{"id":3064,"date":"2015-08-27T05:34:38","date_gmt":"2015-08-27T05:34:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3064"},"modified":"2015-09-21T05:42:58","modified_gmt":"2015-09-21T05:42:58","slug":"heckenrosenrot","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3064","title":{"rendered":"Heckenrosenrot"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3064&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3064&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>R\u00fcckblickend auf die ersten beiden Dekaden meines Erwachsenenlebens stelle ich mit Bitterkeit fest, dass das Liebesgl\u00fcck mich bisher nur tangential gestreift hat. Dies ist mir selbst zuzuschreiben.<br \/>\nDas mag abgekl\u00e4rt und resignativ klingen \u2013 ich bin mit meinen 37 Jahren weder das eine in ausreichendem Ma\u00dfe noch erfreulicherweise das andere. Dennoch bin ich mir meines damaligen schwerwiegenden Fehlers klar bewusst. Noch heute bin ich davon \u00fcberzeugt, es war eine Begegnung mit der <i>Frau f\u00fcrs Leben<\/i>, ein Zusammentreffen mit dem <i>wahren Gl\u00fcck<\/i>.<br \/>\nDamals war ich ein smarter Student, unterwegs in angesagten Kreisen. Ich war unerfahren und unfreiwillig bereit, en passant den Fehler meines Lebens zu machen. In der dummdreisten Gewissheit, dass diese au\u00dfergew\u00f6hnliche Frau nicht mein Niveau h\u00e4tte, habe ich ebendieser nicht ausreichend Beachtung geschenkt.<\/p>\n<p>Jetzt schaut sie mich an, aus der Wirtschaftsbeilage der Presse, direkt und aufmerksam, mit ihren hellen Augen. In der Zeitung und der pixeligen Schwarz-Wei\u00df-Darstellung ist ihr intensives Blau nicht ersichtlich, aber auch nicht relevant f\u00fcr die Leserschaft, der geht es mehr um Zahlen. Betriebswirtschaftliche Firmenkennzahlen: Bilanzsumme, Jahres\u00fcberschuss, Umsatzrendite, Gewinn, Cash Flow. Wenn sie in den Gesellschaftsgazetten Erw\u00e4hnung findet, was oft der Fall ist, dann interessieren sich die Leser mehr f\u00fcr die Pers\u00f6nlichkeit hinter dem bekannten Bio-Label. Denn die Frau, die eines der erfolgreichsten \u00f6sterreichischen Startups des letzten Jahrzehnts gegr\u00fcndet hat, ist eine wahrlich auffallende und aparte.<\/p>\n<p>Die Cr\u00e8me-Tiegel dieser Rosie Reiser aus dem ober\u00f6sterreichischen M\u00fchlviertel stehen auch in unserem Badezimmer. Meine Frau cremt sich abends das Gesicht mit Rosen\u00f6lcreme ein. Biologisch produzierte Grundstoffe, sorgf\u00e4ltig geerntet, ganz bestimmt recyclebar verpackt, Nachhaltigkeitszertifikat inkludiert. Rosenbl\u00e4ttermarmelade oder Rosenessig derselben Marke finden sich in unserer K\u00fcche. Und da w\u00e4ren noch die vielen Gew\u00fcrze und Tees, denen man die Wertsch\u00e4tzung der Produzentin f\u00fcr die Natur und die \u00f6kologische Verantwortung f\u00fcr die Region ansieht. Total Quality Management.<\/p>\n<p>Ich studierte damals an der Universit\u00e4t f\u00fcr Bodenkultur in Wien und hatte stets ein kleines Mikrofon parat, das ich h\u00fcbschen M\u00e4dchen unter die Nase hielt, und vorgab, im Auftrag der \u00d6H eine Umfrage zu machen. Das nahm mir die Hemmschwelle, Frauen anzusprechen. Meist folgte eine kleine Befragung in der Cafeteria oder auf einer Parkbank. Manchmal mehr.<br \/>\nSo hatte ich auch Rosie Reiser kennengelernt. Sie war mir zuerst gar nicht aufgefallen und eine andere, die ich ansprach, war zu sehr in Eile. Da kam sie als N\u00e4chste daher und hatte diesen aufgeweckten Blick, den sie auch nicht versch\u00e4mt senkte, als sie mein Mikrofon als solches erkannte. Sie war auf den ersten Blick nicht mein Typ, aber ich konnte irgendwie nicht anders, ging auf sie zu und fragte sie nach ihrer Work-Life-Balance.<br \/>\n\u201eJa, gut, wenn es dich interessiert, was ich denke, dann frag doch!\u201c, meinte sie unbek\u00fcmmert und lebhaft.<br \/>\nMein Blick lag gebannt auf ihrem Gesicht, das mit Sommersprossen \u00fcbers\u00e4t war. Sie war nicht geschminkt, unauff\u00e4llig mit Jeans und T-Shirt bekleidet. Das ziegelrote lange Haar hatte sie mehr schlecht als recht locker auf ihrem Kopf aufget\u00fcrmt.<br \/>\nSchon der Anfang des Gespr\u00e4chs war desastr\u00f6s: Sie stellte sich mit einem freundlichen \u201eIch bin Rosie\u201c vor. Und mir fiel nichts Besseres ein als den urbanen Wiener Schn\u00f6sel zu geben und \u00fcberheblich zu artikulieren: \u201eUnd ich nenne dich Rosa.\u201c Sie verwehrte sich sogleich recht unmissverst\u00e4ndlich dagegen.<\/p>\n<p>Sie war \u2013 wie soll ich sagen \u2013 urw\u00fcchsig, sowohl in ihrem Aussehen als auch Auftreten. Ich stellte sie mir an meiner Seite und in Gegenwart meiner Freunde in unserem hippen Club vor, im stylishen Abend-Outfit und mit einem Drink in der Hand, und musste schmunzeln. \u201aDie k\u00f6nnte mehr aus sich machen\u2018, war tats\u00e4chlich einer meiner respektlosen Gedanken, w\u00e4hrend ich ihr in der Cafeteria zuh\u00f6rte. Dabei war sie hinrei\u00dfend, wie sie angeregt erz\u00e4hlte, was sie f\u00fcr ihre Zukunft plante.<\/p>\n<p>Meine Vorgangsweise war investigativ: \u201eWie viel Deiner in wachem Zustand verbrachten Zeit in Prozenten entf\u00e4llt auf Studium, wie viel auf Familie, Freunde, Partner und Hobbies?\u201c<br \/>\nSo erfuhr ich viel Wissenswertes meist sehr rasch und in Rosies Fall dar\u00fcber hinaus von ihrer Begeisterung f\u00fcr Heckenrosen.<br \/>\n\u201eSie werden nicht kultiviert und wachsen einfach wild. Es gibt sogar Sorten in hellem Orangerot, so wie es meine Haare sind. Und die ganzen Kr\u00e4uter und Pflanzen, die auch naturbelassen wuchern \u2013 das sind Sch\u00e4tze!\u201c<br \/>\nSie hatte ihre Haarspange gel\u00f6st. Das wallende Ziegelrot auf ihrem Kopf war demnach ein Heckenrosenrot und stand ihr ganz wunderbar zu Gesicht. Letzteres gab sich bedeckt und war nicht leicht zu erforschen, die Sommersprossen forderten mich geradezu heraus.<br \/>\n\u201eRosen\u00f6l wird in der Parf\u00fcm- und Kosmetikindustrie verwendet. Es erh\u00f6ht die Elastizit\u00e4t der Haut. Rosenbl\u00fcten k\u00f6nnen als Tee zubereitet werden. Auch die Fr\u00fcchte der Rosen, die Hagebutten, finden in der K\u00fcche Verwendung. In der Heilkunde dient Rosen\u00f6l zur Krampfl\u00f6sung, es hebt die Stimmung, belebt und hilft bei Kopfschmerzen.\u201c<br \/>\nSie ber\u00fchrte mich kurz am Unterarm, um die Tragweite ihrer n\u00e4chsten Aussage zu verst\u00e4rken, und f\u00fcgte ernst und nachdr\u00fccklich hinzu: \u201eUnd wenn Babys viel weinen und unruhig sind, dann helfen Massagen mit stark verd\u00fcnntem Rosen\u00f6l.\u201c<br \/>\nAls ob das f\u00fcr einen 22-j\u00e4hrigen Studenten von irgendeinem Belang gewesen w\u00e4re! Dennoch fand ich meine Gespr\u00e4chspartnerin in besonderer Weise anziehend.<br \/>\nDoch mein Fokus lag damals auf den richtig coolen, modisch gekleideten Studentinnen in High-Heels und nicht auf sommersprossigen Biotanten. Nur so kann ich mir erkl\u00e4ren, dass ich rasch das Interesse an ihr verlor, als eine Kommilitonin an einem Nebentisch direkt in meinem Blickfeld Platz nahm und mich mit ihrem aufreizenden L\u00e4cheln (oder war es das Dekollet\u00e9?) ablenkte.<br \/>\nSo geschah es, dass diese Rosie sich furchtbar \u00fcber meine dumme Unaufmerksamkeit \u00e4rgerte. Sie nahm das Objekt meiner Ablenkung kurz ins Visier, h\u00f6rte auf zu sprechen und legte energisch ein paar M\u00fcnzen auf den Tisch. Sie erhob sich entschlossen und klang sehr aufgebracht: \u201eSchade, du hast echt den falschen Job. Das war vertane Zeit.\u201c<br \/>\nEhe ich noch etwas entgegnen konnte, war dieses unverf\u00e4lschte Landm\u00e4del mit ihrer heckenrosenroten M\u00e4hne w\u00fctend auf und davon geeilt.<br \/>\nMeinen Kaffee trank ich damals unger\u00fchrt am Nebentisch weiter.<\/p>\n<p>Aber unbewusst fand ich Rosie wohl damals schon bezaubernd, ich sah mich am Campus permanent nach ihr um. Einmal traf ich sie danach in der Bibliothek (nicht ganz zuf\u00e4llig im Bereich Wildpflanzen) wieder und lie\u00df mich an einem Tisch in ihrer N\u00e4he nieder. Als sie mich bemerkte, f\u00fchlte sie sich gest\u00f6rt und entfernte sich mit grimmigem Blick und entr\u00fcstet.<br \/>\nRosie und ihre Sommersprossen lie\u00dfen mich nicht los. Immer war ich seither auf der Suche nach ihnen.<br \/>\nSp\u00e4ter hielt ich Ausschau nach einer Partnerin mit \u00e4hnlich unverf\u00e4lschtem Temperament, erdverbundenem Verhalten oder was ich daf\u00fcr hielt. Das brachte allerdings nichts als Verdruss und sogar eine Scheidung. Immer wenn ich damals an Rosie Reiser dachte, kam ich mir in einem uns\u00e4glichen Ausma\u00df emotional unzul\u00e4nglich vor. Ich habe deshalb danach nie wieder einen Versuch der Kontaktaufnahme unternommen, obwohl es Gelegenheiten gegeben h\u00e4tte. Und noch heute tut mir das leid.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 15094<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>R\u00fcckblickend auf die ersten beiden Dekaden meines Erwachsenenlebens stelle ich mit Bitterkeit fest, dass das Liebesgl\u00fcck mich bisher nur tangential gestreift hat. Dies ist mir selbst zuzuschreiben. 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