{"id":3201,"date":"2015-09-19T16:26:54","date_gmt":"2015-09-19T16:26:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3201"},"modified":"2015-10-09T16:38:35","modified_gmt":"2015-10-09T16:38:35","slug":"von-muenze-und-zigarre-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3201","title":{"rendered":"Von M\u00fcnze und Zigarre I"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3201&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3201&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Wien zeigte sich in der damaligen Zeit nur als Skizze. So wie Wien sein sollte, mochte dem einen oder anderen Passanten, der durch die Innenstadt schlenderte, blo\u00df als Idee durch den Kopf geistern. Die gro\u00dfen Geb\u00e4ude blickten eher wie Gr\u00e4ber auf dieselben herab und wirkten weniger lebendig als die zerst\u00f6rten, auf die der Krieg seine w\u00fcste Pratze hatte niedergeschmettert. Niemand wusste zu sagen, ob die Stadt jemals wieder so werden w\u00fcrde wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Andererseits war sich auch niemand sicher, ob er das auch gewollt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>\u00dcber dieses oder \u00e4hnliches dachte ein Junge von etwa elf Jahren, der mit einer Matrosenm\u00fctze auf dem Kopf leichten Fu\u00dfes \u00fcber das Pflaster des ersten Bezirkes flanierte, nicht nach.<\/p>\n<p>Ganz im Gegenteil.<\/p>\n<p>Vorbei an den gro\u00dfen Museen trieb es ihn, durch G\u00e4rten vergessenen \u00c4sthetizismus, hin\u00fcber bis zum Heldenplatz, aber was k\u00fcmmerten ihn die gewaltigen Geb\u00e4ude und wer sich darin, umherirrend, die Haare raufte? Zur Donau wollte er und dieses Unterfangen war auch im Moment das Einzige, auf das er Lust hatte.<\/p>\n<p>Alles andere kam nachher.<\/p>\n<p>Das Wetter war rau an jenem Februartag, der Wind hatte bereits fr\u00fchmorgens durch die Stra\u00dfen zu fegen begonnen. Der Junge mit der Matrosenm\u00fctze zitterte in seinen zerfetzten Kleidern und ausgetretenen Schuhen.<\/p>\n<p><i>Wenigstens schneit es nicht<\/i>, dachte er und damit hatte er Recht.<\/p>\n<p>Denn die Zeit hing irgendwie in Stille. Niemand bem\u00fchte sich, aus der Asche der Stadt ein neues Feuer zu entfachen. Man sah hierhin \u2013 es war grau; man blickte dort hin\u00fcber \u2013 es war schwarz; und die Menschen befanden sich irgendwo dazwischen, in der akzeptierten Gefahr verweilend, dass sie bald selbst in der Skizze der Stadt zu einfachen Strichen schw\u00e4nden.<\/p>\n<p>Der Junge schien dies alles nicht zu bemerken, als er \u00fcber den Heldenplatz spazierte. Sich umsehend, gewahrte er jedoch &#8211; neben einer Gruppe von Amerikanern am Reiterdenkmal &#8211; vier Fahnen sich Seite an Seite im Winde drehen. Der Junge wusste nicht, was sie bedeuteten, aber sie erschienen ihm wie Fl\u00fcgel, die, erregt flatternd, sich doch nicht forthoben.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich: ein Pfeifen.<\/p>\n<p>Der Junge mit der Matrosenm\u00fctze blickte irritiert um sich; woher mag dieses Pfeifen im stillen Wien denn auf einmal hergekommen sein, wunderte er sich.<\/p>\n<p>Abermals der schrille Ton!<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend ein: \u201e\u2018Ey, boy!\u201c<\/p>\n<p>Durch jene Worte schlie\u00dflich konnte der Junge mit der Matrosenm\u00fctze einen der Amerikaner unter der Reiterstatue als denjenigen ausmachen, der auf sich aufmerksam machen wollte.<\/p>\n<p>Derselbe winkte ihn nun zu sich hin\u00fcber.<\/p>\n<p>Der Junge mit der Matrosenm\u00fctze verstand und folgte. Die Gruppe von Amerikanern lachte, (ob \u00fcber einen Witz oder \u00fcber ihn \u2026), als der Junge sich ihnen n\u00e4herte, gleichzeitig teilte sie sich vor ihm auf, bis er, in ihrem heiteren Halbkreis angekommen, vor demjenigen stand, der ihn gerufen hatte.<\/p>\n<p>\u201eA boy with a hat like that?\u201c, sprach derselbe Amerikaner und bel\u00e4chelte den Jungen von oben herab.<\/p>\n<p>Der Junge erwiderte einen erwartenden Blick.<\/p>\n<p>\u201eThe boy has balls, fellows\u201c, meinte der Amerikaner in die Runde: \u201eI like that.\u201c<\/p>\n<p>Die Gruppe lachte abermals.<\/p>\n<p>Jetzt hockte sich der Amerikaner hin, um auf Augenh\u00f6he mit dem Jungen zu sein.<\/p>\n<p>\u201eLook at that gram face of his\u201c, musterte er ihn: \u201eReal solder, aren\u2019t ya? Haven\u2019t seen boys like you back home. Maybe it\u2019s somethin\u2018 in the air\u201c, sagte er, zu den vier Fahnen hochblickend: \u201eA little Mozart maybe?\u201c, schmunzelte er und begann die Melodie der &gt;Kleinen Nachtmusik&lt; zu summen.<\/p>\n<p>Der Junge mit der Matrosenm\u00fctze jedoch blieb ohne Reaktion, derselbe wartende Blick ruhte auf dem vor ihm hockenden Soldaten.<\/p>\n<p>\u201eMaybe this time\u2019s gone \u2013 maybe another time has come, for other people \u2026\u201c, sagte dieser und kramte in seiner G\u00fcrteltasche. Hervor holte er eine Zigarre, die er dem Jungen mit der Matrosenm\u00fctze herzlich hinreichte. Dabei meinte er weiter: \u201eC\u2019mon take it. It\u2019s your\u2019s.\u201c<\/p>\n<p>Der Junge besah lange Zeit diese Geste, ehe er annahm. Und w\u00e4hrend er die Zigarre nerv\u00f6s zwischen seinen Kinderfingern zu drehen begann, wandelte auf den Gesichtern der Soldaten ein ihm unangenehmes L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Der Amerikaner erhob sich schlie\u00dflich: \u201eIt\u2019s a special one, boy, very precious. A gift\u201c, beschmunzelte er den Kleinen, der auf einmal anfing zu zittern. Die \u00fcbrigen Soldaten gewahrten neidisch das Geschenk. Da klopfte der Gro\u00dfe dem Kleinen auf die linke Schulter: \u201eAnd now run.\u201c<\/p>\n<p>Der Junge mit der Matrosenm\u00fctze hatte keines der fremden, so seltsam klingenden Worte verstanden.<\/p>\n<p>Dennoch lief er nun so schnell er konnte davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Tobias Vees<br \/>\n<a href=\"https:\/\/tobiasvees.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">tobiasvees.wordpress.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 15108<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wien zeigte sich in der damaligen Zeit nur als Skizze. So wie Wien sein sollte, mochte dem einen oder anderen Passanten, der durch die Innenstadt schlenderte, blo\u00df als Idee durch den Kopf geistern. 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