{"id":3058,"date":"2015-08-26T17:12:45","date_gmt":"2015-08-26T17:12:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3058"},"modified":"2015-09-07T10:49:28","modified_gmt":"2015-09-07T10:49:28","slug":"bambis-mutter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3058","title":{"rendered":"Bambis Mutter"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3058&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3058&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Gewusst hatte sie es von Anfang an, aber der Wille z\u00e4hlte ja erfahrungsgem\u00e4\u00df mehr als das, was er eigentlich verheimlichen wollte.<br \/>\nSie standen zum ersten Mal im Vorzimmer seiner Wohnung und zum ersten Mal hatte sie keinen Mantel an, keine Tasche um und w\u00e4hrend sie sich ihre Martens aufschn\u00fcrte, teilte sie ihm lieb l\u00e4chelnd mit, dass sie es wirklich \u201earg\u201c finden w\u00fcrde, dass sie jetzt doch tats\u00e4chlich da w\u00e4re.<\/p>\n<p>Sie war eine wundervolle Frau. Intelligent, selbstbewusst, liebenswert, das Herz auf der Zunge und sah ganz nebenbei auch noch fantastisch aus und zwar ganz ohne sich irgendwie k\u00fcnstlich herzurichten.<br \/>\nSie war also gerade dabei, sich ihre Martens aufzuschn\u00fcren und schaute ihn dabei an, um den noch ziemlich unsicheren, angespannten Smalltalk weiterzuf\u00fchren, und sein Blick wurde angestrengt konzentriert.<br \/>\nIhre blauen Augen haschten nach Aufmerksamkeit und hatten Aufmerksamkeit verdient, doch der sich darunter befindende, gut gef\u00fcllte Ausschnitt war wie ein \u00fcberm\u00e4chtiges Magnetfeld, gegen das es standzuhalten galt.<br \/>\nEr bestand diese Aufgabe, und der Stolz dar\u00fcber drang ihm aus allen Poren. Sie bemerkte das, h\u00f6rte mitten im Satz zu reden auf, begann h\u00e4misch zu l\u00e4cheln und sagte in einem Tonfall einer Kandidatin bei einer Nachmittagstalkshow: \u201eWarum schaust du mir nicht in den Ausschnitt? Bist du schwul?\u201c Beide lachten, sie laut, er sch\u00fcchtern und unsicher. W\u00e4hrend sie noch kicherte, meinte sie ganz kumpelhaft und verst\u00e4ndnisvoll: \u201eAlso w\u00e4re ich ein Mann, w\u00fcrde ich da bestimmt hinschauen. Ich k\u00f6nnte mich da sicher nicht zusammenrei\u00dfen. Abgesehen davon br\u00e4uchte ich mir den ja nicht anziehen, wenn ich nicht wollen w\u00fcrde, dass du ihn bemerkst\u201c, und erleichtert mit dem heimlichen Wunsch, cool und l\u00e4ssig zu wirken, bemerkte er beil\u00e4ufig: \u201e\u2026und f\u00fcr mich ist es auch deutlich leichter, s\u00fc\u00df und respektvoll zu sein, wenn ich diese Tatsache so direkt unter Beweis stellen kann, indem ich dir zeige, dass ich es trotz deines perfekt gef\u00fcllten Ausschnittes schaffe, dir weiterhin durchgehend in die Augen zu schauen.\u201c Sie seufzte ein wenig: \u201eGenau, da hast du einigen M\u00e4nnern einiges voraus, deswegen darfst du mich auch in deiner Wohnung empfangen, und jetzt zieh dich aus und leg dich hin, ich will mit dir \u00fcber Emanzipation sprechen.\u201c Beide lachten, sie laut, er gespielt laut und \u00fcberlegte krampfhaft, ob er jetzt tats\u00e4chlich gleich ins Schlafzimmer oder doch ins Wohnzimmer gehen sollte.<br \/>\nW\u00fcrde er sofort ins Schlafzimmer gehen, w\u00fcrde es so aussehen, als h\u00e4tte er das von Anfang an geplant, w\u00fcrde er ins Wohnzimmer gehen, k\u00f6nnte sie denken, dass sie f\u00fcr ihn nicht anziehend genug w\u00e4re.<\/p>\n<p>Er entschied sich daf\u00fcr, dass Angriff bekanntlich doch die beste Verteidigung w\u00e4re, und sagte vorwurfsvoll: \u201eAlso du bringst mich da jetzt schon in eine bl\u00f6de Situation. W\u00fcrde ich jetzt gleich ins Schlafzimmer gehen, w\u00fcrdest du denken, dass ich das von Anfang an geplant\u2026\u201c Sie unterbrach ihn ein bisschen genervt: \u201eNa und? Dann gehen wir gleich ins Schlafzimmer. Es ist ja nicht so, als w\u00e4ren wir uns unsympathisch, oder?\u201c, und obwohl er wusste, dass er sich als Klischeemann eigentlich freuen h\u00e4tte m\u00fcssen, machte sich ein Anflug von \u00dcberforderung und Druck breit, was sie nat\u00fcrlich sofort bemerkte und m\u00fctterlich-liebevoll kommentierte: \u201eAch komm, jetzt tu dir nichts an. Wir sind zwei erwachsene Menschen, die sich anziehend finden, sonst w\u00e4ren wir nicht hier. Gehen wir ins Schlafzimmer und schauen wir doch einfach einmal was passiert. Alles kann, nichts muss.\u201c Und der K\u00f6rperteil, der normalerweise jetzt schon fast ein bisschen schmerzhaft gegen das Hosent\u00fcrchen dr\u00fccken m\u00fcsste, war zusammengeschrumpft auf einen D\u00f6rrpfefferoni.<\/p>\n<p>Sich mental auf ein sexuelles Desaster vorbereitend, betrat er das Schlafzimmer und sie setzte sich auf das Bett, schob die zusammengewutzelte Decke hinter sich, versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass es sie eigentlich st\u00f6rte, dass das Bett nicht gemacht war und klopfte, wie man es in diesen amerikanischen Klischeefernsehserien sieht, mit der flachen Hand neben sich auf die Matratze und schaute ihn auffordernd an. Mit h\u00e4ngenden Schultern lie\u00df er sich neben sie aufs Bett fallen und schaute resignierend auf den Boden vor dem Bett, w\u00e4hrend ihm Filmszenen einfielen, in denen die Protagonisten in einem Schlauchboot ohne Ruder auf einem Fluss auf einen bereits in weiter Ferne sichtbaren Wasserfall zutrieben. \u201eVielleicht ein bisschen Musik?\u201c, sagte die coole, freche Frau vom Vorzimmer pl\u00f6tzlich ziemlich unsicher: \u201eIch h\u00e4tte irgendwie Lust auf etwas Punkiges\u201c, und er spielte mit seinem Smartphone, weil er lustig sein wollte \u201eDie for your government\u201c von Antiflag und schon h\u00f6rte man den S\u00e4nger pl\u00e4rren: \u201eYOU GONNA DIE GONNA DIE GONNA DIE FOR YOUR GOVERNMENT DIE FOR YOUR COUNTRY THAT SHIT\u201c und sie bekam ein fades Aug: \u201eNa da kannst du gleich die Filmmusik von Bambi spielen\u201c, und er lachte: \u201eJa, aber auf punkig bitte.\u201c Sie kicherte fr\u00f6hlich und ein bisschen erleichtert mit: \u201eAm besten das Lied, bei dem Bambis Mutter stirbt, das passt bestimmt am besten zur Situation. Gib ein: \u201aBambis Mutter\u2018 und \u201aPunk\u2018.\u201c<br \/>\nGesagt getan und er lachte laut auf: \u201eDa gibt\u2019s ja tats\u00e4chlich ein Lied von einer Band, die angeblich TAXI hei\u00dft.\u201c Er r\u00e4usperte sich, setzte sich \u00fcbertrieben aufrecht neben sie aufs Bett, fuhr sich in Falcomanier durch die Haare und sagte in theatralischem Tonfall: \u201eAlso junge Frau. Darf ich Sie zu den Kl\u00e4ngen der Band \u201eTAXI\u201c mit ihrem Lied \u201eBambis Mutter\u201c verf\u00fchren und Ihre Begierde nach mir, dem Casanova aller Casanovas, stillen?\u201c Und sie legte ihre Arme um seinen Hals und hauchte ihm ebenso theatralisch \u201eJa\u201c ins Ohr. Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht und sprach \u00fcberhaupt gleich mit Falcostimme: \u201eNa dann dr\u00fcck ich jetzt auf Play, Lady.\u201c Und beide mussten kurz auflachen, w\u00e4hrend ruhige Fingerpickingkl\u00e4nge zu h\u00f6ren waren, die sie genau rechtzeitig daran erinnerten, worum es eigentlich gerade ging, und endlich war sie da, die Stimmung nach der sie die ganze Zeit verzweifelt gesucht hatten. Wie von selbst verschmolzen ihre Lippen und wie gut, richtig und sch\u00f6n sich all dies anf\u00fchlte, doch da war ja noch das Lied und der S\u00e4nger, der nun seine erste Strophe begann:<\/p>\n<p><em>\u201eWei\u00dft du eigentlich was mit Bambis Mutter geschah? Heute liegt sie auf dem Tisch<\/em><br \/>\n<em> Mit Erd\u00e4pfeln und Reis garniert und dazu ganz frisch.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Noch lie\u00dfen sie sich beide nichts anmerken, doch jetzt setzte das Schlagzeug ein, ein dramatischer Chor war im Hintergrund zu h\u00f6ren und der S\u00e4nger jaulte \u00fcbertrieben dramatisch:<\/p>\n<p><em>\u201eWAS GESCHAH EIGENTLICH MIT BAMBIS MUTTER?<\/em><br \/>\n<em> HEUTE IST SIE UNSER FUTTER!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und jetzt war es vorbei, er konnte sich zwar noch kurz halten, dann kam ihm aber trotz allem ein lauter und gleichzeitig dumpfer, weil durch den Kuss abged\u00e4mpfter, Lacher aus. Fast ein bisschen zornig rempelte sie ihn weg und sagte leicht aggressiv: \u201eWei\u00dft du was?\u201c, und zog sich ohne seine Antwort abzuwarten aus, bis sie keinen Faden mehr am Leib hatte und sagte in einem so \u00fcberzeugenden Befehlston, den er sonst nur von seiner Mutter aus seiner Kindheit kannte: \u201eSteh einmal auf!\u201c, dass er ihrer Anordnung, ohne sie zu hinterfragen, sofort Folge leistete, weil er ohnehin nur noch stichwortartig denken konnte: \u201eSch\u00f6ne Frau \u2013 blaue Augen \u2013 Br\u00fcste \u2013 nackt \u2013 anziehend \u2013 in deinen Gedanken musst du nicht auf deine Wortwahl aufpassen \u2013 sie macht mich einfach unendlich geil!!!\u201c Und sie machte ihm den G\u00fcrtel auf, um ihm danach seine Jeans fast ein bisschen grob runterzuziehen, w\u00e4hrend sich der Kollege aus der H\u00fcftgegend sehr \u00fcber die gewonnene Freiheit freute und wie ein handels\u00fcblicher Streber in der Schule freudig und gierig aufzeigte, dass er jetzt drankommen wollte und alles, was vorher so unm\u00f6glich und schwierig schien, geschah nun mit einem so starken Selbstverst\u00e4ndnis, dass intuitiv jeder sch\u00f6nen und richtigen Handlung eine noch sch\u00f6nere und richtigere folgte\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Lukas Lachnit<br \/>\nBambis Mutter &#8211; der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=amU_izs0OXY\" target=\"_blank\">Song<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=910\">unerH\u00d6RT!<\/a> | Inventarnummer: 15093<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewusst hatte sie es von Anfang an, aber der Wille z\u00e4hlte ja erfahrungsgem\u00e4\u00df mehr als das, was er eigentlich verheimlichen wollte. 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