{"id":3228,"date":"2015-09-19T18:06:28","date_gmt":"2015-09-19T18:06:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3228"},"modified":"2016-06-29T17:11:27","modified_gmt":"2016-06-29T17:11:27","slug":"zwiespaeltig-sein-laecheln","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3228","title":{"rendered":"Zwiesp\u00e4ltig, sein L\u00e4cheln"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3228&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3228&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ein Tisch, irgendwo in Italien.<\/p>\n<p>\u201eZu welch Unsinnigkeiten man sich doch hinrei\u00dfen l\u00e4sst, aus Gr\u00fcnden der Einsamkeit \u2013!\u201c<\/p>\n<p>Was meinen Sitznachbar zu einem L\u00e4cheln veranlasst, Alessandro an seinem italienischen Stammtisch. Fahr fort, deutet still seine Handbewegung.<\/p>\n<p>\u201e\u2013 sogar deine Sprache versuche ich m\u00fchsam zu erlernen.\u201c<\/p>\n<p>Am\u00fcsiert hebt er nun die Augenbraue, dieser Alessandro, im Schweigen l\u00e4sst er mich sterben.<\/p>\n<p>\u201eDu hast wohl nie das Bed\u00fcrfnis versp\u00fcrt, eine andere Sprache zu erlernen, Alessandro, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>Zuviel L\u00e4rm und Aufruhr beherrscht mittlerweile unseren Tisch, als dass ich eine Antwort seinerseits verstehen k\u00f6nnte, eine Geste begleitet von seinem L\u00e4cheln beantwortet mir die Frage, seine Geste \u00fcber den Tisch weisend, an dem ein einziges Kommen und Gehen herrscht, sei es eine verflossene Freundin oder eine Schwester dritten Grades, sei es der taube Opa aus Sizilien oder die Mail\u00e4nder Tante mit dem unvermeidlichen Pinscher, immer Neues gilt es zu besprechen und zu beschw\u00e4tzen, hier an diesem \u00fcberlauten Tisch.<\/p>\n<p>\u201eH\u00e4tte ich dich doch nie erfunden, Alessandro\u201c, murmle ich mich geschlagen gebend, den Kopf gesenkt vor mich hin: nicht dich, nicht diesen Tisch, nicht all diese Leute, zu wohlgelaunt, so nahe um mich. Und als h\u00e4tte er meine Worte h\u00f6ren k\u00f6nnen, fasst Alessandro mich an der Schulter.<\/p>\n<p>\u201eNicht doch, du hast mich nicht erfunden\u201c, beschwichtigt mich sein Zuraunen in mein Ohr, \u201edu hast nur etwas zu viel getrunken.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVielleicht haben wir alle etwas zu viel getrunken\u201c, entrinnt mir, als wollte ich diesem Abend zu vieler Willk\u00fcr noch etwas Vers\u00f6hnliches abringen.<\/p>\n<p>Aber nun ist es entschwunden, das L\u00e4cheln aus Alessandros Gesicht, ernst und kalt seine zuvor noch so belustigten Augen. Entgangen ist mir die Bewegung im Augenwinkel, vielleicht ein angedeutetes Schnippen mit seinen Fingerspitzen, das den zuvor noch so bewegten Tisch schlagartig innehalten l\u00e4sst. Still ist es mit einem Mal um uns, eingefroren die Gestalten zu Schemen, die Gesichter zu offenen M\u00fcndern erstarrt.<\/p>\n<p>\u201eSieh dich um, Fremder\u201c, durchschneidet Alessandros Stimme die gem\u00e4ldehafte Stille, \u201esieh ihn dir an, diesen Kreis der ewig wiederkehrenden Leute, diesen Kreis der ewig kreisenden gleichen Worte, heute hat jemand geheiratet, und heute ist jemand gestorben, morgen jemand schwanger und morgen eine andere geschieden.\u201c<\/p>\n<p>Zur\u00fcckgekehrt sein L\u00e4cheln, aber es hat nicht mehr die sanfte Subtilit\u00e4t von zuvor, s\u00fcffisant gekr\u00e4uselt sind seine Lippen jetzt.<\/p>\n<p>\u201eUnd aus diesem Grund bist du der Erfundene, Fremder aus dem Norden. Als Gegengewicht zu all dem Inzest, der mich hier umgibt.\u201c<\/p>\n<p>Wach werde ich an dieser Stelle, nicht zu Missbrauch aus so nichtigen Beweggr\u00fcnden bereit. Zu sehr aus Fleisch und Blut f\u00fchle ich mich, als dass ich mich zu einem blo\u00dfen Gedankenspiel eines Alessandro erniedrigen zu lassen bereit w\u00e4re.<\/p>\n<p>\u201eUnm\u00f6glich!\u201c schreit es aus mir aus Protest, \u201eNur zu gut, in aller Deutlichkeit kann ich mich an die m\u00fchselige Fahrt \u00fcber die Alpen hierher erinnern, an all die Hitze und den Schwei\u00df. Unm\u00f6glich, dass du, Alessandro, der nie einen Schritt vor deine Stadt setzt, dies alles in mich hineinerfinden h\u00e4ttest k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt ruht seine Hand nicht mehr auf meiner Schulter, angewachsen an ihr scheint sie zu sein, so schwer lastet sie auf mir.<\/p>\n<p>\u201eWo du doch mit allem Nachdruck von dir behauptest, nicht erfunden zu sein, wer bist du dann, Fremder mit dem unaussprechlichen Namen?\u201c<\/p>\n<p>Und so ziehe ich das mir selbst auf den Leib geschneiderte Manifest aus dem Ged\u00e4chtnis, Wort f\u00fcr Wort, so wie ich es mir jenseits der Alpen steif vor\u00fcbersetzt habe:<\/p>\n<p>\u201eIm wirklichen Leben arbeite ich als Softwareentwickler, besch\u00e4ftige mich also mit virtuellen Sprachen, programmiert zwischen Mensch und Maschine. Im privaten, intimen, also virtuellen Leben widme ich mich der Literatur, also wirklichen Sprachen, gesprochen von Mensch zu Mensch.\u201c<\/p>\n<p>Und nun ist es sp\u00f6ttisch geworden, Alessandros L\u00e4cheln, widerlich sp\u00f6ttisch.<\/p>\n<p>\u201eSch\u00f6n gesprochen, Fremder. Aber auf mich wirkst du, als wolltest du die beiden tauschen, dein reales Leben gegen dein virtuelles. Also doch nur alles erfunden?\u201c<\/p>\n<p>Und als h\u00e4tte er alldem nichts mehr hinzuzuf\u00fcgen, setzt mit einem Mal der Trubel an diesem Tisch wieder ein, das l\u00e4rmende Rauschen mit all seinem Geschnatter und Geschwafel, Gel\u00e4chter und Prostest, hier ein anklagender Zeigefinger, dort eine entschuldigende Geste, rechts von mir der Griff nach der Weinflasche, links wird Brot gebrochen.<\/p>\n<p>Verdammt f\u00fchle ich mich, einerseits dazu verdammt, jedes noch so sinnentleerte Wort an diesem Tisch verstehen zu wollen, und andererseits dazu verdammt, den Stummen abgeben zu m\u00fcssen, nicht m\u00e4chtig mit meinem hilfsbed\u00fcrftigen Italienisch, in diesem rei\u00dfenden Strom viel- und schnellgesprochener Worte mithalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eE tu? Chi sei tu? Che fai tu?\u201c<\/p>\n<p>Und, wer willst du schon sein, Alessandro? Wie eine Anklage, wie eine Bedrohung fauche ich ihm dieses \u201efai\u201c ver\u00e4chtlich entgegen. Aber mittlerweile ist sie schon gekippt, die Sprache an diesem Tisch, Furlan vermag ich aus ihr herauszuh\u00f6ren, diesen mysteri\u00f6sen r\u00e4toromanischen Dialekt, den niemand versteht, der nicht in ihm geboren ist, und der mich nun erst recht stumm und taub zur\u00fcckl\u00e4sst, mich erst recht dazu verdammt, den Fluss der Worte verst\u00e4ndnislos an mir vor\u00fcberziehen zu lassen.<\/p>\n<p>Zur vollen Stunde schl\u00e4gt der Glockenturm nebenan, und es ist mir, als sei eine Schar Flederm\u00e4use aus ihm hochgestoben, bereit zur n\u00e4chtlichen Jagd, aber als ich meinen Blick zu Erden senke, ist der Spuk um mich vorbei, leergefegt der Tisch, an dem ich sitze, wie \u00fcberhaupt alle Tische rund um mich.<\/p>\n<p>Nur Paolo, der Schankwirt, steht im T\u00fcrrahmen, und wahrscheinlich hat er mich schon seit geraumer Zeit im Blick, denn nun ist es an ihm, ein subtiles L\u00e4cheln auf den Lippen zu tragen.<\/p>\n<p>\u201ePiano, piano.\u201c<\/p>\n<p>Nur ruhig Blut, mein Freund, Paolos Worte, mit denen er auf mich zukommt und mir die Hand beruhigend auf die Schulter legt. Und dann reicht er mir die Rechnung \u2013 hoch ist sie, als h\u00e4tte ich eine ganze Sippe zum Abendmahl geladen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 15113<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Tisch, irgendwo in Italien. \u201eZu welch Unsinnigkeiten man sich doch hinrei\u00dfen l\u00e4sst, aus Gr\u00fcnden der Einsamkeit \u2013!\u201c Was meinen Sitznachbar zu einem L\u00e4cheln veranlasst, Alessandro an seinem italienischen Stammtisch. 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