{"id":3109,"date":"2015-09-01T15:44:19","date_gmt":"2015-09-01T15:44:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3109"},"modified":"2016-06-29T17:12:24","modified_gmt":"2016-06-29T17:12:24","slug":"kein-knoblauch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3109","title":{"rendered":"Kein Knoblauch"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3109&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3109&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Abendliches Sippentreffen einer italienischen Familie, und ich erstmals dazu eingeladen, als Fremder, welch eine Ehre.<\/p>\n<p>Hoch der Preis daf\u00fcr, dass ich in die Kocht\u00f6pfe von Tante Rosetta blicken darf, hoch wie Zwiebel schneiden, Sellerie und Karotten, und auch den Speck in W\u00fcrfel, nicht zu klein und nicht zu gro\u00df, eine Anweisung von Tante Rosetta jagt die andere. Und geduldig und pr\u00e4zise beantwortet sie all meine Fragen nach der Zubereitung des perfekten <i>rag\u00f9 alla bolognese<\/i>, nur die letzte weist sie mit Entr\u00fcstung und aller Entschiedenheit zur\u00fcck:<\/p>\n<p>\u201eKnoblauch? Niemals!\u201c<\/p>\n<p>Und mit einem hastigen Kreuzschlagen \u00fcber der Brust bringt sie nochmals zum Ausdruck, wie teuflisch mein Ansinnen doch gewesen ist, sodass meine Lippen f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Stunden versiegelt bleiben und ich gehorsam wie ein Messdiener die Sauce zu ihrer Vollendung r\u00fchre.<\/p>\n<p>\u201eHervorragend\u201c, entf\u00e4hrt mir am Tisch mit der ganzen italienischen Sippe, allein als ich mit der Gabel den ersten Stich in die dampfenden <i>tagliatelle alla bolognese<\/i> t\u00e4tige und der Duft mir unwiderstehlich in die Nase steigt.<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich\u201c, erwidert Tante Rosetta mit dem Selbstbewusstsein eines ganzen Stammbaums von Tanten, die dieses Rezept \u00fcber die letzten zweihundert Jahre hinweg bis zur Perfektion getrieben haben. Aber sie kann es nicht lassen, nochmals f\u00e4hrt ihr gestreckter Zeigefinger spitz auf mich zu:<\/p>\n<p>\u201eUnd kein Knoblauch!\u201c<\/p>\n<p>Und jetzt, am stillen Zusammenzucken des Onkels, an seinem weidwunden Blick, und an der angestrengten Teilnahmslosigkeit des Rests der Sippe kann ich sie mir zusammenreimen, die Geschichte mit Tante Rosetta und dem Knoblauch:<\/p>\n<p>N\u00e4mlich dass der Onkel in den fr\u00fchen Ehejahren ein ansehnlicher Mann gewesen ist und sein Beruf als fahrender Gem\u00fcseh\u00e4ndler ihn so mancher Versuchung ausgesetzt hat, so sehr auch Tante Rosetta mit Argusaugen \u00fcber ihn wachte, \u00fcber die Blicke wachte, die ihm das eine oder andere kecke M\u00e4dchen\u00a0 bisweilen zuwarf, und besonders, mit welcher Art von Blicken er diese erwiderte, denn sie kannte ihren Luigi, so teilnahmslos er auch in die Luft gucken mochte.<\/p>\n<p>Und so kam es, dass Rosetta eines Nachts mit dem untr\u00fcglichen Gef\u00fchl aufwachte, dass etwas nicht stimmte. Nicht, dass an diesem Tag etwas Ungew\u00f6hnliches vorgefallen w\u00e4re, wie \u00fcblich war er abends mit seinem Kleinlaster von seiner Tour zur\u00fcckgekehrt, abgearbeitet und m\u00fcde, und wortlos und m\u00fcde hatte er das Nachtmahl in sich hineingeschaufelt, um anschlie\u00dfend todm\u00fcde ins eheliche Bett und in den wohlverdienten Schlaf zu fallen, nicht viel anders als sonst. Und trotzdem konnte die gute Rosetta keine Ruhe finden, gr\u00fcbelte und gr\u00fcbelte an der Seite ihres sanft schnarchenden Ehemanns, zerbrach sich den Kopf \u00fcber die kleinste an diesem Tag vorgefallene Kleinigkeit, die kleinste Abweichung.<\/p>\n<p>Bis ihr mit einem Schlag bewusst wurde, was nicht stimmte: der Geruch, der dem leisen Schnarchen ihres Gatten an ihrer Seite entstr\u00f6mte.<\/p>\n<p>Und so kam es, wie es kommen musste, n\u00e4mlich dass fr\u00fch am n\u00e4chsten Morgen, bei Sonnenaufgang, als der Onkel gerade seinen Kleinlaster mit den Gem\u00fcsekisten belud, wie aus heiterem Himmel seine Rosetta auf einmal vor ihm stand, resolut die F\u00e4uste in die H\u00fcften gestemmt, und ihm einen einzigen Satz entgegenschleuderte:<\/p>\n<p>\u201eDie Entscheidung liegt ganz bei dir, Luigi: entweder die <i>bolognese<\/i> mit oder ohne Knoblauch!\u201c<\/p>\n<p>Und auf der Stelle war dem Onkel klar gewesen, dass seine Rosetta Bescheid wusste, und zwar \u00fcber alles, \u00fcber sein allw\u00f6chentliches Techtelmechtel im Nachbardorf, mit dieser auf blond gef\u00e4rbten Bianca, \u00fcber die Rosetta schon immer ge\u00e4u\u00dfert hatte, dass sie nichts als eine <i>donnaccia<\/i> w\u00e4re, eine vulg\u00e4re Schlampe, so scheckig wie sie lachte, wie ein Pferd, so wie sie ihre \u00fcppigen Br\u00fcste aus der viel zu gro\u00dfz\u00fcgigen Bluse geradezu herausplatzen lie\u00df, unversch\u00e4mt und vulg\u00e4r, und aller Wahrscheinlichkeit nach sogar so vulg\u00e4r, dass sie nicht einmal davor zur\u00fcckschreckte, Knoblauch in die <i>bolognese <\/i>zu sch\u00fctten. Und ebenso glasklar war ihm, dass er nicht beides haben konnte, einmal <i>bolognese<\/i> mit Knoblauch und einmal ohne, sondern dass seine werte Gattin ihn bei falscher Wahl ohne Federlesen aus dem Haus werfen w\u00fcrde, aus ihrem Haus, seine Kleider hinterher in den Staub der Stra\u00dfe, und dass er dann auf der nackten Ladefl\u00e4che seines Kleinlasters schlafen konnte wie ein vernachl\u00e4ssigter Hund.<\/p>\n<p>Und deshalb f\u00e4llt es mir so gar nicht schwer mir auszumalen, wie schnell er den Schwanz eingezogen hat, dass er schleunigst zur\u00fcck in die Gefilde des treuen, hingebungsvollen Ehemanns gerudert ist, dass er dieses Nachbardorf in Zukunft gemieden hat wie die Pest, auch wenn er dort immer gute Gesch\u00e4fte gemacht hatte, neue D\u00f6rfer hat er sich von nun an gesucht. Und dass von nun an die Tante Rosetta ihn in der Hand gehabt hat, \u00fcber all die Jahre hinweg, f\u00fcr ein Leben lang, <i>bolognese <\/i>f\u00fcr <i>bolognese<\/i>.<\/p>\n<p>Die ganze Geschichte vor Augen senke auch ich jetzt gleich dem Rest der Sippe schuldbewusst meinen Kopf vor ihrem stechenden Blick und vertiefe mich ganz in die Pasta. Ja doch, liebe Tante Rosetta, nur zu gut habe ich dich verstanden, f\u00fcrs Leben habe ich etwas gelernt:<\/p>\n<p>Kein Knoblauch, oder besser gesagt, Knoblauch nur dann, wenn ein Gericht ihn wirklich verlangt, und auch dann nur, wenn ansonsten keine Gefahren lauern.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 15100<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abendliches Sippentreffen einer italienischen Familie, und ich erstmals dazu eingeladen, als Fremder, welch eine Ehre. Hoch der Preis daf\u00fcr, dass ich in die Kocht\u00f6pfe von Tante Rosetta blicken darf, hoch wie Zwiebel schneiden, Sellerie und Karotten, und auch den Speck in W\u00fcrfel, nicht zu klein und nicht zu gro\u00df, eine Anweisung von Tante Rosetta jagt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[99],"tags":[97],"class_list":["post-3109","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schoder-harald","tag-lesebissen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3109","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3109"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3109\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4663,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3109\/revisions\/4663"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3109"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3109"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3109"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}