{"id":3226,"date":"2015-09-19T18:05:25","date_gmt":"2015-09-19T18:05:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3226"},"modified":"2016-06-29T17:11:45","modified_gmt":"2016-06-29T17:11:45","slug":"strassengedanken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3226","title":{"rendered":"Stra\u00dfengedanken"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3226&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3226&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Halbgedanken, Luftgedanken, Dunstgedanken, mehr an Angedachtem will mir nicht durch den Kopf gehen, hier auf diesem pfeilgeraden Autobahnstrich knapp hinter Villach, diesem sonnen\u00fcberfluteten Band Asphalt im Niemandsland vor der Grenze zu Italien. Nicht mehr als ein Gedankenrauschen, das mich durchflutet, eingeharkt den Tempomaten auf milde Hundertdrei\u00dfig, geistig zu nichts anderem angespannt, als ein Lenkrad schnurgerade in der Spur zu halten.<\/p>\n<p>Spurgedanken, Schnurgedanken, die sich wie Perle an Perle reihen, Erinnerungsperlen an \u00e4hnliche Stra\u00dfenfahrten, denn es ist wohl der Einfall des Sonnenlichts, die Art, in der es auf dem hitzigen Asphalt widerprallt, die Frequenz, mit der es durch die Windschutzscheibe bricht und mich im Augenwinkel blendet, was mich in eine Erinnerung zur\u00fcck nach Sizilien wirft, die Strecke Palermo \u2013 Catania durch einsam h\u00fcgeliges Hinterland einige Wochen zuvor.<\/p>\n<p>\u201e<i>Non sono stato io<\/i> \u2013 das war ich nicht!\u201c<\/p>\n<p>Blitzgedanken, Schockgedanken, Schuldgedanken durchfahren mich, das bin ich nicht gewesen, das mit der Br\u00fccke. Zugegeben, werte Autovermietung, das mit den Sto\u00dfd\u00e4mpfern, das nehme ich auf meine Kappe, in bemitleidenswerter Erinnerung ist er mir noch, der zartbesaitete Kleinmietwagen, konzipiert f\u00fcr feingliedrige Hausfrauenh\u00e4nde auf dem Weg zum n\u00e4chstgelegenen Supermarkt, sein Aufst\u00f6hnen der Sto\u00dfd\u00e4mpfer ist mir noch im Ohr, gleich einer Elefantenfamilie angesichts des rettenden Wasserlochs nach Durchqueren der W\u00fcste. Rauch und Dampf vermeinte ich damals aus den Seitenk\u00e4sten der Radaufh\u00e4ngung aufsteigen zu sehen, nachdem ich den Wagen schonungslos \u00fcber die Rippen der Autobahn Palermo \u2013 Catania und zur\u00fcck gejagt hatte, gnadenlos durchgeholpert war ich, die Nadel nicht unter hundertvierzig, hundertf\u00fcnfzig. Als Bandscheibenvorfall hatte ich den Wagen damals der Autovermietung zur\u00fcckerstattet, unbrauchbar f\u00fcr den Nachmieter, wahrscheinlich nun statt meiner zur Verantwortung gezogen.<\/p>\n<p>Aber nicht das mit der Br\u00fccke, das bin nicht ich gewesen, dass sie ein paar Tage nach meiner \u00dcberfahrt in sich eingeknickt ist. Verst\u00f6rte Gesichter von Br\u00fcckeningenieuren, Br\u00fcckenstatikern, Br\u00fcckenbegutachtern habe ich noch vor Augen, abgebildet in der Internetzeitung, in ihrem R\u00fccken der geborstene Stahlbeton, die in die H\u00f6he gereckten nackten Stahlstreben, die in sich verkeilten Stra\u00dfenst\u00fcckplatten inmitten der fr\u00f6hlichen Fr\u00fchlingsh\u00fcgel Siziliens. Selbst den Verkehrsminister hatten sie eingeflogen, aus dem fernen, ansonsten mit sich selbst besch\u00e4ftigten Rom, vor einem geschundenen Pylon hatte er salbungsvolle Worte des Trostes, der Hoffnung und des Wiederaufbaus f\u00fcr die Br\u00fccke \u00fcbrig gehabt, Worte, die der Fr\u00fchlingswind, sanft das Mikrofon umspielend, sogleich ins Reich des Vergessens getragen hatte \u2013 wie auch immer, das bin ich nicht gewesen, das mit der Br\u00fccke.<\/p>\n<p>\u201eDas war ich nicht, das war schon so.\u201c<\/p>\n<p>Flie\u00dfend der Gedanken\u00fcbergang zum Lieblingssatz meines Sohnes, seine Satzperle gegen\u00fcber einer von ihm hinter sich gelassenen Sintflut, und kurz f\u00e4llt mein Blick hin\u00fcber auf den Beifahrersitz, der ihm auf so vielen Fahrten mit mir sein Reich gewesen ist. Dieses Mal ist er allerdings leer, der Sitz, auf der jetzigen Fahrt, auf dem schnurgeraden Stra\u00dfenabschnitt knapp hinter Villach, knapp vor Italien. Sein Beifahrertum hat er dieses Mal abgesagt, aus Pubert\u00e4tsgr\u00fcnden, denn wer will schon sich mit f\u00fcnfzehneinhalb im Beisein seines skurrilen, aus der Zeit gefallenen Vaters ertappen lassen, in Fleisch und Blut, in Zeiten peinlich \u00fcberraschter Schnappsch\u00fcsse im Internet? Was soll\u2018s, schon als Kind die Undankbarkeit schlechthin als Beifahrer gewesen, M\u00fcdigkeit, sein erster Einstiegsgedanke ins Auto immer schon gewesen, kaum angegurtet schon entschlafen, kaum dass mir die Zeit geblieben ist, das Auto anzulassen. Verziehen sei dir, mein Sohn, ist er mir wenigstens erspart geblieben, der Lieblingsspruch deiner Altersgenossen, beim Halt an der ersten Ampel:<\/p>\n<p>\u201eSind wir schon da?\u201c<\/p>\n<p>Achtung! Ein Ordnungsgedanke, ein Aufmerksamkeitsgedanke, ein Habachtgedanke, der mich wachruft, aus dem Bann des Tempomaten und meiner an ein schnurgerades Lenkrad gehefteten H\u00e4nde, da ist doch etwas gewesen, rechter Hand von mir, ein Verkehrsschild. Von einer Z\u00e4hlstelle hat es gesprochen, mich ermahnt, nicht die Spur zu wechseln, damit hier gez\u00e4hlt werden kann, automatisch wohlgemerkt, der Autodurchfluss, das sogenannte Verkehrsaufkommen, das, wenn ich unbedarft vor mich und durch den R\u00fcckspiegel hinter mich blicke, sich allein auf mich beschr\u00e4nkt. Mit dicker Sperrlinie auf dem Asphaltband mahnt sie nochmals zur Aufmerksamkeit, die automatische Z\u00e4hlstelle im Laufe des n\u00e4chsten Kilometers.<\/p>\n<p>Daseinsgedanken, Existenzial- und Sentimentalgedanken f\u00fcllen meinen Kopf, denn schwerm\u00fctig, so male ich mir den Z\u00e4hlstellenbeauftragten aus, wenn er w\u00f6chentlich mit einem orangeget\u00fcnchten Einsatzwagen der Stra\u00dfenwacht auf dem Pannenstreifen entlangt\u00fcmpelt, auf dem Weg zu seiner Z\u00e4hlstelle, ebenfalls in Orange ein eint\u00f6nig kreisendes Warnlicht auf dem Dach \u00fcber seinem Kopf, und auf der Ladefl\u00e4che neben unz\u00e4hligen anderen Utensilien der unvermeidliche Schneebesen, hochgestakt wie eine Fahne. Mittlerweile ein kleines B\u00e4uchlein angesetzt, so stelle ich ihn mir vor, den Z\u00e4hlstellenbeauftragten, wie er vor dem Z\u00e4hlstellenkasten h\u00e4lt und ihn entriegelt, ihm ein K\u00e4stchen voll angesammelter Daten entnimmt, und dann steckt er etwas in den Kasten zur\u00fcck, ein frisches K\u00e4stchen, das nun Daten f\u00fcr die n\u00e4chste Woche sammeln darf. Ja, damals in den Achtzigern, da war das noch etwas gewesen, der letzte Schrei der Technik, diese vollautomatische Z\u00e4hlstelle, besonders seine Vollautomatik, vorbei die Zeiten verschmierter Strichlisten von Hand. Und jetzt? Kontrolldaten, erkl\u00e4ren sie ihm seinen archaisch analogen Aufwand, Kontrolldaten zu Datenfluten, die Satelliten in Blitzeseile aus dem Weltall herabschie\u00dfen, genauer, akkurater, keine die Autobahn querende Ameise, die ihnen entgeht. Alles in allem keine Karriere, deren Fr\u00fcchte mein Z\u00e4hlstellenbeauftragter eines Tages an seinen Erstgeborenen w\u00fcrde weiterreichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und den Schalk im Nacken bin ich nun erst recht versucht, mich in Schlangenlinien durch diese Z\u00e4hlstellenpassage zu winden, trotz aufwarnender Sperrlinie. Wie wird der auf Automatik geeichte Z\u00e4hlautomat wohl auf mein aufs\u00e4ssiges M\u00e4andern reagieren, wird er mich doppelt, vierfach, achtfach ankreuzen? Oder noch verwegener, nur halb, zu einem Viertel, zu einem Achtel? Oder noch schlimmer, l\u00e4chle ich vor mich hin, wird am Pannenstreifen wie ein Pappkamerad ein Verkehrspolizist mit Kelle aufklappen, der zu allem \u00dcberfluss auch noch mein schw\u00e4chelndes R\u00fccklicht links hinten entlarvt?<\/p>\n<p>Kreisgedanken einerseits, die sich wohlgef\u00e4llig abrunden, deren Gedankenkettenglieder sich in sich schlie\u00dfen, und andererseits Scherengedanken, die, bereit zum Ausscheren, mit ihren Scheren nach weiteren Gedanken schnappen, um sie in den Kreis ihres Einflussbereichs zu ziehen, immer tiefer lullt es mich in Gedankenwelten so vieler abgefahrener Stra\u00dfen, jeder Stra\u00dfenmeter mit einem Stra\u00dfengedanken behaftet, der noch daran klebt, wenn ich ihn wieder abfahre. Einen neuen, reiferen Gedankensplitter klebe ich dann hinzu, in den teerigen Asphalt, auf dass er dort haften bleibe, bereit zum Aufklauben bei der n\u00e4chsten Durchfahrt.<\/p>\n<p>Und an dieser Stelle kleben sie im Dutzend, hier auf dieser endlos zeitlosen Geraden dieses Autobahnabschnitts knapp hinter Villach, knapp vor der Grenze zu Italien, so oft bin ich hier durchgefahren, wie ein treuer Pilger. Zu einem schweren Gedankentropfen haben sie sich zusammengeklebt, teerig wie der Asphalt. Und in diesem Tropfen des Stillstands f\u00fchle ich mich gefangen, keine zwei Kilometer vermeine ich auf diesem Autobahnband im Niemandsland w\u00e4hrend der letzten gef\u00fchlten halben Stunde hinter mich gebracht zu haben, im unendlichen Fluss von Halbgedanken und Gedankensplittern.<\/p>\n<p>Zur\u00fcckversetzt in eine \u00e4hnliche Gedankenblase w\u00e4hne ich mich, zur\u00fcck an den langen Tisch einer Abendgesellschaft unter freiem Sternenhimmel, umt\u00f6nt vom Geklirr sich zuprostender Gl\u00e4ser und dem Klappern der Gabeln, dem Schw\u00e4tzen der Alten und dem spitzen Lachen der Frauen. Und dann stimmen die Jungen die Gitarren an, stacheln sich gegenseitig zu immer steileren Kadenzen hoch, und die M\u00e4dchen drehen sich im Rausch der Musik, ihre H\u00fcften schwingen in der Trance des Tanzes, und mit einem vergessenen L\u00e4cheln verfolge ich das Schauspiel heraus aus einem Tropfen stillgewordener Zeit. Genauso fern und vergessen auch hier zwischen Villach und Italien der Gedanke an ein Ankommen, an das Erreichen meines Ziels, was auch immer es gewesen sein mag, ob Udine, Triest, Venedig oder gar ein entlegenes Ravenna, auf Wesentlicheres hat sich all meine Gedankenkraft konzentriert, einzig und allein dem Dazwischen gilt jetzt meine Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 15115<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Halbgedanken, Luftgedanken, Dunstgedanken, mehr an Angedachtem will mir nicht durch den Kopf gehen, hier auf diesem pfeilgeraden Autobahnstrich knapp hinter Villach, diesem sonnen\u00fcberfluteten Band Asphalt im Niemandsland vor der Grenze zu Italien. 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