{"id":3267,"date":"2015-09-21T16:07:50","date_gmt":"2015-09-21T16:07:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3267"},"modified":"2015-09-25T05:22:08","modified_gmt":"2015-09-25T05:22:08","slug":"geschenktes-huhn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3267","title":{"rendered":"Geschenktes Huhn"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3267&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3267&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ja, das hab ich mit D\u00f6rrobst und Birnen gemacht. Erst eine Menge Zwiebel, dann eine Lage Kartoffelscheiben, dann das D\u00f6rrobst, mit Birne gespicktes Huhn drauf, ein paar Kr\u00e4uter und Wein dr\u00fcber. Ab ins Rohr \u2013 aber schon fast eine Stunde.<br \/>\nDas ist \u00fcbrigens ein gl\u00fcckliches Bio-Bergland-Huhn aus Oberthalham bei Gmunden. Da stand sogar die Seeh\u00f6he drauf auf dem Etikett. \u00dcber 500 Meter liegt das! Hab ich sozusagen vom Leo bekommen. Der wollte das nicht. Wieso nicht? Na, das h\u00e4ngt mit der Claire zusammen. Der hatte das Huhn n\u00e4mlich von der Claire. Das war gestern, also das ist schon noch halbwegs frisch, das Huhn.<\/p>\n<p>Claire, ja, die Claire, die hat er jetzt gerade wieder getroffen. Kannst du mal das Bier aus dem Eisfach tun? Ist das jetzt wirklich so interessant, dass sich die mal wieder getroffen haben, die Claire und der Leo? Ja, im Kaffeehaus. Claire\u2026 ja, die Claire, welches Kaffeehaus? Irgendein Kaffeehaus eben. Na, das Weidinger, wo der Leo immer hingeht. Das ist doch nicht wichtig, welches Kaffeehaus. \u2013 Nein, wichtiger ist doch: Die beiden haben sich ja schon zwei Jahre nicht gesehen! Warum nicht? Weil der Leo mit seinen Eroberungsversuchen bei ihr gescheitert ist &#8211; aber gr\u00fcndlich! Kennt ihr doch eh alle, die Geschichte. Zwei Jahre hat er alles versucht und dann gro\u00dfes Jammertal.<br \/>\nDas wisst ihr doch, was soll ich da noch gro\u00df erz\u00e4hlen. Was meinst du? Ob er damals wenigstens irgendwas erreicht hat? Einen einzigen Kuss, wenn du\u2019s wissen willst, einen Kuss hat sie ihm gegeben. Einen einzigen Kuss! Den daf\u00fcr unter einer echten Stra\u00dfenlaterne, romantischerweise. Da war er dann tagelang ziemlich gut drauf, wegen dem einen Kuss, wei\u00df ich noch genau, ja wisst ihr doch noch alle, hat er ja allen oft genug erz\u00e4hlt, und es war ja auch auff\u00e4llig, wie der auf einmal strahlt wie ein Solarium.<\/p>\n<p>Abgenommen hat er auch! Ihr wisst aber nicht, was dann passiert ist, das hat er n\u00e4mlich nur mir erz\u00e4hlt! Beim n\u00e4chsten Treffen n\u00e4mlich, da hat die Claire nicht mal eine Ber\u00fchrung zugelassen \u2013 da hat er\u2019s dann endg\u00fcltig aufgegeben, der Leo. Das war zuviel. \u201eDas h\u00f6rt ja nie auf\u201c, wird er gedacht haben, \u201esaubl\u00f6des Fangenspiel, idiotisches\u201c, solche Sachen eben, denk ich mir mal, was man sich eben so denkt. V\u00f6llige Funkstille war sein neues Motto. War auch vern\u00fcnftig so. Ist ja das Beste so.<br \/>\nGelitten hat er halt, ist ja normal! Ja was wollt ihr dann jetzt eigentlich noch wissen? Das mit dem Kaffeehaus? Mensch, seid ihr nervig! Okay okay, wenn\u2019s unbedingt sein muss. Also, ich geb zu, dass er mir in den zwei Jahren, nachdem sie ihn sitzen gelassen hat, richtig Sorgen gemacht hat, und da hab ich manchmal mit der Claire geredet. Ja, stimmt, sein K\u00fchlschrank war auch immer leer. Was? Ja, ist wahrscheinlich immer noch leer! Eher tragisch!<\/p>\n<p>Was ist denn jetzt mit dem Bier? Wieso unterm Sofa? Na, egal. Wieso ist meins schon offen? Ich wollt extra ein geschlossenes wegen meiner Schwellung im Gesicht. Ich kann das ja nicht k\u00fchlen mit einer offenen Dose! Na egal. Ja ja, ich red ja schon. Vorgestern also hat ihm die Claire sozusagen \u201everziehen\u201c. Die hat ihn einfach angerufen. Das muss man sich vorstellen: nach zwei Jahren! Und macht sich einfach ein Treffen aus mit ihm. Das war am Freitag, weil getroffen haben sie sich am Tag drauf, also gestern, weil heut ist Sonntag.<br \/>\nGenau. Also sie kommt jetzt vom rituellen Familien-Samstag mit Kartenspiel \u2013 richtige Familie, nicht so welche wie unsere, da gibt\u2018s noch so richtig fixe Rituale und so! Der Leo kriecht derweil aus seiner verdunkelten Wohnung raus, Richtung Kaffeehaus. Claire hat aber an dem Tag nach dem Kartenspielen von ihrer Mutter (\u201eDu siehst ja ganz blass um die Nase aus!\u201c) das Oberthalhamer Bio-Bergland-Huhn geschenkt bekommen und dazu den Auftrag, es sich zu Hause ins Rohr zu stellen.<br \/>\nNa, am Schluss hab\u2018s ja dann ich bekommen. Mensch, wir essen das ja gerade, hab ich doch gesagt. Ihr h\u00f6rt eben nicht zu, das ist es. Au\u00dferdem, die Claire wei\u00df nicht mal, wie man Tiefk\u00fchlpizza zubereitet, geschweige denn ein Bio-Huhn. Ich wei\u00df noch, wie sie einmal so eine Pizza aufs Fensterbrett in die Sonne gelegt hat, voll \u00fcberzeugt, die durch die Fensterscheiben gebrochenen Sonnenstrahlen reichen durch \u201eprismatische Wirkung\u201c aus, f\u00fcr eine fertige Fertigpizza. Hat sie dann gegessen die Pizza, aber mehr zum Beweis. Au\u00dferdem: Die Claire ist Vegetarierin. Aber nicht nur blo\u00df wegen der armen Tiere &#8211; ihr habt ja keine Vorstellung! Sie ist echte Hard-Core-Vegetarierin, also schon mehr politische Veganerin, seit zehn Jahren! Ja, und das h\u00e4ngt mit einem, mit einem \u2026 Erlebnis zusammen! Kann ich mir eine von deinem Tabak dreh\u2018n? Danke!<\/p>\n<p>Damals, vor zehn Jahren, hat die Claire Gesang am Reinhardtseminar studiert und war schon, wie\u2019s immer so hei\u00dft, eine \u201egro\u00dfe Hoffnung\u201c beim Arnold-Sch\u00f6nberg-Chor. Tja, da schaut ihr. Die Claire n\u00e4mlich. Alle Chancen auf eine gro\u00dfe Karriere hatte die, und die wollte auch so richtig ganz nach oben, und die Eltern nat\u00fcrlich auch wahnsinnig stolz. Ihr eigentliches Deb\u00fct war die Matth\u00e4us-Passion vom Bach. Ihr wisst eh, was ein Deb\u00fct ist? Russisches Roulett mit Noten, das ist ein Deb\u00fct, so muss man sich das vorstellen.<br \/>\nDanach hatte sie dann das Erlebnis. In der Passion hat sie alle Sopran-Arien gesungen. Blute nur, du liebes Herz zum Beispiel hat sie da gesungen und Bu\u00df und Reu hat sie \u2026 Was? Alt-Arie \u2013 okay, Bu\u00df und Reu hat sie dann wahrscheinlich nicht gesungen. Jetzt wei\u00df ich nicht mehr\u2026 hast du mein Bier? Ah, da ist es! Danach jedenfalls, nach der Matth\u00e4us-Passion, geht sie mit ihren Freundinnen essen. Nichts Besonderes, sie gehen zum McDonalds und freuen sich auf die probenfreie Zeit, da sieht die Claire, wie jemand intensiv den Mistk\u00fcbel in der Ecke, direkt gegen\u00fcber ihrem Tisch, durchw\u00fchlt, bis er was Essbares findet, die angebissenen Burger und alte McNuggets und Chef-Salat-Reste, so was eben. Das verdr\u00fcckt der alles, und dann noch sorgf\u00e4ltig den Inhalt von einigen weggeworfenen Getr\u00e4nkebechern zusammengeleert und nachgesp\u00fclt. Basta!<\/p>\n<p>Also die Claire hat da genau zugesehen und ist jetzt auf einmal wei\u00df wie die Wand, schaut sich um und stellt fest, dass alle an ihrem Tisch, alle ihre Freundinnen vom Chor nicht mal auch nur was bemerkt haben wollen. Spielen alle pl\u00f6tzlich mit dem Handy oder studieren die N\u00e4hrwertlisten von den Burgern, die der M\u00e4ckie immer aufs Tablett drauflegt. Sie aber jetzt regt sich voll auf: ob sie denn alle keine Augen im Kopf haben, die nackte Not direkt vor ihrem Junk-Food-Fressi-Fressi-Fra\u00df und immer fein wegschau\u2018n, ob sie sich nicht mal sch\u00e4men w\u00fcrden, ob sie denn alle komplett vertiert und verroht w\u00e4ren in ihrer noblen Arnold-Sch\u00f6nberg-K\u00e4seglocke und so weiter.<br \/>\nAber da merkt die Claire, wie ihre Freundinnen sie nur offen besorgt anschauen: Ihre ganze Aufregung, die ist daneben \u2013 aber total. Stille im Saloon. Ihre beste Chorkollegin, auch Sopran wahrscheinlich, sagt dann was von, sie versteht das schon, wirklich, war ein harter Abend und die Arie war wirklich schwer, sie h\u00e4tte ja angeboten, Blute nur statt der Claire zu singen, weil der geht\u2019s grad eh nicht so gut, schon l\u00e4nger nicht und die arme Claire ist ja die ganze Zeit nicht so ganz fit gewesen, aber es ist ja klar, das ist ja v\u00f6llig normal, nach so einer Anstrengung und so elendes Profigequatsche eben. Das gibt der Claire dann den Rest \u2013 sie steht auf und geht.<\/p>\n<p>Die Woche drauf ist die Claire aus dem Chor und dem Seminar ausgetreten, hat sich gezwungen, starke Zigaretten zu rauchen, um sich sozusagen den R\u00fcckweg abzuschneiden, hat den Jean Ziegler gelesen und die Grenzen des Wachstums vom Club of Rome, das ist so ein Umweltbericht, den hat sie regelrecht auswendig gelernt. Den musste ich dann auch lesen. Hat sich \u00fcberhaupt nur noch mit Fragen der Weltern\u00e4hrung besch\u00e4ftigt. Dann wurde es ganz arg: Sie ist von dem D\u00f6blinger Haus ihrer Eltern ausgezogen, in dem sie oben eine riesen Wohnung praktisch f\u00fcr sich gehabt hat. Die Eltern waren ja erst ganz froh, weil die haben das dann vermieten k\u00f6nnen. Die hatten ja alles in Aktien und 2008 hat sie\u2019s voll erwischt. Sogar ihren Buchladen gibt\u2018s nicht mehr. Die Claire wohnt jetzt in einer \u00fcberbezahlten Substandardwohnung an der Stadtperipherie zwischen M\u00fcllverbrennungsanlage und Autobahn. Die Einrichtung ist \u2026 na ja, die hab ich gesehen, darum wei\u00df ich das. Und zwar besteht die aus einer Matratze und einem Metallregal. Sonst nix, nada, niente!<\/p>\n<p>Ja, jetzt ist die Claire so Ende zwanzig und arbeitet nachts in einer Schlafstelle f\u00fcr obdachlose Jugendliche, am Tag telefoniert sie meistens f\u00fcr ein Marketinginstitut \u2013 weil solche Sozialjobs, die bringen ja nichts. Manchmal schiebt sie noch irgendwas in einem Krankenhaus ein \u2013 nur das Allerschlimmste nat\u00fcrlich, was sie dort finden kann. Keine Ahnung, Kotzk\u00fcbelauswaschen oder so was. Sie arbeitet jedenfalls so viel und so oft sie kann und immer mit l\u00e4cherlicher Bezahlung \u2013 davon gibt\u2018s ja genug und sie konsumiert nur das Notwendigste, schl\u00e4ft selten und isst wie gesagt kein Fleisch \u2013 wegen der Weltern\u00e4hrung eben.<br \/>\nDer Leo hat ja mal gemeint, das ist ihre Art sich umzubringen. Alles Fleisch und alles, was durch die Eltern in ihre Wohnung kommt, und alles Geld, das ihr \u00fcbrig bleibt, verschenkt sie dann an irgendwelche Leute und Sozialeinrichtungen. Eine echte neue Heilige: Santa Claire, bitte f\u00fcr uns! Nein, und der einzige Luxus, den sie sich g\u00f6nnt, das ist: in einen Tschechischkurs gehen und klassische Gitarre lernen \u2013 wie sie da die Zeit und die Energie daf\u00fcr findet, ist mir v\u00f6llig schleierhaft. Aber dass da sowas wie eine Beziehung nicht viel Platz hat, ist klar. Da m\u00fcsste sie schon mindestens auf den bl\u00f6den Tschechischkurs verzichten.<br \/>\nWo ist denn jetzt mein Bier schon wieder? Ah ja, was wollt ich eigentlich? Ja ja, die beiden haben sich wieder getroffen, wollt\u2018 ich eh grad erz\u00e4hl\u2018n. Was soll das jetzt wieder hei\u00dfen? \u00dcberhaupt nicht lenk ich ab, es ist nur wichtig, dass man die Claire versteht.<\/p>\n<p>Also der Leo und die Claire. Genau. Es ist so weit. Und er sitzt schon da, mit seinem ewigen, gammeligen Sakko, ja, das schwarze, eh klar, und sonst auch wie immer ganz schwarz und alles schon so leicht schillernd. Hat, v\u00f6llig unbelehrbar, der Leo, gro\u00dfe Hoffnungen. Muss man sich auch vorstellen. Ich meine, nach den vier Jahren! Immer noch Hoffnung! Zwei Jahre, ja stimmt, nach den zwei Jahren. Egal, er ausnahmsweise zu fr\u00fch, sie wie immer zu sp\u00e4t \u2013 das macht insgesamt eine ganze Stunde. Genug Zeit zum Vorbereiten. Der Leo plant n\u00e4mlich Klartext. Er hasst ja diese Spielchen. Er will ihr sagen, dass er gelitten hat, wie ein Schwein gelitten hat. Ohne Gepl\u00e4nkel und ohne Kumpelhaftigkeit. Woher ich das wei\u00df? Das hat er mir nachher gesagt. Wir haben ja telefoniert heute ziemlich lang. Das ist er sich schuldig, das mit dem Klartext, hat er gesagt. Und er wird ja auch gedacht haben, mit so einer richtig schonungslosen Offenheit bei ihr Eindruck zu machen. Ohne jede Kumpelhaftigkeit jedenfalls.<\/p>\n<p>Dann kommt sie. Hat, eh klar, ihr tiefgek\u00fchltes Huhn dabei, das schon ein wenig durch die Plastikverpackung ins Billasackerl tropft, in dem sie es von D\u00f6bling nach Neubau getragen hat. Das hei\u00dft aber: Auf dem Boden vom Billasackerl hat sich mittlerweile ein blutiger See gebildet. Ja, hat er gesehen, nein, nicht gleich nat\u00fcrlich. Ist ja klar, muss so sein. Wenn man ein gefrorenes Huhn l\u00e4ngere Zeit \u2026 Okay, ist ja auch v\u00f6llig egal, mit oder ohne Blutsee, ist ja egal! Ist noch eine Dose da? Danke!<br \/>\nDie Claire also. Die hat ja daran gedacht, es ihrem Nachbarn zu schenken, das Huhn. Aber da h\u00e4tte sie vorher nach Hause m\u00fcssen, und dann h\u00e4tte der Leo noch l\u00e4nger gewartet \u2013 alles sehr kompliziert also. Der Leo merkt nat\u00fcrlich nichts von ihren ganzen Problemen \u2013 hat nur Augen f\u00fcr die Claire. Er sieht aber auch sicher nicht, wie mager und blass sie ist, und nicht die extrem kaputten Sachen, die sie in der letzten Zeit immer anhat. Ich meine ihren uralten graugelben Columbo-Trenchcoat kombiniert mit Wollpulli knielang plus ungewaschene Ringelstr\u00fcmpfe und dazu die ewigen Crocs. Furchtbar! Vom Donner ger\u00fchrt, der Leo.<\/p>\n<p>Und dann ist das ungef\u00e4hr so gelaufen: Sie setzt sich hin und sucht sofort ein Platzerl f\u00fcr ihr Sackerl: \u201eSoll ich\u2019s einfach unter den Tisch stell\u2018n? Geht doch, oder?\u201c \u201eJa, einfach unter den Tisch &#8230; machen alle so.\u201c Pause. \u201eDu Claire, ich finde, ich muss dir sagen \u2026\u201c, will der Leo jetzt anfangen, aber die Claire sofort: \u201eWie, das machen alle so? Das ist doch ein Huhn da drin, laufen doch nicht alle so herum, einfach so mit toten Tieren im Plastiksackerl, hoffe ich, oder?\u201c Der Leo lacht ein bisschen, h\u00f6rt aber damit gleich wieder auf. Pause. Claire: \u201eUnd selbst wenn \u2013 unterm Tisch! Kann man das? Das ist doch irgendwie respektlos, ich meine, dem Huhn gegen\u00fcber, auch wenn es schon ganz tot ist!\u201c<\/p>\n<p>Der Leo hat nat\u00fcrlich bis dahin gar nicht wissen k\u00f6nnen, dass da ein Huhn drinnen ist, und er versteht erst jetzt das Problem, aber irgendwie versteht er\u2018s trotzdem nicht so richtig und wird ein wenig konfus. Jedenfalls hat er gar nicht mehr richtig anfangen k\u00f6nnen mit seiner garantierten Schonungslosigkeit, wo ja die Claire dauernd einen Platz f\u00fcr ihr Huhn sucht, das passt einfach alles nicht.<br \/>\nHab ich doch schon gesagt, dass ich mit Leo telefoniert hab, hat er mir ja alles ganz genau erz\u00e4hlt und die Claire auch. Meistens hat eh die Claire geredet. Wei\u00df ich sogar ungef\u00e4hr, was alles. Zum Beispiel, dass ihr grad wieder eingefallen ist, dass sie \u201edas Tier\u201c ja dem Nachbarn schenken wollte und ob er ihren Nachbarn eigentlich kennt? Aber nat\u00fcrlich nicht, er war ja schon ewig nicht mehr bei ihr!<br \/>\nDabei ist das ein richtiges Original, der Nachbar. Dem seine Hauptbesch\u00e4ftigung besteht n\u00e4mlich darin, einfach \u00e4lter zu werden. Und dem \u00c4lterwerden gewinnt er mit Drogen und Fernsehen eine angenehme Seite ab. Irgendwie faszinierend, nicht? Das alles hat sie ihm beschrieben. Und der Leo hat da wahrscheinlich an seine verdunkelte Wohnung denken m\u00fcssen und sich gefragt, ob das jetzt eine Anspielung war.<br \/>\nAb da war er jedenfalls richtig konfus und nichts mehr mit seinem Offenlegungskonzept. Die Claire schiebt derweil das Billasackerl mit beiden H\u00e4nden auf den Tisch. Der Kellner zieht vor\u00fcber. Ganz normal. Machen alle so. Manchmal, hat sie dann erz\u00e4hlt, wenn sie wieder \u201ewas zum Weitergeben\u201c hat, besucht sie diesen Nachbarn. Dann rauchen sie ganz gem\u00fctlich was, er spielt ihr alte Platten vor, Hendrix, The Who und Frank Zappa und so, und dann erkl\u00e4rt er ihr, worin der eigentliche Wert dieser Musiker besteht: Denen ihre Arbeiten n\u00e4mlich h\u00e4tten das Potenzial gehabt, die Menschheit zu ver\u00e4ndern. \u201eDie Menschheit\u201c, sagt aber die Claire, \u201ewill sich nicht ver\u00e4ndern, die Menschheit ist bl\u00f6d wie Salami!\u201c<\/p>\n<p>Diesen letzten Satz d\u00fcrfte sie aber ziemlich laut gesagt haben \u2013 da ist der Kellner n\u00e4mlich gekommen mit der Bitte um Ruhe im Kaffeehaus \u2013 und da hat er das Huhn bemerkt und das Rinnsal, das da schon heruntergetropft ist. Eben, also doch Blutsee! Gutes Kaffeehaus und so, Blutsee am Tisch. Geht gar nicht! Und dann noch zwei so Gestalten, die die Menschheit beschimpfen. Das hei\u00dft, der Kellner hat die beiden eingeladen zu gehen, wie das mal ein Innenminister so sch\u00f6n zu unseren Asylwerbern gesagt hat.<br \/>\nAber da hat er nicht mit der Claire gerechnet. Die ruft jetzt so was wie \u201eMoment bitte!\u201c und steht dabei auf, sie br\u00e4chte das Huhn ja nachher zur Obdachlosenhilfe, zur Gruft n\u00e4mlich, und die dort in der Gruft w\u00fcrden sich alle schon sehr darauf freuen. Das sei auch nicht irgendein Huhn, sondern ein echtes Oberthalhamer Bio-Bergland-Huhn! Und auch die \u00c4rmsten in diesem schei\u00df Fascho-Staat h\u00e4tten mal das verdammte Recht, ein gutes Huhn ohne Antibiotika\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad zu essen, und sie selber h\u00e4tte einen engen Zeitplan &#8211; der Herr Ober wolle das alles doch nicht verderben? \u00ad<\/p>\n<p>Da hat sich dann aber keiner mehr ausgekannt. Und mitten in das Schweigen hinein die Claire: Ob der Herr Ober vielleicht eine Sch\u00fcssel h\u00e4tte f\u00fcr das Huhn? Auch das ist n\u00e4mlich die Claire, die kann pl\u00f6tzlich so ganz dings werden, sonst fl\u00fcstert sie ja praktisch nur. Der Kellner, weil ein Herr Ober ist das ja gar nicht, ist dann auf einmal weggegangen und hat eine Sch\u00fcssel gebracht. Da hinein hat er das Huhn gelegt und es in die K\u00fcche getragen. Hat noch gesagt, dass es sp\u00e4ter dort abzuholen w\u00e4re. Nicht zu fassen, oder?<br \/>\nNa servus, jetzt hab ich mein Bier umgehauen! Wo ist denn jetzt die K\u00fcchenrolle? Ah, genau &#8211; und ja vielleicht wischt wer noch den Tisch ab? Vielleicht auch ein wenig den Boden? Bringst du mir eine neue Dose mit? Ah, besser. Was ich mich schon frage, ist: Hat der Kellner vielleicht nach dem Auftritt von der Claire in den beiden nicht mehr zwei heruntergekommene Endzwanziger mit Bluthuhn gesehen, sondern was anderes? Also ich glaub ja, der Kellner kann von dem Gruftgerede gar nicht so beeindruckt gewesen sein. Der hat wahrscheinlich nur gedacht, die sind ja durchgeknallt und das tut er sich jetzt nicht an mit denen und wenn die eh gleich zur Gruft gehen \u2026<\/p>\n<p>Genau, dass sie jetzt unbedingt in die Gruft gehen m\u00fcssten, hat die Claire jetzt zum Leo gesagt. Dass das das Beste w\u00e4re, was sie jetzt tun k\u00f6nnten mit dem Huhn, da h\u00e4tte sie gleich dran denken m\u00fcssen. Ob er denn sonst irgendwas vorgehabt h\u00e4tte? Der Leo war aber jetzt schon ziemlich fertig und hat sie nur noch angestarrt. Er hat gemeint, er muss ausgesehen haben wie ein Mensch, der nicht wei\u00df, ob er gleich aufspringen und davonrennen oder an Ort und Stelle kollabieren wird.<br \/>\nIhm ist aufgefallen, dass er pl\u00f6tzlich alles wahnsinnig deutlich hat h\u00f6ren k\u00f6nnen. Die Claire hat die ganze Zeit mit den F\u00fc\u00dfen gescharrt und das h\u00e4tte geklungen wie die Schleifarbeiten auf der Baustelle vor seiner Wohnung. Dabei hat er gewusst, dass sich die Claire sicher fragt, worauf er jetzt so lange wartet. Das Huhn hat er auch in der K\u00fcche tropfen geh\u00f6rt, ganz \u00fcberdeutlich. Zumindest behauptet er fix, dass er sich in einem Kanal gesehen hat, wo das Kondenswasser von der Decke in ein Sammelbecken tropft.<br \/>\nGenau wie im Schluss von Der dritte Mann. Und gleichzeitig w\u00e4re ihm alles durch den Kopf gerast. So was wie: \u201eEin Gest\u00e4ndnis, alles rauslassen \u2013 ist ja egal, wie sie reagiert \u2013 Hauptsache mir ist nachher besser \u2013 aber ist mir dann nachher besser? Wie lang ist mir dann nachher besser? Ganz kurz vielleicht und dann? Dann haut sie mich wieder aus ihrem Leben raus. Der Abgrund! Abyssus abyssum invocat! Ein Abgrund zieht den anderen nach! Wo steht das eigentlich? In der Bibel? Nein, echt Vulgata? Wird schon stimmen.<\/p>\n<p>Was? Woher ich wei\u00df, was der Leo alles gedacht hat? Okay, ich denk mir halt, was er gedacht haben h\u00e4tte k\u00f6nnen. Na gut, ich h\u00f6r ja schon auf. Aber ich bin grad so gut drinnen! Nur noch ein bisschen: \u201eNein, lieber strategisch angehen, irgendwas Witziges sagen. \u00dcber Hendrix zum Beispiel, da kennst du dich doch aus! Hendrix als Wagner des 20. Jahrhunderts!\u201c Das hat er sich n\u00e4mlich sicher gedacht. Ist ja dem Leo seine alte Nummer. Soll ich die jetzt f\u00fcr euch bringen? Klar kann ich das.<br \/>\nIch kann\u2019s sogar noch problematisieren mit: die Rolle des Kultes in der modernen Musik. Hat er mir ja oft genug gepredigt, der Leo. Kann ich auswendig. Aber hallo: Findet ihr das wirklich so toll? Dem Leo sein Wagner-Hendrix-Vergleich ist doch \u00fcberhaupt nicht witzig. Er ist nicht mal gescheit! Wir, weil wir seine Freunde sind, finden das alle immer ganz supergenial. Also der hat wirklich keine Chance mehr gehabt, der Leo.<\/p>\n<p>Und jetzt die Claire: Die hat inzwischen aber den Eindruck, nein, \u201edas deutliche Gef\u00fchl\u201c, so w\u00fcrde die das formulieren: \u201e\u2026 das deutliche Gef\u00fchl, dass der Leo nicht so recht bei Sinnen ist.\u201c Schon gar nicht, dass er sie begleiten will in die Gruft: Er scheint ja offensichtlich an etwas v\u00f6llig anderes zu denken. Aber was sie jetzt getan hat, das kann ich mir einfach wirklich nicht erkl\u00e4ren. Weil kurz entschlossen steht die auf, geht in die K\u00fcche, greift sich das Huhn, legt es zur\u00fcck auf den Kaffeehaustisch und zieht die Plastikfolie von dem weich gewordenen aber immer noch kalten Fleisch und fragt so ganz vorsichtig: \u201eDu isst doch Fleisch?\u201c<\/p>\n<p>Der Leo starrt sie nur noch an und nickt abwesend. Und dann hat sie, ausgerechnet jetzt in dem Moment, hat sie ihm das zwischen mir und ihr gesagt.<\/p>\n<p>Dummerweise bin ich dann ins Weidinger gekommen, da war die Claire schon weg. Der Leo ist immer noch an dem Tisch gesessen und ich bin an der T\u00fcr stehen geblieben, weil er mich so arg angeschaut hat. Ich hab gedacht, besser ich geh wieder, aber grad wie ich mich umdreh\u2018n will, h\u00f6r ich den Leo schreien: \u201eKannst du behalten!\u201c Ich hab nur noch gesehen, wie was Schweres, Rundliches, Wei\u00dfes den Luster gestreift hat und dann auf mich zugeschossen ist. Bringt mir wer noch eine Dose? Ich krieg grad wieder Kopfweh.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernd Remsing<br \/>\n<a href=\"http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/\" target=\"_blank\">http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 15119<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, das hab ich mit D\u00f6rrobst und Birnen gemacht. Erst eine Menge Zwiebel, dann eine Lage Kartoffelscheiben, dann das D\u00f6rrobst, mit Birne gespicktes Huhn drauf, ein paar Kr\u00e4uter und Wein dr\u00fcber. Ab ins Rohr \u2013 aber schon fast eine Stunde. Das ist \u00fcbrigens ein gl\u00fcckliches Bio-Bergland-Huhn aus Oberthalham bei Gmunden. 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