{"id":3212,"date":"2015-10-19T16:37:05","date_gmt":"2015-10-19T16:37:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3212"},"modified":"2015-12-02T15:57:16","modified_gmt":"2015-12-02T15:57:16","slug":"muenze-und-zigarre-iv","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3212","title":{"rendered":"Von M\u00fcnze und Zigarre IV"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3212&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3212&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Wien war nicht auf sieben H\u00fcgeln erbaut worden.<\/p>\n<p>Der Junge mit der Matrosenm\u00fctze wusste das allerdings nicht.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich hatte er auch noch nie dar\u00fcber nachgedacht.<\/p>\n<p>Ihm schien lediglich bewusst zu sein, dass die Stadt die Stadt war und er Teil einer Skizze, die er nicht \u00fcberblickte. Es lag nicht an der Gr\u00f6\u00dfe seines K\u00f6rpers oder der seines Geistes \u2026; wenn er das also verstanden hatte, bedeutete das schon viel. Weshalb die Dinge nun so waren oder ob es andere Dinge gab, die diese wiederum h\u00e4tten \u00e4ndern k\u00f6nnen, interessierte ihn nicht. Diese Stra\u00dfen, jene im Hier und Jetzt; wo? \u2013 na im Dort und Da! &#8211; hie\u00dfen ihn &gt;Willkommen&lt;, da gewohnt des Kindes Augen an ihren Anblick, und im Sonnenuntergang hatte es sogar etwas Romantisches so zwischen all den toten Geb\u00e4uden verlorener Ideen.<\/p>\n<p>Der Junge mit der Matrosenm\u00fctze schleppte sich missmutig nach Hause. Der Tag hatte ihm Aufstieg und Fall beschert, ungl\u00fccklicherweise auch in dieser Reihenfolge.<\/p>\n<p>Die ihm geschenkte Zigarre: gestohlen!<\/p>\n<p>Gestohlen von einem M\u00e4dchen mit einer Fliegerkappe auf dem Kopf. Der Junge sch\u00e4mte sich so sehr! Der Streichh\u00f6lzer hatte er sich entledigt. Im hohen Bogen geworfen, hatte sie die wei\u00dfe Schlange Wiens gefressen. Nur ein kleines Pl\u00e4tschern hatte die Schachtel von sich gegeben, die zuvor so gro\u00dfe Wellen geschlagen.<\/p>\n<p>Die Silberm\u00fcnze hingegen hielt er immer noch in seiner Hand.<\/p>\n<p>Manchmal spielte er mit seinen Fingern damit, lie\u00df sie dahin- und dar\u00fcbergleiten, manchmal musterte er sie einfach. Wie wertlos sie ihm erschien im Gegensatz zu seiner Zigarre.<\/p>\n<p>Wertvoller mag einem immer das erscheinen, was man nicht besitzt.<\/p>\n<p>Wenn er nur gewusst h\u00e4tte, dass er mit dieser M\u00fcnze f\u00fcnf derselben Zigarren beim richtigen Anbieter h\u00e4tte kaufen k\u00f6nnen \u2026<\/p>\n<p>Aber er war nur ein Junge \u2013 mit einer Matrosenm\u00fctze auf dem Kopf.<\/p>\n<p>Was konnte er schon wissen?<\/p>\n<p>Auf seinem Weg begegnete er einem alten Bettler, der dort bei der Kirche sein Pl\u00e4tzchen (sowie sp\u00e4ter vermutlich auch sein Grab) hatte. Ausdruckslos be\u00e4ugten sie einander, der eine so im Dasitzen, der andere so im Vor\u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Einer der beiden warf dem Anderen eine Silberm\u00fcnze hin.<\/p>\n<p><i>Da nimm<\/i>, dachte derselbe, ohne je einen weiteren Gedanken an das silberne Tauschmittel zu verlieren. Die Geschichte war f\u00fcr ihn beendet.<\/p>\n<p>Wien lag im Schatten seiner selbst. Die Sonne benetzte nur mehr die Gipfel der h\u00f6chsten Geb\u00e4ude mit ihrem d\u00fcnnen Licht, alles darunter f\u00fcllte sich langsam, aber stetig mit Dunkelheit.<\/p>\n<p>Vorbei am einsamen Reiterdenkmal des Heldenplatzes, den ehemals so sch\u00f6nen G\u00e4rten und ber\u00fchmten Museen, trieb es den Jungen in Richtung Sch\u00f6nbrunn, wo einst die Affen laut durch die N\u00e4chte geschrien hatten, anstelle deren Toben nun ein stummes Loch klaffte, das jegliche Ger\u00e4usche in seiner Umgebung verschluckte.<\/p>\n<p>Lediglich die eigenen Schritte folgten den Kl\u00e4ngen der n\u00e4chsten \u2026<\/p>\n<p>Zumindest zu Beginn. Denn irgendwann spuckte das schwarze Loch einen Schatten aus, in Gestalt eines Fremden, der auflauernd auf jemanden zu warten schien. Im Zwielicht vermochte der Junge mit der Matrosenm\u00fctze das Gesicht desselben nicht auszumachen; &#8211; aus Angst verlangsamte er stetig sein Tempo.<\/p>\n<p>Irgendwann blieb er deswegen sogar stehen.<\/p>\n<p>Die beiden Figuren betrachteten einander, jener stumm, jener gebannt. \u201eLassen Sie mich in Ruhe\u201c, sprach der Junge z\u00f6gerlich, doch mutig.<\/p>\n<p>Der Fremde l\u00e4chelte.<\/p>\n<p>Daraufhin wich der Junge ein St\u00fcck zur\u00fcck. Wohin konnte dieser Tag noch f\u00fchren? Der Fremde antwortete mit einer entgegenkommenden Bewegung, wobei er etwas an der Wand entlangschabte &#8211; kurz durchzuckten Funken die Finsternis! \u2013 und dasselbe Etwas fing wie durch Zauberhand an zu rauchen.<\/p>\n<p>Es handelte sich um eine Zigarre.<\/p>\n<p>Der Fremde hatte sie sich tats\u00e4chlich ohne Streichh\u00f6lzer entz\u00fcndet. Gen\u00fcsslich paffte dieser nun, blies eine gro\u00dfe Rauchschwade in die Richtung des Jungen mit der Matrosenm\u00fctze, schmunzelte.<\/p>\n<p>\u201eGenuss\u201c, sprach der Fremde leidenschaftlich. Dem Akzent nach war er ein Russe. \u201eDas ist Genuss\u201c, wiederholte derselbe und demonstrierte vielsagend die rauchende Zigarre als w\u00e4re sie ein Schatz. Es folgten ein weiterer Zug, Rauch &#8211; der Fremde hob ab, um zwischen fernen Sph\u00e4ren zu schweben &#8211; ein gelassenes L\u00e4cheln\u00a0 \u2026<\/p>\n<p>\u201eProbiere einen Zug!\u201c, bot er dem Jungen mit der Matrosenm\u00fctze an: \u201eHier, Bursche, nimm!\u201c, versuchte er: \u201eNimm und lerne\u201c, und der Bursche nahm.<\/p>\n<p>Unsicher hielt er sie in den H\u00e4nden. Seine Finger schienen auch zu klein f\u00fcr das gro\u00dfe rauchende \u2026 <i>Ding<\/i>. Irgendwie roch sie komisch. Der Junge verzog das Gesicht und der Russe musste lachen. Daraufhin nahm sich der Junge mit der Matrosenm\u00fctze zusammen.<\/p>\n<p>\u201eKein Genuss f\u00fcr kleinen Mann?\u201c, fragte noch der Russe, als der kleine Mann die Zigarre ansetzte und tats\u00e4chlich an dem rauchenden Rohr zog, bis ihm die Ohren rot wurden.<\/p>\n<p>Der Russe verstummte \u2013 der Junge hustete und prustete.<\/p>\n<p>Trotzdem zog er ein zweites und drittes Mal an dem rauchenden Ding. F\u00fcrsorglich klopfte ihm der Russe w\u00e4hrenddessen auf den R\u00fccken, als gelte es hier etwas Wichtiges zu gewinnen oder zu beweisen.<\/p>\n<p>Insgesamt betrachtet waren es aber nur ein Russe und ein Junge mit einer Matrosenm\u00fctze auf dem Kopf, rauchend im n\u00e4chtlichen Wien; \u00e4hnlich einer v\u00e4terlichen Szene in etwa.<\/p>\n<p>H\u00e4tte sie jemand gesehen, h\u00e4tte man sich vielleicht gewundert. Vielleicht w\u00e4re man aber auch einfach nur an ihnen vorbeigegangen, sie keines zweiten Blickes w\u00fcrdigend.<\/p>\n<p>Wer wei\u00df das schon?<\/p>\n<p>Es ging ja niemand vorbei.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Tobias Vees<br \/>\n<a href=\"https:\/\/tobiasvees.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">tobiasvees.wordpress.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 15111<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wien war nicht auf sieben H\u00fcgeln erbaut worden. Der Junge mit der Matrosenm\u00fctze wusste das allerdings nicht. Wahrscheinlich hatte er auch noch nie dar\u00fcber nachgedacht. Ihm schien lediglich bewusst zu sein, dass die Stadt die Stadt war und er Teil einer Skizze, die er nicht \u00fcberblickte. 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