{"id":3075,"date":"2015-08-28T13:36:45","date_gmt":"2015-08-28T13:36:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3075"},"modified":"2024-06-26T07:29:46","modified_gmt":"2024-06-26T07:29:46","slug":"im-wladislaw-saal-der-prager-burg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3075","title":{"rendered":"Im Wladislaw-Saal der Prager Burg"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3075&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3075&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Das ist ein Raum, den ich mit fliegenden Schritten durchtanzen m\u00f6chte, sofern ich das k\u00f6nnte. Weit ist er und mit matt gl\u00e4nzenden, honigfarbenen Holzdielen belegt, die in den vergangenen f\u00fcnf Jahrhunderten Abermillionen F\u00fc\u00dfe \u00fcber sich gehen, schreiten, schlurfen, tanzen und wohl auch st\u00f6ckeln f\u00fchlten. Sogar auf Pferden wurde durch den Saal geritten, kann man im F\u00fchrer nachlesen. Farbloses Licht dringt durch die rechteckigen Fenster an den Langseiten und verbreitet eine ged\u00e4mpfte Stimmung, die ruhig werden und den Augen Zeit l\u00e4sst, umherzuschweifen, sich umzusehen und heimisch zu werden. Sofort ist man hier zu Hause. Kein Prunk l\u00e4sst einen zur\u00fcckschrecken und macht einem Angst. Einladende Gem\u00fctlichkeit, zur\u00fcckhaltender Charme begr\u00fc\u00dfen einen hier.<br \/>\nDas liegt an der Schlichtheit, die R\u00e4umen wie diesem eigen ist. Sie sind so wohlproportioniert, so wundervoll gebaut, dass sie es nicht n\u00f6tig haben, mit unlauteren Mitteln zu prahlen und falsche Tatsachen vorzut\u00e4uschen. Sie sind ehrlich und gradraus und laden ein. Ich nehme die Einladung an und f\u00fchle mich zu Haus. Zumindest k\u00f6nnte es so sein, wenn da nicht die vorgeschriebenen Besichtigungswege w\u00e4ren und die Besuchermassen, die durch den Pauschaltourismus zwar Geld bringen, aber au\u00dfer einem fl\u00fcchtigen Eindruck wohl kaum etwas mitnehmen. Das Schlimmste aber ist, dass sie Leute wie mich st\u00f6ren, die mehr Zeit und mehr Ruhe brauchen, um einen Raum zu erleben.<\/p>\n<p>Die gedrungene H\u00f6he ist es, die in aller Stille wenig Herrschaftliches verbreitet, sondern aufrichtige Schlichtheit. Dabei ist das Gew\u00f6lbe mit gr\u00f6\u00dfter Raffinesse erbaut. Kreuzrippen der ganz besonderen Art und ziemlich einmalig, wie ich vermute. Mutig und kraftvoll erwachsen sie aus den Seitenstreben, l\u00f6sen sich selbstbewusst und schwingen sich ungeachtet des m\u00e4chtigen Daches, das sie zu tragen haben, leichtf\u00fc\u00dfig hinauf in die luftigen H\u00f6hen. Die steinernen B\u00e4nder durchziehen organisch die sanfte W\u00f6lbung des Gew\u00f6lbes. Sie treffen und trennen sich und es herrscht gro\u00dfer Einklang unter ihnen. So bilden sie Bl\u00fctenornamente und sorgen f\u00fcr einen beschwingten Rhythmus, der sich auf die Stimmung des Besuchers \u00fcbertr\u00e4gt. Es wird einem gleich leichter ums Herz und die Architektur verbreitet musikalische Kl\u00e4nge, sodass es unwichtig ist, ob wirklich Musik gespielt wird, wie es hier bestimmt schon oft der Fall war und auch noch ist.<br \/>\nDiesen B\u00e4ndern muss ich mit den Augen folgen. Sie spornen mich an, mich zu wenden, mich zu drehen, um sie nicht aus dem Blick zu verlieren. Beschwingt sind sie und heiter und lebendig. In all den Jahrhunderten ihres Bestehens konnte ihnen niemand den Frohsinn rauben, obgleich so vieles vermeintlich Wichtige geschehen ist. Gibt es daran noch eine Erinnerung?<br \/>\nEs sind Fakten, die man gesagt bekommt und nachlesen kann, die aber schnell wieder verblassen angesichts dieser Architektur. Sie ist wahrhaft gro\u00df und \u00fcberdauert die Zeit und braucht auch keine Erkl\u00e4rung. Sie wirkt von allein und l\u00e4sst einen jeden empfinden, der mit offenem Herzen hereinkommt und mit wachen Augen schaut, ohne Hintergedanken, der kein Blendwerk braucht, sondern Klarheit und das Leben in den Formen sp\u00fcrt, in den Rippen, die einer Wirbels\u00e4ule gleichen und von Nervenbahnen durchzogen sind.<br \/>\nIch kann in ihnen so manches entdecken und auch erfahren, denn R\u00e4ume wie diese hegen einen Zauber wie alles, das mit Bedacht von Menschenhand geschaffen ist. Sich dem hinzugeben, sprengt die Grenzen des Daseins und er\u00f6ffnet den Blick zum Horizont und vielleicht auch dahinter.<\/p>\n<p>Und dann sind da noch die Gesichter, die mich verschmitzt aus einer Gabelung anblicken. Unvermittelt entdecke ich so einen Kopf, der sich zwischen die Rippen legt und nach unten schaut wie aus einer anderen Welt. Bestimmt hat er mich schon lange im Visier und beobachtet jeden meiner Schritte. Ich f\u00fchle mich ertappt und so soll es auch sein. Schlie\u00dflich ist das hier ein besonderer Ort, an dem man nicht arglos umherschweift. Immer wieder entdecke ich nun solche verborgenen Wesen. Doch ist ihr Blick heiter. Sie f\u00fchren nichts B\u00f6ses im Schilde. Sie bleiben an dem Platz, der ihnen vom Baumeister zugedacht wurde, und harren dort aus und haben schon vieles gesehen. Nun ist auch mein Bild in ihr steinernes Auge gedrungen und bleibt dort bis ans Ende der Zeit. Erz\u00e4hlen k\u00f6nnen sie einst von mir und meinem Besuch und meinem Blick unters Dach und dass unsere Augen sich getroffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"kunst\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2563\">kunst amoi schau\u2019n<\/a> | Inventarnummer: 15096<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist ein Raum, den ich mit fliegenden Schritten durchtanzen m\u00f6chte, sofern ich das k\u00f6nnte. Weit ist er und mit matt gl\u00e4nzenden, honigfarbenen Holzdielen belegt, die in den vergangenen f\u00fcnf Jahrhunderten Abermillionen F\u00fc\u00dfe \u00fcber sich gehen, schreiten, schlurfen, tanzen und wohl auch st\u00f6ckeln f\u00fchlten. Sogar auf Pferden wurde durch den Saal geritten, kann man im [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[71],"tags":[84],"class_list":["post-3075","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kellnhofer-claudia","tag-kunst-amoi-schaun"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3075","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3075"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3075\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18333,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3075\/revisions\/18333"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3075"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3075"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3075"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}