{"id":3223,"date":"2015-09-19T18:02:29","date_gmt":"2015-09-19T18:02:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3223"},"modified":"2024-06-26T07:29:30","modified_gmt":"2024-06-26T07:29:30","slug":"frau-im-weissen-umhang","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3223","title":{"rendered":"Worte fallen mir in die Hand"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3223&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3223&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Wieder einmal habe ich darauf vergessen, die Frucht rechtzeitig vom Baum zu pfl\u00fccken. Nun f\u00e4llt sie mir in die Hand, und w\u00e4hrend ich sie so betrachte, fleht sie mich an, ich m\u00f6ge sie zu Papier bringen. Um ein Haar w\u00e4re sie auf den Boden gefallen und verwest, allerlei Tierchen h\u00e4tten sich daran g\u00fctlich getan und vielleicht w\u00e4re eines Tages aus ihrem ins Erdreich gelangten Erbgut ein neues Pfl\u00e4nzchen gewachsen, das ebenfalls irgendwann Fr\u00fcchte tr\u00e4gt. Dies geschieht aber nur mit einheimischen Fr\u00fcchten, die den regionalen Witterungsbedingungen angepasst sind. Meine Frucht scheint mir hingegen etwas exotisch zu sein. Ich glaube nicht, dass sie unter freiem Himmel gedeihen k\u00f6nnte, geschweige denn sich fortpflanzen. So halte ich sie bergend in der Hand wie in einer Obstschale und betrachte sie, als w\u00e4re sie mein Kind, das zur Unzeit gekommen ist. Fordernd schaut es mich an und dr\u00e4ngelt. Es wetzt hin und her und wird mir l\u00e4stig. \u201eIch habe mich in deine Hand begeben und nun wei\u00dft du nichts mit mir anzufangen? Aus dir stamme ich, aus den Windungen deines Gehirns, und ich will, dass du mich zu Papier bringst. Ich will Gestalt annehmen, verstehst du das nicht? Ich will mich zu Worten geformt vom wei\u00dfen unschuldigen Blatt abheben. Das verlange ich von dir. Das bist du mir schuldig. Ich will Gestalt werden.\u201c Und pl\u00f6tzlich wei\u00df ich, dass all die Gedanken auch gern Materie geworden w\u00e4ren, um \u00fcber den Asphalt zu st\u00f6ckeln und den Regen auf den Wangen zu sp\u00fcren oder den Sonnenschein mit den offenen Haaren zu fangen. Aber das ist ihnen nicht zuteil geworden. Vieles kann hier nicht erscheinen. Das meiste schlummert im Verborgenen und dennoch ist es da. Zu reich ist die Sch\u00f6pfung, zu viele M\u00f6glichkeiten stehen bereit.<\/p>\n<p>Mir sind nun eben diese Worte in die Hand gefallen und ich schreibe sie auf.<\/p>\n<p>Worte sind Gesch\u00f6pfe, was sonst. Durch meine Besch\u00e4ftigung mit den Worten habe ich begriffen, dass es neben der uns umgebenden Flora und Fauna, aus der wir Menschen all die sichtbaren G\u00fcter gestalten und bisweilen verunstalten, auch noch die Sch\u00f6pfung in den Worten gibt. Sie offenbaren uns, sofern wir in der Lage sind, sie anzunehmen und in uns wirken zu lassen, wie sehr wir geliebt werden. Derjenige, der die Worte in unseren Sch\u00e4del hineingelegt hat, kann nicht von uns lassen und wird nicht m\u00fcde, uns auf unserem Weg zu geleiten.<\/p>\n<p>Nun sind in meinem Kopf viele Worte, von Zeit zu Zeit wird es ihnen dort zu eng und sie dr\u00e4ngen und schubsen und machen mir das Leben schwer, weil sie unbedingt heraus wollen und dann habe ich diesen kunterbunten Haufen vor mir und wei\u00df nicht, wie beginnen, wie ordnen. Manchmal ist es sehr schwer, angespannte Ruhe in die unbek\u00fcmmerten und unbedarften Wesen zu bringen. Sie sprudeln \u00fcber vor Lebensgier, und es ist harte Arbeit, sie, nachdem sie sich ausgetobt und mir den Sinn verwirrt haben, zun\u00e4chst in ihre Schranken zu weisen. Ich habe nun ihre z\u00fcgellose Energie kennengelernt und will sie leiten, damit sie sich in der rechten Weise verbinden, zu S\u00e4tzen gruppieren und nicht allzu ungest\u00fcm und durcheinander ihre Geschichte erz\u00e4hlen. Ich muss immer erst einen Anfang finden. Das ist mitunter das Schwerste, weil nat\u00fcrlich alles miteinander verbunden ist. Das Geschick von jedem Einzelnen h\u00e4ngt mit dem anderer zusammen, oft reichen ferne Zeiten und Orte herein und erst wenn man sich recht in ein Schicksal vertieft hat, gehen einem gewisserma\u00dfen die Augen auf und man erkennt: Aha, so ist das also! Da gab es einmal einen Onkel, der vor vielen Jahrzehnten nach Amerika ausgewandert ist. Bei Nacht und Nebel musste er abhauen, weil er Dreck am Stecken hatte. Man hat sich seiner gesch\u00e4mt und nicht dar\u00fcber gesprochen. Oder da gab es ein kleines M\u00e4dchen, das sich so sehr Rollschuhe gew\u00fcnscht hatte und \u00fcber diesem Wunsch fast verr\u00fcckt geworden ist. Geweint und gebockt hat es, und auch ein paar Tage nichts gegessen, aber geholfen hat das alles nichts. Die Eltern haben es f\u00fcr richtig befunden, ihr zu lehren, mit Entt\u00e4uschungen umzugehen. Und so hat sie mit diesem ersten gro\u00dfen Schmerz durchs Leben gehen m\u00fcssen. Sp\u00e4ter hat man sich \u00fcber ihr Geflenne lustig gemacht und sie hat manchmal selber mitgelacht, obwohl ihr nicht danach war. Es lie\u00dfe sich noch eine Unmenge derartiger Begebenheiten aufz\u00e4hlen. Etwas f\u00e4ngt an und nimmt ein j\u00e4hes Ende, es kann aus den unterschiedlichsten Gr\u00fcnden nicht ausgelebt werden. Aber immer bleibt etwas zur\u00fcck. Man erz\u00e4hlt es sich oder man erf\u00e4hrt auf r\u00e4tselhafte Weise davon, und irgendwie ergibt sich pl\u00f6tzlich ein Zusammenhang zu einer anderen Begebenheit, und so entsteht ein Geflecht, das sich in seinen Beziehungen erhellt und eine Geschichte entsteht.<\/p>\n<p>Kein Mensch existiert isoliert. Jeder hat seine Erbanlagen, ist eingebunden in eine Familiengeschichte, die er oft nicht einmal kennt, weil sie ihm bewusst oder unbewusst verschwiegen wird. Trotzdem sp\u00fcrt jeder, dass da etwas ist, das auf ihn einwirkt, und er wird sich auf die Suche nach diesem Etwas begeben. Findet er eine Spur, so macht ihn das gl\u00fccklich oder es verschafft ihm zumindest Erleichterung. Bleibt sein Bem\u00fchen ergebnislos, so f\u00fchrt das zu Entt\u00e4uschung und Rastlosigkeit. Man wei\u00df um das Fehlen und sehnt sich nach dem Ganzwerden.<\/p>\n<p>Ich habe von klein auf alles, was erz\u00e4hlt worden ist, wie ein Schwamm aufgesogen. Es gab immer irgendein Detail, das mich ger\u00fchrt hat, sei es nun freudiger oder tragischer Natur. So hat die alte Tante mit dem sch\u00f6nen gepflegten Gesicht davon gesprochen, ihr Buckel und ihre untersetzte Gestalt r\u00fchrten daher, dass ihre ungl\u00fcckliche Mutter sie abzutreiben versucht hat. Hochbetagt und kinderlos ist die Tante mit diesem Wissen gestorben. Die Wohnung, in der sie gut f\u00fcnfzig Jahre zur Miete lebte, hatte sie, laut ihrer nicht ohne Stolz vorgebrachten Aussage, nur dem Umstand zu verdanken, dass sich die Vormieter das Leben genommen hatten. Den Gasherd haben sie aufgedreht, w\u00e4hrend sie am Tisch sitzend Schweinebraten mit Kn\u00f6del und Sauerbraten verzehrten. So ist der Tod zu den beiden gekommen. Meine Tante war dabei, als man sp\u00e4ter die T\u00fcr aufbrach, und da aufgrund dieser Begebenheit niemand einziehen hat wollen, ist sie g\u00fcnstig an eine sch\u00f6ne Wohnung gekommen.<\/p>\n<p>Was mache ich nun mit all diesen Geschichten? T\u00e4glich kommen neue dazu. Ich sammle sie in meinem Kopf und in Notizb\u00fcchern. Immer deutlicher erkenne ich, dass all das auch mit mir zu tun hat, ob es mir nun passt oder nicht.<\/p>\n<p>Warum sonst h\u00e4tte mir vor Jahren einer meiner Lehrer erz\u00e4hlt, er habe beim Fu\u00dfballspielen immer im Tor gestanden. Die Mannschaft sei nicht die st\u00e4rkste gewesen, Theologiestudenten halt, so habe er immer eine\u00a0 Zigarette geraucht und das Spiel konzentriert beobachtet. Kam es zum Angriff, legte er die Zigarette \u00fcber sich auf den Querbalken und nahm die Abwehrposition ein. Einmal traf der Ball mit Wucht die Latte. Durch die Ersch\u00fctterung rutschte die gl\u00fchende Zigarette ab, fiel auf den erstarrt dastehenden Tormann und fand ihren Weg ger\u00e4uschlos durch den Halsausschnitt unters Trikot.<\/p>\n<p>Rufe ich mir diese Situation wieder ins Ged\u00e4chtnis, so muss ich schmunzeln.<\/p>\n<p>Manchmal geht es mir auch so, dass ich mir w\u00fcnsche, das was andere mir erz\u00e4hlen, gern selbst erlebt zu haben. Ich denke, das Schicksal verw\u00f6hnt manch einen und l\u00e4sst ihm solch gro\u00dfartige Erlebnisse zuteilwerden, und nahezu gleichzeitig f\u00fchle ich mit jemand anderem, der besonders Schlimmes mitgemacht hat. All das gelangt zu mir. Ich h\u00f6re davon, beobachte es, erlebe es selbst und so entsteht daraus etwas Neues. Knoten und Perlen wechseln sich auf dem seidenen Faden ab, und die kostbare Kette wird aufgef\u00e4delt. Sie ist das Leben, das in seltsamen Windungen verl\u00e4uft, einem Schneckenhaus nicht un\u00e4hnlich, und wenn die Schnecke es verlassen hat, dann bleibt es immer noch, und wer das Leben kennt, der hat seine Freude daran, dem allen nachzusp\u00fcren, weil er sich selber darin findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> |Inventarnummer: 15116<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder einmal habe ich darauf vergessen, die Frucht rechtzeitig vom Baum zu pfl\u00fccken. Nun f\u00e4llt sie mir in die Hand, und w\u00e4hrend ich sie so betrachte, fleht sie mich an, ich m\u00f6ge sie zu Papier bringen. 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