{"id":3218,"date":"2015-09-19T17:50:53","date_gmt":"2015-09-19T17:50:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3218"},"modified":"2016-06-29T17:12:03","modified_gmt":"2016-06-29T17:12:03","slug":"die-stadt-der-anderen-blick-auf-ragusa-ibla","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3218","title":{"rendered":"Die Stadt der Anderen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3218&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3218&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es sind zwei H\u00fcgel. Und auf diesen H\u00fcgeln liegen zwei St\u00e4dte, die sich gegenseitig trotzig belauern, wer wohl die sch\u00f6nere, die h\u00f6here von beiden sei. Und Tag f\u00fcr Tag spielt die Sonne mit deren Eitelkeiten und der gegenseitigen Eifersucht, wenn sie morgens die eine Stadt im blendenden Glanz erstrahlen l\u00e4sst und diese ihren breiten Schatten auf die andere wirft, deren H\u00e4user ins Dunkel taucht. Aber zur Mittagszeit beginnt das Blatt sich zu wenden, beginnen sich die Schatten zu wenden und nun nimmt die andere ihrerseits Rache, auf gleiche Art und Weise.<\/p>\n<p>Die Stadt jenseits ist immer die der Tr\u00e4ume. Es ist immer die Stadt, in der man sich nicht befindet, nach der man sich sehnt, der Blick auf die Stadt gegen\u00fcber, der einem die Erf\u00fcllung dieser Sehnsucht verspricht, der einem vorgaukelt, in der Stadt hier am Verpassen von etwas zu sein.<\/p>\n<p>Und trotzig blicke ich hin\u00fcber auf die andere Stadt, erstrahlt im Abendlicht der Sonne, in der ich dich verloren zu haben glaube. Nat\u00fcrlich, nochmals k\u00f6nnte ich die tausend Stufen die Senke hinab nehmen, die die beiden St\u00e4dte trennt, und die tausend Stufen hinauf in die andere Stadt, wie ich es bereits zwei, drei Mal an diesem Tag hinter mich gebracht habe auf der Suche nach dir. Aber weniger das Stechen in der Lunge noch das Rasen meines Herzens h\u00e4lt mich davon ab, sondern vielmehr die Gewissheit, dass du jeweils in der anderen Stadt anzufinden bist, in der Stadt, in der ich gerade nicht bin.<\/p>\n<p>Noch hallt er mir im Ohr, der intime Klang unseres Lachens, als wir fr\u00fchmorgens die ersten Stufen in Angriff genommen haben, den festen Griff deiner eingehakten Hand an meinem Oberarm vermeine ich noch zu sp\u00fcren, im Ab- und Aufstieg zu einem neuen gemeinsamen Abenteuer. Aber irgendwo da oben in einer der St\u00e4dte bist du mir abhandengekommen, vielleicht in einer der schmalen, m\u00e4andernden Gassen, in deren Dunkel du selbst zu einem gestaltlosen Schatten geworden bist. Oder ist es im wuchtigen Dom geschehen, dass du in dem blendenden Lichtwechsel der aus der Kuppel einfallenden Sonnenstrahlen und der Finsternis unter den barocken Bogeng\u00e4ngen meinem Blickfeld entschwunden bist? Oder doch in der spielerischen Anlage des Parks mit seinen von Palmen ges\u00e4umten bis zum Horizont reichenden Wegen, mit den rauschenden, die Sicht verschleiernden Font\u00e4nen seiner Brunnen, in dessen Weitl\u00e4ufigkeit du dich verloren hast? Zu sp\u00e4t, viel zu sp\u00e4t habe ich ihn erst wahrgenommen, den Griff meiner Hand ins Leere, die die deine noch zu umfassen glaubte, sie doch gerade noch so fest gesp\u00fcrte hatte.<\/p>\n<p>Aber so sehr mir auch die Glieder schmerzen, ich mir schmerzhaft den Augenblick in Erinnerung zu rufen versuche, als sich unsere Wege getrennt haben, wo ich dich verloren haben k\u00f6nnte inmitten dieser zwei St\u00e4dte, w\u00e4hrend ich an dieser Balustrade eines Parkplatzes lehne, der mir den Blick auf beide H\u00fcgel, auf beide St\u00e4dte erlaubt, auf der Suche nach dem verlorenen Ausgangspunkt f\u00fchren doch alle meine Gedanken auf ein einziges Ereignis viel weiter zur\u00fcck: an den Sonntagnachmittag vor einigen Wochen in einem verwaisten Museum unserer fernen, verregneten Heimatstadt, als unsere vermeintlich so sorgf\u00e4ltig aufgebauten Gemeinsamkeiten beim Anblick eines einzigen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Turmbau_zu_Babel_%28Bruegel%29#\/media\/File:Pieter_Bruegel_the_Elder_-_The_Tower_of_Babel_%28Vienna%29_-_Google_Art_Project_-_edited.jpg\" target=\"_blank\">Bildes<\/a> mit einem Schlag wort- und sprachlos zersplittert sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"kunst\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2563\">kunst amoi schau\u2019n<\/a> | Inventarnummer: 15112<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind zwei H\u00fcgel. 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