{"id":3132,"date":"2015-09-03T18:10:16","date_gmt":"2015-09-03T18:10:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3132"},"modified":"2017-10-06T15:59:15","modified_gmt":"2017-10-06T15:59:15","slug":"vom-mangelnden-gespuer-der-basler-fuer-die-feinheiten-des-wiener-idioms","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3132","title":{"rendered":"Vom mangelnden Gesp\u00fcr der Basler f\u00fcr die Feinheiten des Wiener Idioms"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3132&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3132&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Vor ein paar Tagen hab ich die Marta getroffen auf der Thaliastra\u00dfe. Schr\u00e4g, sie nach so langer Zeit zuf\u00e4llig wiederzusehen und noch schr\u00e4ger, dass wir uns gleich angesprochen haben, denn eigentlich h\u00e4tten wir mit gesenkten K\u00f6pfen aneinander vorbeirasen sollen, ohne uns umzudrehen, bei unserer Vergangenheit.<\/p>\n<p>Aber offenbar verbinden nach einer gewissen Zeit b\u00f6se Erinnerungen genauso wie gute, und wir sind dann gleich ins Weidinger auf einen Kaffee. Als wir dann eh gleich Bier getrunken haben, war auch bald alles von damals verziehen. Das war leicht, weil wir heute sagen k\u00f6nnen, das waren nicht wir, das waren die damaligen Umst\u00e4nde. Diese Umst\u00e4nde waren \u2013 wie soll ich sagen, zukunftsweisend: kein Job, kein Plan, keine Wohnung, wenig Schlaf, daf\u00fcr alles, was einem den Verstand rauben kann. Insofern gutes Training f\u00fcr unser Prekariat heute. Ende der 90er h\u00f6rte ich dann, dass die Marta sich den Tim geangelt hat, einen von diesen \u201e\u00fcberaus erfolgreichen IT-Managern\u201c, wie es damals in den Magazinen immer hie\u00df. Der wusste privat ihre Qualit\u00e4ten als Damen-Catcherin und beruflich die als Hobby-Hackerin zu sch\u00e4tzen, nahm sie gleich mit nach Basel wie eine originelle Troph\u00e4e und lebte da mit ihr in einer Art offenen Beziehung. Zum ersten Mal hatte die Marta eine fixe Adresse und ein sorgenfreies Leben.<\/p>\n<p>Ich frage mich nur, wie sie das all die Jahre ausgehalten hat. Weil, zum Beispiel der Comic-Andi \u2013 der hei\u00dft so, weil er mit vierzehn in eine Buchhandlung eingebrochen ist, um die Prachtausgabe von \u201eZettel\u2019s Traum\u201c vom Arno Schmidt zu klauen, blo\u00df um dann beim intensiven Studium von \u201eWonder Woman\u201c in der Comicabteilung erwischt zu werden \u2013 der Comic-Andi hat das jedenfalls auch nicht ertragen, das Butterseiten-Leben, als er auf einmal der gro\u00dfe Boss vom Fahrradbotendienst war, mit unendlich viel Geld, oder mit dem, was wir auch heute noch daf\u00fcr halten w\u00fcrden, wie ich f\u00fcrchte. Das hat ihn dann, das ist jetzt meine Theorie, psychisch enorm belastet, einfach weil er Erfolg nicht gewohnt war. So belastet, dass er hingegangen ist und die Scheibe vom Juwelier in der Herrengasse eingeschlagen hat\u00a0\u2013 und dann stehen geblieben, bis die Polizei kam.<\/p>\n<p>Also, das mit dem Basler Luxusleben als IT-Promi-Begleitung, dass das jetzt vorbei w\u00e4re, hat mir die Marta im Weidinger erkl\u00e4rt. Sie lebe jetzt wieder in Wien und zwar von der Sozialhilfe. Das hat sie so richtig mit Stolz gesagt und mir ihren neuen Krankenkassen-Kunststoff-Schneidezahn pr\u00e4sentiert. Den h\u00e4tte ihr der Tim auch nicht bezahlen wollen, nachdem er sie rausgeschmissen habe. Aber sie h\u00e4tte ohnehin genug gehabt von diesem Calvinisten-Bobo und der ganzen Spie\u00dfer-Schweiz, dort w\u00fcrde ja die Caritas sogar den Obdachlosen nur Anzug und Schlips aush\u00e4ndigen. Auf meine Frage, wieso sie denn einen neuen Schneidezahn gebraucht h\u00e4tte und wieso sie der Tim denn rausgeschmissen h\u00e4tte, hat sie mir dann ungef\u00e4hr Folgendes erz\u00e4hlt:<\/p>\n<p>Vergangenen Oktober erh\u00e4lt der Tim den Auftrag, das Image seiner Firma wieder mal ordentlich aufzupimpen. Dem f\u00e4llt aber nichts Gescheiteres ein, als ausgerechnet die Marta nach einer Idee zu fragen und die redet ihm eine mehrt\u00e4gige LAN-Party ein. Aus Nostalgie wollte sie die, hat sie mir erkl\u00e4rt. Solche LAN-Partys sind ja jetzt wirklich nicht mehr der hei\u00dfeste Schei\u00df. Seit es diese fetten Internetverbindungen gibt, braucht man ja kein lokales Netzwerk mehr und au\u00dferdem, hunderte Nerds auf Speed, die schweigend vor ihren Monitoren sitzen und sich gegenseitig in digitalen Blutb\u00e4dern hinmetzeln: Party? Echt jetzt? Andererseits, an den B\u00f6rsen geht\u2019s schon lang so zu und richtig out sind die auch nicht. Also, warum nicht wieder mal eine LAN-Party?<\/p>\n<p>Den Iro hochtoupiert und auf Hochglanz gewachst, ausgestattet mit ihrem Laptop \u2013 Uncle Sam (alt aber aufger\u00fcstet) \u2013, Schlafsack, Isomatte, diversen Kabeln etc. wird die Marta vom Tim, der gleich zu einem wichtigen Termin weiterf\u00e4hrt, vor einer aufgelassenen Lidl-Halle in der Basler Vorstadt abgesetzt. Am Eingang zeigt sie wichtig ihre Freikarte, und weil nicht halb so viele gekommen sind wie erwartet, hat sie es echt easy einen perfekten Tisch zu erobern, mit gen\u00fcgend Raum unter der Platte, zum zwischendurch Schlafen. Man sieht: Profi, die Marta.<\/p>\n<p>Alles angesteckt und hochgefahren, merkt sie, dass es keine LAN-Verbindung gibt. Sie sieht sich um und tats\u00e4chlich, die wenigen Anwesenden spielen nur mit sich selbst \u2013 um jetzt nicht das von Marta verwendete Verb zu gebrauchen.<\/p>\n<p>Blutjunge Wichtigtuer, die mit Orgateam-Schildchen verziert herumlaufen, geben nur die \u00fcblichen Antworten. Es tue ihnen leid, blabla, technische Panne, blabla usw.<\/p>\n<p>Als das eine Weile so geht, sp\u00fcrt die Marta, sie kriegt wieder ihre Wut und um das zu vermeiden, geht sie sich ein Bier holen, obwohl sie Tim zuliebe eigentlich nichts mehr trinkt. Andererseits ist genau der mit seiner schlechten Vorbereitung schuld an ihrer aufsteigenden Wut und so ist das dann wieder voll okay.<\/p>\n<p>Dabei stellt sich aber heraus, dass es in dieser elenden Lidl-Halle nicht nur kein LAN, sondern auch kein Bier in Halbliter-Bechern gibt. Nur in Viertelliter- zum Preis von Halbliter-Bechern. Daf\u00fcr Rauchverbot. Ihre aufsteigende Wut schl\u00e4gt um in ergreifende und das bedarf sofortiger Sedierung. Etwa acht Viertelliter-Becher sp\u00e4ter zieht sie durch die Spieltische und sucht Verb\u00fcndete gegen diese \u201eOaschpartie\u201c: \u201eGeh Oida, wos soi des f\u00fcra LAN-Party sein, ohne LAN? Und tschuldige, wos soi des f\u00fcra Bier sein, in an Zahnputzbecha?\u201c und dergleichen wird von der nichtrauchenden Jeunesse dor\u00e9e Basels und Umgebung nat\u00fcrlich nur als bedrohliche Lautwolke begriffen, vor der sie sich instinktiv wegduckt. Marta versucht es mit gesteigerter Ausdruckskraft und wird dabei immer r\u00fcder, aber diese \u201espiels\u00fcchtigen Zombies\u201c, wie sie sich ausdr\u00fcckt, gehen auf ihre durchaus berechtigte Kritik der \u201eOaschveranstaltung\u201c einfach nicht ein.<\/p>\n<p>Aus einigen herablassenden Erkundigungen, ob sie denn nicht des Englischen m\u00e4chtig sei, folgert Marta schlie\u00dflich, dass hier wieder diese verdammte Sprachbarriere vorliegen m\u00fcsse. Sie wei\u00df: un\u00fcberwindbar. Immer wenn sie ein wenig getrunken hat, klebt sie an ihrem Wiener Idiom fest wie an einem Fliegenf\u00e4nger, und das, obwohl sie in ihrem Kopf auschlie\u00dflich reinstes Hochdeutsch denkt, sagt sie. Daraufhin, und weil sie nur noch grummelnden Groll in sich versp\u00fcrt, beschlie\u00dft sie, den Aufruhr aufzugeben und blo\u00df zweckfrei p\u00f6belnd durch die Tischreihen zu ziehen \u2013 l\u2019art pour l\u2019art sozusagen.<\/p>\n<p>Dummerweise wird jetzt das Orga-Team auf Martas Treiben aufmerksam. Dieses Orga-Team ist zust\u00e4ndig f\u00fcr eh alles und besteht aus unbezahlten Informatik-Studenten, denen mit mehr oder weniger leeren Versprechungen ein ebenso unbezahlter Praktikantenjob in Tims Firma in Aussicht gestellt wurde. Ein Vorgehen, das auf Marta zur\u00fcckgeht, welche wei\u00df, dass derlei Vorschl\u00e4ge zur Kostensenkung ihren Kontostand erh\u00f6hen. Dieses zweifelhafte Personal also sendet einen Boten, der sie auffordert \u2013 Marta kann es gar nicht fassen \u2013 sowohl das St\u00e4nkern als auch das Saufen und Rauchen umgehend zu unterlassen. Ein Ultimatum! Sofort beginnt ihr Groll wieder zu grimmen. Sie sieht sich nach Bekannten aus der Firma um, die ihren Rang best\u00e4tigen k\u00f6nnten, nur, eben aufgrund ihres Vorschlags wurde von der Firma selbst niemand zur LAN-Party abgestellt und freiwillig ist offenbar nur sie hier, und sie geh\u00f6rt nicht zur Firma, jedenfalls nicht offiziell. Marta ist daher gezwungen, erneut auf ihre Doppelstrategie der Selbstberuhigung zur\u00fcckzugreifen: Sie beschleicht in einem unbeobachteten Moment die Bar, bestellt vier dieser Zwergenbiere auf einmal und erledigt blitzartig davon zwei noch w\u00e4hrend des Zahlens. Nun, diese beiden kann ihr schon mal keiner mehr nehmen und versetzen sie au\u00dferdem in die Lage, ihre Tischgespr\u00e4che fortzusetzen. Des Ultimatums wegen nimmt sie sich aber diesmal vor, nicht lauthals zu st\u00e4nkern, sondern nur m\u00e4\u00dfig zu mosern.<\/p>\n<p>Leider muss sie dabei irgendetwas falsch gemacht haben, denn noch w\u00e4hrend der allerersten Moserrunde wird sie von gleich vier Orga-Kr\u00e4ften bedr\u00e4ngt: einem M\u00e4dchen und drei, wie sie findet, nicht sehr attraktiven Burschen. Zwei davon packen sie unter den Armen und schleifen sie r\u00fccklings zur T\u00fcr. Der Rest l\u00e4uft <i>im Gleichschritt<\/i>, wie Marta sich wohl einbildet, nebenher. Ihr Protest, gar nicht gest\u00e4nkert, sondern eh nur gemosert zu haben, erzielt dabei keinerlei Wirkung. Das ist es eben wieder, dieses mangelnde Gesp\u00fcr der Basler f\u00fcr die Feinheiten des Wiener Idioms, denkt Marta w\u00e4hrend des geschliffenen Abgangs und beobachtet, wie ihre Doc-Martens immerw\u00e4hrende Streifen \u00fcber den Estrich ziehen. Sie schafft es aber \u2013 in Sorge, sie k\u00f6nnten versch\u00fcttet werden \u2013 die zwei restlichen der teuer bezahlten Biere auszutrinken, von denen sie noch je eines in der Hand hat. Ein junger Typ sieht ihr nach. Es ist ausgerechnet der Laurin, zwar ebenfalls ein gekeilter Student, aber, wie Marta findet, einer der wenigen Hoffnungsschimmer hier. Der sieht ihr jetzt zu, wie sie sich, w\u00e4hrend sie rausgezogen wird, gleichm\u00e4\u00dfig mit Bier \u00fcbersch\u00fcttet, weil leicht ist das nicht, so zu trinken. Peinlich, den hat sie doch gerade noch angebraten, indem sie ihn auf ihre besonders hohe Position hier hinwies, denkt Marta und findet Laurin scharf. Sie wei\u00df, dass das daran liegt, dass sie alle scharf findet, die jung, blond und vor allem schlank sind, und sie ist nicht gerade stolz darauf. Aber sexuelles Begehren ist eben keine Aquarell-Ausstellung, kein Hegelseminar und auch kein T\u00f6pferkurs. W\u00e4hrend Marta so \u00fcber die Attraktion der Gegens\u00e4tze sinniert, wird sie pl\u00f6tzlich auf den rauen Asphalt des Parkplatzes vor der Halle fallengelassen und, wenn ihre Kenntnisse des Baslerischen sie nicht tr\u00fcgen, aufgefordert, das Weite zu suchen. Eher fettleibig, diese Burschen, denkt Marta. Es ist ihnen anzusehen, dass sie vorm Bildschirm aufgewachsen sind. Das ist schon die Generation, die nicht st\u00e4ndig, von Polizeihunden oder Nazis oder Fahrscheinkontrolleuren gejagt, sich im Messerkampf bew\u00e4hren, k\u00fchn \u00fcber Dachfirste balancieren und katzengleich \u00fcber Mauern springen musste. Die holen sich den Kick l\u00e4ngst nur noch vom Bildschirm, und das macht auf die Dauer nat\u00fcrlich unsexy. Sie k\u00f6nnte denen jetzt sagen, dass sie praktisch ihre Chefin ist, aber der blo\u00dfe Gedanke daran macht sie m\u00fcde, und was soll sie schon auf einer schei\u00df LAN-Party? Und der Laurin findet sie jetzt sicher unm\u00f6glich nach diesem Abgang. Sie fordert also nur ihre Sachen und die drei\u00dfig Franken f\u00fcr den Eintritt zur\u00fcck, den sie nicht bezahlt hat. Marta kann erstaunlich vern\u00fcnftig sein, aber nur dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Umgehend verschwinden alle f\u00fcnf und kurz darauf werden tats\u00e4chlich ihre Sachen, exklusive der drei\u00dfig Franken, aus der T\u00fcre geworfen, und zwar so unsanft, dass dabei eine Ecke ihres Uncle Sam abbricht.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re besser nie geschehen, das mit Uncle Sam\u2019s Ecke. Weil das ist ihr Bruder, ihr Freund, ihre Familie und eben ihr \u201eOnkel aus Amerika\u201c. Zwar hat er, wie sich sp\u00e4ter herausstellte, den Knacks locker weggesteckt, aber das konnte da noch niemand wissen. Ich denke, alles Kommende h\u00e4tte vermieden werden k\u00f6nnen, wenn diese halbstarken Basler auf ihren hohlen Machtgestus verzichtet und der Marta den Uncle Sam nicht nachgeschleudert, sondern ihr beipielsweise sorgsam zu F\u00fc\u00dfen gelegt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Marta scheut Wischhandys aus ortungstechnischen Gr\u00fcnden, steht jetzt aber vor dem Problem, nicht zu wissen, wo im Umkreis Basels sie sich befindet. Sie k\u00f6nnte nat\u00fcrlich Uncle Sam fragen, aber sie hat Angst davor. Vielleicht stellt sich dabei heraus, Uncle Sam ist kaputt. Sie sp\u00fcrt wieder ihre Wut aufsteigen, nur hei\u00dfer als vorher und vermischt mit dieser prickelnden Zerst\u00f6rungslust \u2013 und kein Bier da! Sie \u00fcberlegt, schnell ein Taxi zu rufen, bevor sie auf dumme Ideen kommt, aber sie hat alles Geld versoffen und der Trick mit dem Eintritt hat nicht funktioniert. Tim k\u00f6nnte sie holen, aber der l\u00e4sst dann wieder seine l\u00e4ssig-genervte Art raush\u00e4ngen und schon gar nicht will sie ihm erkl\u00e4ren, warum sie schon wieder wegen eines sprachlichen Missverst\u00e4ndnisses wo rausgeworfen wurde. Ihr wird bewusst, wie sehr sie diesen aufgeblasenen Streber-Typen doch hasst. Marta kr\u00e4ht: Fick mir doch, fick mir doch, ein Schweizer Schweizerk\u00e4seloch! Und tritt dabei rhythmisch auf parkende Autos und einen alten Einkaufswagen ein. Ja, so ist das eben mit ihr. Zum Gl\u00fcck kommt in dem Moment ein junger Typ (schlank) aus der hell erleuchteten Halle, je zwei Bier in den H\u00e4nden balancierend, die er nun Marta hinh\u00e4lt: Es ist Laurin und es ist Engelsmusik, als er sch\u00fcchtern fl\u00fcstert: \u201eDas isch f\u00fcr di.\u201c Es folgen, laut Marta, ausdr\u00fcckliches Lob f\u00fcr Martas Betragen und scharfe Kritik am Orga-Team etc. Marta zieht aus dem Gesagten, was auch immer es tats\u00e4chlich war, eh klar, den Schluss, von dem Kleinen umworben zu werden und schl\u00e4gt ihm vor, die drolligen Bierchens zu sich zu nehmen, um anschlie\u00dfend in die B\u00fcsche zu gehen.<\/p>\n<p>Der hingegen meint, er w\u00fcrde ja gerne mit ihr schlafen, aber er f\u00fcrchte, dass das seine Aussichten auf die Praktikantenstelle mindern k\u00f6nnte. Dass er nicht bl\u00f6d sein solle, erwidert die Marta, weil sich alle seine Aussichten erheblich verbesserten, wenn er sie umgehend beschliefe, fl\u00fcstert ihm z\u00e4rtliches Wienerisch ins Ohr und zwickt ihn da und dort ein wenig. Sie denkt immer noch, dass M\u00e4nner auf Zwicken stehen. Daraufhin wirkt der Laurin auf einmal unkonzentriert und fahrig und muss pl\u00f6tzlich wieder hinein. Marta findet das sehr traurig, leert deshalb eines der vier ganz neuen Biere und beschlie\u00dft, ihre Sachen einfach in den alten Einkaufswagen zu stecken und ganz relaxed in die Richtung zu schieben, in der sie die Stadt vermutet. Danach trinkt sie zur Belohnung noch eins, und weil der Tim ein Arschloch ist und der Laurin ein Schlumpf und um m\u00f6glichst wenig von dem teuren Bier zu versch\u00fctten, trinkt sie auch gleich noch das dritte. Als sie eben beim vierten Bier vor der Entscheidung steht, dieses als Proviant zwischen Schlafsack und Isomatte zu verstauen oder einfach zur Sicherheit auch auszutrinken, sieht sie sich schon wieder mit den F\u00fcnfen konfrontiert. Sie solle jetzt \u201ees bitzeli f\u00fcrschi mache\u201c, meinen diese, sie habe hier schon \u201esit Stunde n\u00fct meh verloore!\u201c In Marta kocht die Wut jetzt endg\u00fcltig \u00fcber, gerinnt allerdings in einer eiskalten Woge der B\u00f6sartigkeit sofort zu einem niedertr\u00e4chtigen Plan. Wie Bleigie\u00dfen ist das und selten wie Silvester, sagt sie. Sie trinkt erst ganz cool, steckt den halbleeren Becher nun doch in den Wagen und erwidert zur \u00dcberraschung der F\u00fcnfe mit einer ihnen nicht gerade verst\u00e4ndlich aber dennoch zusammenh\u00e4ngend erscheinenden Rede, des Inhalts, dass sie alle mal so klein werden sollten wie ihre l\u00e4cherlichen Biere, weil erstens h\u00e4tten sie Uncle Sam schwer verletzt und zweitens ohne ihre Wenigkeit w\u00fcrde hier so ziemlich gar nichts stattfinden und sie alle, wie sie hier aufgeganselt herumliefen, sie alle k\u00f6nnten hier auch nicht den Kapo raush\u00e4ngen lassen, wenn Marta Montana nicht w\u00e4re und ihnen ihre unbezahlten LAN-Party-Jobs beschert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Marta Montana \u2013 das ist ihr Kampfname aus ihrer Zeit als Damen-Catcherin; praktisch eine d\u00e9formation professionnelle, wenn die Marta anf\u00e4ngt, von sich als Marta Montana zu reden und immer ein ganz schlechtes Zeichen.<br \/>\nAu\u00dferdem, f\u00e4hrt sie fort, sei es traurig und erb\u00e4rmlich, dass niemand hier gegen diesen l\u00e4ppischen Praktikantenstellen-Schm\u00e4h aufbegehre, sondern alle f\u00fcr ein bisschen Jobhoffnung bereit zu jeder Dem\u00fctigung w\u00e4ren. Wie die Strebernaturen, die damals zu den Nazis \u00fcberliefen und heute. W\u00e4hrend ohne Marta Montana hier logischerweise gar nichts w\u00e4re, tote Hose, leere Halle, heulender Wind, nicht mal Hitler! Und wenn sie jetzt die G\u00fcte h\u00e4tten, den Weg freizugeben, sie sei n\u00e4mlich eben dabei, ein Wolkerl zu machen und h\u00e4tte keine Lust auf Geschw\u00e4tz mit niedrigem Personal!<\/p>\n<p>Aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, vermutlich aufgrund eines sprachlichen Missverst\u00e4ndnisses, umringen die F\u00fcnfe mit erstaunlicher Geschwindigkeit die arme Marta, die so etwas ja noch nie mochte. Auch als ehemalige Damen-Catcherin empfindet sie Umringtwerden als unangenehm und bedrohlich, was sie auch immer gern zugibt \u2013 aber man muss sie halt schon direkt danach fragen, und die F\u00fcnfe haben ziemlich sicher nicht gefragt, ob sie jetzt was dagegen h\u00e4tte, ein wenig umringt zu werden. Man kennt das ja. Einer von ihnen knurrt etwas von \u201ePolizei, handkehrum abchlopfe\u201c und \u201ez\u00e4menschloo die Nazibraut\u201c, wenn sie nicht sofort das Gel\u00e4nde verlasse, dieses Gel\u00e4nde n\u00e4mlich sei Privatgrund! Marta, die kein Wort verstanden hat, entgegnet, dass man sich ihr gegen\u00fcber bittesch\u00f6n ein wenig zuvorkommender zu benehmen h\u00e4tte, denn schlie\u00dflich st\u00fcnden sie alle immer noch bei ihr in Lohn und Brot, theoretisch zumindest! Aber nach der dilettantischen Performance sehe sie punkto Praktikantenstelle eher schwarz und sie k\u00f6nne ihnen auch sagen warum: H\u00e4tte Marta Montana denn bisher irgendetwas getan, wof\u00fcr sich all der Aufwand auch lohne? Sie meine mit Aufwand: Verwarnungen ohne Anlass, unsinnige Verbote und Drohungen, unn\u00f6tige Rausw\u00fcrfe, kindische Indianerspielchen auf dem Parkplatz usw. Aufwand eben, unn\u00fctzer, weil unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiger Aufwand. Man bedenke doch die andere Schale der Waage: eventuell etwas zu laut ge\u00e4u\u00dferte Kritik, aufgehoben schon durch den selbstlosen Bierkonsum zu Wucherpreisen. Das aber \u00e4rgere sie wiederum als potenzielle Arbeitgeberin. Das sei durch und durch un\u00f6konomisch, weil gegen jede Marktgerechtigkeit! Mit so viel Aufwand vielleicht ein wenig \u00fcbel gelaunte, daf\u00fcr gut zahlende G\u00e4ste zu bel\u00e4stigen, sei sogar un\u00f6konomisch, dass einer Sau graust! Und man s\u00e4he ja, was aufgrund einer solchen Misswirtschaft alles geschehen kann: Man hat Uncle Sam ein Eck ausgeschlagen! Und da best\u00e4tige sich wieder mal ihr Hass auf alles Un\u00f6konomische, direkt ungez\u00fcgelt k\u00f6nne sie da werden und da unterscheide sie sich in nichts von Hayeks freiem Spiel der Kr\u00e4fte, Schumpeters sch\u00f6pferischer Zerst\u00f6rungskraft und \u00fcberhaupt der ganzen \u00d6sterreichischen Schule plus Milton Friedman!<\/p>\n<p>Die F\u00fcnfe \u00fcberlegen mittlerweile, ob sie nicht die Basler Nervenheilanstalt anrufen sollten.<\/p>\n<p>Jedoch, Marta Montana sei vieles, aber nicht unbarmherzig und immerhin sei sie ja daf\u00fcr, dass man \u00fcberall und jederzeit \u00d6sterreichische Schule unterrichten k\u00f6nne. K\u00f6nne und solle! Daher zeige sie ihnen jetzt auch gerne nachtr\u00e4glich, wie sie\u2019s alle richtig \u00f6konomisch haben k\u00f6nnten. Und mit dem Ruf \u201eF\u00fcr \u00f6konomische Verh\u00e4ltnisse!\u201c schnappt sie einen der Burschen so, dass es ihn r\u00fccklings quer auf den Einkaufswagen hebelt, gibt dem Wagen mit einem schmetternden \u201e\u00dcberall!\u201c einen Tritt und bef\u00f6rdert ihn derart quer \u00fcber den Parkplatz.<\/p>\n<p>Nur rollt dieser unsportliche Basler Student so kreuzbl\u00f6d zwischen die parkenden Autos, dass er sich dabei mit dem Kopf in einem R\u00fcckspiegel verf\u00e4ngt, der ihm beinah den Hals abrei\u00dft. Zum Gl\u00fcck f\u00e4llt der Einkaufswagen dabei um und gibt ihn frei. Trotzdem bleibt er liegen. \u201eJoki!\u201c, schreien die anderen und st\u00fcrmen zu ihm. Das hei\u00dft, bis auf das M\u00e4dchen, das zu langsam reagiert und sich nun ganz allein einer sehr betrunkenen Bestie gegen\u00fcber sieht.<\/p>\n<p>\u201eJetzt hani aber \u00e4ndg\u00fcltig gnueg!\u201c, schreit das M\u00e4dchen zur\u00fcckweichend, mit ungef\u00e4hr so viel \u00dcberzeugungskraft, mit der man einer leinenlos rasenden Dogge gegen\u00fcber versucht, das Herrchen zu markieren. Das merkt sie auch selbst und darum z\u00fcckt sie ihr Handy: \u201eIch l\u00fct dr Polizei aa!\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber aber!\u201c, schmeichelt Marta dem M\u00e4dchen, sie solle doch bedenken, dass es durchaus h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, sie transportiere auf diese Weise nur ihre Sachen zum Auto, freilich mit dem jetzt leider etwas besch\u00e4digten Teddy dazu, aber den w\u00fcrde sie sich eh nur ausborgen, viel zu dick. Doch wenn bez\u00fcglich des Burschen schon andere Pl\u00e4ne existierten, h\u00e4tte Marta Montana auch nichts gegen einen flotten Dreier. Damit w\u00e4re wohl allen am meisten geholfen &#8230;<\/p>\n<p>\u201eHallo, Polizei?\u201c<\/p>\n<p>Moment, sie suche gerade ihren Autoschl\u00fcssel, noch ein Sek\u00fcndchen, dann habe sie ihn. Sie solle das mit der dummen Polizei doch sein lassen, dann k\u00f6nnten sie alle drei gleich losd\u00fcsen. Dabei l\u00e4sst die Marta ihre Hand sehr sexy in ihrer Hosentasche spielen und fl\u00f6tet z\u00e4rtlich etwas \u00fcber die Notwendigkeit der \u00dcberwindung der sozial konstruierten Geschlechter, wie sie meint: \u201eNet leicht, so augsoffn wos Hoates zum findn inda Hosntoschn!\u201c Und verschw\u00f6rerisch zwinkernd: \u201eOba es geht ah ohne, net woa, Mauserl?\u201c Ja, als Draufgabe wirft sie ihr einen ihrer saftigsten Kussm\u00fcnder zu.<\/p>\n<p>\u201eIch ha ihne mini Date doch scho gsait\u201c, pl\u00e4rrt das M\u00e4dchen ins Handy. \u201eSie mien mir \u00e4ndlig zueloose!\u201c<\/p>\n<p>Sie m\u00f6ge sich und der \u201eSchwiezer Polizei\u201c die M\u00fche doch sparen, gr\u00f6lt die Marta. Andererseits wieder, solle sie die Kapplst\u00e4nder nur holen, sie sei ja direkt gespannt, wie die in der Schweiz so seien, ob die einen auch so super nehmen k\u00f6nnten wie die in Wien.<\/p>\n<p>\u201eAber, so loose si mir doch \u00e4ndlig zue, mir w\u00e4rde do vonere gf\u00f6hrlige Verruggde terrorisiert!\u201c Und mit einem Blick zu Joki und \u00fcberschlagender Stimme: \u201cUnd mir bruuche au dr Notarzt!\u201c<\/p>\n<p>Aber das k\u00f6nne sie sich nicht vorstellen, meint Marta weiter, wenn sie sich so umschaue, nein, unwahrscheinlich. Besonders ihre vier Wappler, die s\u00e4hen ja aus wie wandelnde Sitzs\u00e4cke! Ob die Schweizerinnen ihre M\u00e4nner denn ganz verwahrlosen lie\u00dfen?<\/p>\n<p>Irgendwie scheint die Marta nun doch die Basler-Wiener Sprachbarriere durchbrochen zu haben, denn pl\u00f6tzlich wird sie von dem gr\u00f6\u00dferen der beiden zur\u00fcckkehrenden Burschen am Kragen gepackt. Sie schultert ihn aber mit einem ihrer leichtesten und unsaubersten Wurfgriffe und l\u00e4sst ihn vor sich aufklatschen, wo er bewusstlos liegen bleibt. Der andere weicht unsicher zur\u00fcck. \u201eAlex\u201c, zischt das M\u00e4dchen, \u201edu feigs Arschloch!\u201c Derweil steigt Marta etwas wankend \u00fcber den Geworfenen. \u201eSchod, dass dabei imma de Daumen brechn\u201c, murmelt sie dabei selbstkritisch, steuert auf das schreckensstarre M\u00e4dchen zu, rei\u00dft ihm das T-Shirt vom Kragen bis zum Bund entzwei, nimmt die derart frei gewordenen Br\u00fcste und verpasst beiden je einen kr\u00e4ftigen Schmatz.<\/p>\n<p>\u201eJetzt lohnt sich dea gonze Aufwand, jetzt herrscht hier endlich eine<del cite=\"mailto:zwili\" datetime=\"2015-05-04T18:33\"> <\/del>Marktgerechtigkeit!\u201c, schreit Marta beinahe hochdeutsch in den Himmel. Stille. Fragende T\u00f6ne aus dem Handy. Marta wendet sich dem Alex zu, der aber durch den Anblick der gek\u00fcssten Br\u00fcste in eine Art Trance verfallen ist. Ob er das mit dem freien Spiel der Kr\u00e4fte und der daraus resultierenden Marktgerechtigkeit jetzt auch verstanden h\u00e4tte? Wenn dem so sei und wenn er sich dann mal langsam fertig begeilt h\u00e4tte, dann k\u00f6nnten sie Marta Montana jetzt bittesch\u00f6n und im vollen Einklang mit den Gesetzen der \u00d6konomie \u00d6sterreichischer Schule vom Gel\u00e4nde entfernen. Abwartend bleibt sie stehen.<\/p>\n<p>Der Wind weht \u00fcber den Parkplatz, Joki beginnt leise zu jammern, Alex starrt. Langsam, ganz langsam holt das M\u00e4dchen aus, scheint noch kurz zu \u00fcberlegen, da f\u00e4hrt ein Ruck durch sie und wie ein vorw\u00e4rtsschnellendes Katapult kracht ihre Faust auf Martas Gebiss. Marta taumelt einige Schritte zur\u00fcck und mit dem Blut spuckt sie auch ein St\u00fcck Schneidezahn aus.<\/p>\n<p>Da explodiert ihr Kinn durch einen weiteren Schlag. Das flackernde Blaulicht kann sie aber gerade noch Einsatzfahrzeugen zuordnen. \u201eDas m\u00fcsste reichen\u201c, denkt sie, bevor es endg\u00fcltig schwarz um sie wird.<\/p>\n<p>Wegen der ganzen LAN-Party-Sache wurde der Tim diskret nach Neuseeland versetzt. Um Anwaltskosten zu sparen und des Images wegen, gab die Firma den F\u00fcnfen eine unbezahlte Praktikantenstelle, worauf sie ihre Anzeigen zur\u00fcckzogen. Dem Joki musste allerdings zus\u00e4tzlich eine Privatklinik bezahlt werden. Der Marta gegen\u00fcber hat der Tim erkl\u00e4rt, dass er ihre offene Beziehung als abgeschlossen betrachtet.<\/p>\n<p>Nur dass er ihr den Schneidezahn nicht ersetzen wollte, das \u00e4rgert sie, wie gesagt, noch immer.<del cite=\"mailto:zwili\" datetime=\"2015-05-04T18:51\"> <\/del><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernd Remsing<br \/>\n<a href=\"http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/\" target=\"_blank\">http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 15101<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor ein paar Tagen hab ich die Marta getroffen auf der Thaliastra\u00dfe. Schr\u00e4g, sie nach so langer Zeit zuf\u00e4llig wiederzusehen und noch schr\u00e4ger, dass wir uns gleich angesprochen haben, denn eigentlich h\u00e4tten wir mit gesenkten K\u00f6pfen aneinander vorbeirasen sollen, ohne uns umzudrehen, bei unserer Vergangenheit. 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