{"id":3209,"date":"2015-09-19T16:32:50","date_gmt":"2015-09-19T16:32:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3209"},"modified":"2015-12-02T15:55:40","modified_gmt":"2015-12-02T15:55:40","slug":"muenze-und-zigarre-iii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3209","title":{"rendered":"Von M\u00fcnze und Zigarre III"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3209&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3209&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Donau ruhte wie eine gro\u00dfe, wei\u00dfe Schlange in der Stadt, dieselbe entzweiend.<\/p>\n<p>An ihren Ufern stand ein Junge mit einer Zigarre im Mund. Schwer hing sie ihm zwischen den Lippen, die streng er zusammenzwickte (dabei auch sein rechtes Auge unwillk\u00fcrlich zugedr\u00fcckt war). Seinen Blick setzte er auf der gegen\u00fcberliegenden Seite aus. Dazwischen: Fluten silberner Str\u00f6mungen, die all den Schmutz hinab gen S\u00fcden und irgendwann weiter gen Osten sp\u00fclten \u2013 irgendwohin.<\/p>\n<p><i>B\u00e4h<\/i>, entkam es dem Jungen mit der Matrosenm\u00fctze auf einmal und erl\u00f6ste seinen angespannten Mund von der durch seinen angesammelten Speichel befeuchteten Zigarre. <i>Eigentlich br\u00e4uchte ich Feuer<\/i>, meinte er zu sich selbst und \u00fcberlegte, woher er welches bekommen k\u00f6nnte. <i>Vor ein paar Monaten w\u00e4re das noch kein Problem gewesen<\/i>, erinnerte er sich und sp\u00e4hte weiter hin\u00fcber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Eine Br\u00fccke verband die beiden Seiten der Stadt miteinander. Sie hatte die schwere Zeit der letzten Jahre \u00fcberdauert &#8211; als eine der letzten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"right\">Ein kleines M\u00e4dchen mit einer Fliegerkappe am Kopf \u00fcberquerte gerade dieselbe. Von dem Friedhof seiner Eltern zur\u00fcckkehrend, war ihm der Junge mit der Matrosenm\u00fctze schon von weitem aufgefallen. Als es losgegangen war, hatte der Junge noch nicht dort gestanden.<\/p>\n<p align=\"right\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wie eine Statue kam er ihm vor, aber als der Blick desselben den seinen traf, entstand eine zweite Verbindung zwischen den beiden Ufern des rei\u00dfenden Stroms.<\/p>\n<p align=\"right\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Neugierde wurde geweckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">Und so kam es, dass sich das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe und der Junge mit der Matrosenm\u00fctze begegneten \u2026<\/p>\n<p>\u201eWas machst du da?\u201c, fragte das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe.<\/p>\n<p>\u201eIch sehe hin\u00fcber\u201c, antwortete der Junge mit der Matrosenm\u00fctze, ohne sich ablenken zu lassen.<\/p>\n<p>\u201eUnd warum tust du das?\u201c, fragte das M\u00e4dchen weiter.<\/p>\n<p>Der Junge \u00fcberlegte kurz, wunderte sich, weshalb ihn die Sonne auf einmal so blendete und erwiderte: \u201eIch wei\u00df auch nicht.\u201c Dann hob er erneut die Zigarre an, und steckte sie sich in den Mundwinkel. Abermals verzog diese Geste sein halbes Gesicht.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen kicherte: \u201eWas ist das denn?\u201c, erkundigte es sich.<\/p>\n<p>\u201eLuxus\u201c, meinte der Junge.<\/p>\n<p>Daraufhin be\u00e4ugte das M\u00e4dchen die Zigarre genau und, nachdem es mit dem Pr\u00fcfen fertig war, entgegnete es: \u201eWirklich? Ich glaube nicht, dass das Luxus ist\u201c, &#8211; jetzt hob es seine Silberm\u00fcnze hoch und demonstrierte sie stolz &#8211; :\u201e<i>Das<\/i> ist Luxus!\u201c<\/p>\n<p>Da wandte der Junge mit der Matrosenm\u00fctze endlich seinen Blick vom gegen\u00fcberliegenden Ufer ab und musterte das Dargebotene: \u201eUnd wenn schon\u201c, erwiderte er, seinen Neid unterdr\u00fcckend, w\u00e4hrend er die abermals zu schwer gewordene Zigarre aus dem Mund nahm. \u201eDann ist sie eben alles andere.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlles andere?\u201c, fragte das M\u00e4dchen erstaunt wie verwirrt: \u201eWas bedeutet das?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dft du, dass du nervst?\u201c, reagierte der Junge und warf seinen Blick erneut hin\u00fcber: \u201eSie ist blo\u00df kein Luxus, weil ich kein Feuer habe.\u201c<\/p>\n<p>\u201eFeuer?\u201c, wiederholte das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe sich wundernd: \u201eFeuer ist gef\u00e4hrlich\u201c, resignierte es, da es ihn an den Tod seiner Eltern erinnerte. \u201eIch habe Feuer!\u201c, fiel dem M\u00e4dchen da ein, woraufhin es seine Streichholzschachtel hochhielt, entz\u00fcckt.<\/p>\n<p>Der Junge traute seinen Augen kaum.<\/p>\n<p>\u201eDamit kann man Feuer machen!\u201c, freute das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe sich.<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df!\u201c, sagte der Junge mit der Matrosenm\u00fctze: \u201eGib sie mir!\u201c, verlangte er.<\/p>\n<p>\u201eAber die habe <i>ich<\/i> mir verdient\u201c, verteidigte sich das M\u00e4dchen und hielt die Streichholzschachtel sch\u00fctzend an seine Brust: \u201eIch musste daf\u00fcr arbeiten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd f\u00fcr die M\u00fcnze nicht?\u201c, konterte der Junge.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen aber sch\u00fcttelte den Kopf: \u201eDie gab\u2019s geschenkt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie-auch-immer\u201c, meinte er: \u201eGibst du sie mir jetzt, oder nicht?\u201c<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen \u00fcberlegte.<\/p>\n<p>\u201eWenigstens <i>ein<\/i> Streichholz?\u201c, versuchte es der Junge.<\/p>\n<p>Sein Gegen\u00fcber l\u00e4chelte und nickte schlie\u00dflich.<\/p>\n<p>Immerhin hatte es ja sieben in seinem Besitz.<\/p>\n<p>Nachdem das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe dem Jungen mit der Matrosenm\u00fctze eines der sieben Streichh\u00f6lzer geschenkt hatte und denselben nach wiederholtem Hin und Her dasselbe\u00a0 auch an der Schachtel entz\u00fcnden lie\u00df, hielt der Junge das brennende Streichholz selbstsicher an seine Zigarre, die wieder in seinem Mund steckte. Kurz gl\u00fchte das Ende, dann erstarb das rote Leuchten abrupt, gleichzeitig erlosch auch das Streichholz.<\/p>\n<p>\u201eHat es funktioniert?\u201c, wollte das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe, das den gesamten Vorgang gespannt mitverfolgt hatte, wissen.<\/p>\n<p>Der Junge besah die Zigarre, drehte und wendete sie, und kam rasch zu dem Schluss, dass es <i>nicht<\/i> funktioniert hatte. \u201eGib mir noch eins\u201c, erwiderte er nur.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen jedoch verzog das Gesicht: \u201eNein\u201c, entgegnete es: \u201eDu hattest schon eines!\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa und? Das hat eben nicht funktioniert. Ich brauche ein anderes\u201c, erkl\u00e4rte ihm der Junge und griff nach dem M\u00e4dchen. Dasselbe wich mit einem entschlossenen \u201eNein!\u201c zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der Junge resignierte, wandte sich ab, dachte nach. Irgendwann meinte er: \u201eAber deine Streichh\u00f6lzer sind ohne meine Zigarre nutzlos.\u201c<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen musterte ihn forsch: \u201eAber deine Zigarre ist ebenso nutzlos ohne meine Streichh\u00f6lzer\u201c, konterte es.<\/p>\n<p>\u201eRichtig. Lass\u2018 uns also um das Eine wie um das Andere spielen\u201c, schlug der Junge listig vor.<\/p>\n<p>\u201eUnd wie?\u201c, wollte das M\u00e4dchen wissen.<\/p>\n<p>\u201eGanz einfach. Du besitzt doch diese M\u00fcnze\u201c, sagte der Junge und wies auf dieselbe in der Hand des M\u00e4dchens hin: \u201eWir werfen sie und wetten. <i>Kopf<\/i> oder <i>Zahl<\/i>. Der Gewinner erh\u00e4lt den Besitz des anderen.\u201c<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen erwog das Risiko. Schlie\u00dflich meinte es: \u201eUnd meine M\u00fcnze?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie interessiert mich nicht\u201c, erwiderte der Junge schlicht.<\/p>\n<p>Und damit waren sie beide einverstanden.<\/p>\n<p>Die Besitzt\u00fcmer wurden weggesteckt, die Silberm\u00fcnze blieb das Einzige in der Kinder H\u00e4nde.<\/p>\n<p>\u201eIch m\u00f6chte werfen\u201c, wandte der Junge mit der Matrosenm\u00fctze zuletzt ein.<\/p>\n<p>\u201eNimm sie mir aber nicht weg\u201c, entgegnete das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe, und \u00fcberreichte die M\u00fcnze.<\/p>\n<p>\u201eNun gut\u201c, l\u00e4utete der Junge das Ritual ein: \u201eIch werfe, du sagst an. <i>Kopf<\/i> oder <i>Zahl<\/i>?\u201c<\/p>\n<p>\u201e<i>Kopf<\/i>\u201c, entschied sich das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe aufgeregt.<\/p>\n<p>Die Donau rauschte \u2013 der Junge warf.<\/p>\n<p>Elegant hatte er sie mit seinem Daumen hochgeschnippt \u2013 die Technik war ihm von seinem Gro\u00dfvater bekannt gewesen \u2013 nun drehte und drehte sich der Silberling in der Luft wie ehemals das Riesenrad im Prater oder die Schallplatte im Keller der Franzosen. Gebannt folgten die Blicke der beiden Kinder seinen Weg hinauf und wieder hinunter, als der Junge mit der Matrosenm\u00fctze sie auf einmal schnappte und auf seinen Handr\u00fccken klatschte. Vorsichtig hob er die Hand, die M\u00fcnze trat hervor ins Licht \u2026<\/p>\n<p>Das Ergebnis lautete: Zahl.<\/p>\n<p>\u201eHab\u2018 ich gewonnen?\u201c, erkundigte sich das M\u00e4dchen gespannt.<\/p>\n<p>\u201eNein\u201c, erwiderte der Junge: \u201eDeine Wahl war <i>Kopf<\/i>. Damit ist meine automatisch <i>Zahl<\/i>\u201c, erkl\u00e4rte er: \u201eIch habe gewonnen\u201c, endete er stolz: \u201eDeine Streichh\u00f6lzer geh\u00f6ren mir.\u201c<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe begegnete dem Jungen mit der Matrosenm\u00fctze mit einem b\u00f6sen Blick: \u201eDas ist nicht fair\u201c, sagte es beleidigt: \u201eSie geh\u00f6ren doch mir.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJetzt nicht mehr\u201c, bestimmte der Junge: \u201eDu hast sie in einem <i>fairen<\/i> Spiel verloren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas war kein Spiel, sondern Zufall\u201c, jammerte das M\u00e4dchen und holte widerwillig die Streichholzschachtel hervor.<\/p>\n<p>\u201eZufall <i>ist<\/i> fair\u201c, erl\u00e4uterte der Junge blo\u00df.<\/p>\n<p>\u201eZufall ist <i>Chaos<\/i>!\u201c<\/p>\n<p>\u201eChaos ist <i>fair<\/i>.\u201c<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen sah mit Tr\u00e4nen in den Augen auf die Stadt hin, die blind ihren Blick erwiderte. Dann reichte es dem Jungen mit der Matrosenm\u00fctze die Streichholzschachtel, die gerne und hastig entgegengenommen wurde.<\/p>\n<p>\u201eJetzt ist Zeit f\u00fcr Luxus\u201c, freute sich der Junge, die k\u00fchle Luft der Donau aktiv einatmend. Erst nach einigen Augenblicken des Verweilens, kehrte er sich ein letztes Mal zu dem M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe um, um ihm zu sagen, dass es fortgehen solle, da es nun st\u00f6re.<\/p>\n<p>\u201eLuxus ist das sicherlich nicht\u201c, schniefte daraufhin das M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>\u201eDas ist mir egal\u201c, erwiderte der Junge mit der Matrosenm\u00fctze nur.<\/p>\n<p>Und das M\u00e4dchen, in Tr\u00e4nen ausbrechend, lief davon.<\/p>\n<p>Wohin das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe jetzt auch lief, ein wahres Entkommen vor dem Kreislauf der Dinge schien mit jedem weiterem Schritt unm\u00f6glicher zu werden.<\/p>\n<p>Die Szene endete.<\/p>\n<p>Zuletzt blo\u00df verzog sich das ruhige Gesicht des Zur\u00fcckgebliebenen unter der Matrosenm\u00fctze zu einem L\u00e4cheln. Denn in des Jungen Hand befand sich immer noch die Silberm\u00fcnze.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe hatte sie einfach vergessen, oder sie war ihm nicht mehr wichtig gewesen.<\/p>\n<p>Triumphierend z\u00fcckte er nun eines der verbliebenen sechs Streichh\u00f6lzer aus der gewonnen Schachtel, bereit einen weiteren Versuch zum Entfachen der Zigarre zu wagen, und griff in seine Tasche, um dieselbe hervorzuholen.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe, wei\u00dfe Schlange vor ihm z\u00fcngelte harsch, denn zu seinem Entsetzen musste er feststellen, dass die Zigarre fort war.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Tobias Vees<br \/>\n<a href=\"https:\/\/tobiasvees.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">tobiasvees.wordpress.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 15110<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Donau ruhte wie eine gro\u00dfe, wei\u00dfe Schlange in der Stadt, dieselbe entzweiend. 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