{"id":3333,"date":"2015-10-05T10:38:15","date_gmt":"2015-10-05T10:38:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3333"},"modified":"2015-10-29T18:37:47","modified_gmt":"2015-10-29T18:37:47","slug":"kein-typ-fuers-grobe-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3333","title":{"rendered":"Kein Typ f\u00fcrs Grobe &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3333&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3333&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Versuch, wenigstens einen Bruchteil von Vaters Welt verstehen zu wollen, bringt mich durch seine Erz\u00e4hlung der letzten Kriegstage etwas n\u00e4her an ihn heran, und ich versetze mich in seine Lage, bin er, f\u00fcr Augenblicke.<br \/>\n6. Mai 1945. Amerikanische Truppen besetzen Linz und Steyr. In St. P\u00f6lten ist mir die Gestapo auf der Spur. Ich habe den Stempel \u201epolitisch unzuverl\u00e4ssig\u201c im Soldbuch stehen. Die Engl\u00e4nder und Amerikaner sind bereits in K\u00e4rnten. In Vorarlberg \u00fcberschreiten franz\u00f6sische Truppen die Grenzen. Ausgerechnet heute, an diesem gottverfluchten Tag, wo beinahe alles ausgestanden ist, heute finden und verhaften sie mich! Es sind ihrer drei. Der Fahrer bleibt sitzen. Deutsche. Die zwei anderen, ein Unteroffizier und ein Hauptmann, nehmen mich in ihre Mitte. Sie schieben mich in den feldgrauen K\u00fcbelwagen. Der Offizier sitzt links von mir. Er deutet dem Fahrer \u2013 Abfahrt. Auf der Reichsstra\u00dfe Richtung Enns.<br \/>\nSie sprechen nicht mit mir. Ich denke an meine Eltern. Ich werde sie nie mehr sehen, kann ihnen nicht schreiben, sie nicht anrufen. Ich bin doch Lehrer von Beruf! Nie wieder werde ich mit Kindern lachen. Die Fahrt verl\u00e4uft ruhig und gleichm\u00e4\u00dfig. Ich kann keine Eile erkennen. Obwohl vom Feind l\u00e4ngst umzingelt. Es ist dunkel geworden drau\u00dfen. Der Chauffeur biegt links in ein Waldst\u00fcck ein. Einen Feldweg entlang geht es noch ein paar hundert Meter. Der Offizier tippt dem Fahrer auf die Schulter.<br \/>\nDas Fahrzeug h\u00e4lt an. Meine beiden W\u00e4chter steigen aus. Lassen die T\u00fcren offen. Der Chauffeur steigt gleichfalls aus. Ich wage nicht, den Kopf zu drehen. Sie werden von drau\u00dfen schie\u00dfen, denke ich. Es macht mir nichts aus, weil meine Situation ausweglos ist. Irgendwann findet man sich mit allem ab, in diesem Schei\u00dfkrieg. Hoffentlich treffen sie beim ersten Mal. Es geschieht nichts. Banges Warten. Zehn Minuten. Eine Viertelstunde. Nach f\u00fcnfundvierzig Minuten wage ich, auf meine Uhr zu sehen. Ich wende den Kopf erst nach rechts, erwarte den Schuss. Nichts r\u00fchrt sich. Dann sehe ich nach links. Niemand ist zu sehen. Ich r\u00fccke unruhig auf meinem Sitz hin und her.<br \/>\nSchlie\u00dflich nehme ich meinen letzten Mut zusammen, qu\u00e4le mich durch die enge T\u00fcr\u00f6ffnung nach drau\u00dfen. Sie werden mich niederschie\u00dfen \u2013 im Stehen, durchf\u00e4hrt es mich. Immerhin bin ich Offiziersanw\u00e4rter. Ich sp\u00fcre schon den stechenden Schmerz in der Brust. Jetzt. Jetzt ist es aus! Gleich! Aber \u2013 es geschieht nichts. Niemand ist hier. Sie haben sich abgesetzt, die Schweine, \u00fcber die Enns, vermutlich. Ich atme durch, seit \u2013 ich wei\u00df nicht, wie lange zum ersten Mal. Ich kn\u00f6pfe meinen Milit\u00e4rmantel zu und setzte mich in Richtung Westen in Bewegung. Es beginnt leicht zu regnen.<\/p>\n<p>Mitternacht, Mai 1992, als Papa mit seiner Erz\u00e4hlung endet. Ich sitze mit ihm auf der Terrasse unseres Hauses. Ein Sch\u00fcttelfrost hat ihn befallen, schon w\u00e4hrend des Erz\u00e4hlens. Ich hole eine Decke. Er winkt ab. Geht schlafen, sagt er leise und erhebt sich. Seine Erinnerungen haben ihn zu sehr aufgew\u00fchlt.<br \/>\nWas bin ich blo\u00df f\u00fcr ein Mensch? Ich mache den Vaterschaftsentzug wieder r\u00fcckg\u00e4ngig. Jetzt bin ich wieder sein Sohn. Die Ohrfeigen versuche ich ganz einfach zu vergessen. F\u00fcr heute jedenfalls.<\/p>\n<p>Von der neuen Welt noch immer keine Spur. Daf\u00fcr bestehe ich mit Bravour einen Test in der Tageszeitung, der mir sowohl Interesselosigkeit als auch die totale Freudlosigkeit am t\u00e4glichen Leben best\u00e4tigt. Nichts kann mir noch Genuss bereiten, hei\u00dft es da, w\u00e4hrend ich den Tr\u00e4nen nahe bin, die Stunden fristend, die endlos mich d\u00fcnken. Matt und kraftlos, verliere mehr und mehr an Gewicht und kann mich auch auf nichts so recht konzentrieren. Mein Selbstwertgef\u00fchl ist am Boden. Die N\u00e4chte, in denen ich mich unruhig und beinahe schlaflos im Bett w\u00e4lze, werden zusehends zur Qual.<\/p>\n<p>Trotz meines Elends aber besch\u00e4ftigt mich mein Vorhaben um die Familienchronik. Welchen Stellenwert w\u00fcrde der Herr Papa in dieser einnehmen, denke ich? Im Grunde waren wir alle heilfroh, wenn er nicht allzu oft pr\u00e4sent war. Andererseits repr\u00e4sentierte er doch eine gewisse Sicherheit, was das Existenzielle anbelangte. Aber das Wesen einer Chronik \u2013 ist nicht zuletzt doch das Neue? Etwas, was bisher noch niemand wusste oder gar vermutete? Sie lebt von der Zusammenfassung des Neuentdeckten. Dies allein ist ausschlaggebend f\u00fcr das Wesen einer Chronik. Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale der beteiligten Akteure! \u00dcber gewisse Regeln und Riten berichten. Sie nachvollziehbar machen f\u00fcr andere. Schilderungen der pers\u00f6nlichen und allgemeinen Entwicklung! Ereignisse und Ver\u00e4nderungen aufzeigen. Meinetwegen auch Anekdoten hinzuf\u00fcgen. Und Korrespondenzen nicht vergessen!<\/p>\n<p>Das Fr\u00e4ulein Schwester hatte es irgendwie leichter gehabt als ich. Nicht, dass sie der gesunden Watschen entgangen w\u00e4re, nein, durchaus nicht, aber \u2013 sie hatte, im Gegensatz zu mir immerhin die Stirn, der hauseigenen p\u00e4dagogischen \u00dcbermacht mit ihrer Schlagfertigkeit zu begegnen, wenn nicht sogar mit ein wenig Frechheit. Denn, als eines Tages auch sie vorm versammelten Lehrk\u00f6rper eine abgefangen hatte, knallte das gedem\u00fctigte Gesch\u00f6pf dem allm\u00e4chtigen Herrn Vater die Worte: \u201eDenkst du jetzt, du imponierst mir?\u201c entgegen. Da war sie grade mal zw\u00f6lf. Das sa\u00df, und der stets so gestrenge Herr Papa verzog seine unerbittlich strengen Lippen zu einem L\u00e4cheln, aus dem sogar, wohl angeregt durch die Heiterkeit der Anwesenden, so etwas wie ein Lachen wurde. Das h\u00e4tte unsereins sich erlauben d\u00fcrfen! Ich war sprachlos.<\/p>\n<p>Die Kriegsgeneration hat uns Zeit ihres Lebens stets darum beneidet, dass wir es angeblich leichter h\u00e4tten auf dieser Welt und \u2013 hat es uns sp\u00fcren lassen. Denn dies f\u00fchre zu nichts. Hart sein, wie Kruppstahl, hat es gehei\u00dfen. Sei hart zu dir! Stahlharte M\u00e4nner, hat der Direktor zu uns gesagt, sogenannte M\u00e4nner aus Stahl! Dabei hat er mich gemustert, von oben bis unten, mir mit der flachen Hand auf die Brust geschlagen und mich gefragt, ob ich mich nicht einer Geschlechtsumwandlung unterziehen wolle, weil ich l\u00e4ngere Haare h\u00e4tte. Das war 1969. \u201eIdiot!\u201c, hab ich mir gedacht! Er muss es gef\u00fchlt haben. Dann hat er mich zum Friseur geschickt. Aber ich bin nicht hingegangen. Wir Jungen waren wie in Trance von \u201eSatisfaction\u201c von den Stones und trugen Jeans und bedruckte T-Shirts.<\/p>\n<p>Was w\u00fcrde der Herr Papa jetzt sagen, wenn ihm diese Gegen\u00fcberstellung meiner Lebensgeschichte zu Ohren kommen w\u00fcrde? Der Aufschrei eines, der die B\u00fcrde seiner ungl\u00fccklichen Kindheit mit sich herumtr\u00e4gt, vielleicht bewahrt von jeder Schuld zwar, doch trotzdem beladen mit dem ganzen Elend einer Generation, deren V\u00e4ter die Helden waren? Und wenn sie keine waren, so wie der meine, dann waren sie eben Verr\u00e4ter. Wie Papa, weil er eben kein Nazi war. Das war genauso schlimm! Sich gegen das Vaterland zu wenden und damit auch gegen das Volk! Die Zeit, wo einer wie er als Mahnender und nicht als Lump gewertet wird, scheint noch immer nicht reif zu sein. Noch ehrt man blo\u00df die Helden! Lumpen baut man keine Denkm\u00e4ler.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich des bleiernen Schweigens. Es wurde nicht dar\u00fcber gesprochen, was geschehen war. In der Schule nicht, und zu Hause schon gar nicht. In den Schulb\u00fcchern hatten die alten Nazis ihre Finger im Spiel. Und die alten Nazis haben uns noch unterrichtet, und uns ihre scheinheiligen Ordnungsprinzipien aufgezwungen. 1972 sind wir noch im Turnsaal marschiert und haben \u201eOh du sch\u00f6ner Westerwald\u201c singen m\u00fcssen.<br \/>\nAber irgendwie sagt mir mein Gef\u00fchl, dass sie alle ganz froh dar\u00fcber waren, diese Zeit selbst heil \u00fcberstanden zu haben und dass alles wieder seinen normalen Verlauf genommen hat. Und irgendwann w\u00e4ren sie ja sowieso verr\u00fcckt geworden, vor lauter Hand hoch zum Gru\u00df erheben und all dem ganzen ideologischen Unsinn. Und irgendwann w\u00e4re aufgekommen, was man den Menschen alles angetan hat. Oder sie h\u00e4tten sich gegenseitig bis zum letzten Mann denunziert, wegen Hochverrats oder wei\u00df der Teufel weswegen. Heute wohnen sie alle in friedlicher Eintracht nebeneinander, als ob nichts geschehen w\u00e4re. Der eine Nachbar, der ein paar Juden an die Gestapo verraten hat. Andere, welche deren Sparb\u00fccher, H\u00e4user und Gesch\u00e4fte beschlagnahmen lie\u00dfen. Und wieder andere, die die Ministranten in unserem Dorf auf ihrem Weg in die Kirche mit dem Luftdruckgewehr beschossen haben.<br \/>\nUnd es ist alles vergessen. Scheint wie ausgel\u00f6scht. Heute sind sie Nachbarn und gr\u00fc\u00dfen einander, als ob nichts passiert w\u00e4re. Meine Zweifel, dass diese Welt auch nur einen Funken Logik eines, wenn auch noch so geringen, Ordnungsprinzips aufweist, verh\u00e4rten sich mit jedem Tag. Und ich muss mit Entsetzen feststellen, dass ich selber auch nur ein Teil dieser Schei\u00dfwelt bin, in der alles drunter und dr\u00fcber geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<br \/>\nRomanauszug aus &#8222;Der Chronist&#8220; &#8211; in Entstehung<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 15122<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Versuch, wenigstens einen Bruchteil von Vaters Welt verstehen zu wollen, bringt mich durch seine Erz\u00e4hlung der letzten Kriegstage etwas n\u00e4her an ihn heran, und ich versetze mich in seine Lage, bin er, f\u00fcr Augenblicke. 6. Mai 1945. Amerikanische Truppen besetzen Linz und Steyr. In St. P\u00f6lten ist mir die Gestapo auf der Spur. 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