{"id":3182,"date":"2015-09-12T13:20:01","date_gmt":"2015-09-12T13:20:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3182"},"modified":"2015-09-13T15:26:39","modified_gmt":"2015-09-13T15:26:39","slug":"sonntag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3182","title":{"rendered":"Sonntag"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3182&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3182&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Noch zwei Minuten. Dann stehe ich seit zehn Minuten in der Einfahrt meiner Eltern. Also starre ich seit acht Minuten auf das braune, bestimmt vierzig Jahre alte Tor, das mich, meine Person, mein Leben von der seelenlosen Tristesse, die man auch einfach als \u201edie Welt von Herrn und Frau Mitterer\u201c bezeichnen kann, trennt. Obwohl sich mir bei dem Gedanken, dass hinter diesem Tor der kleine betonierte Innenhof liegt und sich anschlie\u00dfend daran das leicht desolate Haus, mein Elternhaus befindet, der Magen umdreht, zieht es mich doch jede Woche wieder hierher. Warum ich die eineinhalbst\u00fcndige Reise jedes Mal auf mich nehme, habe ich nie hinterfragt. Sie sind eben meine Eltern. Man muss doch seine Eltern besuchen. Oder?<\/p>\n<p>Es ist Sonntag. Zum ersten Mal seit langem ein sonniger Sonntag. Gegen mein Auto gelehnt, lasse ich die letzten Sekunden, die mir noch bleiben ohne unp\u00fcnktlich zu sein, verstreichen. Ich blicke auf meine Armbanduhr. F\u00fcnf, vier, drei, zwei, eins und \u201eHerzlichen Gl\u00fcckwunsch, liebe Katharina Mitterer! Sie haben soeben einen Schlag mit dem B\u00fcgeleisen auf den Sch\u00e4del gewonnen!\u201c So sieht&#8217;s aus. Ich bin eben ein echter Gewinner.<\/p>\n<p>Ich drehe mich noch einmal nach links und rechts, nur um festzustellen, dass immer noch niemand auf der erst seit wenigen Jahren asphaltierten Stra\u00dfe zu sehen ist. Noch einmal atme ich tief ein und wieder aus. Und wie jeden Sonntag seit acht Jahren gehe ich m\u00f6glichst lautlos durch das alte Tor, \u00a0bahne mir einen Weg durch den Innenhof, der mit allen m\u00f6glichen Gartenger\u00e4ten und anderen Dingen, die ich nicht identifizieren kann, \u00fcbers\u00e4t ist, in Richtung Eingangst\u00fcr.<\/p>\n<p>\u201eJa gr\u00fc\u00df dich, Kathi!\u201c, ruft jemand hinter mir quer \u00fcber den Hof. Meine Mutter. W\u00e4hrend sie in ihren verdreckten Gummistiefeln auf mich zul\u00e4uft, frage ich mich, wo sie hergekommen ist, denn es gab nur einen Weg in den Innenhof, n\u00e4mlich das Tor, durch das ich gerade gekommen war. Bevor ich irgendetwas sagen kann, umarmt sie mich auch schon. So fest, \u00a0dass mir kurz die Luft wegbleibt.<br \/>\n\u201eHallo, Mama\u201c, presse ich hervor.<br \/>\nNach weiteren sechs Sekunden, die mir allerdings l\u00e4nger vorkommen als die Zeit, die ich vor dem Tor gestanden habe, l\u00e4sst sie mich endlich los. Sie macht einen Schritt zur\u00fcck und sieht mich von oben bis unten an. In ihren Augen sind Tr\u00e4nen. Wie jeden Sonntag, ob sonnig oder nicht, gibt sie mir das Gef\u00fchl, seit Jahren nicht mehr hier gewesen zu sein. Mich \u00fcberkommt das schlechte Gewissen und ich wende mein Gesicht ab. Warum ich ein schlechtes Gewissen haben sollte, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>\u201eJetzt sag einmal, wie geht\u2019s dir denn?\u201c, fragt sie, nach der w\u00f6chentlichen Musterung.<br \/>\n\u201eJa eh, passt &#8230;\u201c, noch bevor ich meinen Satz zu Ende bringen kann, dr\u00e4ngt mich meine Mutter weiter zur T\u00fcr, \u201ekomm, Kathi, geh\u2018 ma schnell rein, der Papa schaut schon.\u201c Durch das Fenster sehe ich den wei\u00dfhaarigen, altgewordenen Mann, in gewohnter buckliger Haltung am Esstisch sitzen. In der einen Hand h\u00e4lt er eine filterlose Zigarette, in der anderen eine Tageszeitung. Sein Blick ist auf mich gerichtet. Meine Glieder werden steif. Am liebsten w\u00fcrde ich mich einfach wieder umdrehen, \u00fcber den Haufen Ger\u00fcmpel hinwegsteigen, durch das Tor marschieren, mich ins Auto setzen und nach Hause fahren. Aber ich bin doch zu Hause. Oder?<\/p>\n<p>Auf dem Weg ins Haus wischt sich die Frau, mit der ich absolut keine \u00c4hnlichkeit habe und die ich doch \u201emeine Mutter\u201c nenne, ihre feuchten Augen mit ihrem \u00c4rmel trocken.<br \/>\nSie schiebt mich durch die T\u00fcr und geht an mir vorbei in die K\u00fcche. Ich bleibe stehen.<br \/>\n\u201eSchau wer heut\u2018 wieder gekommen ist!\u201c, h\u00f6re ich sie freudig sagen. Sie versucht, die Angst vor ihrem eigenen Ehemann zu \u00fcberspielen. Es gelingt ihr ausgesprochen gut.<br \/>\n\u201eHob\u2018s eh g\u2018sehn!\u201c, nuschelt mein Vater \u00e4rgerlich. Ich kann ihn kaum verstehen. Es klingt, als h\u00e4tte er wieder den \u00fcblichen Promillewert.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich mir die Schuhe ausziehe, richtet meine Mutter das Mittagessen an. Mein Herz schl\u00e4gt so laut, dass ich das Geschepper, das sie dabei macht, nur vage und irgendwie verzerrt wahrnehme. In dem Moment, in dem ich das Zimmer betrete, werde ich durch einen ungeheuren L\u00e4rm aus meiner Trance gerissen. Ein Teller ist zu Boden gefallen und in scheinbar tausend St\u00fccke gebrochen. Aufgeschreckt durch den Krach schie\u00dfen zwei Katzen an mir vorbei. Eine dritte \u00a0erwischt, bevor sie es durch die T\u00fcr schafft, zun\u00e4chst meine Beine. Sie schaut f\u00fcr den Bruchteil \u00a0einer Sekunde auf. Ihre gelben Katzenaugen treffen mein Gesicht. In diesem Augenblick habe ich das Gef\u00fchl, als w\u00fcrde sie mir die Schuld an diesem Zusammensto\u00df geben. Das tut sie wahrscheinlich wirklich.<\/p>\n<p>\u201eJajetzglaubisned! Hostjetzanvogl!\u201c, br\u00fcllt mein Vater. Ich habe gro\u00dfe M\u00fche, ihn zu verstehen. Er steht kurz auf, muss sich aber gleich wieder hinsetzen. Anscheinend ist er zu betrunken, um aufrecht zu bleiben. Mir wird etwas leichter.<br \/>\n\u201eIst ja gut. Ich r\u00e4um\u2018s schnell weg\u201c, sagt meine Mutter ruhig, um ihn nicht noch mehr aufzuregen. Ein Grunzen, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob es Worte sind oder tats\u00e4chlich nur eine Art best\u00e4tigender Laut sein soll, ist alles, was er von sich gibt.<br \/>\n\u201eIch helf dir\u201c, nach einer kurzen Pause habe ich die Kontrolle \u00fcber meine Beine wieder und gehe weiter in die K\u00fcche, knie mich auf die altmodischen Fliesen aus den Sechzigern und versuche, die kleinen Teile des ehemaligen Tellers aufzulesen.<br \/>\nMein Vater grunzt nur weiter vor sich hin. Es scheint heute doch noch ein ruhiger Sonntag zu werden.<\/p>\n<p>Wir beseitigen alle Scherben, dann bittet mich meine Mutter mich hinzusetzen, \u201eWir essen jetzt. Dein Vater hat Hunger!\u201c Sie sagt es so, als w\u00fcrde sie mir die Schuld daran geben, dass wir nicht schon l\u00e4ngst gegessen haben. Und wahrscheinlich tut sie das wirklich.<br \/>\nIch setze mich auf den Stuhl neben meinem Vater. Er sieht mich an. Ich sehe ihn an. Im Hintergrund tickt die K\u00fcchenuhr. Kurz habe ich das Gef\u00fchl, er wei\u00df nicht, wer ich bin.<br \/>\n\u201eGuad schauma aus\u201c, er ist einer jener Menschen, die es offensichtlich lieben, den Plural zu missbrauchen. Ich sage nichts. Er spricht weiter. Ich verstehe kein Wort.<\/p>\n<p>Mein Blick schweift durch das kleine, d\u00fcstere Zimmer und bleibt an einem alten Foto h\u00e4ngen. Es zeigt einen jungen Mann und eine junge Frau in einem Innenhof stehend. Sie sehen gl\u00fccklich aus. \u00a0Es sind meine Eltern. Das Foto ist eine L\u00fcge. Meine Eltern waren nie gl\u00fccklich. Mein Vater war ein Schl\u00e4ger. Meine Mutter war schwach. Und es hat sich nichts ge\u00e4ndert.<br \/>\nEin anderes Foto an der Wand zeigt f\u00fcnf Kinder. Mich und meine vier \u00e4lteren Geschwister. Keiner \u00a0von ihnen kommt mehr hierher. Seit Jahren schon nicht mehr. Aber man muss doch seine Eltern besuchen. Oder?<\/p>\n<p>Endlich kommt meine Mutter mit drei voll beladenen Tellern an den Tisch.<br \/>\nOhne ein Wort fangen meine Eltern an zu essen. Stumm stopfen sie Brocken von Fleisch und Gem\u00fcse in sich hinein. Mir wird schlecht.<br \/>\n\u201eWas ist denn das?\u201c, frage ich vorsichtig.<br \/>\n\u201eAw\u00fcd\u201c, w\u00fcrgt mein Vater hervor. Meine Mutter sagt nichts.<br \/>\n\u201eWas?\u201c, ich habe nichts verstanden und schaue erwartungsvoll auf seine Lippen.<br \/>\n\u201eAW\u00dcD!\u201c, br\u00fcllt er, dabei f\u00e4llt ihm eine br\u00e4unliche Masse aus dem Mund. Ich kann meinen Ekel kaum verbergen.<br \/>\n\u201eWild\u201c, mischt sich meine Mutter endlich ein, \u201eDas ist Wild. Ich glaub Reh. Bin nicht sicher,<br \/>\nhaben&#8217;s vom Mayer Karl kriegt, der ist jetzt J\u00e4ger.\u201c<br \/>\n\u201eAha. Na sehr sch\u00f6n. Ist sicher eine tolle Idee, ihm eine Waffe zu geben\u201c, ist alles, was mir dazu einf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Mein Vater hustet. Es klingt widerlich.<br \/>\nMeine Mutter spricht weiter \u00fcber den Mayer Karl. Mein Vater hustet lauter, ich kann sie nicht h\u00f6ren. Es ist mir auch egal. Ich will nicht \u00fcber den Mayer Karl sprechen.<br \/>\nMein Vater l\u00e4sst sein Besteck fallen, klirrend landet es am Boden. Meine Mutter stockt, sieht ihn an.<br \/>\nIch sehe ihn an. Er w\u00fcrgt. Er bekommt keine Luft.<br \/>\nWir starren ihn nur an.<br \/>\nEs ist Sonntag.<br \/>\nZum ersten Mal seit langem ein sonniger Sonntag.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Anna Bartl<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 15107<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch zwei Minuten. Dann stehe ich seit zehn Minuten in der Einfahrt meiner Eltern. 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