. Is\u2018 ja fast &#8217;n Breughel! Was? Gel\u00e4chter. Wieso machen Sie das so? Weil es mir gef\u00e4llt, haucht eine schmale Blondine. Weiter. Der N\u00e4chste.<br \/>\nEin Professor zieht einen kantigen Farbk\u00fcbel hinter sich her. In der einen Hand h\u00e4lt er einen Besen. Er taucht ihn in den Beh\u00e4lter mit blauer Farbe und schreitet die aufgestellten bereits grundierten Leinw\u00e4nde ab. Wie ein Stierk\u00e4mpfer mit seinem Degen nimmt er Aufstellung vor einer der Tafeln, und fl\u00fcstert: \u201eWenn das jetzt nicht gelingt, ist alles hin!\u201c Dann eilt er, den Besen, von dem die Farbe tropft, hochhaltend, auf die Tafel zu und f\u00e4hrt von oben nach unten in einem Zug durch. Die Studenten staunen. Auf diese Weise k\u00f6nnte man ein Zimmer in weit weniger Zeit ausmalen als es sonst dauert \u2026<\/p>\n<p>Sie m\u00fcssen wissen, meine Philosophie ist, dass Sie unter meinen Anweisungen Sie selber werden, in Ihren Entscheidungen f\u00fcr Ihre Arbeiten. Haben Sie mich verstanden? Die Studenten sehen sich verunsichert an. Keiner spricht auch nur das leiseste Wort. So ist das also mit der Kunst.<\/p>\n<p>Warum sind Sie hier? Weil ich gerne \u2013 z\u00f6gert \u2013 Aktionsk\u00fcnstlerin werden m\u00f6chte. Warum gehen Sie nicht zu meinem Kollegen? Er nennt den Namen. Kennen Sie den nicht? Nein. Haben gar nicht gewusst, dass er einen Lehrstuhl hier hat? Achselzucken. Der N\u00e4chste.<\/p>\n<p>Der Assistent begutachtet die Arbeit eines Pr\u00fcflings. Hier, und er deutet mit seinem Zeigefinger auf die bemalte Fl\u00e4che, hier m\u00fcssen Sie noch etwas hineinmachen. Der Student tut es. Er macht einen grellen runden Tupfer hinein. Eine Viertelstunde sp\u00e4ter kommt der Assistent wieder bei ihm vorbei. Hervorragend! Sie sind aufgenommen. Ich nicht. Sie sind nicht formbar, hat der Professor zu meinen Arbeiten gemeint. Ich nehme meine Mappe mit der Nummer zweihundertelf und verlasse den Saal. Ich gehe den Korridor entlang und trete hinaus auf den Platz. Sp\u00e4ter werde ich dem Herrn Vater berichtet haben, dass ich nicht genommen worden bin.<\/p>\n<p>Ich habe beschlossen, dieses Ereignis nicht in die Familienchronik aufzunehmen, weil es unr\u00fchmlich ist, irgendwo durchzufallen, denke ich, und die Nachfahren stolz auf ihre Vorfahren sein m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Man muss Erfolg haben in dieser Welt, sonst gilt man nichts.<\/p>\n<p>Ich schreibe mich in einen Kurs an der Volkshochschule f\u00fcr Malerei ein. Akt, Portr\u00e4t, Landschaft. Bereits in der zweiten Woche fahren wir hinaus auf den Kahlenberg, ins private Atelier der Professorin. Wir Kunstbeflissene suchen uns jeder ein Pl\u00e4tzchen am sonnigen Abhang des riesigen Gartens mit Blick auf die Donau und Wien. Ein H\u00e4usermeer. Daraus ragen zahllose T\u00fcrme, darunter der Donauturm hervor. Ich f\u00fchle mich von dem Anblick v\u00f6llig \u00fcberfordert, beginne aber doch zu skizzieren. H\u00e4uschen an H\u00e4uschen reiht sich in m\u00fchevoller Kleinarbeit aneinander. Der davor alles \u00fcberragende Donauturm wird mir zum Verh\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Die \u00fcbergewichtige Kunstprofessorin qu\u00e4lt sich m\u00fchsam \u00fcber den kleinen Abhang von Student zu Student. Sie blickt \u00fcber meine Schulter, sieht meinen feinen Haarpinsel, mit dem ich die H\u00e4uschen und T\u00fcrmchen male, und greift mit folgenden Worten zum gr\u00f6\u00dften Borstenpinsel, den ich besitze, indem sie ihn zun\u00e4chst in Himmelblau taucht: \u201eWas soll denn das sein? Schauen Sie\u201c, und sie streicht in riesigen Streifen \u00fcber die ganze obere Blatth\u00e4lfte. \u201eDas \u2013 ist der Himmel!\u201c Mir bleibt das Herz stehen. Mein Bild! Dann f\u00e4hrt sie mit dem unausgewaschenen Pinsel ins Braun, Gr\u00fcn und Ocker. \u201eUnd das\u201c, zack zack zack, \u201edas ist die Donau!\u201c Dabei verspritzt sie mit dem borstigen Werkzeug das Malwasser \u00fcber mich.<br \/>\nIch bin entsetzt. Mein Werk \u2013 in seinen Grundz\u00fcgen realistisch, manieristisch detailliert angelegt, einer mittelalterlichen Panoramakarte gleich, mit allen Details, liegt v\u00f6llig entstellt, ja, quasi devastiert vor mir. Das ist das Ende. \u201eSo!\u201c, sagt sie, \u201eund jetzt machen Sie weiter! Und verschonen Sie mich blo\u00df mit Ihren Miniaturen, ja!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<br \/>\nRomanauszug aus &#8222;Der Chronist&#8220; &#8211; in Entstehung<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 15123<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer meiner langen Spazierg\u00e4nge l\u00e4sst mich vor der Akademie Halt machen. Mein Gott, die Akademie der sch\u00f6nen K\u00fcnste! Dreimal habe ich versucht, die Aufnahmepr\u00fcfung dorthin zu schaffen. Dreimal hat man mir gesagt, es w\u00e4re ganz nett, was ich so machte, aber das k\u00f6nnte ich auch ohne ihr Zutun. 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